- © Foto: Serengeti-Park -
DAUN, 20.12.2019 - 12:44 Uhr
Kultur

„Jedes Tier hat das Recht, Tier zu sein“ - Interview mit Fabrizio Sepe

Interview von Claudia Pless

Tiere sind seine Leidenschaft. Als Geschäftsführer von Europas größtem Safaripark „herrscht“ Fabrizio Sepe seit mehr als 20 Jahren über 1.500 wilde Tiere. Schon seine Kindheit verbrachte der gebürtige Italiener im Serengeti Park im Herzen der Lüneburger Heide. Und noch heute fährt er täglich durch den 220 Hektar großen Park, um sich einen persönlichen Eindruck über Mensch und Tier zu verschaffen. Wir sprachen mit ihm über schöne und traurige Erinnerungen, große Ziele und kleine Freuden. Darüber, wie sich der Tierpark für den Natur- und Artenschutz engagiert und warum „der respektvolle Umgang mit Tier und Umwelt heute wichtiger denn je ist“.

Herr Sepe. Hatten Sie heute schon ein besonderes Tiererlebnis? Oh ja. Sogar ein ganz wunderbares. Wir hatten eine Tierumsiedlung. Wir haben Ostafrikanische Bongos umgesiedelt, das ist eine ganz seltene afrikanische Antilopenart. Wunderschöne Tiere. Wir haben sie von ihrer bisherigen Anlage in ein neues Gehege gebracht, das geschützter in einem Waldgebiet liegt. Weil Ostafrikanische Bongos zu den Afrikanischen Waldböcken zählen, entspricht die neue Anlage noch mehr ihren natürlichen Lebensbedingungen. Heute sind die Tiere nun das erste Mal aus den Stallungen rausgekommen in ihr neues Zuhause, und ich habe mir das vor Ort angeschaut.

Und wie haben die Tiere auf ihre neue Umgebung reagiert? Sie waren noch sehr aufgeregt. Aber das ist ganz normal. Jetzt müssen sie sich noch an die Autos gewöhnen und an die Viehgatter. Ihre alte Anlage lag etwas abseits von den Straßen im Park. Aber an die Pkws und Safari-Busse werden sie sich erfahrungsgemäß schnell gewöhnen. Alle Tiere, die schon eine Weile im Serengeti-Park leben, haben inzwischen gelernt, mit den Fahrzeugen umzugehen.

Der Serengeti-Park wurde 1974 gegründet und war einer der weltweit ersten Tierparks, in denen sich die Tiere relativ frei in großen naturnahen Gehegen bewegen konnten. Wer hatte damals die Idee dazu? Das ist eine sehr sehr lange Geschichte. Es war die Idee eines amerikanischen Visionärs: Der Jude Charles Stein konnte mit seinem Großvater während des Zweiten Weltkriegs aus Ausschwitz fliehen. Er schaffte es, sich in einem Schiffscontainer zu verstecken und über den Atlantik nach Amerika zu flüchten. In den USA realisierte Charles dann mit © Serengeti-Parkseinem Opa verschiedene Geschäftsideen und entwickelte sich zu einem erfolgreichen Unternehmer. Schließlich hatte er die Vision, ein großes Freizeit-Hotel zu bauen mit vielfältigen Unterhaltungsmöglichkeiten. Mit dieser Idee wollte er an die Börse gehen und Aktionäre gewinnen. Weil solche Börsengänge damals dann besonders gute Karten hatten, wenn sie als prestigeträchtig galten und man gute Kontakte zum englischen Adel pflegte, suchte Charles in Großbritannien nach Unterstützern für sein Projekt.

Der Serengeti-Park liegt aber in Deutschland (Lacht)... Das kommt noch – wie gesagt, das ist eine sehr lange Geschichte. – Also in England besuchte Charles Stein dann den Earl of Bedford. Er übernachtete auf dessen Anwesen, und als er morgens aus dem Fenster seines Gästezimmers in den Garten blickte, wurde er von zwei Giraffen begrüßt. Die lebten dort zusammen mit Nashörnern und Antilopen in einem riesigen umzäunten Park. Da hatte es bei Charles „Klick“ gemacht, und die Idee war geboren, selber einen Freizeitpark mit afrikanischen Tieren zu schaffen. Schon kurz danach eröffnete er die ersten Tierparks in Übersee. Den ersten in Kanada, in der Nähe von Montreal, und den zweiten in New Jersey, in der Nähe von Philadelphia. Diese zwei Parks gibt es übrigens heute noch.

Und wie entstand schließlich der erste deutsche Tierpark nach diesem Konzept? Durch eine schicksalhafte Begegnung zwischen Charles und meinem Vater Paolo Sepe. Die beiden lernten sich in New York kennen und kurz danach bot Charles meinem Vater an, Geschäftsführer der Tochtergesellschaft der Stein-Holding zu werden – also auch in Asien und Europa ein Königreich der wilden Tiere zu gründen. Mein Vater wurde zum Leiter der zoologischen Einrichtungen und hat dann für Charles vier große Tierparks gebaut – in England, Holland, Japan und in Deutschland.

Warum gerade in Hodenhagen? Weil er hier in der Lüneburger Heide das geeignete Land dafür fand, das er pachten konnte. Für den Safari-Park mussten ja nicht nur große Gehege umzäunt, sondern auch Straßen, Gebäude und Restaurants gebaut werden. Und er musste natürlich auch noch die Tiere besorgen.

Hatte Ihr Vater schon Erfahrung mit wilden Tieren? Ein Zoologe war er nicht. Er hatte eine Leder-Gerberei und dadurch jahrelange Erfahrungen als Geschäftsmann in Afrika gesammelt. Dort hatte er schon die Tierwelt kennengelernt und dabei auch gelernt, die Tiere zu lieben und zu respektieren. So lernte er auf seinen Reisen zum Beispiel, wie eine Antilope reagiert. Wie sich ein Affe oder ein Löwe in freier Wildbahn verhält. Diese Erfahrungen sind ihm beim Aufbau des Safari-Parks sehr zugutegekommen.

Und woher bekam Ihr Vater dann die Tiere für den Serengeti-Park? Damals herrschten andere Zeiten - das Washingtoner Artenschutzabkommen kam erst Jahre später, 1973. Mein Vater flog also einfach nach Afrika und suchte sich zum Beispiel 25 Giraffen aus, die dann gefangen, in Kisten gepackt und zu den Tierparks gebracht wurden. Das war damals leider so. Bevor das Washingtoner Artenschutzgesetz den Handel zum Schutz der Tiere ganz wesentlich bremste, war der Handel mit wilden Tieren vergleichbar mit dem Einkauf in einem Zoohandel. 1972 kamen jedenfalls die ersten Tiere in Hodenhagen an, und 1974 haben wir den Serengeti-Park dann offiziell eröffnet.

Wie haben Sie selber diese Zeit erlebt? Ich war damals vier Jahre alt, bin also quasi im Serengeti-Park aufgewachsen. Meinen Vater habe ich damals hingegen kaum gesehen. Seit meinem fünften Lebensjahr war er fast nur noch unterwegs - als Geschäftsführer in den Niederlanden und in England. Er kam zwar immer wieder nach Hause, flog dann aber bald schon wieder weg. Ich bin dann hier in Hodenhagen zur Schule gegangen, und weil unsere Eltern viel auf Reisen waren, wurden meine Schwester Veronica und ich von einer Nanny betreut. In meiner Freizeit war ich so oft wie möglich im Park. Das war ein Traum. Ich hatte hier sehr viele Freunde, vor allem bei den Tieren. Kleine Löwen, kleine Tiger, kleine Elefanten und ein kleines Krokodil, das ich mit in die Schule genommen habe.

Sie haben ein Krokodil mit in die Schule gebracht – wie ging das denn? Das war ein Babykrokodil, das ich mir in die Jacke gesteckt hatte. Krokodile schlafen ja am Tag. Und das Krokodil hat mich stark gemacht. Als einziger Italiener hatte ich es Ende der 70er Jahre nicht leicht in meiner Klasse. Ich war der Ausländer, war anders als die anderen, wurde gemobbt. Die anderen Mitschüler schlossen mich aus. Aber als ich mit dem Krokodil kam, waren die Mobber weg. Das Krokodil verschaffte mir Respekt, endlich konnte ich mich verteidigen und den Mobbern etwas entgegenhalten.

Wie haben die Lehrer darauf reagiert? Die haben mich aus der Schule geschmissen. Es kam vorübergehend zum Schulverweis – und „Krokodil-Mitbringverbot“ (lacht). Ich hab‘ in meiner Jugend schon viel Mist gebaut. Ich war so ein Tom Sawyer, immer auf der Suche nach Abenteuern und Bestätigung. Weil meine Eltern meistens nicht da waren, habe ich halt ständig woanders Aufmerksamkeit gesucht. Letztlich wolle ich wohl einfach diese Zuneigung, die mir eine Nanny nicht geben konnte.

Haben Sie deshalb auch heute noch eine besondere Beziehung zu Tieren? Tiere sind für mich nach wie vor eine ganz fundamentale Quelle für Inspiration, Liebe, Zuneigung und Geborgenheit. Ich muss ganz ehrlich sagen, ich hab‘ Tiere so © Serengeti-Parkstark lieben gelernt, dass ich irgendwann festgestellt habe: Umso mehr wir ein Tier lieben, umso mehr müssen wir es loslassen, es von uns weghalten. Jedes Tier hat das Recht, Tier zu sein.

Das heißt, Sie haben selber keine Haustiere? Nein. Das wäre inkonsequent. Ich hab‘ mir immer selbst versprochen, kein Hund und keine Katze zu Hause zu halten. Ich will das Tier nicht vermenschlichen. Ich weiß, viele Menschen sind überrascht, dass ich kein Haustier habe. Aber ich bin mir sicher: Je mehr ich ein Tier an mich binde, desto weniger bleibt es Tier. Selbst ein Hund, der seit Jahrhunderten genetisch darauf programmiert ist, mit uns Menschen zu leben, ist immer noch ein Tier.

Einige Tiere im Serengeti-Park sind aber doch sehr an Menschen gewöhnt, lassen sich streicheln und knuddeln... Aber nur, wenn sie es selber wollen. Und trotzdem sind sie nicht zahm. Sie sind und bleiben Wildtiere. Das sollte man auch bei der Safaritour nicht vergessen, man muss immer vorsichtig bleiben und bestimmte Verhaltensregeln beachten. Wenn die Parkbesucher bei der Fahrt durch das Freigelände zum Beispiel aus ihrem Auto steigen würden, könnten sie angefallen oder aufgespießt werden. Das ist das, was einige Menschen nicht begreifen. Deshalb warnen wir: Fenster zulassen, die Tiere nicht füttern, nicht aussteigen, nicht hupen. Und wir weisen alle Besucher im Park darauf hin: „Unsere Tiere haben Vorfahrt! Begegne ihnen immer mit Rücksicht, Achtung und Respekt!“

Stimmt es, dass viele Wildtiere heute nur noch in Gefangenschaft eine langfristige Überlebenschance haben? Leider ja. Viele aktuelle Studien belegen, dass es die echte Wildbahn schon heute gar nicht mehr gibt. Durch die zunehmende Menschenansiedlung, durch Wilderei, Schmuggel, aber auch durch die Flut an Mobilfunkantennen. Es gibt heute auf der Erde kaum noch eine echte ursprüngliche Wildnis. Und wenn die Menschheit so weiterwächst, dann wird es lebende Wildtiere nur noch in ausgewiesenen Schutzzonen und zoologischen Parks geben.

Haben Sie deshalb 2011 die „Serengeti-Park Stiftung“ ins Leben gerufen? Mit unserer Stiftung wollten wir unseren langjährigen Bemühungen im Bereich des Artenschutzes eine breite Basis geben und den Natur-, Umwelt- und Tierschutz fördern. Dafür unterstützen wir nachhaltige regionale und globale Projekte. Zum Beispiel die Züchtung von Heckrindern für eine naturnahe Beweidung oder die „Wild Chimpanzee Foundation“ zum Schutz der westafrikanischen Schimpansen. Unser erklärtes Ziel ist es, bedrohte Arten und seltene Nutztierrassen zu erhalten, um damit unseren Beitrag zur Sicherung der Artenvielfalt zu leisten. Forschung, Bildung und Nachhaltigkeit waren uns schon immer sehr wichtig. Deshalb betreiben wir seit 45 Jahren auch unser Zuchtprogramm auf höchstem Niveau. Wir haben hier zum Beispiel eine vom Aussterben bedrohte Affenart gezüchtet, um deren Nachkömmlinge später in einem geschützten Naturpark auszuwildern.

Der Serengeti-Park hat - im Gegensatz zu dem meisten anderen heutigen Zoos – auch noch eine eigene Forschungsabteilung. Was wird dort aktuell erforscht? Zum Beispiel das Schlafverhalten von Giraffen. Wir wollen herausfinden: Wie schlafen diese Tiere? Die Beobachtungen werden dann monatelang dokumentiert, auch Urin- und Haarproben liefern wichtige Daten. Bei der regelmäßigen Hufpflege wird außerdem durch eine kleine Blutentnahme das Niveau des Stresshormons Cortisol ermittelt und mit den Werten in anderen Zoos verglichen.

Welche Erkenntnisse erhoffen Sie sich damit konkret? Zum Beispiel das Wissen, ob die Giraffen hier im Park von den vielen Autos eher gestresst sind oder durch die Besucher sogar gut beschäftigt werden. Denn erstaunlicherweise schlafen die Giraffen im Sommer, wenn im Serengeti-Park am meisten Betrieb herrscht, besser als im ruhigen Winter, wo wir den Park über vier Monate für Besucher geschlossen haben. Und falls wir definitiv wissen, die Giraffen schlafen im Winter deshalb schlechter, weil sie sich langweilen, dann können wir für entsprechende Abwechslung sorgen.

Was ist für Sie die größte Herausforderung im Tierpark? Ganz klar die Beschäftigung der Tiere, vor allem im Winter. Im Sommer haben sie ja genug Abwechslung. Denn es gibt für unsere Tiere keine bessere Beschäftigung als die ganzen Menschenmassen. Und wir haben hier den Vorteil, über eine so große Anlage zu verfügen, dass auch Muttertiere und ihre Jungen überall im Park Rückzugsmöglichkeiten und schattige Plätze finden. So haben viele Gehege ein Stück Wald, in dem sich die Tiere verstecken können. Das ist unser Erfolgsrezept. Dass sich auch die Tiere hier wohlfühlen. Egal, wo man im Park hingeht, wenn das Tier nicht mehr möchte, kann es sich zurückziehen.

Und wie schaffen es die Tiere, den Autoabgasen aus dem Weg zu gehen? Auch hierzu habe ich Studien in Auftrag gegeben: Eine Studie zeigte zum Beispiel, dass die Tiere im Serengeti Park gelernt haben, sich – selbst wenn Hochbetrieb herrscht – immer in die Windrichtung zu stellen. Das heißt, je nach Windrichtung stellen sie sich dann so, dass die Auspuffgase von ihnen weggeblasen werden. Sei es aus Intelligenz oder Instinkt.

Verblüffend. - Haben Sie eigentlich ein persönliches Lieblingstier? Es gibt natürlich viele Tiere, die mich faszinieren. Aber der Leopard beeindruckt mich immer noch ganz besonders. Es gib kein anderes Tier, das in Relation zu seiner Körpergröße so stark ist wie der Leopard. Er ist ein Muskelpaket, eine Kampfmaschine, gleichzeitig aber auch sehr elegant. Ich hab‘ 17 Jahre lang Basketball gespielt, und mein absolutes Vorbild war Michael Jordan. Der flog mit so einer Leichtigkeit durch die Luft. Und der Leopard ist der Michael Jordan der Tiere.

Was war Ihr bisher schönstes Erlebnis im Serengeti-Park? Ich hatte bisher schon unheimlich viele tolle Erlebnisse. Absolut on top auf meiner Liste sind aber zwei: Ganz oben steht die Auswilderung von Nashorn Kai. Es war die weltweit einzige Auswilderung eines - in Europa geborenen - Breitmaulnashorns. Ich musste fast zwei Jahre mit meinem Vater kämpfen, um ihn zu überzeugen, das wirklich zu machen. Dann sagte er: „Okay, du bist jetzt 25. Hier hast du ein Telefon. Wenn du Sponsoren für diese Aktion findest, dann schenke ich dir das Tier, und du kannst es auswildern.

Da war Ihr Ehrgeiz geweckt? Genau. Ich bin ein ehrgeiziger Steinbock. (lacht) Also hab‘ ich sechs Monate lang nur telefoniert, Sponsoren gesucht, Ein- und Ausfuhrgenehmigung eingeholt, Transporter, Lkws und ein Flugzeug organisiert. Schließlich bin ich 1996 mit 56 Journalisten nach Namibia geflogen, um Kai im Etosha-Nationalpark in die Freiheit zu entlassen. Ich war unglaublich glücklich und hatte das Gefühl, etwas wirklich Nachhaltiges getan zu haben. Kai hätte dort auch bald sterben können. Doch tatsächlich lebt er immer noch und hat bis heute neun Kälber gezeugt. Kais Mutter Doris, die im Serengeti-Park 15 Jungtiere zur Welt brachte und hier im Juli 2019 im Alter von 50 Jahren gestorben ist, war übrigens das bundesweit älteste Breitmaulnashorn.

Und was war Ihr bis heute zweitgrößtes persönliches Highlight? Die Geburt des afrikanischen Elefantenbabys Boubou bei uns im Park. Ein wirklich überwältigendes Erlebnis. Inzwischen ist aus dem 2006 geborenen Baby ein stattlicher Bulle geworden, der heute im französischen Safari-„Zoo de la Flèche“ lebt – einem großen und sehr schönen Tierpark in der Nähe von Bordeaux. Um Inzest zu vermeiden, hatten wir Boubou als erwachsendes Tier im Rahmen eines Austauschprogramms gegen eine Elefantenkuh getauscht.

Im Mai dieses Jahres gab es im Serengeti-Park einen tragischen Vorfall: Ein Tierpfleger wurde von zwei Löwen attackiert und schwer verletzt. Wie geht es dem Mann heute? Gott sei Dank wieder relativ gut. Der Pfleger hat sogar schon wieder mit der Arbeit hier begonnen – das war sein ausdrücklicher Wunsch. Er hatte im Krankenhaus seine Tiere und die Kollegen vermisst. Wir haben uns lange unterhalten, © Serengeti-Parkauch über den Angriff. Und er hatte mir ganz offen gesagt, dass der Vorfall auf einer Unachtsamkeit und einem Irrtum beruhte. Er wollte nur eine Zaunkontrolle machen und dachte, die Tiere seien im Haus. Deshalb ist er einfach in die Anlage reingegangen, ohne die erforderliche Absicherung. Woran er in dem Moment nicht dachte: Ein Kollege hatte die Tiere bereits rausgelassen. So waren die beiden Löwen schon draußen. Allerdings lagen sie hinter einem Podest, so dass der Pfleger sie nicht sehen konnte. Als sie ihn dann entdeckten, kamen sie angerannt und sind ihn angesprungen.

Wie erklären Sie sich das Verhalten der Löwen? Das ist ihr natürlicher Instinkt, ihr Spieltrieb. Auch der Tierpfleger ist sich sicher, dass die Löwen nur mit ihm gespielt haben – was sich in diesem Zusammenhang vielleicht merkwürdig anhört. Fakt ist: Wenn sie ihn hätten töten wollen, würde er heute nicht mehr leben. Zum Glück konnten ihm die anderen Tierpfleger schnell zur Hilfe eilen und das Schlimmste verhindern. Ein Hubschrauber brachte den schwer verletzten Mann umgehend ins Krankenhaus. Das war natürlich ein Schock für uns alle. Auch ich war danach völlig fertig. Das letzte, was man als Betreiber einer solchen Anlage will, ist ein tragischer Todesfall. Ich habe ja nicht nur Verantwortung für die Tiere, sondern auch für die Menschen.

Ein Tierpark lebt nicht nur von einem guten Image, sondern auch von Wirtschaftlichkeit. Wie führt man ein so lebendiges Unternehmen? Das ist eine wirklich große Herausforderung, der Serengeti-Park ist ja eine Mischung aus Nationalpark und Zoo. 1997 habe ich zusammen mit meiner Schwester Veronica und unserem Cousin Giovanni die Geschäftsführung des Parks übernommen. Heute haben wir 500 Angestellte – im Winter 150 – und 1500 Tiere. Der Serengeti-Park ist also ein Großunternehmen. Bis heute haben wir mehr als 90 Millionen Euro in den Park investiert. Die Anlage war 1978 nach der Pleite Charlie Steins Konkurs und anschließend fünf Jahre quasi ohne Besitzer, bevor sie 1983 von unserer Familie übernommen wurde.

Inzwischen können Sie beim „Serengeti-Park“ also von einer Erfolgsgeschichte sprechen... Das können wir wohl, und darauf sind wir auch stolz. Rund 750.000 Menschen besuchen jedes Jahr den „Serengeti-Park“. Doch wenn Sie dieses Unternehmen unter rein wirtschaftlichen Aspekten führen würden, könnten Sie es vergessen. Das würde nicht funktionieren. Das lebt hier alles. Da sind zu viele Energien mit im Spiel. Ich leite den Serengeti-Park aus Leidenschaft, nicht um damit reich zu werden.

Wollten Sie jemals etwas anderes machen, als das Erbe Ihres Vaters fortzuführen? Ganz klar nein! Ich kann nicht anders. Ich bin hier aufgewachsen und kenne alle diese Tiere. Wenn hier ein Geschäftsführer sitzen würde, der keine Bindung zu den Tieren hätte, wäre wohl alles sehr anders, kommerzieller. Entscheidend ist die Obsession, die Liebe zu den Tieren.

Der Serengeti-Park hat auch ein pädagogisches Konzept. Was genau wollen Sie den Kindern vermitteln? Der Serengeti-Park ist vom Niedersächsischen Kultusministerium als Außerschulischer Lernort anerkannt. Wir wollen den Bezug zu unserer gemeinsamen Umwelt vertiefen. Die Einheit aus Mensch, Tier und Natur. Das wollen wir hier spielerisch vermitteln. Dass wir auch Respekt voreinander haben müssen. Und dass es sehr bereichernd sein kann, Tiere zu beobachten, nach oben in den Himmel und in die Bäume zu schauen, statt nur nach unten aufs Handy (lacht). Wir wollen den Kindern naturnahe Erlebnisse ermöglichen. Hier können sie riechen, fühlen, anfassen. Um das zu vermitteln, bedienen wir uns allerdings auch der neuen Medien. Denn natürlich versuchen wir, auch die junge Generation an die Hand zu nehmen und abzuholen.

Und wie funktioniert das in der Praxis? Man kann zum Beispiel mit einer speziellen App – den „Serengeti-Interactives“ – von zu Hause aus oder direkt im Park per Smartphone-Klick die Tiere füttern, ihnen Wasser geben, den Salzstein oder die Massagebürste aktivieren. Diese Angebote werden von den Tieren natürlich nur dann genutzt, wenn sie es selber wollen. Denn auch das lernen die Kinder: Dass Tiere ihren eigenen Kopf haben. Mit den „Interactives“ integrieren wir die digitale Welt in die reale. Mithilfe der App, die wir schon seit drei Jahren anbieten, können die Kinder ihre tierischen Lieblinge via Webcam live beobachten, ihre selbst gewonnenen Eindrücke mit Wissen verknüpfen und sich dabei modernster Technik bedienen. Auch die Erwachsenen können hierbei noch einiges lernen.

Zum Beispiel? Warum Nashörner vom Aussterben bedroht sind. Und warum es wichtig ist, die © Serengeti-ParkNachfrage nach dem weltweit begehrten Horn zu stoppen, das immer noch als Trophäe und in Asien aus reinem Aberglauben – obwohl erwiesenermaßen wirkungslos – sogar als Potenzmittel gilt. Die Menschen darüber aufzuklären, ist uns ein persönliches Anliegen. Das sind wir auch den Nashörnern schuldig, deren Schutz uns immer noch ganz besonders am Herzen liegt.

Warum sind Tierparks gerade heute noch zeitgemäß? Der Mensch entwickelt sich immer weiter weg von der Natur. Deshalb ist es heute wichtiger denn je, schon den Kleinsten die Schönheit der Natur und den respektvollen Umgang mit Tier und Umwelt nahezubringen. Gerade in der heutigen Zeit sollten Kinder die Möglichkeit haben, lebendige Botschafter zu erleben, die ihnen Hoffnung geben. Hoffnung auf eine bessere Zukunft, in der die Harmonie zwischen Menschen, Tieren und Natur funktioniert. Und genau das symbolisiert ein Tierpark, auch ohne lange Erklärung. Wenn die Menschen nach dem Parkbesuch nach Hause gehen, fühlen sie sich von dem Erlebnis bereichert. Sie haben den ganzen Tag diese besondere Energie getankt, die von der Nähe zu den Tieren ausgeht. Und sie haben gelernt: Ein Leben ohne Tiere wäre ein sehr trauriges Leben. Das ist unsere Mission.

Fabricio Sepe: Mit „Herzblut“ und Doktortitel

Seit 2017 ist Fabrizio Sepe der alleinige Inhaber des Serengeti-Parks in Hodenhagen und führt gemeinsam mit seinem Cousin Giovanni Sepe erfolgreich das Familienunternehmen. Bereits 1997 hatte der gebürtige Italiener zusammen mit seinem Cousin sowie seiner Schwester Veronica Trussardi-Sepe die Geschäftsführung des Parks in zweiter Generation übernommen. Damit trat Fabrizio Sepe in die Fußstapfen seines Vaters Paolo, der sich mit dem Serengeti-Park einen Traum erfüllte und „Afrika in die Lüneburger Heide“ holte. Paolo Sepe hatte 1974, nach der Übernahme des Serengeti-Parks, seinen Lebensmittelpunkt nach Deutschland verlagert und war mit seiner Frau Lia Sepe sowie den beiden Kindern ins Niedersächsische Hodenhagen gezogen. Fabrizio Sepe (geb. 8.1.1970 in Bergamo) wuchs bis zum Umzug der Familie in seiner Heimat Italien auf. Seit 1974 ging er in Hodenhagen zur Schule und promovierte nach dem Abitur im Fach Kommunikations wissenschaften an der IULM in Mailand. In seiner 750-seitigen Doktorarbeit befasste sich Sepe mit den 100 größten Freizeitparks der Welt, bevor er dauerhaft in die Geschäftsführung des Serengeti-Parks einstieg und das Unternehmen seitdem mit „viel Herzblut“ führt. Seit 2009 ist der Serengeti-Park als zoologischer Garten anerkannt. 2011 wurde die Serengeti-Park-Stiftung ins Leben gerufen, um Natur-, Umwelt- und Tierschutzprojekte zu fördern. Fabrizio Sepe ist auch zwischenmenschlich engagiert. 2014 wurde der Tierpark-Chef für sein Engagement für psychisch Kranke ausgezeichnet. Die Laudatio hielt Ex-Bundespräsident Christian Wulff, mit dem Sepe eine langjährige Freundschaft verbindet. Fabrizio Sepe ist außerdem Pate von Wulffs Sohn Linus. Der charismatische Tierpark-Chef war auch schon in mehreren TV-Shows zu sehen. (u.a. 2015 in „Undercover Boss“, 2016 in „Mein himmlisches Hotel“ und 2017 in „Unser neuer Chef“). ple

Der Serengeti-Park

Das Serengeti-Park-Resort in Hodenhagen (Niedersachsen) ist ein Tier- und Freizeitpark und seit mehr als 40 Jahren ein erfolgreiches Familienunternehmen. Auf dem 220 Hektar großen Areal leben insgesamt 1.500 exotische Tiere wie Tiger, Löwen, Affen, afrikanische Elefanten, Nashörner oder Giraffen. Damit ist der Serengeti-Park, der von März bis November für die jährlich rund 750.000 Besucher geöffnet ist, einzigartig in Europa. Eine weitere Besonderheit sind die Übernachtungsmöglichkeiten im Park. Hierfür stehen den Gästen verschiedene Lodges, u.a. mit direktem Blick in die Tierwelt, zur Verfügung. Im Park arbeiten in der Saison rund 500 Mitarbeiter. Der als zoologischer Garten anerkannte Serengeti-Park hat sich „die Zucht und den Arterhalt vieler vom Aussterben bedrohter Tierarten“ auf die Fahne geschrieben. Mit seinen südlichen Breitmaulnashörnern nimmt der Park am Europäischen Erhaltungszuchtprogramm EEP teil. Bedingt durch seine weitläufigen Flächen und die naturnahe Haltung kann der Serengeti-Park weltweit die zweitbesten Zuchterfolge bei Breitmaulnashörnern vorweisen. (Lediglich der San Diego Zoo in Kalifornien verzeichnet höhere Geburtenraten.) Bis heute wurden in Hodenhagen mehr als 40 Jungtiere geboren. Der Zoologe und Tierfilmer Bernhard Grzimek hatte dem Serengeti-Park zu Beginn der 1970er Jahre bei der Planung und dem Bau des Tierreservats beratend zur Seite gestanden. Seit Parkgründung hat sich die Familie Sepe das Ziel gesetzt, „das Naturbewusstsein der Gäste durch die Nähe zu den artgerecht gehaltenen, in weitläufigen Gehegen fast freilebenden Tieren, zu stärken.“ ple


Diesen Artikel:
  • print Drucken
  • Bookmark Bookmarken

QR-Code mit dem Handy Scannen und diese(n) Seite / Artikel online Lesen:

 

Google QR Code Generator

QR Code for https://vivanty.de/kultur/jedes-tier-hat-das-recht-tier-zu-sein-interview-mit-fabrizio-sepe
Oops... Sie benutzen eine zu alte Browserversion. Um die Seite Korrekt darzustellen benutzen sie bitte mindestens den Internet Explorer 8.
navigateup

Für die Ansicht der mobilen INFOSAT Webseite drehen Sie bitte ihr Handy.