- © Foto: Pirelli Kalender 2019, Albert Watson -
DAUN, 05.12.2018 - 16:15 Uhr
Kultur

Der Pirelli-Kalender 2019 - Interview mit Albert Watson

Wie sind sie das Projekt des Pirelli-Kalenders angegangen?

„Der Pirelli-Kalender ist für jeden Fotografen ein einzigartiges Projekt. Als ich es in Angriff nahm, wollte ich es anders machen als die Fotografen vor mir und ich fragte mich, wie ich das wohl am besten realisiere. Ich suchte nach qualitativ hochwertigen Bildern mit Tiefe, die etwas erzählen. Ich wollte mehr machen als einfach nur Personen abbilden. Alles sollte den Eindruck entstehen lassen, man habe Einzelbilder eines Films vor sich. Ich möchte, dass die Betrachter des Kalenders verstehen, dass ich pure Fotografie machen wollte, dass ich die Frauen, die vor meiner Kamera agierten, entdecken und eine Situation schaffen wollte, aus der ein positives Bild der Frau von heute entspringt.“

Wie haben Sie das Projekt dann angelegt?

„Ich wollte sichergehen, eine aussagekräftige Story zu haben und dachte: „Versuchen wir, die Aufnahmen wie die Einzelbilder eines Films wirken zu lassen“. Die Aufnahmen wurden als Panoramabilder gemacht, was ziemlich aufwändig war. Jede der vier Frauen hat eine eigene Individualität, ein ganz besonderes Ziel im Leben und ihre eigene Art zu handeln. Und alle blicken auf ihre Zukunft. Das zugrunde liegende Thema sind also die ‚Träume‘, aber der Grundgedanke des gesamten Projekts ist die Erzählung in vier ‚kleinen Filmen‘.“

Können Sie uns etwas zu den Geschichten sagen, die Sie in Ihren Kalender beleben?

„Jede Figur übernimmt im Pirelli Kalender 2019 eine Rolle. Bisweilen nähert sich die Rolle dem an, was ihre Darstellerin im Leben macht. Doch letztlich spielen alle einfach eine Rolle. Sie sind nicht sie selbst. Und das ist es, was ich wollte.

Die Frau, die  Gigi Hadid  wird, hat sich kürzlich von ihrem Lebensgefährten getrennt. Sie hat einen Vertrauten, dargestellt von dem Modedesigner Alexander Wang. Er hilft ihr, diesen schwierigen Moment zu überwinden. In diesen Bildern liegt für mich ein Hauch von Melancholie. Mit der Figur von Gigi Hadid wollte ich das Bild einer Frau vermitteln, die mit einem Gefühl der Einsamkeit in die Zukunft blickt. Ich wollte, dass sie wesentlich ‚minimalistischer‘ erschien als die anderen Frauen, die ich fotografiert habe. Und ich wollte, dass sie sich in den Umgebungen widerspiegelt, in denen ich sie dargestellt habe. Die anderen Protagonisten agieren vor üppigen Hintergründen, und auf fast allen Aufnahmen ist Aktion zu sehen."

 Julia Garner  übernimmt die Rolle einer Fotografin, die botanische Motive aufnimmt und davon träumt, ihre Fotos erfolgreich auszustellen. Julia ist eine sehr erfahrene Schauspielerin und hat sich perfekt in ihre Rolle hineinversetzt. Wir haben die Aufnahmen in einem wunderschönen tropischen Garten in Miami gemacht, der sich für unsere Arbeit als perfekt erwies.

 Misty Copeland  und Calvin Royal III stellen zwei  Tänzer dar, die in einer Wohnung im Stil des Art Déco leben. Sie träumt davon, ein Star zu werden und in Paris zu tanzen. Wie sie in die Zukunft blickt, hat sie ein Ziel vor Augen. Das Streben nach Erfolg ist ihre Antriebskraft. Die von Misty Copeland dargestellte Figur tanzt in einem Lokal, um sich ihren Unterhalt zu verdienen. Aber in ihrem Garten hat sie eine kleine Bühne errichtet, auf der sie tanzt, manchmal mit ihrem Verlobten, dargestellt von Calvin Royal III.

Die von Laetitia Casta dargestellte Künstlerin lebt in einer Einzimmerwohnung, die ihr auch als Atelier dient und die sie mit ihrem Lebensgefährten teilt, dargestellt von Sergei Polunin. Beide träumen vom Erfolg: sie als Malerin, er als Tänzer. Das Interessante ist, dass sich Laetitia in ihrer Freizeit wirklich Skulpturen widmet und Kunstgegenstände kreiert. Dieser günstige Zufall hat es ihr erleichtert, sich in ihre Rolle hineinzuversetzen. Wir haben beschlossen, auch im Freien zu fotografieren, um die Szene in ein natürliches Licht zu setzen. Miami und seine tropische Natur sind eine wesentliche Komponente des Bildes.“

Welche Rolle hat das Licht in diesem Projekt gespielt?

„Die erste berühmte Persönlichkeit, die ich als junger Fotograf abgelichtet habe, war Alfred Hitchcock. Er sagte zu mir: „Mein lieber Junge, wenn das Storyboard beendet ist, ist auch der Film beendet. Ich muss ihn nur noch drehen.“ Das Wesentliche dieser Aussage blieb mir immer in Erinnerung. Der Kalender 2019 ist wie das Storyboard eines Films. Ich habe es gut getroffen, denn ich habe eine vierjährige Ausbildung als Grafiker gemacht und dann drei Jahre die Royal College of Art Film School besucht, wo ich Regie studierte. Ich habe nie einen Fotokurs besucht und musste also lernen, Fotos zu machen und mit dem Licht zu arbeiten. Die technischen Aspekte der Fotografie waren für mich immer schwierig, denn ich hielt sie für unnatürlich. Rein intuitiv war es für mich dagegen ganz natürlich, einer filmischen Ästhetik zu folgen. Ein Großteil meiner Arbeit basiert auf grafischen Aspekten und Filmstreifen, mitunter auch auf einer Mischung daraus. In dieser Hinsicht war es für mich einfach, mich in den Kalender einzuarbeiten und Bilder wie Einzelbilder eines Films zu erzeugen. Es ging um ein Verschmelzen all der verschiedenen Elemente, um daraus eine Story entstehen zu lassen. Der gemeinsame Nenner besteht darin, dass jede der dargestellten Figuren dynamisch ist. Sie denken an ihre Zukunft und träumen davon, wo sie in fünf, zehn oder zwanzig Jahren sein könnten.“

Wie hat Ihnen die Arbeit am Set gefallen?

„Ich weiß, dass einige Personen am besten arbeiten, wenn am Set Spannung herrscht. Nur so können sie ihre Kreativität voll freisetzen. Für mich trifft das genaue Gegenteil zu. Wenn ich mich mit Personen amüsiere, wenn ich mich in ihrer Gesellschaft wohl fühle und mit ihnen Spaß habe, kann ich aus ihnen wesentlich mehr herausholen. Manchmal sage ich den jungen Fotografen, entscheidend sei die Location, die Location und nochmal die Location, doch bei einem Projekt wie diesem heißt es Vorbereitung, Vorbereitung und nochmals Vorbereitung. Je mehr man sich auf eine Arbeit vorbereitet, desto kreativer wird sie sein. Es gilt nachzudenken und zu programmieren, programmieren, programmieren. Das ist es, was wirklich zählt.

Ich hatte großartige Unterstützung, als ich die Atmosphäre für den Kalender schuf. Steve Kimmel war der künstlerische Leiter, zusammen mit Arnold Barros und Belinda Scott, und sie haben ausgezeichnete Arbeit geleistet. Dank ihres Engagements war alles perfekt. James Kaliardos hat sich um die Schminke gekümmert. Seine Arbeit war fantastisch, schön, unsichtbar, aber dennoch präsent. Die Frisuren, um die sich Kerry Warn kümmerte, wirkten bei allen Frauen ganz natürlich. Er hat viel Erfahrung beim Film gesammelt und war für dieses Projekt genau der richtige. Julia Von Boehm kümmerte sich um das Styling und das Fashion Editing. Außerdem hatte ich mein eigenes Assistenten-Team mit Taro Hashimura und Ed Smith. Alles Digitale wurde gesteuert von Adrien Potier, und Emi Robinson hat wunderbare Retuschen gemacht. Alle haben einen großen Beitrag geleistet, und am Ende war der Kalender wohl eher ein filmisches Projekt als ein fotografisches.“

Glauben Sie, dass Sie Ihre Träume verwirklicht haben?

„Wenn man einen Traum verwirklichen will, muss man hart arbeiten. Ich bin dabei immer schrittweise vorgegangen und habe ein Ziel nach dem anderen erreicht, ohne die Leiter sofort bis ganz nach oben erklimmen zu wollen. Obwohl ich manchmal den Eindruck habe, dass diese Leiter ins Unendliche emporsteigt und sich die oberste Sprosse immer weiter entfernt, glaube ich doch, dass es sich lohnt, immer höhergesteckte Ziele und Träume vor Augen zu haben.“

BIOGRAFIE VON ALBERT WATSON

Albert Watson wurde in Edinburgh geboren und wuchs dort auf. Er studierte Graphic Design am Duncan of Jordanstone College of Art and Design in Dundee sowie Film am Royal College of Art in London. Obwohl er von Geburt an auf einem Auge blind ist, nahm er Fotografie in seinen Studienplan auf. 1970 ging er mit seiner Ehefrau Elizabeth, die eine Stellung als Grundschullehrerin in Los Angeles erhalten hatte, in die USA und er begann, sich als Hobbyfotograf zu betätigen. Heute ist Albert Watson einer der erfolgreichsten und schöpferischsten Fotografen weltweit. Dies hat er seiner ganz persönlichen Fähigkeit zu verdanken, Kunst, Mode und Werbefotografie miteinander zu verschmelzen und so einige der symbolträchtigsten Bilder aller Zeiten zu schaffen. Die Vielfalt und der Umfang seines Schaffens sind ohnegleichen: das Spektrum reicht von Aufnahmen von Alfred Hitchcock und Steve Jobs bis hin zu den Beauty Shots von Kate Moss, von den Landschaftsaufnahmen in Las Vegas bis hin zu den Stillleben der Grabbeigaben des Königs Tutanchamon. Seine Fotografien sind in den Galerien und Museen der ganzen Welt zu sehen, und die Zeitschrift «Photo District News», quasi die Bibel der Fotografie-Branche, nahm Albert in ihre Liste der zwanzig einflussreichsten Fotografen aller Zeiten auf, neben Namen wie Irving Penn und Richard Avedon.

Watson gewann zahlreiche Preise, darunter einen Lucie Award, einen Grammy Award, drei Andys, einen Steiger Award, einen Hasselblad Masters Award und die Centenary Medal für die Karriere von der Royal Photographic Society. Im Juni 2015 wurde dem schottischen Fotografen für seine Verdienste um die Kunst der Fotografie von Königin Elisabeth II. das Offizierskreuz des Order of the British Empire (OBE) verliehen. Seine Fotos erschienen weltweit auf über 100 Covern von «Vogue» und in unzähligen anderen Zeitschriften wie „Rolling Stone“, „Time“ und „Harper’s Bazaar“. Viele seiner Fotos sind Ikonen der Welt der Mode oder Porträts von Rockstars, Rappern, Schauspielern oder anderen prominenten Personen. Von ihm stammen die Aufnahmen zu Hunderten von Werbekampagnen für große Unternehmen wie Blumarine, Prada, The Gap, Levi’s, Revlon und Chanel. Er hat zahlreiche Filmplakate realisiert, wie für Kill Bill und Die Geisha, über 100 Fernsehspots gedreht und sich gleichzeitig Projekten für Ausstellungen in Museen und Galerien gewidmet. Albert hat fünf Bücher veröffentlicht: Cyclops (Bullfinch, 1994), Maroc (Rizzoli, 1998), Albert Watson (Phaidon, 2007), Strip Search (PQ Blackwell/Chronicle 2010) und UFO: Unified Fashion Objectives (PQ Blackwell/Abrams 2010). Sein jüngstes Buch mit dem Titel Kaos wurde von Taschen im Herbst 2017 veröffentlicht. Viele Kataloge seiner Fotos wurden von Museen und Galerien zu seinen Ausstellungen veröffentlicht.

Seit 2004 wurden Albert Watsons Werke in Einzelausstellungen im Museo d’Arte Moderna in Mailand, im Kunst Haus Wien, im City Art Centre von Edinburgh, im FotoMuseum von Antwerpen, im NRW Forum von Düsseldorf, in der Forma Galleria in Milano, der Fotografiska in Stockholm und im Multimedia Art Museum in Moskau gezeigt. Eine umfangreiche Retrospektive mit einem neuen Korpus von Fotos, die Watson in Benin aufnahm, wurde in den Deichtorhallen von Hamburg 2013 präsentiert. Die Fotografien von Watson wurden in Kollektivausstellungen in zahlreichen Museen ausgestellt, darunter im National Portrait Gallery in London, im New Yorker Metropolitan Museum of Art, im Pushkin Museum of Fine Arts in Moskau, im Lianzhou Museum of Photography in China, im International Center of Photography in New York, im Brooklyn Museum und in den Deichtorhallen. Seine Fotografien sind zudem Bestandteil ständiger Ausstellungen in der National Portrait Gallery, im Metropolitan Museum of Art, im Smithsonian, im schottischen Parlament, in den Deichtorhallen und im Multimedia Art Museum in Essen.

Watson geht vollkommen in seiner Arbeit auf. Sein Atelier in Manhattan, das ihm auch als seine persönliche Galerie dient, füllen Millionen Fotos und Negative sowie zahlreiche Gigantografien. Seine bildliche Sprache folgt einem Kodex, der seine Fotografien durch ihre Intensität und die technische Virtuosität eindeutig als Aufnahmen von Albert Watson identifizierbar macht, sei es ein Foto von einem Wald in Schottland, von einem Kleid von Yohji Yamamoto, getragen von einem Topmodel, oder eine Nahaufnahme des von dem Astronauten Alan Shepard auf dem Mond getragenen Raumfahreranzug, oder das ikonische Porträt von Steve Jobs. Sein unaufhörliches Streben nach Perfektion machten Watson zu einem der gefragtesten Fotografen der Welt.


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Januar 2019 / No 56

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