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DAUN, 09.05.2022 - 09:13 Uhr
Kultur

„Man muss immer das Ziel im Auge haben“ – Interview mit Klaus Meine und Rudolf Schenker, Scorpions

Sie sind einer der erfolgreichsten Kulturexporte Deutschlands – Über 55 Jahre nach ihrer Gründung ist die Energie und Kreativität der Scorpions, die ihr neues Album „Rock Believer“ präsentieren, ungebrochen. Das liegt nicht zuletzt an einer Begeisterungsfähigkeit, wie sie die beiden Köpfe der Band, Klaus Meine und Rudolf Schenker, auch im Interview erkennen lassen und mir der sie sogar Mitglieder der Beatles beeindruckten. Doch die beiden 73-Jährigen wissen auch, dass jeder Erfolg gefährdet sein kann.

Eigentlich wollten Sie Ihr neues Album in den USA einspielen, was dann wegen Corona nicht möglich war. War das ein Manko?

Rudolf Schenker: Nein, wir haben uns in Hannover unsere eigene Welt geschaffen. Hier war für uns keine Pandemie, sondern wir hatten jede Menge Spaß, zusammen Musik zu machen. Und wir hatten viel extra Zeit, um an den neuen Songs zu arbeiten. Da gab es keinen Druck, wo es hieß ‚Das muss bis dahin fertig sein.‘

Der erste Song heißt „Gas in the Tank“. Sie selbst sind Ihren 60ern und 70ern. Aber Sie haben hoffentlich schon noch genügend Energie?

Klaus Meine: Wir laufen noch immer nicht auf Reserve. (lacht). Der Songtitel ist eine gute Metapher für den Status der Band im Jahr 2022. 2019/20, als ich mit dem Schreiben angefangen habe, hatte ich das Gefühl, dass es Zeit war, neue Songs zu verfassen und ein paar Jahre wieder unterwegs zu sein. Dass die Band nach so einer langen Karriere immer noch hochmotiviert ist, in das Abenteuer eines neuen Albums einzusteigen, zeigt, dass wir die Leidenschaft für die Musik nicht verloren haben.

Haben Sie überhaupt eine Erklärung dafür, warum die Scorpions so erfolgreich geworden sind?

Schenker: Unsere Überzeugung war, dass wir als vier, fünf Freunde um die Welt reisen und Musik machen so wie die Beatles und die Rolling Stones. Wir wollten der Welt zeigen, das ist eine neue Generation, die kommt nicht mit Panzern, sondern mit Gitarren, Love & Peace & Rock’n Roll. Dank dieser Überzeugung gehören wir auch zu den vier Bands, die sich am längsten gehalten haben. Man muss immer das Ziel im Auge haben und als Live Band haben wir auch immer überzeugt. Zuerst in Deutschland, später weltweit. Wir hatten die richtigen Songs zur richtigen Zeit. Wir haben immer gnadenlos abgeliefert, gegen Konkurrenz wie AC/DC oder Van Halen. Wir sprechen ja über die Formel 1 der Rockmusik. Meine:  Als wir zum ersten Mal in den USA vor 50.000 Zuschauern in Cleveland auftraten, und die Manager meinten „Knock ‘em dead“ – „Macht sie fertig.“

Allerdings gab es da auch ungeplante Bremsmanöver. Insbesondere 1982 als Klaus Meine seine Stimme verlor und sie erst nach einer langwierigen Gesangstherapie und Operationen wiederfand.

Meine: Das war ehrlich gesagt eine sehr schlimme Zeit und eine große Kraftanstrengung, wieder an sich zu glauben und alles zu tun, um die Stimmbänder wieder nach vorne zu bringen. Schenker:  So grausam es klingt, aber das Ganze ist zum richtigen Augenblick geschehen. Andere Sänger haben ihr Stimme geschunden, bis es nicht mehr geht. Klaus dagegen hat sich früh genug damit auseinandergesetzt und seine Stimme für die Zukunft fit gemacht. Wäre das Ganze später passiert, dann wäre es vielleicht nicht mehr reparabel gewesen.

Sie alle haben Kinder. Was ist aus denen geworden?

Meine: Mein Sohn und Matthias‘ Sohn sind seit jungen Jahren beste Freunde. Er ist ins Musikbusiness gegangen und am anderen Ende des Spektrums gelandet, was mich sehr glücklich macht. Er hat in London seinen Master gemacht, ist jetzt in Berlin. Das ist nicht so weit, und ich bin sehr glücklich, weil wir uns dadurch immer wieder sehen können. Schenker: Mein Sohn aus erster Ehe ist längst erwachsen und selbst schon Vater und hat mich schon zweimal zum Opa gemacht. Mein zweiter Sohn kam im 50. Jahr der Scorpions, 2015, zur Welt. Er ist ganz lebhaft, und ich freue mich sehr, dass ich mit meiner Lebensperspektive ein Kind heranwachsen sehen kann.

Zu Ihrem beruflichen Umfeld gehören bekanntermaßen berühmte Kollegen. Haben Sie eigentlich jemals die Beatles getroffen, die Sie inspirierten?

Meine: Ich habe Paul vor ein paar Jahren getroffen, als er in Hannover gespielt hat. Der Promoter, der ein guter Freund war, meinte Paul würde mich gerne sehen. Das hat mich in helle Aufregung versetzt. Man muss sich überlegen: Was bist du, wenn er zur Tür hereinkommt? Fan oder Musiker? Aber er hat mir das sehr leicht gemacht, indem er gleich gesagt hat ‚Hey Klaus, how are the Scorpions doing?‘ Jeder, der Fan von den Beatles, oder den Rolling Stones oder den Scorpions ist, der weiß, wie es ist, wenn man seine Idole trifft. Dann schlägt einem das Herz schon ein bisschen schneller.

Und das war die einzige Begegnung?

Meine: Nein, zum Beispiel trafen wir in Tokio auch mal George Harrison, der im gleichen Hotel wohnte. Wir saßen am Abend in der Bar zusammen, und man war, was mich betrifft, ehrfürchtig und wollte ihm nicht mit blöden Beatles Fragen kommen. Aber als George rausging, drehte er sich um und sang die Zeile „Schick ihn nach Hannover“ zur Melodie von „Shakin‘ all over“.

Hannover blieb ja das Zentrum Ihres Lebens.

Meine: Das war immer ein Rückzugspunkt, wo wir die Batterien wieder aufladen konnten.

Und wie laden Sie die am Ende eines Konzerts auf?

Meine: Da fahren wir ins Hotel zurück und lassen den Abend meist mit einem schönen Dinner ausklingen. Inzwischen planen wir die Shows so ein, dass wir nicht vier-fünf hintereinander spielen, sondern dass wir genügend Spielraum haben, um uns zu regenerieren. Man hofft dann, dass kein fieser Virus um die Ecke kommt. Das kann auch ohne Corona ganz schön heftig werden, besonders wenn man abends singen muss.

Was empfinden Sie eigentlich angesichts der Tatsache, dass Sie nach 50 Jahren noch immer vor so einem riesigen Publikum spielen?

Meine: Seit 1982, als mit meiner Stimme alles wieder im Lot war und wir mit vielen Doppelplatin-Platten für „Blackout“ nach Hause kamen, ist für mich alles, was danach kam, eine extralange Zugabe. Das genieße ich jeden Tag. Solange dieses kleine Instrument tief in der Kehle noch mitmacht, bin ich gut drauf und habe Freude daran, dass mir der liebe Gott so ein Geschenk in die Wiege gelegt hat. Irgendwann geht alles vorbei, aber im Moment freuen wir uns auf die Rock-Believer-Tour.

Ein Interview von Rüdiger Sturm


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