Wenn Kunden auf der Suche nach Inspiration sind, ist Sophie Schmale zur Stelle. Sie ist angehende Buchhändlerin in Berlin. Wenn Kunden auf der Suche nach Inspiration sind, ist Sophie Schmale zur Stelle. Sie ist angehende Buchhändlerin in Berlin. - © Foto: picture alliance/dpa/dpa-tmn | Zacharie Scheurer -
DAUN, 28.09.2020 - 09:58 Uhr
Kultur

Empfehlungen mit Herz: Buchhändler inspirieren on- und offline

(dpa/tmn) - Der Tod wurde ihm oft genug vorhergesagt. Doch so einfach lässt sich der Buchhandel nicht unterkriegen: „Noch vor fünf Jahren hieß es, unsere Branche sei tot. Aber davon kann keine Rede sein, sie ist quicklebendig und wir benötigen dringend Nachwuchs“, sagt Christiane Schulz-Rother.

Die 52-Jährige Inhaberin von vier Buchhandlungen führt deswegen auch regelmäßig Nachwuchskräfte an ihren Beruf heran: „Ich bilde gerne aus, es macht mir Spaß, jungen Leuten Entwicklungsraum zu geben und meine Erfahrung weitergeben zu können.“

Hoffnungszeichen für die Zukunft des Buchhandels

Zahlen des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels in Frankfurt am Main bestätigen die Einschätzung der Berliner Buchhändlerin. Im Jahre 2019 wurden mehr Ausbildungsverträge abgeschlossen als im Vorjahr, insgesamt waren es 464 neue Ausbildungsverhältnisse im Buchhandel.

„Die steigenden Ausbildungszahlen sind gute Nachrichten in schwierigen Zeiten. Wenn Betriebe in Ausbildung investieren, heißt das, dass sie an die Zukunft der Branche glauben“, sagt Monika Kolb, Bildungsdirektorin des Börsenvereins.

Über Sherlock Holmes zum Lesen

Sophie Schmale ist eine der angehenden Buchhändlerinnen im Team von Christiane Schulz-Rother. Sie arbeitet entweder in der Tegeler Bücherstube im Norden Berlins oder in einer Filiale im Bezirk Tempelhof. Nach ihrem Abitur hat sie dort ein Praktikum absolviert und gleich anschließend die Ausbildung begonnen.

Bei der 22-Jährigen hat sich irgendwann in der Oberstufe herauskristallisiert, dass ein Beruf mit Büchern das Richtige für sie sein könnte. Dabei sei sie als Kind keine Leseratte gewesen, erzählt sie.

Erst mit zwölf, dreizehn Jahren habe sie ihre Liebe zu Büchern entdeckt: Arthur Conan Doyle war es, der sie mit seiner Detektivfigur Sherlock Holmes entfachte. Jane Austen, die große Dame der britischen Literatur, gab der Flamme weitere Nahrung. Beflügelt von den beiden Klassikern bediente sich Schmale als Jugendliche im Bücherregal des Vaters und las einfach weiter.

Fachwissen von Krimi bis Ratgeber

Heute begeistern sie Neuerscheinungen, die sich mit aktuellen gesellschaftlichen Themen auseinandersetzen. „Bücher sind etwas Besonderes und für mich ist es toll, sie zu empfehlen und zu verkaufen“, sagt Schmale. Während ihrer Ausbildung ist sie im gesamten Sortimenten und allen Literaturgattungen fit geworden.

Längst kennt sie sich nicht nur mit Romanen, sondern auch mit Sachbüchern, Kinder- und Jugendliteratur, Krimis, Reiseführern oder Ratgebern aus. Gut gefällt ihr an der Ausbildung, dass sie vom ersten Tag an im Geschäft mitarbeiten konnte.

Die Eigenarten der Kunden verstehen

Zweimal wöchentlich besucht sie die Berufsschule. Neben den kaufmännischen Fächern dreht sich der Unterricht auch um den Umgang mit unterschiedlichen Kundentypen. Schmale begreift es als theoretisches Gerüst. Aus der Praxis weiß sie, dass viele Menschen aus diesem Schema herausfallen und sie sich immer wieder neu auf Eigenarten und Vorlieben einzustellen hat.

Diesen individuellen Blick auf den Einzelnen und das Gespür für die Kundinnen und Kunden hält sie für ein großes Plus des stationären Buchhandels im Wettbewerb mit global agierenden Onlineversandhändlern.

Bücherlust während der Corona-Pandemie

„Während der Coronazeit kamen mehr Leute als früher, die ausdrücklich von uns Empfehlungen von Büchern wünschten“, erzählt sie. „Sie meinten, sie säßen sowieso so viel vor dem Computer und wollten sich nicht von Algorithmen, sondern von uns inspirieren lassen.“

Neben der Beratung der Kunden und dem Verkauf beschäftigen sich Buchhändlerinnen und Buchhändler mit Verlagsangeboten, einer marktorientierten Kalkulation und der Lagerhaltung. Die Dekoration der Schaufenster gehört ebenso dazu. Eine Aufgabe, die Sophie Schmale sehr gerne übernimmt, weil dabei ihre Kreativität ausleben kann.

Die Ausbildungsvergütung unterscheidet sich je nach Bundesland. Die Bundesagentur für Arbeit gibt als Orientierungswert ein monatliches Bruttogehalt von etwa 630 bis 900 Euro im ersten Ausbildungsjahr an. Später bekommen Azubis eine Vergütung, die etwa zwischen 730 und 1150 Euro liegt brutto im Monat liegt.

Eventmanagement und Website-Gestaltung

Die Vielfalt ist es, die auch Schulz-Rother an dem Beruf so mag: Sie ist nicht nur Expertin für Bücher und behält das Kaufmännische im Blick. Sie weiß, dass neben der analogen Bücherwelt auch die digitale gestaltet werden will.

Sie hält etwa ihre Internetpräsenz und den Online-Shop aktuell, agiert als Eventmanagerin, wenn sie Lesungen organisiert und zeigt sich offen für Formate, um die Kundenbindung zu stärken. Nach dem Motto „Buchgenuss nach Ladenschluss“ können etwa kleine Gruppen einen Abend privat in der Buchhandlung verbringen, dabei lesen, blättern und Neues entdecken - bei Getränken und Snacks.

Als die heute 52-Jährige nach dem Abitur ihre Lehre zur Buchhändlerin absolvierte, gab es all diese Angebote nicht. Auch wenn Schulz-Rother Schritt mit dem digitalen Wandel Schritt hält, ist sie dennoch überzeugt davon, dass die guten alten Tugenden die Basis ihres Erfolgs sind: Die Kunden stehen im Mittelpunkt und werden freundlich bedient - mit einer ausgewogenen Mischung aus Zurückhaltung und Zugewandtheit.

Von Katja Wallrafen, dpa


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