Aufgeblasenes Auto? Manchem zeitgenössischem Beobachter erschien das Design des W 140 zu grobschlächtig und als zu groß geraten. Aufgeblasenes Auto? Manchem zeitgenössischem Beobachter erschien das Design des W 140 zu grobschlächtig und als zu groß geraten. - © Foto: picture alliance/dpa/Daimler AG | Daimler AG -
DAUN, 14.01.2021 - 12:14 Uhr
Auto & Technik

Der Dicke vom Daimler: 30 Jahre Mercedes S-Klasse W 140

(dpa/tmn) - Sie war das falsche Auto zur falschen Zeit. Denn als Mercedes im Frühjahr 1991 das Tuch von der neuen S-Klasse der Generation W 140 zog, waren Glanz und Gloria irgendwie von gestern. Den Deutschen wurde langsam klar, dass die frisch erlangte Einheit ein teures Vergnügen werden könnte, die Sorgen ums Klima wurden immer konkreter, und mit dem zweiten Golfkrieg wuchs die Angst um die Endlichkeit des Öls. Ein protziger Panzer für Promis und Politiker wollte da nicht so recht ins Bild passen.

Während im Ausland laut geklatscht wurde über den Mercedes und sich das Dickschiff einen Marktanteil von 50 Prozent und mehr sicherte, hagelte es vor allem in der Heimat reichlich Kritik. Das Fan-Portal mb-w140.de berichtet sogar von enttäuschten Erstkunden. Die wurden nach der vermeintlichen Fehlinvestition von Beträgen zwischen 88..000 und 200.000 D-Mark reumütig bei BMW für einen Siebener vorstellig.

Als dann noch herauskam, dass die bis zu 5,21 Meter lange Limousine mit ihren 1,89 Metern zu breit war für den Autozug nach Sylt, kam auch noch jede Menge Spott dazu.

Die Medienschelte kratzte am Image

Zwar waren die technischen Qualitäten nach bald zehn Jahren und drei Milliarden D-Mark für das laut dem damaligen Cheftechniker Wolfgang Peter „größte Pkw-Projekt, das Mercedes-Benz je unternommen hat“, unbenommen. Die Zeitschrift „Auto, Motor und Sport“ schrieb vom „besten Auto der Welt“. Doch geißelte die „taz“ die Limousine als „Ausgeburt von Ingenieurswahn und Klimakiller-Instinkt“. „Der Spiegel“ überschrieb seine Neuvorstellung mit Blick auf sechs Zentner Gewichtszunahme und 2,2 Tonnen Waagenstand mit „schon sauschwer“.

Viele fühlen sich beim W 140 an den Bundeskanzler jener Zeit erinnert. Nicht nur, weil natürlich auch Helmut Kohl im Flaggschiff der Schwaben chauffiert wurde. Sondern auch, weil die S-Klasse genau wie der Politiker damals vielfach als bodenständig und behäbig, als aus der Zeit gefallen und als „der Dicke“ geschmäht wurde.

Peilstäbe für bessere Übersicht

Doch wie der Kanzler der Einheit, der das Land 16 Jahre lang führte, hatte auch der W 140 einen langen Atem. Gebaut wurde er zwar nur bis 1998, als auch Kohl sein Amt abgab, aber vor allem im Osten existieren viele der rund 400.000 Exemplare bis heute.

So laut die Kritik an der S-Klasse auch gewesen sein mag - spätestens am Steuer ist der Ärger vergessen. Damals halfen gegen die Überbreite die einklappbaren Außenspiegel und die Peilstäbe, die pneumatisch binnen zwei Sekunden nach Einlegen des Rückwärtsgangs aus den hintern Kotflügeln ausgefahren wurden. Und heute wirkt der W 140 verglichen mit so manchem SUV fast schon zierlich.

Sobald sich die schweren Türen auf Wunsch automatisch zuziehen, ist man ohnehin unterwegs in seiner eigenen Welt - ein Eindruck, der vom Design noch gestützt wird. Denn wo Mercedes heute auf fließende Linien setzt, wirkt die S-Klasse der 1990er mehr denn je wie eine Kapsel mit angesetztem Bug und Kofferraum.

In dieser Kapsel verschwindet die Umwelt hinter einer dicken Lage Luxus, der sich auf mehr stützt als Lack und Leder. Denn zum ersten Mal gab es in der S-Klasse eine Doppelverglasung, die eine enorme Ruhe beim Reisen garantiert - von all den elektrischen Helfern ganz zu schweigen, die das Leben im automobilen Oberhaus leichter machen.

Zentralverriegelung und elektrische Fensterheber waren erstmals Standard. Und warum selbst Hand anlegen, wenn auch auf Knopfdruck Gardinen und ein Rollo vor der Heckscheibe für Privatsphäre sorgen und verstellbare sowie beheizte Einzelsitze in der zweiten Reihe den Komfort maximieren sollen? Kein Wunder, dass bis zu 60 Elektromotoren im großen Mercedes verbaut wurden.

Von 150 PS bis zum V12 mit mehr als 400 PS

Zum Start gab es laut Mercedes Classic-Sprecher Ralph Wagenknecht zunächst vier Motoren, von denen nur der 5,0-Liter-V8-Vierventiler (M 119) mit 240 kW/326 PS ein damals alter Bekannter war. Neu hinzu kamen ein 4,2-Liter-Vierventil-V8 (210 kW/286 PS), ein Sechszylinder-Reihenmotor mit 3,2 Litern Hubraum (170 kW/231 PS) und für wenig bescheidene 65 000 D-Mark Aufpreis ein V12 mit sechs Litern Hubraum. Das war nicht nur der erste serienmäßig produzierte Pkw-Zwölfzylinder von Mercedes, sondern mit einer Nennleistung von 300 kW/408 PS ging er zugleich als bis dato leistungsstärkster Mercedes-Benz-Pkw-Motor in die Geschichte ein.

Allerdings reagierte Mercedes frühzeitig auf Klimasorgen und Öl-Ängste und bot ab 1992 auch einen Turbodiesel mit gerade mal 110 kW/150 PS an. Außerdem folgte ein 2,8-Liter-Sechszylinder-Benziner mit 142 kW/193 PS zur Preiskorrektur.

Zwar waren Größe und Gewicht der S-Klasse fast schon zum Politikum geworden. „Aber um der Wahrheit Ehre zu geben: Beim Fahren ist davon weniger als erwartet zu spüren“, lobte „Auto, Motor und Sport“ den Luxusliner im Test. „Es überrascht vielmehr, wie leicht und mühelos sich dieses mächtige Automobil selbst auf engen und kurvenreichen Landstraßen bewegen lässt.“ Und schnell ist es dabei obendrein: Zwar schafft der Diesel nur 185 km/h, doch mit den Benzinern sind 215 bis

250 km/h drin.

Luxusliner zum Low-Budget-Tarif

Kein Wunder, dass man auch heute noch lässig mit dem Luxusliner im Verkehr mitschwimmt und sich auf der Höhe der Zeit fühlt. 30 Jahre nach der Premiere steht der W 140 formal zwar an der Schwelle zum Oldtimer. Doch real ist Daimlers dickes Ding bei den Sammlern noch nicht so recht angekommen, sagt Frank Wilke vom Marktbeobachter Classic Analytics. Erstens, weil Limousinen lange nicht so sexy seien wie Coupés oder Cabrios. Und zweitens, weil der W 140 bereits über so viel damals moderne Elektronik verfügte, dass er Bastler abschreckt.

Nicht umsonst war zum Beispiel die Motor- und Antriebssteuerung erstmals über einen gemeinsamen Datenkanal vernetzt. Und dass viele der rund 100.000 in Deutschland verkauften S-Klassen nach dem Zerfall des Ostblocks als Gebrauchte exportiert worden sind, macht die Sache nicht eben leichter.

Kein Wunder, dass im Register des Kraftfahrtbundesamtes in Flensburg zum Jahresbeginn 2020 nur noch knapp 5000 zugelassene S-Klassen (W 140) vermerkt waren. Umso bemerkenswerter, dass diese S-Klasse als Gebrauchtwagen ein Schnäppchen ist und laut Wilke mit sechs oder acht Zylindern im Zustand 2 für deutlich unter 15.000 Euro gehandelt wird.

Von Thomas Geiger, dpa


Diesen Artikel:
  • print Drucken
  • Bookmark Bookmarken

QR-Code mit dem Handy Scannen und diese(n) Seite / Artikel online Lesen:

 

Google QR Code Generator

QR Code for https://vivanty.de/auto-technik/der-dicke-vom-daimler-30-jahre-mercedes-s-klasse-w-140
Oops... Sie benutzen eine zu alte Browserversion. Um die Seite Korrekt darzustellen benutzen sie bitte mindestens den Internet Explorer 8.
navigateup

Für die Ansicht der mobilen INFOSAT Webseite drehen Sie bitte ihr Handy.