Alles, was Porsche-Fans kultig finden: Grelle Farben der 1970er, Entenbürzel und Carrera-Schriftzug. Alles, was Porsche-Fans kultig finden: Grelle Farben der 1970er, Entenbürzel und Carrera-Schriftzug. - © Foto: picture alliance/dpa/Porsche AG | Deniz Calagan -
DAUN, 07.10.2022 - 08:38 Uhr
Auto & Technik

Sportler mit Entenbürzel: 50 Jahre Porsche 911 Carrera RS 2.7

(dpa/tmn) - Eigentlich wollten sie nur 500 Exemplare verkaufen, und selbst daran hatte der Vertrieb so seine Zweifel. Doch für den Einsatz im Motorsport waren gewisse Mindeststückzahlen erforderlich. Als Porsche dann den 911 Carrera RS 2.7 im Oktober 1972 auf dem Pariser Autosalon präsentierte, traf der Wagen offenbar den Nerv der Zeit. Selbst die 34.000 D-Mark Grundpreis schockten nicht.

Geburt einer Legende

Statt zum Ladenhüter wurde der wegen seines spektakulären Heckspoilers schnell Entenbürzel genannte Sportwagen zum Bestseller: In nicht einmal sechs Wochen waren die geplanten 500 Exemplare verkauft. Ende des Jahres war auch die zweite 500er-Serie vergriffen. Und als die Produktion nur ein knappes Jahr später nach 1580 Exemplaren auslief, war eine Legende geboren.

„Keine andere der vielen Modellvarianten des 911 ist so berühmt wie der 911 Carrera RS 2.7“, sagt Constantin Bergander, Mitautor eines im Winter erscheinenden Buches über den RS. Gründe gibt es viele.

Zum einen war das 154 kW/210 PS starke Coupé mit 245 km/h damals „Deutschlands schnellster Sportwagen“, wie Porsche auch in den Anzeigen prominent herausstellte. „Zum anderen war es das erste Straßenauto mit Bug- und Heckspoiler und sah damit aus wie von einem anderen Stern“, sagt Constantin Bergander.

Außerdem war der RS 2.7 der erste Elfer, auf dem ein Carrara-Schriftzug an der Seite prangte. Mit dem erinnerten die Schwaben an die Erfolge des 550 Spyder beim Langstreckenrennen Carrera Panamericana in Südamerika in den 1950ern.

RS - das steht für Rennsport

Aber vor allem war der RS der erste 911, der für Straße und Rennstrecke gemacht war. „Natürlich gab es auch schon vorher 911 für die Rundstrecke“, sagt Bergander. „Aber hier hat Porsche zum ersten Mal in der 911-Familie einen Rennwagen mit Straßenzulassung gebaut das nicht zuletzt mit dem Kürzel ausgedrückt“, so der Autor. „Denn RS, das steht für Rennsport“.

Die Entstehungsgeschichte führt zurück an die Rennstrecke. Es war ein Lauf der Deutschen Rennsport-Meisterschaft (DRM) am Hockenheimring, bei dem Porsche-Chef Ernst Fuhrmann mit ansehen musste, wie die Ford Capri seinen Autos mal wieder um die Ohren fuhren. Diese Demütigungen endgültig leid, gab er seinen Ingenieuren den Auftrag, endlich mit der Lösung für ein siegfähiges Auto zu kommen.

Und die haben Männer wie Hermann Burst im Windkanal entdeckt. Er war einer von kaum mehr als einem Dutzend Ingenieuren, die im Mai 1972 mit der Entwicklung des RS 2,7 begonnen. Schnell war die Aerodynamik als Schwachstelle ausgemacht worden. Denn je schneller der 911 fuhr, desto schwerer war er vor allem in Kurven auf der Straße zu halten.

Deshalb musste die Luft so um die Karosserie geleitet werden, dass sie den Wagen fester auf die Straße drückte und dabei im Idealfall trotzdem schneller abströmen konnte - der Entenbürzel war geboren.

Dass er damit bei seinen Entwicklerkollegen und der Konkurrenz einen Technologietrend und draußen bei den Fans einen Kult auslösen würde, daran dachte Burst damals nicht im Traum: „Für mich war der Spoiler damals nur eine Lösung für ein technisches Problem. Dass wir damit eine Ikone erschaffen haben, war mir lange nicht bewusst.“

Unterschiedliche Reifen und Elfer auf Diät

Aber der Entenbürzel war nur eine Zutat für das Erfolgsrezept des Überfliegers, so Bergander. Zum ersten Mal beim einem Serienmodell setzte Porsche beim Carrera RS 2.7 zudem auf eine so genannte Mischbereifung und zog zugunsten der besseren Traktion hinten breitere Schlappen auf als vorne.

Und natürlich war die Rennversion auch leichter: Mit Dünnblechen, dünnen Scheiben, Kunststoffteilen und dem Verzicht auf Dämmung musste das Fahrzeuggesamtgewicht auf unter 900 Kilogramm sinken, um den Regularien des Rennsports zu genügen. Selbst die Türöffner werden dafür geopfert und durch Schlaufen ersetzt.

Zwischen Rennstrecke und Heimfahrt - ein Genuss auch heute

Wer heute mit einem dieser Jubiläumsautos unterwegs ist, erlebt Porsche pur. Erst einmal warm gefahren, dreht der Boxer so gierig hoch, dass die Nadel des Tourenzählers schnell über die 6000er-Marke wischt und die rechte Hand mit dem Schalten kaum nachkommt.

Die Linke hält das verglichen mit dem heutigen Elfern fast schon winzige Coupé dabei spielend in der Spur und der Blick oszilliert zwischen Tacho und Fahrbahn, während das Sägen des Sechszylinders die spärlich isolierte Kabine flutet.

Von 0 auf 100 in 5,8 Sekunden, in den Kurven nur ganz kurz den Fuß lupfen und auf der Geraden locken auch heute noch 245 km/h: Obwohl der RS 2.7 weniger Leistung hat als manch aktueller Golf, fährt er noch immer wie von einem anderen Stern.

Nicht minder verwunderlich: Wer es schafft, sich dem Lockruf der Leistung zu entziehen, kann auch überraschend gemütlich und komfortabel fahren und sich auf lange Strecken wagen.

Wer wirklich kaufen will und kann: Vorsicht, Fälschung!

Blech gewordene Gier nach Geschwindigkeit und zugleich ein komfortables Alltagsauto - das ist eine Kombination, die auch bei Sammlern gut ankommt. „Der 911 Carrera RS 2.7 ist einer der gesuchtesten Porsche-Klassiker“, sagt Constantin Bergander. Doch Vorsicht: Es ist auch einer, bei dem man schnell in die Falle tappt.

Weil Porsche Extras wie den Entenbürzel von Anfang an auch als Option für den 911 S angeboten hat, gibt es viele Möchtegern-Modelle, die nur so aussehen wie der RS. Kaum ein deutscher Sportwagen ist demnach so anfällig für echte Fälschungen wie der RS 2.7, sagt der Frankfurter Oldtimer-Experte Sebastian Hoffmann. Für ein echtes Original können rund 500.000 Euro und je nach Historie bisweilen auch mal siebenstellige Beträge fällig werden.

Von Thomas Geiger, dpa

 


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