Kommissar mit konfiszierter Karre: Freddy Schenk (Dietmar Bär, l.) vom WDR-„Tatort“ steht auf schicke Schlitten. In der Folge „Müll“ kutschiert er Kollegen Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) in einer Chevrolet Corvette. Kommissar mit konfiszierter Karre: Freddy Schenk (Dietmar Bär, l.) vom WDR-„Tatort“ steht auf schicke Schlitten. In der Folge „Müll“ kutschiert er Kollegen Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) in einer Chevrolet Corvette. - © Foto: picture alliance/dpa/WDR | Michael Böhme -
DAUN, 19.11.2020 - 12:30 Uhr
Auto & Technik

50 Jahre ARD-Tatort: Die Autos der Kommissare

(dpa/tmn). Quietschende Reifen, wilde Verfolgungsjagden und tiefsinnige Gespräche im Innenraum. Autos spielen in der ARD-Krimireihe „Tatort“ eine große Rolle. Und das seit 50 Jahren. Schon die erste Folge „Taxi nach Leipzig“ am 29. November 1970 beginnt mit der Fahrt in einem Mercedes W 108. Der zukünftige Täter überquert damit die innerdeutsche Grenze. West-Kommissar Paul Trimmel fährt später im Ford Taunus 17M P3 „Badewanne“ die Route nach Ostdeutschland ab, wechselt dort in ein Wartburg 353 Taxi.

Der Kommissar ist mit dem Porsche da

Die meisten Film-Kommissare setzen wie echte Ermittler je nach Epoche auf eher unauffällige Flottenfahrzeuge wie etwa Audi A4, Audi 80, BMW 5er, Opel Rekord oder VW Passat. Doch es gibt einige Ausnahmen, Autos, die etwas Besonderes ausdrücken. „Mein Brauner“ - so nennt Klaus Borowski seinen braunen VW Passat 32B Kombi und Horst Schimanski sieht man etwa im Citroën CX. Noch außergewöhnlicher mögen es Mario Kopper mit seinem Fiat 130 und Thorsten Lannert mit seinem Porsche 911 Targa.

Das Auto als charakterbildende Requisite

Die Entscheidung, den ungewöhnlichen Saab 900 für den Dortmunder Kriminalhauptkommissar Peter Faber zu nutzen, wurde von Produktion und Redaktion gemeinsam auf Vorschlag des Szenenbildners getroffen. „Das Auto sollte zur Filmfigur passen wie etwa ein Kleidungsstück, die Auswahl folgt daher künstlerischen Gesichtspunkten“, sagt Frank Tönsmann. „Insofern sollte mit einem ungewöhnlichen Auto Fabers Außenseitermentalität ausgedrückt werden.“ Tönsmann arbeitet als verantwortlicher WDR-Redakteur seit 2012 für den Dortmund-“Tatort“ und zwischen 2009 und 2016 für die Folgen aus Köln.

Er betreut das Drehbuch, den Rohschnitt, die Musik und verantwortet die Produktion bis zur Sendung. Damit ist er auch verantwortlich für die Auswahl der Fahrzeuge. Der WDR als größte Landesrundfunkanstalt im ARD-Verbund dreht pro Jahr etwa sieben „Tatort“-Folgen aus den Städten Köln, Dortmund und Münster. Von der ersten Idee bis zur fertigen Sendung vergehen rund zwei bis drei Jahre.

Autos wechseln wie andere die Krawatten

Beim Köln-“Tatort“ machte der WDR vor etwa 15 Jahren aus der Not eine Tugend: Nach Product-Placement-Vorwürfen bei verschiedenen Filmen und der daraus resultierenden zeitweisen Sperrung von 38 Folgen werden in den Krimiserien nur noch Autos eingesetzt, die mindestens drei Jahre alt und angemietet sind. Wichtig ist auch, dass im einzelnen Film eine Markenvielfalt eingehalten wird. „Bei Freddy Schenk haben wir dazu die Geschichte erfunden, dass er sich bei seinen Dienstwagen aus dem Fuhrpark der Polizei bedient“, sagt Frank Tönsmann. Die Fahrzeuge stellt die Film-Polizei vorher sicher.

Seit 2008 fährt der Kriminalhauptkommissar alte Autos, meist aus den 1970er-Jahren. „Freddy Schenk sucht sich die Autos nach seinen Vorlieben innerhalb seiner Rolle aus, eine darüber hinaus übergeordnete Dramaturgie für die Auswahl gibt es nicht“, erklärt Tönsmann. Zu den Fahrzeugen zählen unter anderem Chevrolet Corvette Stingray, Ford Courier Sedan Delivery, Lincoln Continental Mark IV, Buick Skylark, Cadillac Eldorado und Opel Diplomat V8.

Auch wenn Tönsmann die Einsatzfahrzeuge für weniger wichtig hält, kann er sich einen kompletten Verzicht nicht vorstellen. „Solange Ermittler in der Realität mit Autos zum Einsatzort fahren, wird es die auch in der Tatort-Reihe geben“, sagt er.

Ein Bonviant mag Luxus und Exoten

Auch für Gerald Mann haben die Einsatzfahrzeuge der Serie eine Bedeutung - mehr oder weniger: „Einige Ermittler nutzen ihre Fahrzeuge nur als normale Einsatzfahrzeuge, ohne einen besonderen Bezug dazu aufzubauen“, sagt Mann, der seit 2007 die Seite Tatort-Fans.de betreibt, eine Online-Community und ein überregionaler Fanclub der Krimi-Reihe. „Aber bei Filmfiguren wie Freddy Schenk, Bibi Fellner aus Wien oder Boerne aus Münster wird das Auto zum wichtigen Stilmittel und unterstützt den Filmcharakter.“

Im „Tatort“ aus Münster chauffiert Rechtsmediziner und Bonvivant Karl-Friedrich Boerne Autos wie Maserati Ghibli, Mercedes SLK, Porsche 911 oder Jaguar XK. Aber auch einen Wiesmann MF3 CLS. Das ist ein Roadster einer kleinen Fahrzeugmanufaktur aus Dülmen. „Hier wurde ein lokaler Autohersteller genutzt, eine nette Idee, um einen Lokalbezug nach Münster herzustellen“, sagt Mann.

Intimes im Innenraum

Rolf Parr hält „Tatort“-Autos ebenfalls für interessant. „Sie sind dramaturgisch wichtig, weil sie Insassen auf engstem Raum Platz für dienstliche und private Gespräche bieten, zum Teil für sehr intime. Und keiner kann weglaufen“, sagt der Professor für Literatur- und Medienwissenschaft an der Universität Duisburg-Essen. Seit mehreren Jahren kommen nur noch Autos zum Einsatz, die es schon zu kaufen gibt, dazu noch von unterschiedlichen Marken. „Mit der Markenvielfalt von bekannten Modellen soll eine Produktplatzierung verhindert werden. Nur beim Münchner Tatort muss es BMW sein, weil alles andere unglaubwürdig wäre“, so Professor Parr.

Autos in Filmen dienen dazu, die Filmrolle zu stützen. „Autos und Filmcharakter stabilisieren sich gegenseitig“, sagt Professor Parr. „Exzentrische Figuren benötigen exzentrische Autos, wie der NSU RO 80 von LKA-Ermittler Felix Murot oder der alte VW Passat von Borowski. Diese Fahrzeuge verdichten die Charakterzüge der Figuren.“ Die fast schon symbiotische Beziehung zwischen Mensch und Auto bei Borowski und seinem Passat wird erst durch einen Gnadenschuss in Wild-West-Manier auf das schrottreife Auto beendet.

Freddy Schenk im Kleinwagen - das geht doch nicht, oder?

„Das Fahrzeug muss zur Figur passen, wie die großen US-Straßenkreuzer zum massiven Freddy Schenk aus Köln. Autofülle und Körperfülle passen hier gut zusammen“, erklärt Professor Parr. In einem Kleinwagen kann man sich den Ermittler kaum vorstellen, und wenn, wie in einer Folge passiert, dann nur als Karikatur. Dagegen fährt sein zurückhaltender, biederer Partner Max Ballauf einen VW Passat Kombi in Dunkelblau.

Stefan Scherer untersuchte vor einigen Jahren im Zuge eines Forschungsprojektes mehr als 500 „Tatort“-Folgen aus den Jahren 1970 bis 2014. „Automodelle werden in der Regel der Logik von Ermittler-Figuren zugeschrieben. Das passierte aber früher stärker und häufiger als heute“, sagt der Professor für Neuere deutsche Literatur- und Medienkulturwissenschaft am Institut für Germanistik des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT).

Die meisten Ermittler werden aktuell mit Mittelklasse-Modellen von Audi, BMW, Mercedes oder VW ausgestattet, die auch im realen Polizei-Alltag vorkommen. Eine Ausnahme bildet Professor Boerne: „Als Gerichtsmediziner kann er sich solche Fahrzeuge leisten, die bei einem normalen Kommissar unglaubwürdig wären“, sagt Professor Scherer. „Die meisten Filmfiguren funktionieren ohne extravagante oder besonders charakterisierende Autos.“

So ging Koppers Fiat bei dessen finalem Fall zu Bruch und selbst bei Freddy Schenk in Köln wird das Oldie-Fahren nur noch beiläufig zitiert. Auch Bibi Fellners Pontiac Firebird, den sie von Inkasso-Heinzi ausleiht, wird seltener genutzt - bisher ein ideales Fahrzeug für wilde Verfolgungsjagden und tiefsinnige Gespräche.

Von Fabian Hoberg, dpa


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