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DAUN, 03.05.2021 - 16:36 Uhr
Kultur

Björn Kern über seinen neuen Roman „Solikante Solo“

Björn Kern, 1978 geboren im Südschwarzwald, lebte über zehn Jahre in Berlin und ist nun mit seiner Familie ins Oderbruch gezogen. Auf Instagram (@bjoern.kern) macht er sich Gedanken über ein anderes, weniger schädliches Leben und Wirtschaften. „Das Beste, was wir tun können, ist nichts“ wurde zum Bestseller. Für seine Romane erhielt er u.a. den Brüder-Grimm-Preis und das Casa Baldi Stipendium der Villa Massimo sowie, für einen Auszug aus „Solikante Solo“, das Brandenburgische Literaturstipendium.

1. Märkische Originale

Ein Roman, der in Brandenburg auf dem Land spielt, scheint nicht ohne brubbelnde, skurrile, aber liebenswürdige Charaktere auszukommen. Haben Sie das in echt so kennengelernt?

Auf jeden Fall, das ist kein Klischee! Dieses Gefühl von „janz weit draußen“, von „auf meinem Hof bestimme ick, du Köppken“ ist ein wenig gewöhnungsbedürftig, der Drang nach Individualität und Freiheit aber auch faszinierend. Ich habe meine Nachbarn sehr liebgewonnen. (Die brubbelnden, wie die nicht brubbelnden auch…) Jedenfalls ist stets gute Unterhaltung vorprogrammiert, wenn man als Berliner nach Brandenburg zieht.

2. Städter auf dem Land

Jann will aufs Land, weil der sich dort ein natürlicheres Umfeld erhofft, für sein Kind. Sie sind mit ihrer Familie ebenfalls aufs Land gezogen. Hat’s geklappt, mit der Natürlichkeit und der Ruhe?

Also, natürlich und gesund ist hier gar nichts. Manche meiner – überaus geschätzten! – Nachbarn legen die fünfhundert Meter vom einen zum anderen Dorfende mit dem Auto zurück. Gefühlt jeder raucht. Und wenn ich Hunger habe, muss ich genauso in den Supermarkt wie ein Städter auch. Aber, ich arbeite dran. Das Gemüsebeet ist abgesteckt.

3. Nachhaltigeres Leben

Jann träumt von einem Leben, das ökologischer, nachhaltiger ist. Gleichzeitig lebt und konsumiert er wie alle anderen auch. Wie ist dieser Spagat zu erklären?

Naja, das Problem kennen wir ja alle: Eigentlich müssten wir auf die Barrikaden gehen. Stattdessen gehen wir doch lieber wieder zu Lidl. Ist so schön praktisch. Ich denke, es liegt daran, dass wir als Individuen überfordert sind. Es geht nicht darum, dass jeder einzelne etwas weniger Plastik verbraucht oder sein Handy länger nutzen soll. Wir brauchen den Systemwechsel! Wenn es in den Dörfern wieder Fleischer und Bäcker gibt, muss auch keiner mehr mit dem Auto Brötchen holen fahren…

4. Offenheit und Toleranz

Letztlich geht es in Ihrem Buch vor allem um eines – um Offenheit und Toleranz. Was glauben Sie, wie wir uns eine offene Gesellschaft bewahren können?

Ruth würde sagen: Indem wir das Andere von Kindesbeinen an kennenlernen. Nur so empfinden wir es später nicht als fremd. Jann dagegen würde sagen: Wir müssen uns erstmal darauf einigen, wozu diese Toleranz überhaupt gut sein soll. Bei allem, was (seiner Meinung nach) einer ökologischen Transformation im Wege steht, hört seine Toleranz auf... Ich selbst denke: Wir sollten aufhören mit dem Freund-Feind-Denken. Es macht keinen Spaß, mit dem Nazi nebenan zu sprechen. Aber wenn ich nicht mit ihm spreche, vergrößert das die Kluft nur. Dazu kommt, dass gerade so viele gekränkte Menschen (meist: Männer) herumlaufen. Vielleicht brauchen wir auch neue Erzählungen, jenseits von Job und Eigenheim, die den Wert eines Menschen in der Gesellschaft bestimmen. Wer sich selbst mag, mag ja meist auch den anderen.

5. Gespaltene Gesellschaft

Neben der Pluralität braucht es also auch Identität?

Auf jeden Fall. Aber das ist ja das Schreckliche, gerade: Eigentlich positive Vokabeln werden allenthalben von Nazis besetzt. Es ist nichts falsch daran, eine „Identität“ zu haben – die Identitären hingegen sind einfach nur Faschisten. „Querdenken“ wiederum hat mir zeitlebens immer viel Spaß gemacht – bevor das Wort von Coronaleugnern und Covidioten missbraucht wurde. Die Sehnsucht nach mondäner Welterfahrung auf der einen Seite, und die Suche nach neuer Übersichtlichkeit auf der anderen ist jedenfalls ein wichtiges Thema im Buch. Wie viele habe auch ich den Eindruck, dass gerade ein Riss durch die Gesellschaft geht. Man ist für oder gegen Flüchtlinge, unterstützt die Coronamaßnahmen oder tut es nicht, hält den Klimawandel für eine Gefahr oder eben nicht. Genau vor diesem Hintergrund spielt der Roman, er zeichnet die Suche einer jungen Familie nach ihrem Platz in dieser gespaltenen Gesellschaft nach…

6. Toxische Männlichkeit

Der männliche Protagonist in Ihrem Buch ist ein ziemlicher Wüterich. Das „Schloss“ – eigentlich eine Ruine – soll sein Ego polieren. Geht das gut?

Jann war mal erfolgreicher Jungunternehmer, nach seiner Pleite ist er gekränkt und ohne Halt. Natürlich sieht er das Problem überall, nur nicht bei sich selbst. Schuld sind wahlweise Dealer, Autofahrer, Investoren, Frauen… Ach, Jann. (Und, nein, bei der Schlossruine fällt ihm auch nichts anderes ein, als erst einmal, schön nach außen hin, die Fassade zu restaurieren… )

7. Singles

Ruths beste Freundin Kate mäandert ziemlich haltlos durchs Berliner Nachtleben. Also: Nur mit fester Partnerschaft und eigener Familie wird alles gut?

Nein, das ist natürlich Quatsch! Kates Problem ist weniger der fehlende Mann, als dass sie sich ständig einredet, sie bräuchte einen. Ich glaube, sie könnte ein sehr glücklicher Mensch sein, wenn sie nicht so viel Zeit mit Daten verbringen würde.

8. Familie

Jann, Ruth und Sisal sind eine moderne Kleinfamilie, ohne unterstützende Großeltern. Entsprechend am Ende mit den Nerven sind die drei. Vater und Mutter in Vollzeit, Kind in der Kita – doch kein so tolles Modell?

In der Tat denke ich, dass wir einen dritten Weg bräuchten. Keiner will zurück ins Patriarchat der Fünfzigerjahre. (Ich schon gar nicht!) Aber stattdessen sind nun alle im Dauerstress, das tut auch den Kindern nicht gut. Das ist nicht der Sieg der Emanzipation, sondern des Kapitals. Warum wagen wir nicht ganz andere Arbeitszeitmodelle? Kurzzeit? Halbtags-arbeit? Meine persönliche Erfahrung ist: zwei Vollzeitstellen und Kinder schließen sich aus. Aus der Überforderung entstehen manchmal unschöne Szenen, das sieht man ja auch im Buch…

9. Zukunft oder Biedermeier?

Familienleben. Landleben. Nun noch die pandemiebedingten Einschränkungen. Führt das nicht direkt ins Biedermeier?

Nicht unbedingt! Die Coronakrise – so schlimm sie ist – wird vorübergehen. Die Klimakrise aber bleibt. Neue Lebensstile, ein anderes Miteinander einzuüben bedeutet da keine mentale Faulheit, sondern ist eine Riesen-Herausforderung: Wie können wir wieder leben, ohne zu zerstören? In der Stadt? Auf dem Land? Als Familie? Oder im Mehrgenerationenhaus? Gerade das neue Leben auszumalen, ist alles andere als bieder, sondern benötigt Mut und Kreativität.

10. Corona

Das Leben auf dem Land ist seit Corona für viele Menschen zum Sehnsuchtsort geworden. Hat das Ihr Schreiben beeinflusst?

Auf keinen Fall! Ich verspreche: Der Roman ist zu 100% corona-frei!

Björn Kern - Solikante Solo

  • 336 Seiten
  • Klappenbroschur
  • € 16,00 / € 16,50 (A)
  • ISBN 978-3-9613-6095-6
  • Erschien am 10. März 2021
  • S. Fischer Verlag

Thalia Berlin-Gesundbrunnen: Wer „Unterleuten“ von Juli Zeh gern gelesen hat, der sollte auf jeden Fall auch „Solikante Solo“ lesen.


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Juni 2021 / No 85

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