- © Foto: picture alliance/dpa | Daniel Reinhardt -
DAUN, 06.12.2022 - 08:30 Uhr
Kultur

„Ich stelle Vieles infrage“ - Interview mit Iris Berben

Dieser Herbst ist Iris Berben-Saison. Zum einen ist die 72-Jährige in der Fortsetzung Ihrer Erfolgskomödie „Der Vorname“ – „Der Nachname“ zu sehen. Parallel gibt es eines der spektakulärsten Projekte ihrer Filmografie – die bitterböse Gesellschaftssatire „Triangle of Sadness“, die dieses Jahr die Goldene Palme in Cannes gewann. Thematisch passen beide Projekte zu den Befindlichkeiten der Erfolgsdarstellerin, denn Berben macht sich intensiv sowohl über die Entwicklungen der Gesellschaft wie ihres eigenen Lebens Gedanken, wie sie auch in diesem Interview beweist.

Am Schluss von „Der Nachname“ hält Ihre Figur ein Plädoyer für absolute Ehrlichkeit. Können Sie sich damit identifizieren? Mir ist diese Frau in ihrer Art als bekennender Freigeist sehr nahe. Ich kann mich also gut mit ihr identifizieren – abgesehen von ihrer extremen Ruhe, die den vielen Haschkeksen und Joints geschuldet ist. Auf jeden Fall halte ich Reden immer für die bessere Lösung. Man muss Dinge auf den Tisch legen, sich austauschen und Fragen stellen.

Außerdem meint diese Frau, dass man Mut zur Unvollkommenheit haben sollte. Sehen sie das ähnlich? Durchaus, denn wer definiert denn schon Perfektion? Viele Menschen machen sich abhängig von den Vorgaben anderer. Und dem gilt es zu widerstehen. Man muss seine eigene Lebensmelodie finden.

Haben Sie die Ihre gefunden? Meine Lebensmelodie hat sich relativ früh gezeigt. Und ich habe sie erkannt und begriffen, dass sie gut für mich ist. Dazu gehören viel Neugier und Tatenfreude. Ich mag keinen Stilstand, selbst wenn das manchmal anstrengend ist und nicht nur mit Freude, sondern auch mit Schmerz verbunden sein kann. Und gerade, weil mir meine Lebensmelodie ziemlich vertraut ist, bin ich imstande, mich auf einen ganz neuen Sound einzulassen.

Das heißt also auch, dass Sie nicht in sich ruhen, sondern sich ständig weiterentwickeln wollen. Absolut. Wir befinden uns in einer Zeit, wo sich die Welt auf rasante Weise verändert – auch durch die verschiedenen technischen Entwicklungen. Und wir müssen uns mit der Welt verändern. Natürlich kenne ich auch die Routine und das Gefühl des Angekommenseins. Aber es macht mir mehr Freude, auf einem Terrain zu segeln, auf dem ich mich nicht so auskenne. Das heißt, ich möchte etwas wirklich Neues machen.

Wann und wie tun Sie das zum Beispiel? Ich habe Ende letzten Jahres einen kleinen Film fürs Kino gedreht. Da war viel Unerfahrenheit und Wahnsinn mit im Spiel, aber auch viel Herzblut. Ich fühle mich wohl in unabgesicherten Prozessen. Ich habe das daher gerne gemacht.

Dass sich Ihr Mut zum Risiko ausbezahlt, zeigt sich auch an Ihrer englischsprachigen Produktion „Triangle of Sadness“, die dieses Jahr in Cannes die Goldene Palme gewann. Hatten Sie je so einen Traum? Ich dachte mir, es wäre schön, wenn ich eines Tages in Cannes mit einem tollen Film vertreten bin, nachdem ich das Festival so viel Jahre besucht habe. Aber das stand nicht auf einer Wunschliste, die ich abarbeiten wollte. Dazu bin ich zu realistisch.

Ihre Figur in dem Film, die einen Schlaganfall erlitten hat, kann nur einen einzigen Satz sagen. Das war für Sie okay? Für Regisseur Ruben Östlund wäre ich auch einfach nur durchs Bild gelaufen. Ich hatte seinen Film „The Square“ gesehen, der ebenfalls in Cannes gewann, und daraufhin habe ich mir seine anderen Filme geholt. Ich dachte mir: Mit dem möchte ich mal drehen. Und dann bekam ich plötzlich den Anruf für ein Casting. Ich wollte nur dabei sein, die Rolle war mir egal. Das ist nicht einfach so dahin gesagt. Ich finde es großartig, wie er mit Schauspielern arbeitet und welche Stellschrauben er anzieht, damit sie etwas leisten, was man nicht erwartet hat. Das hat wenig mit Schau-‚Spiel‘ zu tun, sondern mit Sein und Fühlen. Als Schauspieler hast du eingeübte Mechanismen und Sicherheitspolster, mit denen du an eine Rolle herangehst. Und dann nimmt dir jemand alles und versucht dich so pur wie möglich zu machen.

Parallel dazu gab es ja auch Veränderungen in der Welt, die Sie schon angesprochen haben. Was haben die mit Ihnen gemacht? Ich stelle Vieles infrage. Denn es gibt eben so viele Krisen, ob Corona oder der Klimawandel. Und mir ist noch nie so klar geworden wie jetzt, was diese Umwälzungen für den Einzelnen bedeuten. Ich habe angefangen, mich von Dingen zu trennen und Überfluss abzubauen. Wobei ich das Leben nach wie vor genießen möchte.

Worauf könnten Sie nicht verzichten? Das Schlimmste wäre für mich, nicht mehr reisen zu können. Andere Länder, und andere Kulturen kennenzulernen ist nach wie vor eine meiner größten Freuden und Leidenschaften Das würde mir extrem schwerfallen, auf das alles zu verzichten. Aber ich versuche andere Wege zu finden, meinen Beitrag in Sachen Einsparung zu leisten

Sind Sie jemand, der wie in „Der Nachname“ seine Erkenntnisse den nahestehenden Menschen vermitteln möchte, oder halten Sie sich mit Ratschlägen zurück? Was heißt Ratschlag? Ich halte nicht viel davon, jemandem Anweisungen zu geben, was er tun soll. Aber es gibt die Situation, wo jemand meint: ‚Ich komme nicht weiter. Hast du einen Vorschlag? Wie würdest du dich verhalten?‘ Wenn man in so ein Gespräch kommt, dann bin ich gerne bereit, meine Erfahrungen, die guten wie die schlechten, mitzuteilen. Aber ich bin niemand, der etwas an sich ziehen würde und sagt: ‚Ich muss eine Familie auf Trab bringen, in dem ich ihr zeige, wie sie das Leben führen soll.‘ Wenn indes jemand eine Frage stellt, dann bin ich dafür bereit.

Letztes Jahr traten Sie in Cannes mit einem Kleid auf, auf dem – auf Französisch – Wir sind stärker zusammen‘ stand. Welchen Ratschlag würden Sie heute mit dieser Botschaft verbinden? Wir können diese schwierige Zeit nur im Miteinander bestehen. Und ich glaube, dass sich ein großer Teil dieser Gesellschaft für dieses Miteinander verantwortlich fühlt. Wir müssen diese Haltung nur weiter pflegen und dürfen nicht darin nachlassen. Es gibt Menschen, die dieses Denken nicht teilen, und das auch lautstark kundtun. Und so ist es auch unsere Aufgabe, lauter zu werden als diese anderen.

Von Rüdiger Sturm

 

 


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