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DAUN, 23.02.2018 - 15:47 Uhr
Kultur

Immer ich! - Freundschaften und Beziehungen sind oft unausgeglichen

(dpa/tmn) - Im Idealfall sind Beziehungen perfekt ausgewogen. In der Realität sieht das anders aus: Oft ist es immer der eine, der die Initiative ergreift, plant und organisiert. Manchmal nervt das so, dass man aus dieser „Ich-mache-alles“-Falle hinauswill. Doch wie funktioniert das? Und: Ist das erstrebenswert?

Janina Westphal nimmt die Dinge gerne selbst in die Hand. Die Bloggerin aus Hannover, die auf oh-wunderbar.de über ihr Leben als Mutter dreier Kinder schreibt, bezeichnet sich als die Macherin in ihrer Beziehung. „Ich bin oft ungeduldig und habe ganz genaue Vorstellung, wie etwas am besten umgesetzt wird.“ Bevor sie mit der Organisation unzufrieden ist, mache sie es lieber gleich selbst. „Ich stoße die Dinge an, plane und setze die Pläne um.“ Das liege einfach ihrem Charakter zugrunde. Es mache sie nervös, wenn ihr Mann oder ihre Kinder Sachen anders machen oder schludern.

So wie Westphal geht es vielen Menschen, die charakterlich zu den Machern gehören, sagt der Berliner Psychologe Wolfgang Krüger. „Ich habe alles in der Hand und empfinde das häufig als Vorteil“, erläutert er den Beweggrund, warum manche Leute in Beziehungen stets den aktiven Part bilden. „Dabei prägen uns oft unsere Kindheitsmuster.“ Menschen, die in der Kindheit eher verwöhnt worden sind, neigen dazu, abzuwarten und andere machen zu lassen. „Wer dagegen der Zuverlässigkeit anderer Menschen wenig traut, fühlt sich wohler, wenn er selbst bestimmen kann.“

Er warnt aber auch davor, solche Rollen zementieren zu lassen. Wenn der Aktive, zum Beispiel aus gesundheitlichen oder beruflichen Gründen, seine bisherige Rolle nicht mehr ausfüllen kann, sieht der Zurückhaltende darin oft eine Chance. Und vielleicht ist auch der Aktive froh, sich mal treiben lassen zu können. So genießt es Westphal ebenfalls in manchen Freundschaften, sich zwischendurch zurückzulehnen. „Meine beste Freundin ist auch eine Macherin, sie ist mir charakterlich sehr ähnlich. Wir haben beide ganz genaue Vorstellungen und tauschen daher häufig die Rollen.“

Eine solch ausgeglichene Freundschaft ist selten, wie Janosch Schobin erklärt. Der Soziologe der Universität Kassel forscht zum Thema Freundschaften und hat festgestellt: „Freundschaften sind fast nie konsistent.“ Freunde stellen Hierarchien unter ihren Freunden auf, die aber nicht immer miteinander übereinstimmen. „Das Problem ist das so genannte Freundschaftsparadox: Die durchschnittliche Person ist mit Menschen befreundet, die mehr Freunde haben als sie selbst.“ Dieses Phänomen tritt auf, weil es eine kleine Gruppe populärer Leute gibt, die sehr viele Freunde haben. „Und wer täglich drei, vier Anrufe oder Angebote von Freunden bekommt, greift am Ende des Tages nicht mehr selbst zum Hörer und übernimmt die Initiative.“ 

Ist es also ein Zeichen von Beliebtheit, die anderen einfach machen zu lassen? Nicht nur, sagt Schobin. Häufig hat es ganz praktische Gründe, weshalb sich einer um alles kümmert. „Zu viele Köche verderben den Brei. Strategisch ist es geschickter, wenn einer der Organisator wird.“ Und: Manche Leute haben einfach ein größeres Organisationstalent als andere.

„Wir suchen uns Freundschaften nach dem Ergänzungsprinzip aus“, erklärt Psychotherapeut Krüger. „Mein Freund soll aktiver, fleißiger sein als ich.“ Ungleichgewicht sei ein häufiger Bestandteil von Beziehungen: Einer redet immer mehr, ruft öfter an, hilft dem anderen mehr.

Janina Westphal ist mit der Aufteilung, dass sie mehr macht, nicht unzufrieden. Sie hat es sich ja selbst so ausgesucht. Gerade in ihrer Partnerschaft habe sich das schnell so eingespielt, und sie haben gemeinsam eine gesunde Basis gefunden. „Wenn ich mir doch mal mehr Initiative von meinem Mann wünsche, spreche ich das an.“

Dazu rät auch Krüger und geht noch einen Schritt weiter: „Ansprechen oder einfach selbst weniger tun!“ Das kann allerdings auch bedeuten, dass das Beziehungsniveau sinkt, dass man sich in Freundschaften vorübergehend oder dauerhaft seltener trifft. 

„Wenn der Aktive einen Gewinn daraus zieht, ist ein Ungleichgewicht aber auch nicht negativ“, sagt Krüger. „In jeder Beziehung gibt es eine innere Bilanz: Vielleicht bekommt man einen Ausgleich durch die Anerkennung oder durch andere positive Eigenschaften des Partners oder Freundes.“ Wer für seine Initiative und Hilfsbereitschaft gelobt wird, stürzt sich umso lieber auf das nächste Projekt. Und wenn der Freund auf einer gemeinsamen Reise vor kreativen Ideen sprüht, nimmt man ihn auch gerne nächstes Mal wieder mit.


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