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DAUN, 11.09.2018 - 16:32 Uhr
Auto & Technik

Für wen sich Ganzjahresreifen lohnen

(dpa/tmn) - Der jährliche Reifenwechsel entfällt, auch die Einlagerung. Man spart sich den zweiten Satz Reifen und zusätzliche Felgen: Der Ganzjahresreifen senkt Kosten und Arbeitsaufwand, argumentieren viele Autofahrer, die sich für Allwetterpneus entscheiden. Aber geht die Rechnung auf? Stellen sie wirklich auch unter Sicherheitsaspekten eine vertretbare Alternative zu dem Wechselspiel von Sommer- und Winterreifen dar? Die Antwort: Es kommt darauf an. „Ganzjahresreifen können eine Alternative sein“, sagt Michael Staude, Reifenexperte beim Tüv Süd.

Grundsätzlich scheinen immer mehr Halter von der bequemeren Alternative überzeugt zu sein. Im vergangenen Jahr stieg der Anteil von Ganzjahresreifen um rund zwei Prozentpunkte auf gut 16 Prozent, wie die Statistik des Bundesverband Reifenhandel und Vulkaniseur-Handwerk (BRV) in Bonn erklärt. Die Entwicklung ging zu Lasten von Sommerreifen. Neben „Convenience-Gründen“ - die beiden wegfallenden Umrüsttermine - sei die Entwicklung auch dadurch bedingt, dass es seit mehreren Jahren in großen Teilen Deutschlands „keinen echten Winter“ und entsprechende Straßenverha?ltnisse mehr gegeben habe, sagt BRV-Geschäftsführer Hans-Ju?rgen Drechsler.

Und auch Tests sprechen nicht grundsätzlich gegen die Allrounder: Viele Ganzjahresmodelle bewältigten mittlerweile den Spagat der kurzen Bremswege sowohl auf Eis und Schnee als auch auf trockener, warmer Fahrbahn, hält der ADAC anlässlich eines Reifentests fest. Doch der Club macht Einschränkungen: Obwohl manche Ganzjahresreifen beim Bremsweg entweder an die Messwerte der Sommer- beziehungsweise Winterreifen sogar heranreichten, seien die Spezialisten für ihren Einsatzzweck noch immer die besseren Reifen, die Allwetterlösung sei nach wie vor ein Kompromiss.

Die Anforderungen sind ja auch hoch: Sie müssen bei Minusgraden Grip gewährleisten, was eigentlich eine weichere Gummimischung erfordert, anders als bei hohen Temperaturen. „Ganzjahresreifen müssen aber auch dann funktionieren“, sagt Marcel Mühlich vom Auto Club Europa (ACE). Für sie würden hochsommerliche Bedingungen während einer Urlaubsreise zum „ultimativen Stresstest“, während sie im Winter oft eine ähnliche Performance wie die ausgewiesenen Winterreifen zeigten.

Doch im Sommer genutzt, werden in Tests von Automobilclubs und Fachzeitschriften stets längere Bremswege ermittelt. Unter gleichen Voraussetzungen kommen Sommerreifen auf trockener Straße 5,4 Meter vorher zum Stehen, so ein Durchschnittswert, den der BRV nennt.

Doch nicht jeder Autofahrer setzt die rollenden Gummis unter seinem Auto einem ultimativen Stresstest aus. Und nicht jeder nutzt die besseren Performance-Eigenschaften der Spezialisten aus - weswegen Ganzjahresreifen je nach Einsatzzweck und Beanspruchung auch ganz unbedenklich gefahren werden können. „Viele Autos sind überwiegend in der Stadt unterwegs, und da kommt ein guter Ganzjahresreifen mit normalem Winterwetter problemlos zurecht“, sagt Staude. Dies gelte besonders für Zweitwagen, auf deren Einsatz man bei ungewöhnlich winterlichen Straßenverhältnissen sowieso oft verzichte.

Beim BRV heißt es: Ganzjahresreifen könnten eher fu?r Klein- und Kompaktwagen mit relativ geringer Motorisierung und niedrigen Kilometerlaufleistungen empfohlen werden. Ähnlich äußert sich der ADAC: Die Allrounder seien nur für Fahrer empfehlenswert, die keinen Ski- oder Sommerurlaub im Süden planten. „Die jeweiligen Spezialisten - reinrassige Sommer- beziehungsweise Winterreifen - sind immer die bessere Wahl bei extremen Wetterbedingungen“, sagt ADAC-Sprecher Johannes Boos.

Bleibt die Kostenrechnung: „Ein gewichtiges Argument für den Umstieg auf Ganzjahresreifen sind die niedrigeren Investitionen“, sagt Staude. So entfalle nicht nur ein zweiter Satz Felgen. Sind am Auto direkt messende Sensoren zur Reifendruckkontrolle vorgesehen, braucht es auch hier einen zweiten Satz. Dafür könne schon mal um die 200 Euro fällig werden. Auch die zwei Mal jährlich anfallenden Montagekosten mit je 20 bis 40 Euro spart sich der Fahrer von Ganzjahresreifen sowie eventuell Einlagerungskosten von rund 50 Euro pro Saison oder das Auswuchten.

Diese Rechnung muss aus Sicht des Reifenverbandes korrigiert werden: Drechsler bezweifelt zwar das Sparpotenzial nicht grundsätzlich. Doch zur „objektiven Kostenbetrachtung“ müsse man auch wissen: Die Anschaffungskosten lägen durchschnittlich auf dem Preisniveau von Winterreifen, und die Laufleistung eines Satzes deutlich unter dem kombinierten Einsatz von Sommerreifen und Winterreifen. „Nach unseren Erfahrungen und bis dato von den Reifenherstellern unwidersprochen bei bis zu 30 Prozent“, sagt Drechsler. Je nach Laufleistung des Fahrzeugs würden die Mehrkosten deutlich relativiert, teils sogar kompensiert.

Auch der Einsatzzeitpunkt der All-Season-Pneus kann eine Rolle spielen: Laut ACE sollten sie bei durchschnittlicher Fahrleistung grundsätzlich zwei Winter und zwei Sommer durchhalten. Von der Gummimischung, den zahlreichen Lamellen und der großen Profiltiefe her sind sie allerdings mehr Winter- als Sommerreifen und lassen bei hohen Temperaturen auf trockener Fahrbahn besonders viel Profil.

„So ist es vielleicht klüger, den neuen Ganzjahresreifen im Herbst zu montieren“, sagt Mühlich. „Dann ist zumindest im ersten Winter noch eine gute Leistung zu erwarten - gerade wenn es doch einmal ordentlich schneien sollte.“ Der zweite Winter aber werde durch den dazwischenliegenden Sommer schon mit deutlich vorbelastetem Profil in Angriff genommen.

Eine weitere, womöglich sicherheitsrelevante Einschränkung fügt Drechsler vom DRV an: Wer saisonbedingt nicht mehr umrüsten müsse, dem entgingen auch die mit durchgefu?hrten U?berpru?fungen der Reifen durch Fachpersonal. Er empfiehlt: „Auch Ganzjahresreifen sollten einmal im Jahr in einem Fachbetrieb inspiziert werden.“


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