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DAUN, 23.07.2019 - 10:25 Uhr
Auto & Technik

„Minnie Finnie“ und der American Dream: Roadtrip mit Heckflosse

(dpa/tmn) - Wer an einen Mercedes aus den 1960ern denkt, dem kommen erst einmal andere Autos in den Sinn. Der W 108 als Vorgänger der S-Klasse, der legendäre 190 SL oder der repräsentative 600er lassen die Herzen der Sammler höherschlagen. Doch schon damals hat Mercedes nicht nur auf Klasse, sondern auch auf Masse gesetzt - zum Beispiel mit dem W 110.

Er ist einer der Urväter der E-Klasse und gab seinen Einstand vor fast 60 Jahren, sagt Pressesprecher Ralph Wagenknecht von Mercedes-Benz Classic: „Als Nachfolger des sogenannten Ponton wollte das Unternehmen von August 1961 an mit dem W 110 neueste Sicherheitstechnologien auch in der oberen Mittelklasse verfügbar machen und zugleich durch das konsequent praktizierte Baukastenprinzip Fertigungskosten senken.“

Dabei zielte die Baureihe auf Wettbewerber, die für Mercedes aus heutiger Sicht eher ungewöhnlich sind. Denn konkurrieren musste der anfangs 9950 D-Mark teure W 110 vor allem mit dem Opel Rekord und dem Ford 17M. Als erstes Auto mit einer wirksamen Knautschzone auf dem neuesten Stand der Technik, haben sich die Schwaben beim Design vor allem an den amerikanischen Straßenkreuzern jener Zeit orientiert. Zwar ist der W 110 ein bisschen nüchterner als Cadillac & Co. Doch erlaubt sich die Limousine zumindest zwei kleine Heckflossen, die ihr auch in den USA den Spitznamen „Fintail Mercedes“ - Heckflosse - einbrachte.

Offiziell allerdings hat bei Mercedes den Begriff Heckflosse damals noch keiner in den Mund genommen, sagt Wagenknecht: „Sondern bei den markanten Heckflossen am Ende der hinteren Kotflügel wurde von Peilstegen gesprochen.“

Während der 110er bei uns vor allem als Taxi berühmt wurde, bevor ihn der Strich-Acht vom Thron gestürzt hat, war er in den USA immer ein beliebtes Langstreckenauto. Das war vielleicht nicht ganz so groß und glamourös wie ein Cadillac, genoss dafür aber mehr Ansehen und wurde teurer gehandelt, sagt Michael Kunz aus dem Mercedes-Benz Classic Center in Irvine in Kalifornien.

Er lenkt den Blick auf ein dunkelgrünes Exemplar der Baureihe und rollt den rüstigen Autorentner aus der Halle. Der hat es mit mehrfach überrundetem Zähler und einem aktuellen Stand von gut 50.000 Meilen auf dem Tacho aus den Händen der Vorbesitzer-Familie in die Mercedes-Sammlung geschafft. Die Familie hat die kleine Flosse 1966 gekauft und ihr den Spitznamen „Minnie Finnie“ gegeben. Mit ihr geht es nun auf einen US-Roadtrip.

Dabei merkt man schnell, dass es die gleichen Vorzüge waren, die deutsche Taxifahrer und amerikanische Mittelständler für den Mercedes eingenommen gaben: Platzverhältnisse, wie sie heute nicht einmal eine lange S-Klasse bietet. Ein Fahrverhalten, das entspannter kaum sein könnte - und zwar ganz ohne Komfort wie Sitzmassage oder ein Heer elektrischer Helfer. Selbst ohne Klimaanlage konnte man die Fahrt damals noch genießen.

Zwar hat sich der 110er am Markt bestens behauptet und wurde immerhin mehr als 600.000 Mal verkauft. Doch nicht einmal zehn Jahre nach der Premiere ist die Karriere im Frühjahr 1968 schon wieder vorbei und die kleine Heckflosse muss dem Strich-Acht weichen.

Doch ihren Reiz hat „Minnie Finnie“ auch ein halbes Jahrhundert nach dem Ende der Produktion nicht verloren - erst recht nicht, auf einer großen Reise in dem Land, wo sie ihre meisten Privatkunden gefunden hat. Denn im Alltag auf der deutschen Autobahn mag man sich mit einem 110er heute ein wenig unwohl fühlen - selbst wenn man statt der Wanderdünen mit ihren 40 kW/55 PS aus den Taxi-Modellen 190 D und 200 D einen 230 mit seinem Reihensechszylinder-Benziner erwischt hat.

Doch in Amerika, wo die Straßen breiter sind und die Verkehrsteilnehmer entspannter sind, schwimmt der Oldtimer auch heute noch locker im Verkehr mit. Schließlich leistet der 2,3 Liter große Motor 88 kW/120 PS und geht mit knapp 180 Nm zu Werke.

Das reicht im Grunde locker selbst für die großen Freeways und Interstates, wenn die Stahlgürtelreifen nicht stoisch jeder Spurrille hinterherlaufen würden. Deshalb steuert man die knapp 4,80 Meter lange Heckflosse lieber von den Highways auf die Byways, macht einen großen Bogen um die Metropolen und ihre achtspurigen Schnellstraßen und merkt, wie man mit jeder Meile milder gestimmt wird, alle Hektik hinter sich lässt und der Pulsschlag irgendwann so ruhig wird wie der Sechszylinder, der ungerührt vor sich hin schnurrt, als wären die Jahre im Flug vergangen.

Egal ob Highway Number One an der Küste zwischen Los Angeles und San Francisco oder staubige Straßen in der Wüste von Nevada - der 118er macht überall eine gute Figur und wenn er im Yosemite Nationalpark seine imposanten Kühlergrill der riesigen Granitfront von El Capitan entgegen reckt, weiß man nicht, wo man länger hinstarren soll.

Selbst den Sonora Pass, mit 2933 Metern die zweithöchste Querung der Sierra Nevada meistert der Mercedes ohne Murren; man muss halt nur oft genug zum dürren Schaltknauf greifen, der damals gegen Aufpreis vom Lenkrad weg in den Mitteltunnel gerückt wurde, weil das als sportlicher empfunden wurde.

So schnurrt der Sechszylinder durch den amerikanischen Westen, verbraucht nur einen Bruchteil des Sprits, den die Pick-ups um ihn herum verbrennen, und zieht alle Blicke auf sich. Die älteren werden sentimental und schwelgen in ihren Erinnerungen.

Der Roadtrip ist aber noch nicht zu Ende. Er führt noch ein paar hundert Kilometer weiter ins Landesinnere über einen einsamen Highway bis zum großen Salzsee, wo sich in Bonneville die Raser und Rekordjäger treffen.

Da hat ein 110er allerdings nichts zu suchen - selbst wenn der 230 in kaum mehr als zwölf Sekunden von 0 auf 100 km/h beschleunigt hat und eine respektable Spitze von 175 km/h erreicht. Doch die Salzlake ist Gift ist für die blank polierte Karosse. Und nachdem einer Kaufberatung des Magazins „Auto, Motor und Sport“ zufolge schon viel zu viele der 110er vom Rostfraß dahingerafft wurden, sollen sich auf der weißen Kruste besser andere Autos austoben.

Das hohe Maß an Alltagstauglichkeit bis ins hohe Alter und die gelebte Entschleunigung sind nicht die einzigen Vorzüge der Baureihe 110. Sie hat noch einen weiteren unschlagbaren Vorteil: Für einen Mercedes dieses Alters ist sie vergleichsweise bezahlbar.

Klar, wer das Auto von Mercedes selbst mit Werksgarantie und besiegelter Dokumentation des Herstellers kaufen möchte, muss dafür nach aktuellem Angebot auch schon fast 50.000 Euro anlegen. Doch auf den üblichen Gebrauchtwagen-Börsen im Internet gibt es die kleine Heckflosse für kleines Geld. Bei Fahrzeugen im gebrauchsfertigen Zustand ist man bereits mit deutlich unter 20.000 Euro dabei.


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