Teezeremonie im Bünting Teemuseum - derzeit wegen Corona leider nicht möglich. Teezeremonie im Bünting Teemuseum - derzeit wegen Corona leider nicht möglich. - © Foto: picture alliance/dpa/Ostfriesland Tourismus | Achim Meurer -
DAUN, 01.12.2020 - 10:23 Uhr
Essen & Trinken

Von Matcha bis Pharisäer: Tee- und Kaffeekultur in Deutschland

(dpa/tmn) - Kaffee oder Tee? Diese Frage wurde am Ende des 17. Jahrhunderts in Deutschland immer häufiger gestellt. Zunächst beim Adel und später auch bei den anderen Ständen. Die regionalen Kulturen, die sich bald um die beiden Genussmittel bildeten, haben nichts zu tun mit Coffee to go, Chai-Latte oder einem schnellen Glas Tee. Sie sind vielmehr gemütliche Auszeiten und Ausdruck eigener Lebensart. Hier können Besucher in alte Traditionen eintauchen:

Britischer Afternoon Tea in Wiesbaden

Teatime und Cream Tea gehören in England zum Alltag, seit Thomas Twining 1717 mit seinem Geschäft in London den Weg zum Tee für alle auf der Insel ebnete. Eine spezielle Tradition entwickelte sich im 19. Jahrhundert, als eine Hofdame Queen Victorias es nicht bis zum 20 Uhr Supper abwarten konnte. Sie lud einfach zum gepflegten Gespräch bei einer Zwischenmahlzeit namens Afternoon Tea.

Noch heute isst man, was die Etagere präsentiert, von unten nach oben, also zuerst Sandwich mit Lachs, Roastbeef oder Gurken, dann das Hefegebäck Scones mit dem Streichrahm Clotted Cream und Erdbeermarmelade. Zum Schluss sind Kuchen oder Cupcakes dran. So zelebrieren es auch einige ambitionierte Luxushotels in Deutschland.

Sandra Jakobian hat dagegen den Ehrgeiz, in ihrem kleinen britischen Spezialitätengeschäft in Wiesbaden die besten Sandwiches und Scones zu servieren. Damit Qualität und Frische an den Tischen im Laden vor der Backstube auch stimmen, gibt es den Afternoon Tea nur auf Vorbestellung freitags und samstags. Natürlich mit „Tee aus England“ und britischer Musik im Hintergrund.

Auf einem Spaziergang durch den Kurpark erleben Besucher dann noch einen englischen Landschaftsgarten von 1852. Wie passend.

Adresse: Britmania, Untere Albrechtstrasse 3, 65185 Wiesbaden (Tel.: 0611/97 16 11 81, E-Mail: jakobian@britmania.de, www.britmania.de).

Bergische Kaffeetafel in Nümbrecht

Wenn es etwas zu feiern gab, kam südlich von Köln stets alles auf den Tisch, was die Speisekammer hergab. Daraus entwickelte sich vom 18. Jahrhundert an die Bergische Kaffeetafel.

So ein geselliges Versammeln kann Stunden dauern, beginnt mit Süßem, geht über ins Deftige und endet für Erwachsene meist mit einem Schnaps. In und um Solingen geht nichts ohne süße Brezel und Zwieback, weiter südlich gibt es stattdessen Apfelstuten.

Aber ohne Rosinenstuten, Waffeln, Zimtreis und die legendäre Dröppelmina geht gar nichts. Die bauchige Kranenkanne aus Zinn hält den Kaffee warm. Die Wohlhabenden zapften das Luxusgetränk einfach selber in die Indischblau-Tasse. Hundert Jahre später stand die Kanne dann auf vielen festlich gedeckten Tischen. Dass die Armen den kostbaren Bohnenkaffee mit Zichorie streckten oder ersetzten, tat der Gemütlichkeit keinen Abbruch.

Ab 1900 lockten die Landgasthäuser die Städter sonntags aufs Land an die Bergische Kaffeetafel. In dieser Tradition steht auch das Pfannkuchen-Haus im Luftkurort Nümbrecht. Es ist eines der wenigen Häuser, die den Aufwand täglich schon für zwei Personen servieren. „Auf Voranmeldung“, sagt der Wirt Andreas Weber. „Die Waffeln sind zwar schnell frisch gemacht, aber die Stuten haben wir nicht immer vorrätig.“ Er empfiehlt vorher einen Besuch im Barockschloss Homburg, wo man viel über die Lebensbedingungen im Bergischen Land und in der Zinn-Sammlung einiges über Dröppelminas erfährt.

Adresse: Pfannkuchen-Haus, Hauptstraße 60, 51588 Nümbrecht (Tel.: 02293/35 30, E-Mail: a.weber@pfannkuchen-haus.com www.nuembrechter-pfannkuchenhaus.de).

Asiatische Teezeremonien in Düsseldorf

Die Wiege des Tees liegt in China. Buddhistische Mönche brachten das Getränk im 6. Jahrhundert nach Japan, wo es bald im Mittelpunkt einer achtsamen Zeremonie stand. Und wie der grüne Matcha-Tee im EKO Haus der japanischen Kultur in Düsseldorfs Stadtteil Niederkassel einmal im Monat in einem festgelegten Ritus aufgeschlagen und serviert wird, geht auf einen Teemeister des 16. Jahrhunderts zurück.

„Solche Zeremonien sind das Herzstück des Teeweges, und der ist eine buddhistisch geprägte Lebenseinstellung“, erklärt Anna Friedel, die mitten im größten japanischen Viertel Europas einen Teeladen und eine Galerie betreibt. Sie bietet Verkostungen und Teezeremonien.

Als Erstes findet Friedel heraus, „wo die Neugier liegt“ und welche Getränke ihre Gäste sonst bevorzugen, ehe sie die Tees „dem Geschmacksfeld entsprechend“ zusammenstellt und eine chinesische, taiwanesische, japanische oder koreanische Variante vorschlägt.

Die Gäste sitzen an Tischen statt auf Tatami-Matten und erfahren von der Kennerin der asiatischen Teetraditionen etwas über Kultur, Anbau und Herkunft. Im besten Fall erleben sie, so die Gastgeberin, „dass Teetrinken Zeit und Aufmerksamkeit für das Gegenüber schafft und zu einer euphorischen Stimmung und einem klaren Kopf führt“.

Adresse: ANMO ART/CHA, Bendemannstraße 18, 40210 Düsseldorf (Tel.: 0211/38 73 17 41, E-Mail: info@anmo-art-cha.com, https://anmo-art-cha.com).

Teetied in Ostfriesland

Teetied, also Teezeit, die zwischen 10 und 11 sowie zwischen 15 und 17 Uhr beginnt, ist im Leben eines Ostfriesen eine feste Zeit. „Mit Tee haben die Torfstecher früher ihre harte Arbeit auf dem Feld unterbrochen“, weiß Celia Hübl, Leiterin des Bünting Teemuseums in Leer, und zeigt vergilbte Fotos. Seit 1806 wird im Hause Bünting der typische Ostfriesentee gemischt. Er besteht aus bis zu 30 Sorten des Blattgrades Broken, Hauptsorte ist Assam.

Es waren wohl die wohlhabenden Bauern, die im späten 18. Jahrhundert aus der einfachen Teepause eine Zeremonie machten. Mit festen Regeln im zarten Porzellan des Teeservices Ostfriesische Rose.

Warum man den Tee nicht umrührt und was es mit Kluntje (Kandis), Rohm-Lepel (Rahmlöffel) und Wulkje (Wolke) auf sich hat, erfahren die Besucher anhand von Exponaten und im Gespräch mit den Guides in der kulturgeschichtlichen Ausstellung. Die Teestunde im Museum mit drei Tassen Kostprobe fällt coronabedingt derzeit aus.

Dass die Teetied eine rundum gemütliche Zeit beschert, können Besucher 300 Meter weiter in der Ostfriesischen Teestube am Hafen der pittoresken Altstadt selbst erleben.

Adresse: Bünting Teemuseum, Brunnenstraße 33, 26789 Leer (Tel.: 0491/99 22 0 44, E-Mail: info@buenting-teemuseum.de, www.buenting-teemuseum.de).

Pharisäer in Nordstrand

„Ihr Pharisäer“, rief der Pastor 1872 am Ende einer Tauffeier auf der Insel Nordstrand vor Husum. Der Geistliche, der seine nordfriesischen Schäfchen gern vom Alkohol abbringen wollte, hatte entdeckt, dass im süßen, starken Kaffee unter der Sahnehaube eine gehörige Portion Rum versteckt war. Damit hatte das scheinheilige Getränk seinen Namen weg. Der Bauernhof ist heute zum Hotel „Pharisäerhof“ mutiert, die Insel dank Deich nun Halbinsel und eines von acht Nordseeheilbädern im Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer.

Der Rumkaffee hat die ganze nord- und ostfriesische Küste samt Inseln erobert. „Wir servieren den Pharisäer original in Tassen des Kaffeegeschirrs Indischblau“, sagt der Wirt Detlef Scheler. Von den populären Bechern mit der Aufschrift Pharisäer hält er gar nichts.

Woanders kommen auch 2 Zentiliter (cl) Rum mit den zwei Löffeln Zucker in den Becher. Bei Scheler sind es 4 cl eines eigens angewärmten traditionellen Flensburger Rums. „Im Winter ist das ideal, nachdem man sich auf dem Deich mal so richtig durchpusten lassen hat.“ Seine Gäste können das auch mit Hunden.

Den Tieren wird im „Cafè mit Schwips“ allerdings schnödes Wasser serviert, während auf dem Tisch nicht selten ein Stück hausgemachte Pharisäertorte den wärmenden Kaffee ergänzt. Natürlich rumgetränkt.

Adresse: Pharisäerhof, Elisabeth-Sophien-Koog 3, 25845 Nordstrand (Tel.: 04842/353, E-Mail: E-Mail: info@pharisaeerhof.de, www.pharisaerhof.de).

Von Karin Willen, dpa


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