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DAUN, 06.02.2020 - 09:39 Uhr
Kultur

„Vergesst mir die Liebe nicht!“ - Interview mit Gaby Köster

Interview von Claudia Pless

Aufstehen, Krone richten, weitergehen – oder, um es mit den Worten von Gaby Köster zu sagen: „Arsch huh, Zäng ussenander!“ Aufgeben war für die Kölner Komikerin und Schauspielerin nie eine Option. Elf Jahre nach ihrem „drecksdrisseligen“ Schlaganfall meldet sich die Queen of Comedy mit ihrem neuen Buch wieder zu Wort. Mit viel Pragmatismus, schonungsloser Ehrlichkeit und ihrem typischen kösterschen Humor erzählt sie darin vom harten Weg zurück auf die Bühne, vom Zusammenleben mit ihren geliebten Fellnasen und von den alltäglichen Herausforderungen. Dass sie trotz harter Hindernisse, vieler Hürden und dunklen „Tagen im Loch“ nie ihren „angeborenen Optimismus“ sowie „die Hoffnung und den Glauben an die schönen Dinge des Lebens“ verloren hat beweist die Powerfrau auch im Interview.

Frau Köster, Ihr neues Buch ist ein Mut- und Muntermacher. Es beschreibt, wie Sie sich Ihr „zweites Leben“ erarbeiten, jedem Tag etwas Positives abgewinnen und gelernt haben, sich an den kleinen Dingen zu freuen. Was hat Sie heute schon glücklich gemacht? Meine Fellnasen zu knuddeln und mein morgendlicher Kaffee. Das sind Rituale, die müssen sein, sonst ist der Tag verhauen. Beim Käffchen hatte ich meinen kleinen Frierbötel, den Chihuahua-Rüden Charlito, auf dem Schoß. Da fing der Tag schon gleich gut an. - Wenn ich meine kleinen Fellnasen nicht hätte, dann wäre ich wohl schon längst durchgedreht.

Was beschert Ihnen ansonsten Glücksmomente? Draußen zu sein. Ich bin sehr gerne draußen. Ich liebe es, mich ins Leben zu stürzen und mit meinem Gabymobil unterwegs zu sein. Wenn man mit dem Hintern zu Hause bleibt, erfährt man ja nichts. Auch malen macht mich glücklich. Und wenn ich mich mal nicht geerdet fühle, koche ich mir Möhrensuppe – Möhren-Untereinander haben mich im Leben schon oft wieder zurück auf die Erde gebracht. Jedenfalls muss man nicht nach den dicken Dingern im Leben suchen, die einen glücklich machen, das Glück liegt auch im Kleinen. Manchmal ist es auch nur ein schönes Lied.

War diese Message Ihre Hauptantriebsfeder, dieses Buch zu schreiben und damit an ihren Bestseller „Ein Schnupfen hätte auch gereicht“ anzuknüpfen? Absolut. Meine Intention war, nach meinem ersten Buch, in dem es vor allem um meinen drecksdrisseligen Schlaganfall und die Zeit im Krankenhaus ging, den Leuten nun etwas Schönes zu erzählen, was ihnen Mut macht. Das sie dazu inspiriert, selber aktiv zu werden. Und das ihnen zeigt, es geht immer irgendwie weiter. Auch weil wir ja jetzt in die dunkle Jahreszeit kommen, und da braucht man Lichtblicke.

Apropos Lichtblicke: Was war für Sie in den letzten elf Jahren die größte Herausforderung, aus dem Loch, in das Sie durch den Schlaganfall gefallen sind, wieder herauszufinden? Meine „Sitcom“-Tournee, ein Solo-Programm mit 47 Live-Auftritten. Das war schon eine echte Herausforderung. Auch weil die Bühnen-Treppen in diesem Lande sehr schwer zu besteigen sind. Die meisten Bühnen haben keine Rollstuhlrampen, sondern nur abenteuerliche Treppenkonstruktionen. Aber ich habe es geschafft, und das hat mich sehr stolz gemacht. Und ich habe daraus ganz viel neue Energie geschöpft.

Wie wichtig ist Ihnen heute Ihre Arbeit? Total wichtig, sie ist für mich existentiell. Meine Arbeit ist meine Berufung, mein Lebenselixier. Auch weil ich nun mal durch und durch Künstlerin bin. Es gibt mir unendlich viel Kraft, wenn die Leute nach meiner Show glücklich nach Hause gehen. Außerdem hat mir die Tour Dinge ermöglicht, die meine Lebensqualität erhöhen. Ich bin zwar genügsam, aber ich muss ja nicht nur mein eigenes Leben bezahlen, sondern habe auch eine Familie zu ernähren. Und nicht jeder Esel kackt Dukaten, da hilft kein Füttern und kein Warten!

Besitzen Sie noch Ihre Finca auf Ibiza? Oh ja. Und natürlich frisst der alte Kasten Geld und macht Arbeit. Aber ich liebe dieses alte ibizenkische Bauernhaus, das mitten in der Pampa liegt. Ich sage immer: Diese wunderschöne handgeklöppelte Finca ist mein Lebensmut-Generator. Sie gibt mir Kraft und Energie. Jeder Aufenthalt in diesem Haus schiebt mich nach vorne und macht mein Leben lebenswert. Außerdem liebe ich Ibiza. Schon bei meinem ersten Besuch habe ich mich in diese kleine Balearen-Insel schockverliebt.

Warum haben Sie bislang weder Ihre Finca noch Ihr Haus in Köln barrierefrei gestaltet? Weil dieser drecksdrisselige Schlaganfall mein Leben verändert hat, aber nicht meine Immobilien. Das ist eine Herausforderung, viele Dinge trotzdem zu bewerkstelligen, auch wenn nicht alles ebenerdig und megaoptimal ist. Ich lerne dabei ja auch. Und freue mich über jede schwierige Aufgabe, die ich alleine bewältigen kann. Wenn ich wieder etwas Neues geschafft habe, macht mich das glücklich. Es lohnt sich also, seine Komfortzone hin und wieder zu verlassen, etwas zu riskieren und zu wagen.

Können Sie inzwischen auf den Rollstuhl verzichten? Wenn ich einkaufen gehe, was schon mal länger dauern kann, dann muss ich das mit dem Rolli machen. Irre lange stehen kann ich auch nicht. Aber kurze Strecken zu Fuß schaffe ich schon. Und dann hab ich auch noch mein Elektromobil für Fahrten in die Stadt. Auch Autofahren kann ich allein. Bahnfahrten sind hingegen nach wie vor schwierig. Die Zugtüren gehen so schnell auf und zu, das ist mit Rolli schon sehr abenteuerlich.

Nehmen Sie in solchen Situationen Hilfe von fremden Menschen an? Auf jeden Fall. Ich bin der Meinung, sprechenden Menschen kann geholfen werden. Ich freue mich, wenn mich jemand fragt, ob ich vielleicht Hilfe brauche. Und da breche ich mir doch keinen Zacken aus der Krone, wenn ich diese Hilfe dann annehme.

Haben Sie durch Ihre Krankheit auch neue Stärken an sich entdeckt oder etwas für Ihr Leben dazugewonnen? Absolut. Zum Beispiel dieses Gefühl, stolz auf mich selbst zu sein. Stolz auf Dinge, die ich aus eigener Kraft geschafft habe. Das hatte ich zu gesunden Zeiten nie. Das habe ich erst seit diesem drecksdrisseligen Schlaganfall und gehört zur Erkenntnis-Serie: Man muss sich auch mal freuen können. Durch die Krankheit habe ich auch gelernt, nicht nur auf das zu schauen, was aktuell oder künftig nicht geht, sondern auch zurückzuschauen auf das, was man im Leben schon alles gestemmt hat. Außerdem können Not und Elend auch kreativ und erfinderisch machen. So habe ich zu Hause überall einen Nussknacker rumliegen, damit kann ich einarmig Flaschen, Dosen und Tuben öffnen.

Wie geht es mittlerweile Ihrem linken Arm, der seit dem Schlaganfall gelähmt ist? Mein Arm ist schon da, er hängt ja nicht tot an mir rum. Er ist inzwischen etwas berührungsempfindlicher geworden, so dass ich jetzt auch spüre, wenn mich eine Mücke dort sticht. Ein Mückenstich kann also auch Grund zur Freude sein (lacht) – allerdings nur im linken Arm. Dann kann ich mich mit rechts noch kratzen. Stärkere Einwirkungen im linken Arm hab ich aber auch direkt nach dem Schlaganfall schon gespürt. Denn ganz taub war er ja nicht. Nur machen wollte er nichts, und das tut er bis heute nicht. Der verweigert einfach seinen Dienst. Bescheuert. Das ist scheinbar ein Montagsarm.

In Ihrem Buch ermutigen Sie Ihre Mitmenschen zu mehr Empathie. Warum ist Ihnen das besonders wichtig? Weil ich leider finde, dass es heute an allen Ecken und Enden an Mitgefühl mangelt. Wir brauchen Mitmenschlichkeit, Verantwortung und Solidarität für das tägliche Zusammenleben, gerade in unserer heutigen Zeit. Und das müssen wir Erwachsene auch den Kindern vorleben. Ich bin ja selber Mutter und stehe immer noch auf dem Standpunkt: Was vorher nicht reinkommt, kann hinterher auch nicht rauskommen! Wenn wir Erwachsene uns nicht die Zeit nehmen und den Kindern Werte wie Empathie, Hilfsbereitschaft und Respekt vor jedem Lebewesen vermitteln, dann dürfen wir uns auch nicht wundern, wenn die Jugend von diesen Grundwerten keine Ahnung und keine Achtung hat. Wir brauchen eine Generation, die nicht nur an den großen Profit denkt, sondern auch an den Benefit für alle. Deshalb setze ich übrigens auf die Generation Greta.

Spricht da auch die gelernte Erzieherin in Ihnen? (lacht) Kann sein. Jedenfalls stehe ich auf dem Standpunkt: Man muss sich mit den Kindern und ihren Problemen auseinandersetzen. Heutzutage Jugendliche oder Jugendlicher zu sein, ist auch nicht gerade einfach. Es gibt so irre viel an Ablenkung, was meine Generation so nicht kannte, weil wir das früher nicht hatten. Das hatte damals auch seine Vorteile: Wir mussten uns selber was einfallen lassen. So bin zumindest ich aufgewachsen. In meiner Jugend gab es noch kein Internet, keine unsozialen Medien. Keine Youtuber und Influencer. Das war auch schön.

Eine besonders berührende Szene in Ihrem Buch ist das Abschiednehmen von Ihrem Sohn Donald, der für neun Monate nach Argentinien geht. Warum konnten Sie zum ersten Mal nach Ihrem Schlaganfall genau in diesem Moment wieder weinen? Weil mich mein geliebtes Kind zum Abschied ganz fest an sich drückte und dabei anfing zu weinen. Das ging mir direkt ins Herz. Als mich Donald dann auch noch fragte: „Und was ist jetzt mit Weihnachten?“, da hat es mich zerlegt. Dieser fragende Blick, seine spürbare Unsicherheit, die leichte Verzweiflung in seiner Stimme. Ich hatte zehn Jahre nicht geheult, aber in diesem Augenblick sind alle Dämme gebrochen. Da gab es kein Halten mehr. Alle Tränen, die zehn Jahre nicht geflossen waren, strömten da aus mir heraus. Auch weil ich wusste, er geht jetzt weit weg und kann nicht mal schnell auf ein Käffchen rumkommen.

Sie konnten Ihren Sohn nicht selber zum Flughafen bringen, haben seinen Flug aber mit „Flightradar“ zu Hause am Laptop verfolgt... Das war natürlich total bescheuert. Denn ich hätte ja – falls etwas passiert wäre – via Laptop auch nichts machen können. Aber ich war gefühlt dabei. Ich konnte nicht eher pennen, bis Donald mit dem Flieger über dem Teich war.

Inzwischen ist Ihr Sohn wohlbehalten zurückgekehrt und wohnt wieder bei Ihnen. Wie schwer ist es für Sie als Mutter, die Balance zu halten zwischen Verbundenheit und Loslassen? Ich freue mich natürlich, dass Donald vorübergehend wieder bei mir wohnt. Wir beide haben schon eine sehr enge Bindung, und der drisselige Schlaganfall hat uns noch mehr zusammengeschweißt. Der Junge musste durch meine Krankheit sehr viel mitmachen, was mir im Nachhinein wahnsinnig wehtut, aber ich konnte es ja nicht ändern – das war ja keine Absicht meinerseits. Andererseits weiß ich auch, wie irrsinnig wichtig das Loslassen ist. Denn nur wer gerne gehen darf, der kommt auch gerne wieder. Anbinden kann man keinen – und sollte man auch nicht.

Eines der schönsten Erlebnisse in Ihrem Leben war sicherlich die Reise nach New York, wo die Schauspielerin Anna Schudt für ihre bravouröse Darstellung in dem Film „Ein Schnupfen hätte auch gereicht“ den Emmy gewann. Kam Ihnen das alles nicht sehr unwirklich vor? (lacht) Das hat sich tatsächlich wie ein Traum angefühlt – verrückt und wunderschön. New York war der Wahnsinn. Da schwärme ich heute noch von. Wir waren dort alle am Durchticken vor Freude. Dass dieser kleine deutsche Film so einen großen internationalen Zuspruch fand und Anna den legendären Emmy gewann, das war schlichtweg ein Wunder.

Auch sonst scheinen Sie an Wunder zu glauben. Sie schreiben in Ihrem Buch mehrmals, dass es im Leben keine Zufälle gibt. Wie kommen Sie zu dieser Überzeugung? Aus der Erfahrung. Ich bin mir absolut sicher: Es gibt im Leben keine Zufälle. Alles, was uns im Laufe des Lebens passiert, ist für irgendwas gut. Man muss sich nicht immer alles erklären können. Jeder Weg im Dunklen führt irgendwann wieder ans Licht. Man muss nur nach dem Glück, dem Positiven suchen. Am Ende fügt sich alles auf wunderbare Weise zusammen und ergibt einen Sinn.

Glauben Sie auch immer noch an die Liebe? Im Buch schreiben Sie ja sehr lustig über Ihre Erfahrungen mit der Dating-App Tinder. Natürlich glaube ich an die Liebe. Die Liebe ist das Größte im Leben. Sie ist das, was uns alle zusammenhält. Deshalb sage ich immer: „Ihr lieben Menschen, vergesst mir die Liebe nicht“. Die Liebe zu Mensch und Tier. Und was die Dreibeiner, also die Männer, anbelangt: Auch ich habe meine Sehnsüchte. Aber ich mache mir da nichts vor: Ich bin Mitte 50 und habe eine Behinderung. Simpel gesagt: schwer vermittelbar. Das Alter und die Folgen des Schlaganfalls haben ihre Spuren hinterlassen. Außerdem sollte man erst mal mit sich selber klarkommen und alleine sein können, bevor man überhaupt an weitere Verbindungen denkt. Also: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!

Sie wirken auch alleine sehr glücklich. Haben Sie keine Zukunftsängste? Wir Kölner sagen immer: Et kütt, wie et kütt. Es kommt, wie es kommt. Warum sollte ich mir durch sinnlose Ängste mein Leben und meine Lebensfreude vermiesen lassen? Also: weiterfreuen, du kannst eh nichts machen. Deshalb wache ich morgens dankbar auf und freue mich über jeden Tag, den ich mit den Tieren erleben darf. Und tatsächlich bin ich gerade sehr glücklich, auch weil es einen neuen Mann in meinem Leben gibt: Charlito. Der kleine Kerl auf meinem Schoß. Auch wieder ein Second-Hand-Hund aus Ibiza, der bei mir ein neues Zuhause gefunden hat. So wie damals mein geliebter Taxi, der mich bis zu seinem Tod durch die schwerste Zeit meines Lebens begleitet hatte. Seitdem weiß ich: Ein Leben ohne Hund ist möglich, aber sinnlos.

Was meinen Sie mit Second-Hand-Hund? Sowohl Taxi als auch Charlito hatten vor mir andere Besitzer. Charlito war durch einen Tierfänger in einer Tierauffangstation gelandet, wo man den armen kleinen Kerl in einen Vogelkäfig sperrte. Vermutlich, um ihn vor den Katzen dort zu schützen. Jedenfalls wurde er von niemandem abgeholt. Keiner vermisste ihn. Also musste ich handeln. Auch weil mir nachts - obwohl ich normalerweise gar nicht träume - Taxi im Traum erschienen war. Und der hatte zu mir gesagt: „Rette Charlito, du hast mich gerettet, jetzt rette auch ihn.“ Natürlich ist Charlito kein Ersatz für Taxi, weil man Tiere nicht einfach ersetzen kann. Aber er ist ein ganz toller Lebensbegleiter, gibt mir männlichen Schutz und macht mich wahnsinnig glücklich!

Gab es Momente in Ihrem Leben, wo Sie mit Ihrem Schicksal gehadert haben, sich gefragt haben: Warum gerade ich? Warum sollte ich? Das wäre ja Schwachsinn. Das bringt einen keinen Meter weiter, sondern macht nur schlechte Laune. Solche negativen Gedanken klinke ich in meinem Kopf total aus. Natürlich kenne ich auch Tage, in denen ich im Loch hänge. Auch ich bin nicht immer nur gut drauf. An solchen dunklen Tagen stelle ich mir dann die Fragen, die sich wahrscheinlich 95 Prozent der Menschen in meinem Alter und ich einer ähnlichen Situation auch stellen.

Welche Fragen meinen Sie? Na zum Beispiel: Wie lange lebt meine Mutter wohl noch? Und bleibt sie gesund? Wie oft werde ich meinen Sohn noch sehen, wenn er seine eigene Familie hat? Noch schaffe ich das ganze Theater mit meiner Mum und ein paar Freunden. Aber werde ich das auch alleine wuppen? Finde ich jemals noch meinen Romeo? Und wenn nicht, halte ich die Einsamkeit aus? Solche Fragen halt. Also der ganz normale Wahnsinn, der einen mit zunehmendem Alter verunsichern kann, auch ohne Schlaganfall. Das sind die Momente, in denen ich im Loch hänge, Angst habe, traurig, verzweifelt und niedergeschlagen bin.

Und wie finden Sie aus diesem Loch wieder heraus? Wenn solche depressiven Gedanken durch mein Haus wabern, dann helfen auch mir keine Tiere und keine Freunde. Da hilft auch keine Möhrensuppe oder ein fröhliches Lied auf den Lippen. Da hilft nur eins: aufstehen, lüften und aktiv werden. Oder wie wir Kölner sagen: „Arsch huh, Zäng ussenander!“ Und laut mit sich selber reden: „So Frau Köster, es reicht!“ Denn es kommt niemand auf dem weißen Pferd vorbei, der sagt: „Oh, du bist im Loch, du arme Maus, komm mal her, da helfe ich dir mal eben.“ Aus meinem dunklen Mäuseloch muss ich schon alleine wieder rauskommen, da muss ich selbst aktiv werden.

Was machen Sie dann konkret? Ich gehe raus vor die Tür, das tut immer gut, oder ich lese ein schönes Buch. Auch malen hilft mir immer und mich mit schönen Farben zu beschäftigen. Aber jeder muss seinen eigenen Weg aus dem Loch finden. Was mir persönlich auch hilft, ist, Tagebuch zu schreiben. Ich schreibe mir immer auf, was an diesem gelebten Tag alles Schönes passiert ist. Da reichen zum Beispiel schon ein paar Zeilen über das niedliche Eichhörnchen im Garten oder was Lustiges aus dem Internet. Statt zu schreiben, kann man ja auch vor dem Einschlafen einfach den Tag noch mal Revue passieren lassen und darüber nachdenken, über was man sich heute gefreut hat. Denn ich finde, man muss auch mal dankbar sein für die schönen Dinge, die im Leben passieren. Und wenn man dann Tagebuch geschrieben hat, kann man das immer nachlesen und sich daran auch wieder erfreuen.

Kam diese Dankbarkeit durch das Überleben Ihres Schlaganfalls? Diese Dankbarkeit hatte ich schon immer, genau wie meinen angeborenen Optimismus. Ich sage zwar oft: „Wie schön, dass ich das noch lebendig erleben darf. Denn wenn ich tot gewesen wäre, hätte ich das doch alles nicht mitgekriegt.“ Aber ich war schon immer dankbar für die schönen Dinge des Lebens. Und gerade heutzutage finde ich Dankbarkeit sehr wichtig. Wenn man mal überlegt, was zurzeit in der Welt so alles passiert, dann haben wir es hier doch sehr gut. Hier ist kein Krieg, hier herrscht keine Hungersnot, hier wird nicht auf offener Straße geschossen. Da muss man doch auch einfach mal froh sein, über das was man hat und nicht nur darüber jammern, was man alles nicht hat. Dieses ewige Meckern geht mir gehörig auf die Nerven. Man muss auch selbst was tun, um in die Pötte zu kommen. Und für sich selber Verantwortung übernehmen, statt mit den Fingern auf andere zu zeigen.

Das Publikum kennt nur die laute, fröhliche, selbstbewusste Gaby Köster. In Ihrem Buch erfährt man, dass es aber auch eine stille, schüchterne, sensible Gaby gibt, der andere gerne ihr Herz ausschütten. Das mit dem Herzausschütten war schon immer so. Auch als ich noch in der Kneipe in der Südstadt gearbeitet habe. Ich glaube, die Menschen spüren, dass man selber schon einiges hinter sich hat und mit ihnen mitfühlen kann. Und dass es bei mir neben der lustigen Seite, die ja auch mein Beruf ist, eben auch eine stille Seite gibt. Ich spreche auch nicht so wahnsinnig gerne über meine eigenen Gefühle. Das mache ich lieber mit mir selber aus. Das war als Kind schon so. Deshalb freue ich mich, dass mein Co-Autor Till meine Gefühle so schön übersetzt. Er ist auch ein sehr empathischer Mensch, der mir über meine natürliche Schüchternheit und Introvertiertheit hinweghilft. Ich nehme mich selber halt nicht so wichtig. Und wenn ich nicht auf der Bühne stehe, lasse ich lieber andere reden.

Viele Menschen haben sich ihr eigenes Bild von Ihnen gebastelt. Zum Beispiel das der unerschütterlichen Kölschen Frohnatur, die stets gut gelaunt ist, der die Herzen nur so zufliegen und die sich tapfer ins Leben zurückgekämpft hat. Was löst das bei Ihnen aus? Die Sympathien der Menschen berühren mich sehr. Und wenn ich an die Standing Ovations denke, die ich auf der Sitcom-Tour erhalten habe, bin ich immer noch total gerührt. Auch wenn ich gleichzeitig denke: „Leute, locker bleiben – ich bin es doch nur, eure Gaby“. Ich bin jedenfalls total dankbar, dass ich etwas von meinem Glück, das ich aus dem Beruf ziehe, an die Menschen weitergeben kann. Aber - das dat mal klar ist - zugeflogen ist mir nichts. Es kam auch niemand mit ‘ner Schubkarre voll Kohle vorbei. Alles, was ich im Leben geschafft habe, hab ich mir selbst erarbeitet. Ich hab nichts „nur mal eben so“, ohne mein eigenes Zutun, erreicht und hab mir auch nichts erkämpft. Das Wort „kämpfen“ mag ich übrigens gar nicht. Denn ich bin ja ein friedliebender Mensch. So. Das musste ich jetzt mal loswerden.

Was sind Ihre Wünsche für 2020? Viel Zeit mit meinen Lieben verbringen. Und vielleicht die eine oder andere schöne Reise unternehmen. Zum Beispiel für das Rolli-Reisemagazin, das ich gerade mit Freunden plane. Dafür wollen wir austesten, wohin man auch mit körperlicher Einschränkung gut verreisen kann, das heißt ohne größere Komplikationen.

Wie behindertenfreundlich ist Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern? Was ich hierzulande sehr ekelhaft finde, ist, dass die Behindertenparkplätze oft von breiten SUVs, langen Nobelkarossen oder hohen Auslieferungsfahrzeugen belegt sind – wobei die letzten ja irgendwo stehen müssen. Aber das ist ja nicht der Sinn der Sache. Am meisten ärgern mich diese riesigen Stadtförsterkutschen, die gleich zwei Behindertenparkplätze gleichzeitig blockieren. - Apropos Kutsche: Jetzt fällt mir noch ein Wunsch ein.

Welcher? Irgendwann möchte ich einmal mit der Kutsche durch den New Yorker Central Park fahren. Das ist ein alter Traum von mir. Aber das werde ich wohl auch 2020 noch nicht schaffen. Jetzt freue ich mich aber erstmal auf Weihnachten: das erste Fest wieder mit meinem Kind, nach seiner Rückkehr aus Argentinien. Zum Thema Fest habe ich übrigens noch einen Wunsch.

Schießen Sie los. (lacht) lieber nicht: Für den Jahreswechsel wünsche ich mir nämlich, dass diese elendige Knallerei aufhört. Die fängt ja mitunter schon mittags an. Ich kann bis heute nicht begreifen, dass man diese blöden Böller kauft und in den Himmel jagt, bis man auf der Straße nichts mehr sehen kann vor lauter Rauch. Ich finde, das ist der blanke Horror. Mit der Kohle könnten doch einige Lebewesen – egal ob Mensch oder Tier – sehr viel mehr anfangen. Damit sollte mal so viel Gutes tun. Deshalb boykottiere ich das. Das finde ich übrigens an Ibiza so toll, da darf an Silvester nicht geknallt werden. Also liebe Menschen: Hört auf mit dem Stuss und macht lieber was Schönes.

Zur Person - Gaby Köster

Zurück ins Leben

Die gebürtige Rheinländerin Gabriele Wilhelmine „Gaby“ Köster (geb. 2.12.1961 in Köln-Nippes) gehört zu den bekanntesten Gesichtern der deutschen Kabarett-Szene. Über zahlreiche Live-, Radio- und Fernsehauftritte spielte sie sich in die erste deutsche Comedy-Liga. Zu ihren größten TV-Erfolgen, für die sie mehrfach ausgezeichnet wurde, zählt die legendäre Show „7 Tage - 7 Köpfe“ und die Kultserie „Ritas Welt“ mit Köster in der Titelrolle der quirligen Supermarkt-Kassiererin Rita Kruse. 1995 trat Gaby Köster mit ihrem ersten Solo-Programm „Die dümmste Praline der Welt“ auf. Ab 1999 tourte die Komikerin und Schauspielerin mit verschiedenen Bühnenprogrammen durch Deutschland. 2007 startete sie ihr drittes und erfolgreichstes Bühnen-Programm „Wer Sahne will, muss Kühe schütteln!“ Im Januar 2008 erlitt Gaby Köster einen Schlaganfall, der sie zu einer langen Karrierepause zwang. 2011 trat sie in „Stern TV“ erstmals wieder in der Öffentlichkeit auf. Über ihren Schlaganfall und die Zeit danach schrieb Köster zusammen mit Till Hoheneder ihr autobiografisches Buch „Ein Schnupfen hätte auch gereicht – meine zweite Chance“, das zum Bestseller wurde. 2015 folgte der fiktive Roman „Die Chefin“ über die im Rollstuhl sitzende Ex-Rocksängerin Marie Sander. 2016 wurde die ausgebildete Erzieherin TV-Jurorin in der RTL-Sendung „Die Puppenstars“. 2018 kehrte Gaby Köster, die genau 30 Jahre zuvor in einer Kölner Kneipe als Sketchschreiberin entdeckt worden war, mit ihrem Solo-Programm „Sitcom“ auf die Bühne zurück und ging damit auf Deutschland-Tournee. Im selben Jahr wurde die Schauspielerin Anna Schudt für ihre überzeugende Darstellung der Komikerin in der TV-Verfilmung von „Ein Schnupfen hätte auch gerecht“ mit dem International Emmy Award ausgezeichnet. Gaby Köster lebt mit ihren Hunden in Köln und hat einen erwachsenen Sohn aus ihrer geschiedenen Ehe mit dem Regisseur Thomas Köller.


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