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DAUN, 05.06.2019 - 16:32 Uhr
Auto & Technik

Zwischen Hilfswerk und Hawaii-Hemd: 50 Jahre VW „Kübelwagen“

(dpa/tmn) - Ferrari, Lamborghini oder Porsche? Nach den üblichen Verdächtigen dreht sich hier und heute auf der berühmten Bourbon Street in New Orleans keiner um.

Wenn einer der Nachtschwärmer überhaupt nach einem Auto auf der Partymeile schaut, dann ist es der gelbe VW Typ 181, den sie hier alle nur „The Thing“ nennen. Denn gerade in Amerika hat der legendäre „Kübelwagen“ eine riesige Fangemeinde und steht seinen um ein Vielfaches erfolgreicheren Verwandten, dem Käfer und dem Bulli, in der Beliebtheit um nichts nach.

Schließlich fehlt ihm jenseits des Atlantiks jener Kasernenmief, der ihm bei uns zu eigen ist: Während die Erinnerungen hierzulande eher mit der Bundeswehr oder dem Zivildienst beim Technischen Hilfswerk verbunden sind, war das kantige Cabrio mit dem Zeltdach für die Amerikaner immer die praktische Alternative zum Buggy und damit das ideale Auto für Beachboys und andere Hippies. Wenn man also den 50. Geburtstag des kantigen Klassikers irgendwo gebührend feiern will, dann am besten weit im Westen.

Begonnen hat die Geschichte nach Angaben der VW-Klassiksparte in Wolfsburg allerdings vor allem mit militärischen Überlegungen. Schließlich suchte die Bundeswehr einen Nachfolger für den DKW Munga. Weil das internationale Gemeinschaftsprojekt vom „Euro-Jeep“ nicht über die Planungen hinauskam, sprang VW in die Bresche und hat aus dem Käfer mit kantigem Wellblech, halbhohen Türen und vier besseren Gartenstühlen vor exakt 50 Jahre den „Kurierwagen“ gemacht.

Der wurde in Deutschland bis 1978 und in Mexiko für den US-Markt sogar noch zwei Jahre länger gebaut, bevor 1980 nach insgesamt 140 768 Exemplaren Schluss war.

Das Auto sieht zwar nach Geländewagen aus und ist sich für kein Abenteuer zu schade. Doch zum richtigen Offroader fehlen ihm die Bodenfreiheit, die Untersetzung und vor allem der Allradantrieb. Doch die Bundeswehr greift zu und danach auch die Katastrophenschützer und Hilfsdienste. Irgendwann findet der Typ 181 seinen Weg in die Zivilgesellschaft. Denn mit einem Grundpreis von 8500 D-Mark gehört er in den 1970ern zu den billigeren Spaßfahrzeugen.

Spaß macht der Kübel noch immer. Jede Fahrt wird zu einem luftigen Road-Movie auf der Memory-Lane und der Boxersound aus dem Heck liefert die passende Musik dazu. Doch wer heute mit einem Kübelwagen unterwegs ist, wird automatisch zu einem ausgesprochen gelassenen und entspannten Autofahrer.

Denn selbst bei der Jubiläumstour durch die amerikanischen Südstaaten im Mutterland des Tempolimits kann man bei 32 kW/44 PS so ziemlich jede Geschwindigkeitsbeschränkung galant ignorieren. So fest man das Pedal auch ans Bodenblech heften mag und so laut der 1,6 Liter große Vierzylinder auch brabbelt, dauert es eine gefühlte Ewigkeit, bis sich die Tachonadel im spartanischen Cockpit mal auf 100 zittert. Bei spätestens 115 km/h ist ohnehin wieder Schluss. Dass Kübelfahrern das Lächeln ins Gesicht gemeißelt zu sein scheint, mag deshalb auch daran liegen, dass sie stets gute Miene zum bösen Spiel machen müssen.

Ja, in den USA wurde der Kübel länger gebaut als bei uns, und wird heißer geliebt. Doch es gibt noch einen weiteren Grund, weshalb man mit diesem Auto besser durch Florida oder Texas fährt als rund um Frankfurt oder durch die Uckermark: Das Wetter. Denn der Aufbau des Verdecks ist so mühsam und für die Fingernägel so gefährlich, dass man es lieber zusammengefaltet lässt. Zumal die riesige Kunstleder-Plane und die vier Steckscheiben ohnehin nur mäßigen Schutz vor Wind und Wetter bieten und es im geschlossenen Auto so laut wird, dass man kaum mehr sein eigenes Wort versteht.

Ein bisschen Leiden gehört im Kübelwagen zwar dazu, auch weil die Sitze nicht gerade orthopädisch sind und Beinfreiheit ein Fremdwort ist. Doch der Liebe für den kantigen Klassiker tut das keinen Abbruch. Nicht umsonst schätzt Kübel-Fan und -Fahrer Friedhelm Jakobs aus Bad Neuenahr-Ahrweiler den Bestand der aktiven Fahrzeuge in Deutschland noch immer auf rund 4000 Exemplare, und in den USA sind davon noch sehr viel mehr auf der Straße.

Zu diesem Freundeskreis zu stoßen, ist für Spätentschlossene allerdings nicht ganz leicht: Zwar ist Käfer-Technik unter der rostanfälligen Karosserie schier unverwüstlich . Und dank des millionenfach verkauften Verwandten sind zumindest die wichtigsten Ersatzteile in rauen Mengen verfügbar. Aber dennoch ist es in unseren Breiten schwer, ein halbwegs originales Exemplar zu bekommen, sagt Jakobs. Nicht, weil die Autos heute nicht mehr bezahlbar wären.

Im Gegenteil, findet man sie auf den üblichen Internetseiten schon für Preise deutlich unter 10 000 Euro. „Der Kübel ist das Billig-Cabrio schlechthin“, urteilt deshalb auch der Kübel-Klub Deutschland in Essen. „Doch gibt es heute kaum mehr ein Exemplar, das nicht kräftig umgebaut wurde“, sagt Jakobs - schließlich will in seiner Freizeit ja niemand mit einem Dienstwagen von Bundeswehr oder THW herumfahren.

Während die Fans dem Kübel die Treue halten, hat sich VW selbst mit offenen Autos zuletzt ein bisschen schwergetan. Das Beetle Cabrio, das als Enkel des Käfers ja auch in der Ahnenfolge des Kübels steht, ist gerade eingestellt worden und der VW Golf hat ebenfalls längst dauerhaft geschlossen.

Doch bald bläst auch durch Wolfsburg wieder ein frischer Wind und weht streng genommen sogar die Erinnerung an den Kübelwagen herbei. Denn noch in diesem Jahr lässt nach Angaben von Pressesprecher Christian Buhlmann der Geländewagen T-Roc die Hüllen fallen und wird ganz im Geist des Typ 181 zum Freizeit-Cabrio für Abenteuerlustige.


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