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DAUN, 08.04.2019 - 16:42 Uhr
Auto & Technik

Stottern, wischen, Zwischengas - Als Autofahren noch Arbeit war

(dpa/tmn) - Bis heute hält das Auto eigentlich nicht ganz, was es verspricht. Denn „automobil“, so das Fremdwörterbuch, bedeutet: „selbstbeweglich“. Doch völlig von selbst fährt das Auto auch über 130 Jahre seit Erfindung des Benz Patent-Motorwagens Nummer 1 nicht. Erst kürzlich verzichtete Waymo, die bei der Automatisierung des Autos führende Google-Schwesterfirma, in den USA bei Tests erstmals auf einen Sicherheitsfahrer, der hinterm Steuer in Notsituationen übernehmen kann.

Damit hat eine Entwicklung begonnen, die den menschlichen Fahrer überflüssig machen soll. Ein Blick zurück zeigt, wie umständlich und schweißtreibend Autofahren früher war.

Lenken: Vor der Erfindung der Servolenkung ließen sich die Räder eines schweren Autos fast gar nicht einschlagen. Je breiter die Reifen waren, desto schwerer wurde dies. Allein deswegen bläute mancher Fahrlehrer seinen Fahrschülern ein, das Auto beim Rangieren stets langsam rollen zu lassen. Die Servolenkung behob das Problem.

Sie unterstützt den Fahrer entweder hydraulisch durch Öldruck, der mittels einer Pumpe erzeugt wird, oder elektromechanisch. Erstes Serienmodell mit entsprechender Technologie, Hydraguide genannt, war 1951 der Chrysler Imperial. Heute ist selbst im Billigauto Dacia Sandero eine Servolenkung serienmäßig. Nur noch wenige Autos sind ohne Lenkhilfe unterwegs. „Bei der Servolenkung erreichen die Pkw im Bestand und bei den erworbenen Gebrauchtwagen seit dem Jahr 2015 einen Durchdringungsgrad von über 95 Prozent“, sagt Martin Endlein von der Deutschen Automobil Treuhand (DAT).

Bremsen: Erhöhten Kraftaufwand erforderte auch das Verzögern. Denn bevor Bremskraftverstärker (BKV) aufkamen, musste man ordentlich „in die Eisen gehen“, um zu bremsen oder anzuhalten. Eine erste Servobremse, technologischer Vorläufer, baute Bosch 1928 in den Mercedes 8/38 ein. Mit dem ersten Bremskraftverstärker im heutigen Sinne fuhr der Mercedes 300 SL Coupé von 1954.

Noch in den Achtzigern wurden Autos ohne BKV verkauft - etwa mancher VW Golf. „Die 50 PS-Varianten - Benzin oder Diesel - und 54 PS-Varianten - Diesel - hatten vor Sommer 1981 ab Werk keinen Bremskraftverstärker, er konnte aber optional bestellt werden“, sagt Dieter Landenberger, Leiter der Historischen Kommunikation von VW.

Da hat man in den Entwicklungsabteilungen längst an einer weiteren Verfeinerung der Bremsen gearbeitet. Zunächst 1966 im britischen Sportwagen debütiert, war die später vom Zulieferer Bosch als Anti-Blockier-System (ABS) patentierte Technik 1978 erstmals in der S-Klasse von Mercedes als Extra bestellbar - nach Angaben von Mercedes-Benz Classic für einen Aufpreis von rund 2218 D-Mark.

Sie verhinderte bei starken Bremsmanövern ein dauerhaftes Blockieren der Räder durch feine Dosierung des Bremsdrucks und erhielt damit die Lenkfähigkeit eines Fahrzeugs auch bei Vollbremsungen. Bis dahin galt manchem Autofahrer die Stotterbremse als Mittel der Wahl, um in kritischen Situationen die Kontrolle über das Fahrzeug zu behalten.

Winken statt blinken: Als der Verkehr zu Beginn des 20. Jahrhunderts dichter wurde, streckten die Autopioniere den Arm aus dem Fenster, um ihre Abbiege-Absicht zu verkünden. Eine Geste, die heute nur noch wohl erzogene Radfahrer beherrschen.

In den 1920er-Jahren kam der Winker auf, der die Sache schon bequemer machte. Diese mechanische Vorrichtung seitlich am Auto klappte der Fahrer per Seilzug aus und kündigte so das Abbiegen an. Carl Zeiss Jena baute solche Vorrichtungen. Zulieferer Bosch entwickelte die Idee weiter und brachte 1928 einen elektromagnetisch funktionierenden, beleuchteten Winker auf den Markt. Der wurde wie der heutige Blinker bereits vom Fahrersitz aus per Schalter bedient. Noch bis 1961 gewährte das deutsche Verkehrsrecht den Gebrauch der Winker. Auch der VW 1200, der Käfer, hatte bis 1960 noch einen.

Wischen statt wischen lassen: Das Reinigen der Windschutzscheibe war zur Jahrhundertwende noch reine Handarbeit, zu der man anhalten und aussteigen musste. Einfacher machten es rein mechanische Wisch-Vorrichtungen, die man immerhin per Hebel von innen bedienen konnte. Einen solchen Schwingarm hat Prinz Heinrich von Preußen erfunden, der Bruder von Kaiser Wilhelm II. Er taufte ihn Abstreiflineal und erhielt 1908 ein Patent. In den USA wurde eine ähnliche Lösung etwas früher patentiert.

1926 stellte Bosch die erste elektrische Scheibenwaschanlage vor, die per Knopfdruck gehorchte. Heute macht das Scheibenwischen gar keine Arbeit mehr - sofern genügend Wischwasser im Tank und ein Regensensor an Bord ist. Laut „DAT Report 2019“ geben 54 Prozent der Halter in Deutschland an, heute über einen solchen Assistenten in ihrem Pkw zu verfügen.

Navigieren: Kaum ein Autofahrer dürfte noch eine Straßenkarte im Handschuhfach dabeihaben. Heute ist das Navigationsgerät nicht mehr wegzudenken. Fast die Hälfte der Halter (45 Prozent) fahren mit einem Navi, so die Quote im „DAT Report 2019“. Per Touch- oder Sprachbefehlen wird das Ziel eingegeben, dann folgt der Fahrer nur noch den Anweisungen.

Zwischengas geben: Seitdem das Schaltgetriebe Synchronisationsringe hat, ist alles gut. Doch vorher war viel Feingefühl im Fuß beim Umgang mit Gas und Kupplung gefragt. Denn beim unsynchronisierten Getriebe, das noch in vielen Oldtimern für die Gangwechsel sorgt, musste dessen Drehzahl der des Motors beim Schalten angepasst werden. Und das war koordinierte Fußarbeit, sonst knirschte es im Getriebe.

Das Zwischengas zum Runterschalten vom zweiten in den ersten Gang funktionierte so: Man nahm den Gang raus, trat im Leerlauf dosiert das Gaspedal, um die benötigte höhere Drehzahl zu erreichen, und legte den niedrigeren Gang ein. Während Cadillac bereits 1928 ein erstes synchronisiertes Getriebe vorstellte, war das Getriebe im VW Käfer bis in die 1960er-Jahre serienmäßig nicht voll synchronisiert. Das war laut Sprecher Landenberger erst ab Oktober 1964 der Fall. Das Zwischengas im Alltag ist heute längst ausgestorben. Immer mehr elektronische Helferlein nehmen den Menschen am Steuer meist völlig unbemerkt eine Menge Arbeit ab.


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