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DAUN, 24.01.2023 - 09:00 Uhr
Kultur

„Kino ist immer ein kollektives Abenteuer!“ - Interview mit Charlotte Gainsbourg

Während Hollywood bei der Berlinale 2022 in Pandemie-Zeiten weitgehend durch Abwesenheit glänzte, hatten südkoreanische, kambodschanische und französische Filmschaffende keine Berührungsängste. Wozu auch? Neben dem Impfnachweis mussten bei allen Beteiligten täglich Antigen-Tests gemacht werden Auch Charlotte Gainsbourg stürzte sich wieder ins Festival-Getümmel. Ihr neuester Film „Passagiere der Nacht“ (Originaltitel „Les Passagiers de la nuit“, deutscher Kinostart: 5. Januar 2023) wurde im Wettbewerb bezeigt. Für die berührende Reise mit der cineastischen Zeitmaschine zurück in die 1980er Jahre erhielt die Schauspielerin (und Sängerin) mit der herben erotischen Ausstrahlung gute Kritiken. Die am 21. Juli 1971 in London als Charlotte Lucy Ginsburg geborene Tochter der heute 75-jährigen Aktrice Jane Birkin und des legendären Chansonniers Serge Gainsbourg (2. April 1928 als Lucien Ginsburg in Paris - 2. März 1991 ebenda) spricht erstaunlich offen über Beruf und Privatleben. Bei einem Selfie will sie zuerst noch etwas Abstand halten, kommt dann aber doch geradezu zutraulich näher an den Verfasser dieser Zeilen heran. Charlotte Gainsbourg ist eben - wie man gleich lesen wird - eine Frau voller Widersprüche!

Ihr neuer Film „Passagiere der Nacht“ spielt in den 1980er Jahren. In diesem Jahrzehnt waren Sie selbst noch ein Teenager. War es eine Zeit an die Sie gern zurückdenken? Ja, das war eine der Leitideen, die mir Lust auf den Film gemacht hatten, um wieder in diese Zeit einzutauchen. Regisseur und Drehbuchautor Mikhaël Hers erzählt in ihm von Élisabeth, die von ihrem Mann nach einer Brustkrebserkrankung und Mastektomie verlassen wird und deren neuer Alltag sie dadurch verändert. Sie studierte Psychologie, als die zwei Kinder kamen, die jetzt im Teenager-Alter sind. Dann muss sie irgendwie Arbeit finden und ihr Leben neu ordnen. Sie findet einen Job als Telefonistin bei einem Radiosender, der für seine Spätprogramme bekannt ist, die an den Nachttalk „Les choses de la nuit“ von France Inter angelehnt sind - und sogar einen neuen Freund. Das alles in einer sanften Art zu verkörpern, war eine Herausforderung für mich und vielen Rollen, die ich zuvor gespielt habe, diametral entgegengesetzt. Die Rückreise in die 1980er Jahre, wo ich  - wie Sie sagen - selbst ein „Backfisch“ war, berührte mich nostalgisch. Und zugleich wurde mir auch klar wie „altbacken“ diese Zeit auch war. Da steckt viel Komisches drin. Nicht unbedingt in der Darstellung der Figuren, obwohl mich die Kostüme, die ich getragen habe, schon zum Lachen brachten. Man nennt das wohl schlechten Geschmack. Ich mag aber genau das, nämlich diese fehlende Berechnung. Es war einfach ein Jahrzehnt, das viel Charme hatte. Auch persönlich gehörten für mich die 1980er zur schönsten Zeit in meinem bisherigen Leben. Mein Vater war noch da - und ich entdeckte die Filme, die mich prägten.

Die von Ihnen verkörperte Élisabeth ist eine Frau voller Widersprüche.  Richtig, aber so sind doch auch viele Frauen im wahren Leben. Ich nehme mich da persönlich nicht aus. (lacht) Die Hauptfigur sollte schwer zu greifen sein. Tatsächlich ist Élisabeth in bestimmten Situationen sehr wagemutig. Sie kann aber auch sehr zaghaft sein. Und manchmal hält sie sich zurück. Dann hat sie wieder diese unbändige Kraft. „Sie ist extrem naiv, aber auch klarsichtig“, sagte Mikhaël Hers über sie. Ich wollte deswegen eine Figur erlebbar machen, die sich dem Publikum erst im Verlauf des Films voll erschließt und öffnet.

Ist Elisabeth schüchtern oder vielleicht sogar eher reserviert? Gute Frage. Sie ist beides. Dazu kommt schon - wie Mikhaël es wollte - ihre Naivität. Vieles überrascht sie auch. Sie lässt sich treiben. So völlig frei von Werturteilen zu sein, macht ihre Figur für mich so spannend.

Hätten Sie eine solch zurückhaltende, aber doch warmherzige Rolle auch in unsere heutige Zeit übertragen spielen können und wollen? Ich hätte das Frauenporträt nicht heute spielen wollen. Und Mikhaël, der schon viele gegenwartsbezogene Filme realisiert hat, hätte so eine Figur auch nicht für das Jahr 2022 geschrieben. Da bin ich mir sicher. Ich kann nicht genau sagen warum. Es ist mysteriös. Es liegt wohl vor allem an dem Reiz, wieder in die Zeit meiner Kindheit und Jugend einzutauchen. Denn das kann Film: vergangene Zeiten aufleben lassen! Aber im Bewusstsein der Gegenwart, die damals wie ein Samen aufgegangen ist. „Passagiere der Nacht“ spielt wie der Titel sagt sehr häufig am Abend. Nachts sprechen wir anders miteinander. Ein Dialog verändert sich auch dadurch, wenn wir laufen. Mikhaëls Figuren laufen oft, wenn sie sprechen. Das macht etwas aus, gerade weil diese Entscheidungen intuitiver Natur sind.

Fast alle Figuren von Mikhaël Hers sind schamhaft. Beweist sich da nicht besonderes Können, dies schauspielerisch auf die große Leinwand zu übertragen? Danke für das Kompliment, das ich aus Ihren Worten heraushöre! Seine Figuren sind schamhaft, in dem Fall aber verhalten. Ihre Art zu sprechen sollte realistisch sein. Im Leben sind Gespräche nicht ständig hochtrabend wichtig. Wir schweifen auch ab und finden nicht die richtigen Worte. Aber es gibt ab und an Schlüsselmomente: in diesem Film und im echten Leben! (lacht wieder)

Wie war die Zusammenarbeit mit Regisseur und Drehbuchschreiber Hers, den sie treffender Weise einen echten „auteur“, also Autorenfilmer, bezeichnen und der selbst eher introvertiert als extrovertiert ist? Die Sensibilität von Mikhaëls Drehbuch fand ich sehr spezifisch. Bei den Dreharbeiten mit ihm machte ich die Erfahrung, dass wir uns verstehen, auch wenn wir nicht viel miteinander reden mussten. Es ist sein weicher Ansatz, der mich überzeugte. Mikhaël ist eine sehr eigene Person und ich glaube, dass ich ihn bis heute nicht wirklich gut kenne. Dennoch verlief die Zusammenarbeit wundervoll, weil er mir als Schauspielerin viel Platz zur freien Entfaltung ließ. Kino ist immer ein kollektives Abenteuer. Jeder hat seine eigenen Sensibilität und Befindlichkeit, aber wir machen Filme immer zusammen.

Sie spielen mit Emmanuelle Béart zusammen, die als Moderatorin mit den Anrufern spricht, die sie als Sekretärin zuerst entgegennehmen. Ist doch nicht immer einfach, wenn zwei große Schauspielerinnen aufeinandertreffen, oder? In diesem Fall war es ganz einfach, vor allem deswegen, weil wir so unterschiedlich sind, allein schon stimmlich! Ihre nasale, angeraute Stimme unterscheidet sich doch sehr vom hellen Klang meiner Stimme. Sie spielt das sehr souverän, wenn sie mit Menschen spricht, die nachts anrufen und Gehör brauchen. Meine vom Leben doch etwas gebeutelte Élisabeth könnte selbst eine dieser Anruferinnen sein, denen Emmanuelle zuhört und dann mit Ratschlägen zur Seite steht. In den Drehpausen haben wir uns übrigens immer gegenseitig Anekdoten von anderen Filmarbeiten erzählt.

Sehr subtil ist in „Passagiere der Nacht“ auch der politische Zeitgeist nach der Wahl François Mitterrand eingestreut. Den Film kann man aber auch an das seinerzeit extrem moderne Hochhausviertel Beaugrenelle verstehen, nicht wahr? Mikhaël ist wahrlich kein Polit-Regisseur, aber er verschließt nicht die Augen vor der politischen Situation gestern wie heute in seinen Filmen. In die Amtszeit des überzeugten Sozialisten François Mitterrand als französischer Staatspräsident, die von 1981 bis 1995 währte, fiel gleich zu Beginn die Abschaffung der Todesstrafe, dann kam die Liberalisierung des Schwangerschaftsabbruchs und die Abschaffung bestimmter Sicherheitsgesetze sowie die Reform der Medien. Bei der Wiedereinigung Deutschlands gab er später auch eine gute Figur ab. Er war ja mit Ihrem Bundeskanzler Helmut Kohl, obwohl dieser konservativ war, sehr gut befreundet. Diese Atmosphäre der Hoffnung und des Aufbruchs fließt in „Passagiere der Nacht“ ein.

Und zu dem von Ihnen angeschnittenen zweiten Punkt: Unser Film ist tatsächlich eine Hommage an das Hochhausviertel Beaugrenelle: Die Familie lebt in einer oberen Etage, mit großartigem Blick aus dem Panoramafenster auf die ikonische Sixties-Fassade des Hotels Nikko. Das Maison de la Radio, bald Élisabeths zweites Zuhause, liegt ganz in der Nähe, auf der anderen Seite der Seine. „Passagiere der Nacht“ ist schon sehr stylish. Und das gefällt mir natürlich!

Der Film, der am 5. Januar 2023 regulär in den deutschen Kinos startet, erhielt schon auf der Berlinale gute Rezensionen. Lesen Sie eigentlich Kritiken über sich? Als Schauspielerin von Fachkritikern beurteilt zu werden, tut manchmal ganz schön weh, aber das gehört einfach zum Spiel dazu. Inzwischen lese ich Besprechungen, deren Gegenstand ich bin, gar nicht mehr, denn ich bin selbst mein schärfster Kritiker. Häufig gefalle ich mir in Filmen nicht. Und ich weiß meist nicht, ob ein Film erfolgreich war oder nicht.

Sie ignorieren also die Besucherzahlen? Darum kümmere ich mich wirklich sehr wenig. Natürlich werden die Zuschauerzahlen manchmal an mich herangetragen, dann kann ich ja nicht meine Augen und Ohren davor verschließen. Aber was ist schon ein Erfolg? Kritikererfolge sind nicht immer Zuschauererfolge. Wenn beides zusammenkommt ist das natürlich schön. Als KünstlerIn, da schließe ich uns SchauspielerInnen mit ein, will man doch geliebt werden. Wer etwas anderes sagt, der lügt. Bis auf Éric Lartigaus romantische Komödie „Prête-moi ta main“, die auf einer Idee von Alan Chabat basiert, waren bei mir gar nicht so viele Kassenknüller dabei. Auch Lars von Triers „Melancholia“ lief fünf Jahre später, also 2011, nicht schlecht im Gegensatz zum medialen „Skandal“-Erfolg „Antichrist“ aus dem Jahr 2009. Aber letztgenannter Film gefiel mit meiner Darstellung der von mir sehr verehrten Isabelle Huppert. Sie überreichte mir den Preis in Cannes dafür. Und das machte mich schon stolz.

Und hat Sie die lebende Legende Catherine Deneuve nicht nach „Melancholia“ sogar angerufen und zu Ihrer Darstellung gratuliert? Sie sind ja gut informiert!

Catherine Deneuve erzählte mir dies im Interview, als ich sie nach großen Filmdarstellungen  anderer Kolleginnen gefragt hatte. Ja, es stimmt. Und ihre Sprachnachricht auf meinem Anrufbeantworter werde ich nie löschen.

Welche Ihrer eigenen Filme gefallen Ihnen am besten? „Melancholia“ von Lars von Trier. Der ist von der Atmosphäre wirklich einzigartig. Nach dem in jeder Hinsicht extrem harten „Antichrist“ war ich gespannt, wie eine erneute Zusammenarbeit mit ihm verlaufen würde. Ich mag auch „Das freche Mädchen“ - nach „Duett zu dritt“ 1985 mein erster „richtiger“ Film. Und selbstverständlich „Meine Frau, die Schauspielerin“. Aber das hat ganz persönliche Gründe: Es war 2011 das Regiedebüt meines Lebensgefährten Yvan Attal…

…mit dem sie mittlerweile drei Kinder haben. Warum sind sie nicht verheiratet, wenn ich fragen darf? Sie dürfen! Um miteinander glücklich zu sein, braucht man doch keinen Trauschein mehr!

Gefällt Ihnen eigentlich der Spielfilm „Gainsbourg - Der Mann, der die Frauen liebte“ über Ihren Vater Serge, der als Chansonnier und Schauspieler 21 Jahre nach seinem Tod immer noch geradezu kultisch verehrt wird? Es geht. Er ist gut gemacht, aber es fiel mir schwer, ihn zu sehen, da Éric Elmosnino in der Hauptrolle natürlich nicht wirklich mein Vater ist beziehungsweise sein kann. Der deutsche Untertitel ist übrigens bei François Truffaut geklaut. Er stimmt zwar, denn mein Vater war zweimal verheiratet und hatte insgesamt vier Kinder mit drei verschiedenen Frauen. Er hat France Gall entdeckt und Brigitte Bardot und meiner Mutter Jane Birkin zu unsterblichen Hits verholfen, aber im Original heißt er „Gainsbourg (Vie héroïque)“, was mir besser gefällt, da so ein „Heldenleben“ auch etwas Selbstironisches hat.

Als Sie 19 Jahre alt waren, starb Ihr Vater. Wie verkraftet man in so jungen Jahren einen derartigen Schicksalsschlag? Da gibt es kein Patentrezept. Es ist für alle, die es durchmachen, schwer. Für mich war es schrecklich. Ich studierte ein Jahr lang Zeichnen und brach das dann ab, um ganz seriös Schauspielerin zu werden. Aber plötzlich gab es keinen Film für mich… Ich war antriebslos und fiel in ein tiefes schwarzes Loch. Erst die Arbeit an „Der Zementgarten“ hat mich da langsam rausgeholt. Bis heute vergeht kein Tag, wo ich nicht an meinen Vater denke. Er war genial, rauchte und trank aber einfach zu viel. So war sein tödlicher Herzinfarkt mit 62 Jahren regelrecht vorprogrammiert. Der Tod meiner Halbschwester Kate Berry war 2013 ein weiterer harter Einschnitt für mich.

Was ist Ihr Lieblingssong von ihrem Vater? Das ist einer, den er zusammen mit meiner Mutter aufgenommen hat: „69 année érotique“. Dieser marschierende Basslauf ist einfach unwiderstehlich. Dazu als Kontrast die Piano-Tupfer. Und sein Sprechgesang und der von ihr gesungene Refrain ergänzen sich sehr gut. Das Stück ist wirklich sehr sexy. Bei einem Fernsehauftritt hat sie sich, während er spielte, einfach auf den Flügel gelegt. Man merkt darin, dass sie ein echtes Liebespaar gewesen sind.

Als Kind bekannter Eltern kann man protegiert werden, doch innerlich hat man es häufig nicht leicht. Wie war es bei Ihnen? Ich hatte eine tolle Kindheit innerhalb einer wahren Künstlerfamilie, aber wenig echte Freunde. Das ist bis heute so. Nur zu Yvan und meinen Kindern habe ich ganz engen Kontakt. In der Schule versuchte ich, mich seinerzeit anzupassen, aber mit meinem Namen war ich immer als Tochter dieses bekannten Paars erkennbar. Ich fühlte mich schon als eine Art Außenseiterin. Deswegen hatte ich mit 13 Jahren das Bedürfnis nach Diskretion und ging für ein Jahr freiwillig auf ein Schweizer Internat. Es war da ein Hang nach Unabhängigkeit. Meine Eltern erlaubten mir dann auch, wenn ich für Dreharbeiten beispielsweise allein nach Kanada ging.

Sie haben nie eine Schauspielschule besucht? Nein, das war für mich Fluch und Segen zugleich. Das Handwerk in diesem Beruf ist sehr wichtig. Es ist nicht immer einfach, sich auf seine Intuition zu verlassen. Auf der Schauspielschule hätte ich vielleicht Freunde fürs Leben gefunden. Irgendwann wurde ich dann auch ohne Ausbildung in diesem Beruf als Schauspielerin akzeptiert. Und mittlerweile sogar als Sängerin. (lacht schallend) Aber ich habe mich früher trotz des Wunsches nach Unabhängigkeit häufig einsam gefühlt. Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich lange Zeit regelmäßig einen Psychotherapeuten konsultierte. Ich sehe ihn immer noch, aber inzwischen viel seltener.

Was wenige wissen: Hollywood-Schauspieler Yul Brynner, der lange auch in Paris lebte, war ihr Patenonkel. Welche Erinnerung haben Sie an ihn? Yul war ungeheuer charmant, dazu selbstbewusst, gebildet und nicht nur ein ausgezeichneter Schauspieler (man denke an eine der beiden Titelrollen in „Der König und ich“ und an seinen Dimitri in „Die Brüder Karamasow“), sondern auch ein exzellenter Fotograf, der meine Familie und mich ständig knipste. Wie mein Vater gehörte er zu den starken Rauchern. Im Gegensatz zu ihm war er aber einsichtig, wenn auch zu spät: Kurz vor seinem Tod trat er noch in einem Werbespot  auf, in dem er an das Publikum appellierte, nicht zu rauchen. Der Film wurde erst nach seinem Ableben gezeigt - als warnendes Beispiel!

 

Ein Interview von Marc Hairapetian

 


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