- © Foto: ZDF und Michael Marhoffer -
DAUN, 13.01.2021 - 11:52 Uhr
Kultur

„Kein Dienst nach Vorschrift“ – Interview mit Katharina Böhm

In den neuen Folgen ihrer erfolgreichen Krimireihe ermittelt Katharina Böhm wieder als „Die Chefin˝ für die Münchner Mordkommission. Sie ist „Die Chefin˝. Seit 2012 zeigt Katharina Böhm in der beliebten Freitagabend-Krimireihe als Kriminalhauptkommissarin Vera Lanz vollen Einsatz und beschert dem ZDF beständig Traumquoten. Jetzt ermittelt die Leiterin der Münchner Mordkommission zusammen mit ihren Kollegen Paul Böhmer und Maximilian Murnau in zehn neuen Fällen (alle Folgen auch in der ZDF Mediathek abrufbar). Wie viel sie mit der empathischen Ermittlerin gemeinsam hat, warum ihr die Rolle immer noch großen Spaß bereitet und wieso sie sich auch im realen Leben für eine bessere Welt stark macht, verrät die in der Schweiz geborene Schauspielerin im Interview.

Frau Böhm, auch nach acht Jahren im Dienst erreicht „Die Chefin“ immer noch rund fünf Millionen Zuschauer pro Folge, die erste Folge der neuen Staffel sogar mehr als sechs Millionen. Wie erklären Sie sich diesen Erfolg?

Die Zuschauer spüren wohl, mit wie viel Leidenschaft wir immer noch dabei sind. Und, dass wir nicht nachgelassen haben, unser Bestmögliches zu geben. Wir machen unseren Job nach wie vor mit großer Freude und Ernsthaftigkeit. Und wir versuchen weiterhin, uns zu steigern und das Maximale aus jeder einzelnen Folge, aus unseren 60 Minuten Sendezeit herauszuholen. Keiner von uns macht nur Dienst nach Vorschrift. „Die Chefin“ ist überzeugte Teamarbeit. Wir brüten gemeinsam über jedem Drehbuch, diskutieren ausgiebig, und jeder Einzelne bringt immer wieder etwas Neues ein.

Während das Team vor der Kamera relativ gleichgeblieben ist, arbeiten hinter den Kulissen wechselnde Regisseure und Autoren. Wie wirkt sich das auf die Geschichten aus?

Sehr bereichernd. Denn jeder Regisseur und Drehbuchautor hat eine andere Sicht- und Arbeitsweise und geht mit einem neuen Blickwinkel an die Geschichten ran. Dadurch werden auch wir Schauspieler immer wieder gefordert, Grenzen auszuloten und der Figur neue Facetten abzugewinnen. Beim Spielen prüfe ich dann: Passt dieser neue Charakterzug zu meiner Rolle oder nicht? Wir kennen unsere Charaktere zwar inzwischen selber am besten, doch nur gemeinsam können wir das Ganze jedes Mal noch besser machen.

Inwieweit hat sich Ihre Filmfigur im Laufe der Zeit weiterentwickelt?

Vera Lanz ist mit mir älter geworden, und ich bin mit ihr mitgewachsen. Jeder Mensch wächst ja auch innerlich, und das ganze Leben verändert sich stetig. Es kommen immer wieder neue Situationen auf einen zu, auf die man reagieren muss. Dadurch entwickelt man sich automatisch weiter und verändert seinen Blickwinkel, man beurteilt manche Dinge anders als früher. Und so wie ich mich im Laufe der Zeit verändert habe, hat sich auch Vera weiterentwickelt. In manchen Dingen ist sie gelassener geworden. Andere Sachen machen sie wütender.

Hat sich auch die Beziehung zu Veras langjährigem Kollegen Paul Böhmer verändert?

Mit Paul Böhmer ist Vera mit den Jahren noch mehr zusammengewachsen. Nicht privat, sondern rein beruflich. Da sind die beiden so was wie ein altes Ehepaar. Sie brauchen nicht mehr so viele Worte untereinander. Sie verstehen sich auch ohne große Kommunikation.

Vera Lanz hat sehr feine Antennen und spürt, wenn etwas nicht stimmt. Sind Sie selber auch so ein empathischer Mensch?

Ich versuche es zumindest (lacht). Vera entspricht schon sehr meinem eigenen Naturell: Sie denkt unkonventionell und besitzt einen gesunden Menschenverstand. Wobei ich selber sogar einen noch analytischeren Verstand habe – glaube ich zumindest. Ich nehme die Sachen jedenfalls noch mehr auseinander als Vera.

Vera stellt im Zweifelsfall die Gerechtigkeit über den Paragraphen. Können Sie das nachvollziehen?

Sie versucht immer, dem Gesetz zu folgen und dem Recht gerecht zu werden – was ja auch ihr Job ist. Wenn das Gesetz ihrer Meinung nach aber keinen Sinn macht und sie das Recht für unrecht hält, dann überschreitet sie auch mal die Grenzen und schlägt einen anderen Weg ein. So ist es tatsächlich nicht immer gesetzeskonform, was Vera da macht. Trotzdem kann ich das sehr gut nachvollziehen. Ich selber habe auch einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn.

Und worin unterscheiden Sie sich von ihr?

Also den Dienst an der Waffe mache ich privat nur sehr ungerne (lacht). Ich muss mich zum Glück auch nicht so sehr mit den Untiefen des Lebens auseinandersetzen und mit dem Bösen beschäftigen wie Vera in ihren Kriminalfällen.

Was erwartet die Zuschauer in den neuen Folgen?

Neues und Überraschendes, mehr will ich nicht verraten. Die Zuschauer können sich auf sehr unterschiedliche, ausgesprochen spannende neue Fälle freuen. Es gibt sehr emotionale Geschichten und sehr dramatische. Es ist immer wieder anders, wie uns die Fälle schubsen und wie sehr wir selber davon betroffen sind. Aber ich hoffe, dass die Zuschauer weiterhin viel Freude daran haben. Wir selber waren auch wieder mit großem Spaß bei der Sache.

Ihre TV-Kollegen sprechen Sie nicht mit dem Namen, sondern respektvoll mit „Chefin“ an. Besitzen Sie privat auch Führungsqualitäten?

Ich bin alleinerziehende Mutter, mehr brauche ich dazu wohl nicht zu sagen. Ich habe Haus, Hof und Tiere zu versorgen. Um diesen „Laden“ am Laufen zu halten, muss ich koordinieren können und die Sachen einigermaßen in Ordnung bringen. Außerdem trage ich die Hauptverantwortung. Also muss ich zwangsläufig Führungsqualitäten haben (lacht).

Meinen Sie, dass wir in beruflichen Führungspositionen eine Frauenquote brauchen?

Das ist ein komplexes Thema. Mit der Quote habe ich Schwierigkeiten, ganz ehrlich. Ich möchte eigentlich nicht irgendwo eingestellt werden, nur weil ich eine Frau bin. Nur aufgrund meiner sexuellen Kennzeichnung. Das fände ich ebenfalls diskriminierend. Ich denke allerdings, dass es auch in unserer heutigen Zeit noch Menschen gibt, die immer noch nicht begriffen haben, dass Frauen das Gleiche leisten können wie Männer. Dass eine Frau genauso viel hinkriegt wie das vermeintlich starke Geschlecht – wenn nicht sogar noch mehr. Ich glaube, dass jedes Geschlecht seine Stärken und Schwächen hat.

Zum Beispiel?

Wir Frauen haben eine höhere Schmerzgrenze als Männer. So ist es ja erwiesen, dass ein Mann eine Geburt nicht bei vollem Bewusstsein überleben würde (lacht). Und Männer haben meistens mehr Muskelkraft als Frauen. Diese Unterschiede sind nun mal genetisch und biologisch bedingt. Aber in Sachen Intellekt und Intelligenz sind sich Frauen und Männer ebenbürtig. Wobei Frauen laut verschiedener Studien ja eine größere emotionale Intelligenz besitzen als Männer.

Auch „Die Chefin“ zeigt immer wieder emotionale Stärke. Wie in der Szene mit einem leukämiekranken Jungen in der Folge „Nachtgestalten“. Ist Ihnen diese Sequenz auch persönlich nahe gegangen?

Das hat mich tatsächlich sehr berührt. Der junge Kollege hat diese Szene so stark und sensibel gespielt, dass sich das Ganze beim Drehen sogar noch viel schlimmer angefühlt hat als es im Film rüberkommt. Bestimmte Situationen kann man emotional nicht von sich weghalten. Da ist man auch als Schauspieler betroffen. Und wenn ich andere Menschen durch mein Spiel berühren will, dann muss ich mich auch selber aufmachen und mich einfühlen. Dann kann ich nicht sagen, die eine Gefühlsecke mache ich zu und die andere lasse ich offen. Das ist ja auch der Grund, warum wir Filme machen und warum sich Menschen Filme anschauen. Wir wollen im Fernsehen und im Kino berührt werden.

Müssen Sie sich von Ihrer Rolle nicht abgrenzen, um sich selber zu schützen?

Da gibt es schon eine gewisse Grenze. Was ich heute zum Beispiel nicht mehr so stark mache wie früher: Ich nehme meine Rolle und die Geschichten nicht mehr so mit nach Hause. Früher konnte ich nach Drehschluss noch schwerer abends abschalten. Das kann ich heute, seit ich ein Kind habe, sehr viel besser. Weil ich ja auch als Mutter „funktionieren“ muss und für mein Kind da sein will. Wenn wir allerdings einen Film drehen, in dem es thematisch um Kinder geht, dann packt mich das immer noch sehr.

Zu Ihrer eigenen Kindheit: Sie sind als Tochter von Filmlegende Karlheinz Böhm in einem Dorf bei München aufgewachsen, wo Sie heute immer noch leben. Was hält Sie dort?

Ich liebe diesen Ort. Ich hatte hier eine sehr schöne, glückliche Kindheit und wohne immer noch in dem Haus, in dem ich aufgewachsen bin. Hier hatte ich mich schon als Kind gut beschützt und rundum geborgen gefühlt. Und so ist es heute noch. Ich bin gerne zu Hause und mag auch unsere Gemeinde wahnsinnig gerne. Ich kenne hier sehr viele Leute, manche kannten mich ja schon als kleines Mädchen. Die dürfen mich auch noch „Kati“ nennen, das sind aber die Einzigen (lacht).

Trotz der ländlichen Idylle sind Sie durch Ihre Schauspieler-Eltern in einem intellektuellen Umfeld aufgewachsen. Wie sehr hat Sie das geprägt?

Meine Mutter war zwar ein richtiger Hippie und hatte einen eher unkonventionellen Kleidungsstil (lacht). Auch sind bei uns viele Künstler ein- und ausgegangen. Trotzdem hatte ich eine ganz „normale“, bodenständige Kindheit. Gleichzeitig haben mich meine Eltern zu einem freidenkenden, weltoffenen und kritischen Menschen erzogen. Nachhaltig geprägt hat mich sicherlich auch, dass meine Mutter schon immer stark sozial engagiert war.

In Ihrer Jugend waren Sie auch politisch sehr aktiv. Sind Sie das heute noch?

Natürlich nicht mehr so wie früher - in meiner „Sturm und Drang-Zeit“ (lacht). Aber bei gewissen Themen mische ich auch heute noch gerne mit, zum Beispiel, wenn es um Klimafragen geht. Übrigens finde ich das einen der schlimmsten Nebeneffekte der Corona-Pandemie, wie viel Abfall wir jetzt schon wieder produzieren. Ich möchte gerne mal wissen, wie viele Berge von Einwegmasken inzwischen entstanden sind. Auch wenn die Masken momentan eine Notwendigkeit sind. Wenn ich an diesen wahnsinnigen Take-Away-Müll denke, werde ich ganz unruhig.

Haben Sie auch selber schon an einer „Fridays for Future“-Demo teilgenommen?

Klar. Der Klimawandel betrifft uns schließlich alle. Und ich bin sehr froh, dass es diese „Fridays for Future“-Bewegung überhaupt gibt. Die 1990er- und die 2010er-Jahre waren ja eine eingeschlafene Zeit, in der sich die Jugendlichen nicht mehr so stark politisch bewegt haben. Im Gegensatz zu unserer Generation, in den 80ern. Außerdem tut es mir heute wahnsinnig leid, und ich finde mich verantwortlich dafür, dass ich selber früher nicht noch mehr für den Klimaschutz gemacht habe. Denn die nächsten Generationen haben das jetzt auszubaden.

In unserem Interview vor zehn Jahren haben Sie gesagt: „Wenn wir das Alter akzeptieren, brauchen wir keine Angst davor zu haben“. Sehen Sie das heute noch so?

Das Älterwerden ist und bleibt eine Herausforderung, aber es führt nun mal kein Weg an ihr vorbei. Wir müssen lernen, würdevoll mit dem Älterwerden umzugehen. Das ist nicht nur wichtig für uns selber, sondern auch - wieder mal - für die nächsten Generationen. Die Art und Weise, wie wir uns mit dem Thema Älterwerden auseinandersetzen, prägt auch die jüngeren Menschen, die nach uns diesen Weg gehen.

Ihr eigenes Kind ist inzwischen erwachsen. Wie haben Sie Ihren Sohn erzogen?

Mit viel Liebe. Ich habe versucht, den „gesunden Mittelweg“ zu gehen, also nicht zu kontrollierend zu sein, aber auch nicht zu unverbindlich. Und ich hoffe, das ist mir ganz gut gelungen (lacht). Außerdem habe ich versucht, mich bei der Erziehung von einer gewissen Perfektion zu verabschieden. Denn als Eltern scheitert man da ja sowieso – dauernd (lacht).

Was haben Sie ihm noch mit auf seinen Lebensweg gegeben?

Humor, Toleranz, Empathie und vor allem Respekt. Einen gesunden Respekt vor der Umwelt. Also nicht nur der Umwelt im Sinne von Natur, sondern auch im Sinne von Menschen und allen anderen Lebewesen.

Haben Sie noch einen Lebenstraum oder eine Wunschrolle, die Sie gerne mal spielen würden?

Da bin ich noch genauso weit wie vor zehn Jahren: Die Konjunktive sind immer noch nicht in meinem Leben angekommen. Ich kann zwar sehr viele theoretische Konstrukte in die Zukunft führen, was ich in meinem Leben alles gerne noch machen würde, aber derartige Gedanken halte ich so unkonkret wie möglich. Ich bin ein sehr pragmatischer Mensch – wie Vera Lanz. Ich versuche immer, meine Scheuklappen soweit es geht abzulegen und offen zu bleiben für alles, was noch kommt.

Interview von Claudia Pless


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