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DAUN, 21.06.2018 - 14:00 Uhr
Kultur

Essbare Stadt Andernach: Statt Betreten verboten ist Pflücken erlaubt

(dpa/tmn) - Nur wenige Schritte geht Sylvia Schwitalla am Stadtgraben hinab, dann steht die Gästeführerin mit ihrer Besuchergruppe vor einer blühenden Wiesenkulisse. Wildkräuter haben sich am Hang angesiedelt: Salbei, Lichtnelke und Natternkopf, dazu sorgen Margeriten und Kornblumen für farbige Tupfer.

Erdbeeren und Tomaten, Birnen- und Apfelbäume, Salate und Kohl, Hopfen und Wein bereichern das Bild der Altstadt von Andernach. Entlang der 800 Jahre alten Stadtmauer wachsen Gemüse und Gehölze, etwa ein Hektar Fläche wird hier beackert. „Wir haben dort sogar Bananenstauden, da das Mauerwerk im Sommer viel Hitze abstrahlt“, erzählt Schwitalla. Darüber hinaus stehen in den Gassen der Altstadt mehr als 40 Pflanzkästen, in denen Kräuter wie Minze, Salbei und Thymian duften.

„An der Stadtmauer grünte früher englischer Rasen“, erinnert sich Schwitalla - Betreten streng verboten. Früher, das ist jetzt gerade mal acht Jahre her. 2010 war das „Jahr der Bio-Diversität“. Ein sperriger Begriff, mit dem die Unesco weltweit auf den Erhalt der Arten- und Sortenvielfalt von Pflanzen und Bäumen hingewiesen hatte.

Wie kann man diesen eindringlichen Appell bei uns in der Stadt umsetzen? Auf diese Frage hatte Landschafts- und Stadtplaner Lutz Kosack im Andernacher Rathaus die Antwort und ließ genau 101 verschiedene Tomatensorten an der Stadtmauer anpflanzen. Rasen raus und Gemüse sowie Obst rein in die Beete.

Anfangs kam das nicht überall gut an in der Stadt mit 30 000 Einwohnern. Werden Vandalen nicht alles ziemlich bald zerstören, fragten die Kritiker des Projektes. „Immerhin gab es keine Zäune, Gemüse und Obst waren zugänglich für jedermann unter dem Motto: Statt Betreten verboten ist Pflücken von Gemüse und Obst für jedermann erlaubt“, erinnert sich Uni-Dozent Kosack an den Beginn der Initiative mit dem eingängigen Begriff „Essbare Stadt Andernach“.

Längst sind die Kritiker verstummt, die befürchtete Zerstörung von Beeten und Bäumen ist weitgehend ausgeblieben. Das Ganze wurde zu einer Erfolgsgeschichte. Gehegt und gepflegt werden Obst, Gemüse und die Kräuter in der Altstadt von etwa 20 Langzeitarbeitslosen unter der Anleitung eines Gärtnermeisters. Organisiert wird das vom städtischen Sozialunternehmen Perspektive gGmbH.

„Mit den Tomaten fing alles an, seitdem läuft das Projekt“, erklärt Perspektive-Geschäftsführer Karl Werf. Er ist auch Leiter des Andernacher Sozial- und Jugendamtes und sagt: „Das Engagement der Langzeitarbeitslosen für die Natur eröffnet ihnen neue Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt.“ Die Männer und Frauen kümmern sich nicht nur um Beete und Bäume in der Altstadt, sie pflegen auch die 14 Hektar große Permakulturanlage Lebenswelt im Andernacher Stadtteil Eich.

Auf dem weitläufigen, öffentlich zugänglichen Areal wachsen Obst und Gemüse ganz ohne Chemie heran. 500 Obstbäume - Rheinischer Bohnapfel, Rote Schafsnase und Gellerts Butterbirne - spenden Schatten auf einer Wiese am Hang, wo 36 Schafe mit ihren Lämmern weiden. Darüber hinaus beherbergt die Lebenswelt 2 Esel, 5 Schwäbisch-Hällische Landschweine, 8 Rinder und 40 Gänse. In Freilandhaltung legen 250 Hühner ihre Eier, die wie das Obst und Gemüse aus der Lebenswelt-Kultur im FaiRegio-Laden in der Andernacher Altstadt verkauft werden.

Die Initiative der Andernacher sprach sich bald herum in den Amtsstuben von Stadtverwaltungen, in Biologie-Fachbereichen von Universitäten, unter Landschaftspflegern, Naturschutz- und Umweltverbänden genauso wie bei interessierten Hobbygärtnern. Andernach präsentierte das Konzept auf der Grünen Woche in Berlin. „Daraufhin fragten immer mehr Besucher nach Themenführungen durch die Essbare Stadt“, so Kristina Neitzert, Leiterin Tourismus und Stadtmarketing.

Damit wurde ein weiteres Kapitel der Erfolgsstory aufgeschlagen: Zehn Besuchergruppen ließen sich bereits 2010 zu Gemüse und Obst an der Stadtmauer leiten, mehr als 100 Gruppen haben sich für 2018 angesagt. Kraut und Rüben sind im Trend, augenzwinkernd stellen die Andernacher jedoch ein anderes Grünzeug mit ihrem Jahresmotto 2018 heraus: „Da haben wir den Salat“.

Eineinhalb Stunden sind die Besuchergruppen bei den Themenführungen zur Essbaren Stadt unterwegs, von der Rheinpromenade zur Stadtmauer mit den Obst- und Gemüsekulturen bis zum romanischen Mariendom aus dem 13. Jahrhundert. Manche Gruppe will zusätzlich die Permakulturanlage Lebenswelt bei einer Führung kennenlernen.

Andernach entwickelt sich ständig weiter. Im Rathaus verweist Planer Lutz Koseck auf eine Liste mit 300 Unterschriften, die in diesem Frühjahr auf seinen Tisch flatterte: „Anwohner des Marktplatzes wollen dort mehr Grün haben.“ Nun sei die Verwaltung gefordert, sich um die Wünsche dieser Bürger zu kümmern.

Nur ein paar Ecken vom Marktplatz entfernt entsteht mit den Historischen Gärten in der Kirchstraße eine römische und mittelalterliche Gartenlandschaft. 2019 sollen die Gärten eröffnet werden - eine neue Attraktion für Bürger und Besucher.

Info-Kasten: Andernach

Reiseziel: Die Kelten- und Römersiedlung Andernach am Rhein zählt zu den ältesten Städten Deutschlands. Die Stadt hat rund 30 000 Einwohner.

Anreise: Mit dem Flugzeug nach Köln/Bonn. Von dort weiter mit dem Leihwagen, Fahrtdauer etwa eine Stunde. Mit dem Auto über die A 61 Köln-Koblenz, Abfahrt Mendig, Nr. 34, weiter Richtung Burgbrohl und Brohl bis Andernach. Mit der Bahn über Köln oder Koblenz bis Andernach.

Reisezeit: Ende Mai bis Ende September.

Unterkünfte: Mehrere Stadthotels und Pensionen. Übernachtung im Doppelzimmer 66 bis etwa 200 Euro.

Informationen: Andernach.net GmbH, Konrad-Adenauer-Allee 40, 56626 Andernach (Tel.: 02632/987 94 80, E-Mail: info@andernach.net, www.andernach-tourismus.de).


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