DAUN, 28.09.2018 - 21:35 Uhr
Kultur

Kraan veröffentlicht 5. Live-Album „The Trio Years“

Was vorne hart anfängt und hinten weich aufhört

Hellmut Hattler, der deutsche Bassist und Krautrock-Erfinder hat sein Versprechen gehalten, dass er beim Finki-Festival im Odenwald in diesem Jahr vor rund 2.500 Zuschauern ankündigte: Mit dem neuen Kraan-Album „The Trio Years“, welches in zwei Wochen, ab 12. Oktober 2018 offiziell veröffentlicht wird, bringt die legendäre Jazz-Rock Formation Kraan ihr fünftes Live-Album auf den Plattenteller. Doch dem nicht genug: Am gleichen Tag veröffentlicht er sein siebtes Studio-Album „Velocity“ mit seiner HATTLER-Formation.

Doch zunächst noch einmal zurück zu Kraan

Laut Wikipedia ist Kraan eine deutsche Jazzrock-Band, die in den 1970er und 1980er Jahren zu den bekanntesten Vertretern des Genres in Deutschland gehörte. Ihr musikalisches Verdienst ist die Mischung von Jazz und Rock mit orientalischen und asiatischen Klängen.

Aber wie fing eigentlich alles an?

Kraan gab es schon mal als Trio. Allerdings bevor Kraan überhaupt Kraan hieß. Jan Fride Wolbrandt war Hellmut Hattlers Nebensitzer in der Schule und betrieb mit seinem Bruder Peter Wolbrandt im zarten Alter von zwölf Jahren bereits eine erfolgreiche Beatband. Hattler, der große Blonde, der später Bass-Geschichte schreiben sollte, war damals noch in einen rigiden, streng behüteten Haushalt eingebunden. Der plötzliche Tod seiner Eltern ließ Haltegriffe fehlen, schuf aber nach einer Weile Raum zum Komplettieren der Urzelle jener Band, die seit 1970 allen Konventionen trotzt.

Im ehemaligen Büro des Hattler’schen Elternhauses wurde gejammt, ausprobiert. Und nebenbei formulierten die drei Individualisten den Ausbruch aus den vorgezeichneten bürgerlichen Lebensläufen. 1970 stieß Johannes „Alto“ Pappert zum Trio und bereits ein Jahr später definierten sich die vier Probierenden als Profis. Mit ureigener Identität, die sich auch im Bandnamen manifestiert.

Warum Kraan Kraan heißt

KRAAN Liveauftritt auf dem Finki-Festival im Odenwald am 11. August 2018, Foto: Udo Bley Kraan heißt Kraan, weil der Band-Name „vorne hart anfängt und hinten weich aufhört“. Ersetzt man „hart“ durch „metrisch-druckvoll“ und addiert das Weiche, das Melodische, das Sinnliche, hat man den kollektiven musikalischen Fingerabdruck der Band ganz gut begriffen. Was niemand je entschlüsseln wird, ist die psychologische DNA von Kraan. Weder die zwischenzeitlich unter dem Banner Kraan agierenden Musiker Ingo Bischof, Udo Dahmen, Gerry Brown, Joo Kraus, Eef Albers und Marc McMillen noch die seit 2008 wieder als Trio agierende Dreifaltigkeit Hattler-Wolbrandt-Fride, können die Seele von Kraan adäquat erklären. Zum Glück, denn nichts ist desillusionierender als das Entmystifizieren der Chemie, die seit den Jam-Sessions im Büro stimmte - auch, wenn sie vordergründig betrachtet nie richtig stimmte. Nur ausgewiesene Kraan-Chronisten vermögen die ewigen Auflösungen aufzuzählen, die notwendig schienen, damit es danach mit wiedererstarkter Intensität weitergehen konnte.

Als Amerika in Form von Seymour Stein Interesse an der herrlich widersprüchlichen Musik von Kraan bekundete, und ein paar der sagenumwobenen, von Conny Plank produzierten Platten aus den 70er-Jahren auf dessen Passport-Label erschienen waren, rückte das „Big Time“-Business in greifbare Nähe. Aber plötzlich wollte der Drummer lieber Richtung Afghanistan abhauen, statt in dem Land zu spielen, das den Vietnam-Krieg wider besseren Wissens geführt hatte.

Seymour Stein gründete damals gerade Sire Records und hätte die Band vom Gut Wintrup gerne mitgenommen, um sie zu späteren Label-Mates der Talking Heads und Madonna zu machen. Aber es sollte, wie so vieles, nicht sein. Amerika wäre gut fürs Konto und noch besser fürs teils nicht vorhandene Ego gewesen. Hätte, könnte, würde - es ging danach mit dem Album „Wiederhören“ auf derart brillantem musikalischen Niveau weiter, dass die „Scheiß egal“- Haltung der Hälfte der Band eine vorläufige Bestätigung fand. Übrigens im Jahr der Schleyer-Entführung, was eindrücklich unterstrich, dass die vormaligen Kommunarden jeglicher Politisierung mit Feinmotorik und Bauchgefühl widerstanden. Eine Tatsache, die bis heute genauso Bestand hat, wie die Unmöglichkeit des musikalischen Zuordnens von Kraan. Krautrock? Lächerlich! Kraut-Funk? Schon eher, aber immer noch viel zu beengend. Jazz-Rock? Vielleicht ein bisschen, wenngleich das „kraansche“ Augenmerk aufs Ensemblespiel den darin enthaltenen charakteristischen, solistischen Hickhack immer mit Argwohn betrachten ließ.

Nach dem letzten in 2010 von Kraan veröffentlichten Album „Diamonds“, veröffentlicht die Band nach acht Jahren am 12. Oktober 2018 wieder ein neues Album, welches als CD, Doppel-Vinyl, MP3 in den Handel kommt:

„The Trio Years“

Das neue, insgesamt fünfte Kraan-Live-Album „The Trio Years“, wurde zwischen 2008 und 2017 aufgezeichnet. „Sicherer mit, aber schöner ohne“, lautete die Parallelenziehung des Lichttechnikers zwischen Keyboardern und Kondomen, nachdem es der Kraan-Tastenmann vorgezogen hatte, im Bett liegen zu bleiben, statt zu einem vereinbarten Festival-Gig aufzutauchen. Kraan war plötzlich wieder ein Trio, in der Besetzung der Urzelle. Zunächst unfreiwillig, aber umgehend mit der erneut gesteigerten Intensität. Aufgenommen von Thierry Miguet, stammen die neuen Live-Definitionen von Kraan-Klassikern aus unterschiedlichen Konzerten unterschiedlicher Jahre. „Ich hatte mir zig DVD's angehört, auf die Thierry seine Mitschnitte gezogen hatte“, erinnert sich Hellmut Hattler. „Und eigentlich war ich dabei an den Punkt gekommen, dass ich 80 Prozent der meisten Stücke super fand, zu denen sich aber immer 20 Prozent Entgleisungen gesellten - typisch Kraan! Mir fehlte die Vorstellung, das Material zu einer runden Sache editieren zu können und ich hakte das Live-Projekt zunächst frustriert ab.“ Die buchstäbliche Rettung der Live-Platten- Idee übernahm schließlich der befreundete Drummer, Label- und Studio-Betreiber Jürgen Schlachter, der in minuziöser Feinarbeit jeweils Spuren verschiedener Konzerte zusammen editierte. „Während ich im Krankenhaus lag und um mein Leben kämpfte, gab Jürgen richtig Gas und schickte mir quasi täglich neue Versionen unterschiedlicher Stücke, die in der Zeit für mich wie ein Anker waren. Darunter befanden sich auch Stücke wie ‚Silver Buildings', von denen ich gar nicht mehr wusste, dass wir sie überhaupt live gespielt hatten“, sagt Hellmut Hattler. „Ich war komplett gerührt davon, weil sie in den vorliegenden Live-Versionen so vital klingen. Selbst die Gesänge funktionieren, was bei Kraan schon was heißen will“, spöttelt der Ulmer selbstironisch.

Das bietet das neue Live-Album

Für den geneigten Kraan-Fan gibt es auf „The Trio Years“ Unmengen Frisches zu entdecken. Die enthaltene 18-Minuten-Version von „Nam Nam“ straft mit der Selbstverständlichkeit der Dauererneuerung alle Anachronismus-Vermutungen lüge. „The Schuh“ aus der jüngeren Kraan-Historie lässt über die einnehmenden Möglichkeiten der Orchestrierungen in der Trio-Besetzung staunen. Im unschlagbaren Klassiker „Let It Out“ findet Peter Wolbrandt ausreichend Raum für seine Gitarren-Exkursionen, die immer ein bisschen klingen, als ob sie von einem anderen Stern stammen. Das „Wintruper Echo“ unterstreicht, wie locker Hellmut Hattler die Balance zwischen Melodie und Groove verfeinert aus den Ärmeln schüttelt. „Hallo Ja Ja, I Don't Know“ ist ein Paradestück für Jan Fride Wolbrandts feinmotorisches, metrisches Gespür. Für den Kraan-Neuentdecker summiert „The Trio Years“ derweil, wofür die Band seit knapp fünf Jahrzehnten wie ein Leuchtturm in der Brandung steht: Free-Form-Musik von Freigeistern, die einen unverkennbar zeitlosen Sound haben, weil sie immer auf ihr kollektives Bauchgefühl hörten. Im Zeitalter der Technokratie ist „The Trio Years“ nicht zuletzt deshalb unverzichtbar.

Hattler und Kraan – Back to Life, Back Live

Das neue Album "HATTLER - Velocity" ab 12. Oktober erhältlich Deutschland, 2018. Vor diesem Land könnte auch ein Schild hängen, auf dem „Wir haben fertig!“ geschrieben steht. Und da kommt plötzlich so ein Ding wie VELOCITY angeflogen, das hipste und coolste musikalische Juwel, mit dem sich die Berliner Republik in diesem Jahr schmücken darf. Weil es den bräsigen Zeitgenossen trotzend mit Nonchalance in den Zwischentönen einen Weg Richtung kultureller und emotionaler Vision weist. Todesangst bedingt die Lebensfreude, Dunkelheit das Licht, Depression den Tanz der Hormone. All das steckt in VELOCITY, dessen Metabotschaft laut ruft: Macht Liebe, lasst Euch nicht alles von den allgegenwärtigen Spielverderbern kleinreden, sondern lebt, verdammt noch mal!

Das neue Album HATTLER - Velocity ist ab dem 12. Oktober als CD oder MP3 zu haben.

Weitere Infos im Netz unter www.hellmut-hattler.de und www.bassball.net

HATTLER VELOCITY TOUR  2018/19

Wer die Band einmal live erleben will, kann dies tun. Hellmut Hattler am Bass zusammen mit Fola Dada (Gesang), Torsten de Winkel (Gitarre) und Oli Rubow (Schlagzeug) sind derzeit auf ihrer VELOCITY TOUR

  • 06.10.2018  Ellwangen, Ballroom
  • 07.10.2018  Heilbronn, Kiliansplatz 
  • 11.10.2018  Heinsberg, Jazz im Rondell
  • 12.10.2018  Hettenleidelheim, KS Audio Theater
  • 13.10.2018  Bingen, Binger Bühne
  • 04.11.2018  Siegen, Oase
  • 08.11.2018  Reutlingen, franzK
  • 13.11.2018  Rüsselsheim, Theater
  • 08.03.2019  Esslingen, Kulturzentrum Dieselstr.
  • 09.03.2019  Geislingen, Rätsche
  • 10.03.2019  Kassel, Theaterstübchen
  • 05.04.2019  Idstein, Scheuer
  • 06.04.2019  Schorndorf, Jazzclub Session 88

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November 2018 / No 54

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