Mit dem Lamborghini ins Gelände: Geht problemlos, dank SUV-Modelle wie dem Urus. Mit dem Lamborghini ins Gelände: Geht problemlos, dank SUV-Modelle wie dem Urus. - © Foto: picture alliance/dpa/Lamborghini | Lamborghini -
DAUN, 21.10.2020 - 10:36 Uhr
Auto & Technik

Sportwagen im Schmutz: So kontert die PS-Fraktion den SUV-Boom

(dpa/tmn)- Sport Utility Vehicle - wenn David zu Elfe die aktuelle Zauberformel für den Autoabsatz hört und an aufgebockte Kombis, platte Vans oder vermeintliche Abenteuer-Autos denkt, kann er sich ein müdes Lächeln nicht verkneifen. Denn der Fotograf und Filmemacher von der Bergstraße definiert SUV ein wenig anders.

Statt vom Geländewagen geht zu Elfe von einem Sportwagen aus und hat sich deshalb einen über 40 Jahre alten Porsche 924 zum Utility Vehicle umgebaut. Und dabei geht es ihm nicht nur um solide Fahreigenschaften auf schlechten Strecken: Sein Sportnutzfahrzeug ist so nützlich, dass man darin sogar auch schlafen kann.

Mit dem 911 zur Wüstenrallye

Die Idee vom offroad-fähigen Sportwagen ist nicht neu. Vor allem in den 1980er Jahren schickten die PS-Schmieden ihre schnellsten Modelle mit mehr Bodenfreiheit und grobstolligen Reifen auf die Rallye-Piste, etwa den Wüsten-Marathon nach Dakar. Der Safari-Porsche, der 1984 als 953 auf Basis des 911 ins Rennen ging, war darunter sicherlich der bekannteste. Aber auch Mercedes SLC der Baureihe 107 oder Lancia Stratos haben sich damals bereitwillig im Dreck gesuhlt und mächtig Staub aufgewirbelt.

Nachdem diese Autos über viele Jahre nur Fans bekannt waren, drängen sie nun offenbar wieder etwas stärker ins Bewusstsein. In Zeiten, in denen Geländewagen immer sportlicher werden und hochbeinige Dickschiffe wie Aston Martin DBX oder Lamborghini Urus schneller fahren als mancher Flachmann, rüsten die Renner zur Retourkutsche - wenn bislang nur als Gedankenspiel, Studie oder Einzelstück.

Schnurstracks ins Gelände

Lamborghini zum Beispiel hat im letzten Jahr die Studie Sterrato auf Basis des Huracán vorgestellt - und dafür nicht nur den Allradantrieb des Supersportwagens für losen Untergrund umprogrammiert, sondern auch die Bodenfreiheit um knapp fünf Zentimeter angehoben. Außerdem haben die Italiener die Radkästen verbreitert, grobstollige Reifen aufgezogen, den Unterboden verkleidet und reichlich Zusatzscheinwerfer montiert.

Selbst Alpine liebäugelt mit dem Abenteuer abseits der Straße. Im Rallye-Sport groß geworden, aber erst vor drei Jahren wiedergeboren, überraschte die Renault-Tochter dieses Jahr mit der Studie A110 SportsX, die nach dem gleichen Muster gestrickt ist: Acht Zentimeter mehr Karosseriebreite und sechs Zentimeter mehr Bodenfreiheit machen aus dem schnittigen Coupé einen bulligen Boliden für den Dreck. Und die Ski auf dem Heckträger lassen keinen Zweifel daran, dass dieses Auto buchstäblich für die Piste gemacht ist.

Im Kleinen blüht der Traum vom Safari-Renner

Am meisten Bewegung gibt es im Porsche-Lager. Denn überall auf der Welt rüsten Karosseriebauer, Tuner und Kleinserienhersteller den 911 wieder zum Safari-Renner im Geist des 953 um. In diesem Jahr sind zwei neue dazu gekommen: Porsche-Tuner Ruf und Offroad-Umrüster Delta 4x4.

Ruf hat inspiriert von einem texanischen Sammler den Rodeo auf die Räder gestellt. Dieser bekommt den Angaben nach eine eigene Carbon-Karosserie und nutzt einen weiterentwickelten Allradantrieb mit variabler Kraftverteilung. Dazu gibt es vier Rallye-Zusatzscheinwerfer auf der Haube und aus dem Rodeo einen Rammbügel und sogar eine Art Lasso.

Auch für den Delta-Umbau gab ein einflussreicher Kunde den Anstoß, selbst wenn dessen Dakar-Tour im Porsche 911 mittlerweile der Pandemie zum Opfer gefallen ist. Für ihn hat das bayerische Unternehmen nach eigenen Angaben ein Konzept entwickelt, das deutlich mehr Bodenfreiheit bringt, spezielle Reifen und Felgen beinhaltet und den Sportwagen mit Zusatzscheinwerfern und Dachträger zum Abenteuer-Auto macht. Beide Anbieter freuen sich nach eigenen Angaben über eine unerwartet große Resonanz. Trotzdem wird es ihre Entwürfe so schnell nicht in Serie geben.

Bei Ruf jedenfalls ist man laut Pressesprecher Marc Pfeifer zu sehr mit den Straßenmodellen CTR und SCR beschäftigt, als dass man Porsche-Fahrer im Rodeo alsbald zum Ritt über die Buckelpiste bitten könnte. Und vom Delta-4x4-Elfer gibt es bislang nur Computer-Retuschen. „Wir wollen das Konzept umsetzen, werden es aber frühestens im nächsten Jahr schaffen“, sagt Technik-Chef Josef Loder.

Strohfeuer oder Trend?

Nachdem es bislang nur Studien, Einzelstücke und Erinnerungen gibt, mag auch Designprofessor Lutz Fügener noch nicht von einem tragfähigen Trend sprechen. Doch sieht der Dozent an der Hochschule Pforzheim durchaus Gründe für das Aufkeimen dieser Idee: „Eine Ursache hierfür ist die Mathematik der Marketingabteilungen.“ Die seien ständig auf der Suche nach neuen Nischen, die man zur Not auch einfach erfinden und dann mit Produkten füllen würde.

Der Mechanismus sei oft ganz simpel: „Man schaut, ob man schon alles mit allem gekreuzt hat, und bemerkt, dass die Kombination Sportwagen und Geländewagen noch nicht abgearbeitet ist.“ Bei dieser Arithmetik hätten hartgesottene Sportwagenhersteller nur beschränkten Spielraum, sagt Fügener: „Cabrio ist kein Problem, SUV schon erledigt, dann wird es dünn: Kombi, Pick-up, Van und Kleinbus sind schwierig. Da bleibt nur der Gelände-Sportwagen.“

Dabei spricht der Experte diesem Genre durchaus einen gewissen Charme zu: Die hochgelegten Sportwagen erinnerten an die wilden und glorreichen Zeiten der Rallye-Gruppe-B-Monster in den 1980ern und seien damit durch die Motorsport-Historie abgesichert. Der 953 gäbe all diesen Projekten eine gewisse Plausibilität.

Nebeneffekt Alltagstauglichkeit

Weiteren Rückenwind bekomme das Konzept durch die wachsende Popularität der Cross-Varianten ziviler Kombis, Kompaktwagen und gar Limousinen. Solche Ableitungen hält Fügener oft für die besseren SUVs. Aufwand und Nutzen stünden in gutem Verhältnis, die Eleganz und Dynamik der Ur-Entwürfe bleibe meist erhalten. So sei das ästhetische Potenzial stets höher sei als bei jedem echten SUV.

Und tatsächlich mache ein höheres Fahrwerk einen Sportwagen alltagstauglicher. Lasse sich dies dann auch noch etwa mit einer Luftfederung in der Höhe variieren, müsse man nur noch das Mehrgewicht gegen die gewonnene Bodenfreiheit aufwiegen: „Das ist ein Kompromiss, der als solcher nicht auffällt, ganz im Gegenteil“, sagt Fügener: „Es gibt und gab Trends im Automobilbau, die weniger Sinn haben und hatten.“

Ob solche Konzepte das Zeug zur Serie haben und sich dann im Alltag bewähren? 924-Fahrer David zu Elfe hat daran keinen Zweifel. Schließlich hat er die Bewährungsprobe mit seinen SUV bereits hinter sich - und ist damit im Winter unter erschwerten Bedingungen 7500 Kilometer um die Ostsee gefahren.

Von Thomas Geiger, dpa


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