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DAUN, 20.12.2022 - 09:00 Uhr
Kultur

„Neid bringt nichts“ – Interview mit Til Schweiger

Aktuell stehen für Til Schweiger tragische Themen im Mittelpunkt – so auch in seinem neuen Film „Lieber Kurt“ (seit 15. September im Kino), der sich um den Tod eines kleinen Jungen dreht. Doch der 58-Jährige hat seine positive Lebenseinstellung nicht verloren, zumal er sich beim Dreh der Fortsetzung von „Manta Manta“ Glücksgefühle verschaffte.

In „Lieber Kurt“ spielen Sie einen verzweifelten Vater, der seinen kleinen Sohn verliert. Was löst es bei Ihnen aus, wenn Sie in solchen Rollen vor der Kamera weinen? Ich mache kein Psychodrama draus. Da gibt mir die Maskenbildnerin zwei, drei Kleenex, dann wische ich mir die Tränen ab, atme durch und überprüfe am Monitor, ob das gut war. Wenn nicht, dann mache ich es nochmal. Aber wenn man im Privaten traurig ist und viel geweint hat, dann fühlt man sich ein bisschen besser, weil man alles rausgelassen hat.

Wie gehen Sie selbst mit tragischen Erfahrungen wie Trauerfällen um? Bis zum Begräbnis meiner Mutter 2021 habe ich mich immer vor Beerdigungen gedrückt. Das ist nichts für mich. Ich war 17, als ich zum letzten Mal an einer teilgenommen habe. Da ist einer aus meiner Fußballmannschaft erstochen worden, das war ein Rachemord. Und auf dem Begräbnis bin ich kollabiert. Man hat mich gerade noch festgehalten, sonst wäre ich in die Grube gefallen.

Hat die Arbeit an so einem Film wie „Lieber Kurt“ eine therapeutische Wirkung? Nein. Ich kann nicht sagen, weil ich diesen Film gemacht habe, bin ich dafür gewappnet, wenn das in Zukunft passiert. Aber ich bin froh, dass ich ihn gedreht habe, denn er behandelt eben ein wichtiges Thema, an das sich sonst keiner herantraut. Das war auch schon bei „Honig im Kopf“ so. Ganz viele Leute meinten damals ‚Til, das ist ein Film, den keiner sehen will, denn Alzheimer ist die schlimmste Krankheit, die man bekommen kann.‘ Was stimmt, denn meine Mutter war ja auch davon betroffen. Aber wenn ich so einen Film mache, dann, weil ich das will und weil seine Geschichte eben eine Bedeutung hat.

Sie haben jetzt „Manta Manta 2“ abgedreht. Ist das jetzt nach diesen schweren Themen von „Lieber Kurt“ und des Vorgängerfilms „Die Rettung der uns bekannten Welt“ Ihre persönliche Wellness-Einheit? Nein, so plane und denke ich nicht. Ich brauchte nach „Lieber Kurt“ jetzt keinen Wohlfühlfilm. Ich würde drei Actionfilme hintereinander machen, wenn ich drei tolle Actiondrehbücher hätte, oder fünf Komödien hintereinander. Ich weiß, viele Kollegen denken ‚Jetzt habe ich in zwei Komödien gespielt, jetzt muss ich zeigen, dass ich auch das dramatische Fach beherrsche‘. Ich dagegen nehme die Dinge, wie sie kommen. Ich wollte schon vor 30 Jahren einen zweiten Teil drehen, aber Bernd Eichinger meinte „Die Manta-Welle ist vorbei.“ Mein Argument war: „Die war schon vorbei, als der Film ins Kino kam. Der Film war deshalb erfolgreich, weil er das Lebensgefühl dieser Clique vermittelt hat.“

Doch dann dauerte es trotzdem so lange? Bernd ist leider viel zu früh verstorben, dann wollte ich mit seinem Nachfolger bei der Constantin, Martin Moszkowicz, einen neuen Anlauf machen, aber damals war ich exklusiv an den Warner-Verleih gebunden. Als dann mein Deal zu Ende ging, habe ich gesagt ‚Jetzt machen wir’s.‘

Und es wird sich so viel Jahre später ein Publikum dafür finden? Was uns in die Karten spielt, ist der wahnsinnige Erfolg von „Top Gun: Maverick“. Viele Leute meinten vorher: ‚Wer will das noch sehen?‘ – Tja, ganz Deutschland wollte sich den Film anschauen. Damals hatte Bernd einen sehr selbstbewussten Slogan entwickelt: „Manta, Manta – Der Film, auf den die Nation wartet.“ Und unserer wird sein: „Manta Manta 2 – der Film, auf den die Nation über 30 Jahre gewartet hat.“ Der Film wird großartig, weil er nicht nur viel witziger ist, sondern weil er auch viele Emotionen hat.

Inzwischen sind ja neue Schauspielergenerationen herangewachsen. Welchen Rat geben Sie jungen Kollegen? Ich habe schon meine Tipps. Zum Beispiel, dass sie hart arbeiten und ihre eigenen Stoffe entwickeln sollen, anstatt zu warten, dass der Agent sie anruft. Aber der wichtigste Rat, den ich habe, ist: Neid bringt überhaupt nichts. Das strahlt nur negative Energie aus. Ich selbst will mit neidischen Leuten nicht arbeiten. Wenn du nicht neidisch bist, hast du viel mehr positive Energie für dich, denn Neid ist nur destruktiv und bringt dir nichts außer schlechten Gefühlen.

Für die positivsten Gefühle sorgt ja die Liebe, wie auch im Film zu sehen ist. Oder wie sehen Sie das? Liebe ist das Schönste im Leben, und zwar nicht nur die Liebe zu deiner Partnerin, sondern auch zu deiner Familie und deinen Freuden. Ich bin voller Liebe.

Demnach sollten Ihnen die negativen Stimmen, die Sie früher von manchen Kritikern gehört haben, nicht unter die Haut gehen. Nicht mehr. Ich habe früher alle Filmkritiken gelesen, weil die ich vom Verleih bekommen habe, und mich tierisch aufgeregt. Seit ich sie nicht mehr lese, geht es mir viel besser. Aber jetzt lebe ich in meinem eigenen Mikrokosmos mit meinen Freunden. Da kommen auch immer wieder neue Leute dazu, die ich neu liebe, die mich inspirieren und die ich inspiriere, und da kann keiner dazwischen.

Überlegen Sie eigentlich, was Sie selbst noch in Ihrem Leben sonst noch alles machen wollen? Ich habe keine regelrechte Liste der Dinge, die ich noch alle erleben oder verwirklichen möchte. Aber ich mache mir natürlich über solche Themen Gedanken, da ich merke, dass mit zunehmendem Alter jedes Jahr schneller vorbeigeht. Ich werde ja nicht jünger. Deshalb bin ich fest entschlossen, die Zeit, die ich noch habe, so kreativ zu nutzen wie möglich und mit so viel Freude und so vielen Menschen, die mir wichtig sind, zu verbringen.

 

Ein Interview von Rüdiger Sturm (Ausgabe No. 101 - vivanty)

 

 


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