DAUN, 30.09.2020 - 11:35 Uhr
Kultur

ON AIR. 100 Jahre Radio

Jubiläums-Ausstellung im Museum für Kommunikation Berlin

Was heutzutage selbstverständlich erscheint, war vor 100 Jahren eine Sensation: Am 22. Dezember 1920 spielten Reichspostmitarbeitende der Hauptfunkstelle Königs Wusterhausen bei Berlin ein historisches Weihnachtskonzert – die erste öffentliche Rundfunkaussendung in Deutschland. Zum 100-jährigen Jubiläum beleuchtet die Ausstellung ON AIR. 100 Jahre Radio im Museum für Kommunikation Berlin vom 2. Oktober 2020 bis zum 29. August 2021 Erfolge, Brüche und Zukünfte des ersten elektronischen Massenmediums der Welt. Beim Rundgang durch 100 Jahre Radiogeschichte in Deutschland begegnen die Besucher_innen rund 250 Objekten, die von den technischen Grundlagen und den Anfängen des Rundfunks über dessen Rolle in der NS-Zeit bis zur Neuordnung im geteilten und dann wiedervereinten Deutschland erzählen.

Dabei werden 37 besondere Radio-Exponate interaktiv inszeniert und von prominenten Radio-und Podcast-Stimmen, darunter Oliver Kalkofe und Katrin Müller Hohenstein, vorgestellt. Die Besucher_innen surfen mit ON AIR-Taschenempfängern durch den Ausstellungsäther, gehen mit dem Autoradio auf eine akustische Reise durch Regionen und Jahrzehnte oder schneiden ein Mixtape mit ihrer ganz persönlichen Audio-Biografie. Außerdem können die Gäste nicht nur erkunden, wie ein Radiostudio aussieht und funktioniert: Sie werden selbst zum Radiostar und erstellen und moderieren ihr eigenes Radioprogramm. Neben der Bedeutung von Radio etwa als Kultobjekt oder verbindendes Medium in Krisenzeiten geht es schließlich um die Frage, welche Rolle Radio in der Zukunft einnehmen könnte. Die Ausstellung wird durch ein umfangreiches Vermittlungsangebot und Veranstaltungen begleitet, unter anderem mit einer selbstgeführten Entdeckungstour für Familien.

Stationen im Detail

Wie die Musik ins Radio kommt

Musik, Nachrichten, Reportagen, live aus dem Radio. Für uns selbstverständlich. Wie aber funktioniert Radio eigentlich? Zum Auftakt der Ausstellung tauchen die Gäste ein in die Welt des drahtlosen Sendens und Empfangens. Dabei begegnen sie Meilensteinen der Radiotechnik wie der Elektronenröhre (1904), der Rückkopplungsschaltung (1913) oder dem ersten, kleinen und stromsparenden Transistorradio (1954).

Audiobiografisches Radio

Welcher Sender läuft bei uns im Radio? Und wie sieht unser Radio aus? Eine kleine Befragung lädt zur ersten Auseinandersetzung mit dem Medium „Radio“ ein. Außerdem können die Antworten anderer Besucher_innen sowie Studienergebnisse erkundet werden.

Radio ist…

Vieles: Empfangsgerät, Sendeanstalt oder Medium. Acht Bedeutungen von Radio können die Besucher_innen unter Drehtafeln entdecken.

Frühe Wellen, weite Kreise

Die drahtlose Funktelegrafie, zunächst vor allem militärisch genutzt, startet nach dem Ersten Weltkrieg ihre Erfolgsgeschichte. Wichtige Schauplätze sind die 1906 eingerichtete Großfunkstelle im brandenburgischen Nauen sowie der „Funkerberg“ in Königs Wusterhausen. Dieser fungiert im Ersten Weltkrieg als „Zentralfunkstelle des Heeres“ und sendet am 22. Dezember 1920 mit einem Weihnachtskonzert das erste öffentliche Rundfunkprogramm in Deutschland. Am 29. Oktober 1923 schreibt die aus dem Berliner Vox-Haus ausgestrahlte „Deutsche-Stunde“ als erste regelmäßige Sendung Radiogeschichte: „Achtung, Achtung, hier ist die Sendestelle Berlin im Vox-Haus auf Welle 400 Meter!“ In der Ausstellung zeugen unter anderem ein rund zwei Tonnen schwerer 10 kW-Langwellensender aus Königs Wusterhausen (1925) sowie Modelle des Vox-Hauses und des 1923 dort genutzten Senders von dieser Pionierzeit des Rundfunks.

In der Weimarer Republik entstehen schnell staatliche Institutionen, die den Rundfunk in Deutschland mit Inhalt füllen, verbreiten, aber auch kontrollieren wollen. Den strikten Regeln begegnen Hörer_innen mit einer Do-It-Yourself-Mentalität: Dank zahlreicher Vereine, Zeitschriften und Enthusiast_innen werden Radios „Marke Eigenbau“ produziert und dabei zum Beispiel Zigarrenkisten zu Detektorempfängern oder Regenschirme zu Antennen umfunktioniert.

Rundfunkverbrechen im Nationalsozialismus

Mit der Machtübergabe an Adolf Hitler am 30. Januar 1933 „endet die demokratische Epoche des Rundfunks“ (Reichssendeleiter Eugen Hadamovsky). Nach der Maßgabe „Der Rundfunk gehört uns!“ (Propagandaminister Joseph Goebbels) wird Radio von den Nationalsozialisten systematisch zum gesellschaftlichen und militärischen Propagandainstrument weiterentwickelt. Mit der Gleichschaltung des Rundfunkbetriebs, der Versorgung der Bevölkerung mit dem Volksempfänger und der Inszenierung eines Gemeinschaftsgefühls will die NSDAP erreichen, dass alle Deutschen nur ihr Programm hören.

Mit 76,- Reichsmark ist der sogenannte Volksempfänger äußerst günstig, so dass die Radioausstattung deutscher Haushalte von 25 Prozent (1933) auf 65 Prozent (1941) steigt. 1938 kommt mit dem Deutschen Kleinempfänger GW 110-240 eine noch günstigere kompakte Variante des Volksempfängers auf den Markt, von der Bevölkerung nicht ohne Ironie „Göbbelsschnauze” genannt. Nicht nur in den deutschen Wohnstuben, auch in den Werkshallen ertönt die nationalsozialistische Propaganda: Die schrankgroße Betriebsempfänger- und Lautsprecheranlage „Ela Z. 793” zeichnet mit einem eingebauten Plattenschneider die Sendungen auf, um diese in den Arbeitspausen bei stillstehenden Maschinen abspielen zu können.

Gleichzeitig finden die Nationalsozialisten im Rundfunk auch ihre Gegner, senden doch zahlreiche internationale Radiostationen gegen Hitlers Propaganda. Ab September 1939 ist das Hören von „Feindsendern“ verboten und wird als Hochverrat verfolgt. Radiohören wird so zu einer Form des Widerstands. Insassen des KZ Buchenwald etwa bauen aus illegal beschafften Teilen einer „Goebbelsschnauze“ einen Radioempfänger, um an verlässliche Informationen über den Kriegsverlauf zu gelangen. Eine Replik des in einem Schuhputzeimer aus Pappe versteckten Geräts ist ebenso in der Ausstellung zu sehen wie ein selbstgebauter Funksender des österreichischen Widerstandes (1938-45). Vier Biografien sogenannter „Rundfunkverbrecher_innen“ führen außerdem vor Augen, was die Verfolgung durch die Nationalsozialisten für viele Aktivist_innen konkret bedeutet: Haft, Konzentrationslager oder Hinrichtung.

Geteiltes Deutschland

Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs verstummt die nationalsozialistische Radiopropaganda. Die siegreichen Alliierten organisieren nicht nur Deutschland, sondern auch den Rundfunk neu. Der Rundfunk in der Sowjetischen Besatzungszone und der späteren Deutschen Demokratischen Republik geht wenige Tage nach Kriegsende aus Berlin auf Sendung. Er ist stark durch die geografische Eingrenzung und den ideologischen Überbau der Sowjetunion geprägt und zentralisiert. Die Geräteproduktion der DDR wird ebenfalls zentral in den Volkseigenen Betrieben Stern-Radio gelenkt. Beliebte Modelle des Kombinats, das in Berlin, Sonneberg, Rochlitz und Staßfurt produziert, sind die Geräte „Stern Elite 2001” (1976, Originalpreis 660,- Mark) oder „Stern 11” (1964). Zum „Deutschlandtreffen der Jugend” 1964 in Ost-Berlin startet der DDR-Rundfunk sein Jugendprogramm DT64, 1968 wird es zum gleichnamigen Sender. Zusehends politischer und kritischer begleitet er die ostdeutsche Jugend durch die Wendezeit bis 1993.

Die Westalliierten schaffen für den Rundfunk der Bundesrepublik eine andere Ausgangsposition: dezentrale, föderale Strukturen und eine schrittweise Übergabe der Rundfunkhoheit in „deutsche Hände”. Das Programm setzt stark auf regionale Unterschiede, Vielfalt und Unterhaltung. Unter britischer Aufsicht wird aus Hamburg wenige Tage nach Kriegsende ein erstes Programm gesendet; ab Februar 1946 startet in Berlin der „Drahtfunk im amerikanischen Sektor” (DIAS). Wie viele Hörer_innen die ersten DIAS-Sendungen erreichen, ist nicht bekannt, aber sicherlich weniger als 2.000. Dies liegt unter anderem an den komplizierten Vorbereitungen zum Empfang, die ein Original-Plakat (1946) in der Ausstellung erläutert. Am 5. September 1946 endet die Übertragung per Drahtfunk; aus DIAS wird RIAS, der Rundfunk im amerikanischen Sektor. Ab den 1950er Jahren etablieren sich Hörer_innensendungen wie „Frag den RIAS-Antwortmann” oder das „Klingende Sonntagsrätsel” (1965). Mit dem Wirtschaftswunder florieren auch die Gerätehersteller. Der Radio-Markt ist groß und bringt viele Klassiker hervor, die noch Jahrzehnte in bundesdeutschen Haushalten stehen, darunter der Rundfunkempfänger „Simonetta 5234” (Quelle, 1956-61).

Die Konkurrenz zwischen den Systemen in den Besatzungszonen – ideologisch und strukturell – ist auch zu hören. Der Konflikt wird zum Kalten Krieg; eine Front dieses Krieges liegt im Äther. Der RIAS sendet neben Berlin auch aus Hof in Nordbayern und kann damit fast flächendeckend in der sowjetischen Besatzungszone empfangen werden kann. Die DDR-Propaganda richtet sich umgekehrt gezielt gegen das Hören von Westradio, unter anderem mit Plakaten, die dem RIAS „Mord- und Sabotageanweisungen“ und „amerikanische Boogi-Woogi-Kultur” unterstellen. Sogar Quittungen für bezahlte Rundfunkgebühren werden in der DDR mit entsprechenden Slogans bedruckt. Seit den 1950er Jahren nutzt die DDR Störsender, um den Empfang des RIAS mit einem „Jaulen und Pfeifen” zu überlagern. Geplant sind über 300 Sender, umgesetzt werden rund 80. Die Entspannungspolitik zwischen Ost und West lässt die Störungen 1978 verstummen. In der Ausstellung zeugt unter anderem ein 3 kW-RIAS-Störsender (Mittelwelle) aus dem VEB Funkwerk Leipzig (um 1950) von der Auseinandersetzung im Äther.

Radio machen

Bis ein Beitrag im Radio läuft, braucht es Zeit und unterschiedliche Expertisen. An einer Medienstation lassen sich einzelne Elemente eines in der Ausstellung zu sehenden original Sendeplatzes aus den 1980er Jahren erkunden. Dahinter verstecken sich Geschichten von Radiomacher_innen, die am Mikrofon stehen, in Redaktionen sitzen, die Technik betreuen, Informationen und Inhalte recherchieren und aus der Welt berichten.

Außerdem werden Radio-Formate wie die Live-Sportreportage, das Radio-Feature oder das Hörspiel vorgestellt. Letzteres feiert 1924 als „Sendespiel” auf Welle 467 in Frankfurt am Main seine Radiopremiere. Eine von zahlreichen kreativen Lösungen, um hörbare Welten zu zaubern und Geschichten nach allen Regeln der Kunst zu erzählen: Der „Berliner Sender“ installiert 1926 eine Wanne, um Wasser- und Regengeräusche zu erzeugen.

Radiogeräte

Radios sammeln ist eine Leidenschaft – und gehört zu den Aufgaben des Museums für Kommunikation Berlin. 37 besondere Radio-Exponate aus der rundfunkhistorischen Sammlung des Museums werden interaktiv inszeniert und von prominenten Radio- und Podcast-Stimmen, u.a. von Frank Elstner, Oliver Kalkofe und Katrin Müller-Hohenstein, vorgestellt.

Radio im Alltag

Ein strukturierter Tag gibt den meisten Menschen Halt. Radiohören gehört für über 90 Prozent der Deutschen dazu: Der Radiowecker beendet den Schlaf, noch vor dem Gang ins Bad wird das Küchenradio angeschaltet. Einst versammelte man sich im Wohnzimmer zu festen Zeiten um große Phonomöbel. Zugleich gab es schon früh das Bestreben, die räumliche Beschränkungen zu durchbrechen: Batteriebetrieben beschallen Radios bereits in den 1920ern den öffentlichen Raum, wenn auch weit weniger komfortabel und kultig als die handlichen Transistorradios in den 1960ern. Heute haben wir „Audio” im Auto, in der Hand und der Hosentasche, egal wohin es uns verschlägt.

Brückenbauer Radio

Die Zeiten, in denen Radio gemeinsam versammelt um ein Gerät gehört wurde, sind weitgehend vorbei. Doch nicht nur über das Gefühl, physisch in Kontakt zu sein und ein gemeinsames Erlebnis zu teilen, weiß Radio zu verbinden. Ob in den Wirren nach dem Zweiten Weltkrieg, für die „Gastarbeiter_innen” in der jungen Bundesrepublik Deutschland oder für Menschen, die wegen Katastrophen, Konflikten und Kriegen flüchten müssen: Für viele ist das Radio eine Verbindung – zu Familie und Freunden in der Ferne, der alten wie neuen Heimat.

Kultradio und Radiokult

Nicht zuletzt ist Radio Kult. In unzähligen Songs besungen, auf ebenso vielen Mixtapes mitgeschnitten, hat sich das Radio ins kulturelle Gedächtnis gesendet. In der Ausstellung können die Gäste ihre eigenen Radio-Erinnerungen und -Erlebnisse auf einem Mixtape ihres Geburtsjahrzehnts mitschneiden, so dass eine einmalige Geschichtencollage entsteht.

100 Jahre Radio in Bildern

In 100 Jahren Radio verändern sich die Geräte und unsere Hörgewohnheiten. Die Galerie zeigt zehn Dekaden Radio und seine Hörer_innen – privat, drinnen, draußen, spontan und inszeniert.

Besucher in Aktion

Im „Radio Klub 100!” werden die Besucher_innen zu Radio-Stars und moderieren ihre eigene Radiosendung, die live auf den ON AIR-Empfängern zu hören ist. Mit diesen in der Ausstellung zu nutzenden UKW-Radios können die Gäste außerdem sechs Hörstücke im ON AIR-Äther entdecken. Wie und was ist Radio in 20 Jahren? In der Radio-Zukunftsredaktion sind die Besucher_innen schließlich eingeladen, über die Entwicklung des Radios nachzudenken und sich darüber auszutauschen.

Eckdaten zur Ausstellung

ON AIR. 100 Jahre Radio 2. Oktober 2020 bis 29. August 2021 Gefördert von der Kulturstiftung der Länder In Kooperation mit der Stiftung Deutsches Rundfunkarchiv Medienpartner sind Deutschlandfunk Kultur und rbb Kultur Mit freundlicher Unterstützung der TechniSat Digital GmbH

Weitere Informationen

radio.museumsstiftung.de

 


Diesen Artikel:
  • print Drucken
  • Bookmark Bookmarken

QR-Code mit dem Handy Scannen und diese(n) Seite / Artikel online Lesen:

 

Google QR Code Generator

QR Code for https://vivanty.de/kultur/air-100-jahre-radio
Oops... Sie benutzen eine zu alte Browserversion. Um die Seite Korrekt darzustellen benutzen sie bitte mindestens den Internet Explorer 8.
navigateup

Für die Ansicht der mobilen INFOSAT Webseite drehen Sie bitte ihr Handy.