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DAUN, 17.11.2022 - 08:37 Uhr
Kultur

„Erwarte nichts“ - Interview mit Penélope Cruz

Nur wenige europäische Schauspielerinnen haben sich im Weltkino so durchgesetzt wie Oscargewinnerin Penélope Cruz („Mord im Orient Express“, „Volver“), die sowohl in europäischen Kunstfilmen wie im Mainstream Hollywoods Erfolge feierte. Dabei ist die Spanierin erfrischend normal geblieben und wirkt auch bei diesem Interview überaus persönlich und bescheiden. Doch gleichzeitig ist auch eine Festigkeit zu spüren, mit der sie sich in einer schwierigen Welt behauptet hat – ob im Haifischbecken der US-Branche oder an Bord abstürzender Flugzeuge.

Wir erleben Sie 2022 bislang in zwei komplett verschiedenen Filmen – einerseits dem feministischen Actionthriller „The 355“ und Pedro Almodóvars „Parallele Mütter“, für den Sie eine Oscarnominierung bekamen. In welcher der beiden Projekte haben Sie sich wohler gefühlt? Man kann das nicht vergleichen. Mit Pedro habe ich einfach so eine lange Beziehung – wir haben bislang sieben Filme zusammen gedreht, und ich bin dankbar, dass ich so unterschiedliche Projekte drehen kann, denn ich lerne von allen. Für mich ist das alles eine große Schule.

In beiden Filmen spielen Sie starke Frauen. Woher nehmen Sie Ihre persönliche Power? Eindeutig von meinen Eltern. Die haben sie mir vom ersten Tag meines Lebens an vermittelt. Gleichberechtigung war dabei ein ganz wichtiger Aspekt. Das haben mir meine Eltern auch gezeigt, und zwar nicht indem sie große Erklärungen abgegeben hätten, das war einfach ein Teil unseres Alltags. Sie haben mir das jeden Tag vorgelebt. Sie haben meine Schwester und mich genauso erzogen wie meinen Bruder. Sie haben von uns das Gleiche verlangt und sie haben uns auch das Gleiche verboten. Mein Vater ist leider nicht mehr am Leben, aber meine Mutter war und ist für mich ein eindeutiges Vorbild. Sie ist eine starke Frau und eine natürliche Feministin.

Und diese Wertvorstellungen vermitteln Sie auch an Ihre Kinder? Selbstverständlich. Diese Haltung ist Teil von mir. Sie ist gewissermaßen in meine Zellen eingeprägt. Damit gebe ich das automatisch an meine Kinder weiter.

In der Showbranche erfahren selbstbewusste Frauen inzwischen wesentliche stärkere Wertschätzung als früher. Doch es gab auch viele Übergriffe, wie wir aus „MeToo“-Bewegung wissen. Was waren Ihre Erfahrungen? Von solchen Erlebnissen, wie sie manche meiner Kolleginnen durch-machen mussten, blieb ich zum Glück verschont. Aber ich weiß sehr wohl, wie mies man als junge Schauspielerin in Hollywood behandelt wird. Am Anfang meiner Karriere in Amerika, da war ich um die 20, saß ich in Meetings mit zehn Männern, die über mich hinweg entscheiden wollten, weil ich damals nicht gut genug Englisch sprach. Mir blieb nichts anderes übrig, als mir Manager einzeln vorzuknöpfen: „Lass uns jetzt mal vor die Tür gehen und Tacheles reden.“ Ich erinnere mich auch an ein Mal, als ich mir vor einem Restaurant in Los Angeles ein Wortgefecht lieferte, um einige Sachen richtigzustellen.

Doch zu den damaligen Verhältnissen hätten Sie Ihrer Karriere schaden können. Hatten Sie keine Angst? Nein, ich hatte nie Bedenken, meinen Standpunkt zu behaupten. Meine Eltern, die Gleichberechtigung perfekt vorlebten, haben mich gelehrt, dass ich mir treu bleiben muss. Und es gab immer wieder Gelegenheiten, wo ich mir das selbst eingebläut habe.

Wann zum Beispiel haben Sie das getan? Vor mehreren Jahren, als ich glaubte, ich würde mit dem Flugzeug abstürzen.

Was genau ist da passiert? Es gab einen plötzlichen Druckabfall in der Kabine, wir mussten die Sauerstoffmasken aufsetzen, und der Pilot legte eine Notlandung hin, was er auch bravourös geschafft hat. Aber in dem Moment gingen mir folgende Gedanken den Kopf: „Du musst deinen Instinkten folgen. Sag immer, was dir auf dem Herzen liegt. Und tue nur das, woran du wirklich glaubst.“ – Ich war selber erstaunt, dass ich gerade an so etwas dachte. Aber als ich dann heil aus der Maschine ausstieg, beschloss ich noch mutiger zu sein und mein Leben zu 100 Prozent zu leben.

Hatten Sie keine Angst vor dem Sterben? Normalerweise fürchte ich mich vor Schmerzen, aber in dem Moment gar nicht – es war wirklich seltsam. Ich machte mir nur Sorgen, über all die Arbeiten, die ich nicht beenden würde und vor allem um meine Familie. Dass die nicht zu sehr darunter leiden würde. Ich selbst wollte nur dem Ganzen in die Augen schauen, wollte diesen Moment bewusst erleben.

Haben Sie sich gefragt, was einen nach dem Tod erwartet? Seit ich ein kleines Mädchen bin, fühle ich, dass es irgendwie weitergehen muss. Aber wohin nur? Wir wissen ja auch nicht, woher wir kommen. Dass es da keine Antworten gibt, stimmt mich ungeduldig, denn ich bin ein sehr neugieriger Mensch. So war ich schon immer. Schon mit drei meinte ich zu meiner Mama: „Die Geschichte mit dem Storch macht keinen Sinn.“

Bei wem holen Sie sich heute die Antworten? Ihrem Mann Javier Bardem? Da gibt es keine bevorzugten Kandidaten. Ich kann etwas Neues he-rausfinden, wenn ich ein Buch lese oder mit einem Fünfjährigen spreche – oder einer 90-Jährigen. Das Leben ist voller Zeichen und Entdeckungen für mich. Aber streng genommen bekomme ich die interessantesten Antworten von meiner Familie. Denn sie sagen mir die Wahrheit, ganz unverblümt. Ich bin immer wieder überrascht, welche Erkenntnisse ich von ihnen bekomme. Diese Dosis Realität ist für mich enorm wichtig.

Im Frühjahr waren Sie wieder für einen Oscar nominiert. Wie hart ist die Realität für Sie, wenn Sie nicht gewinnen? Meine Haltung zu solchen Dingen ist: Erwarte nichts. Wenn du nominiert wirst, dann ist das natürlich aufregend. Und ich bin natürlich sehr dankbar. Aber es ist viel gesünder und besser, wenn du dich einfach über-raschen lässt. Und davon abgesehen: Als Elternteil denkst du viel weniger an dich selbst. Denn deine ganze Aufmerksamkeit gilt deinen Kindern. Und das ist wunderbar.

 

Ein Interview von Rüdiger Sturm

 

 


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