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DAUN, 06.07.2018 - 09:25 Uhr
Touristik

Aperitivo mit Sisi - Eine Reise durch Italiens Nordosten

(dpa/tmn) - Toskana, Sizilien, Rimini: Wer an Italien denkt, hat oft die bekannten Ecken des Landes im Kopf. Friaul-Julisch Venetien (Italienisch: Friuli Venezia Giulia) im Nordosten dagegen sagt vielen erstmal nichts. Dabei lohnt die Erkundung der autonomen Region östlich von Venedig, die lange zu Österreich gehörte und manchmal so wirkt, als habe sich daran nicht viel geändert. Eine Reise zwischen Bergen und Meer. Und in die Vergangenheit.

© pixabayUDINE: Udine liegt im Herzen des Friauls. Knapp 100 000 Menschen leben hier. Zwischen Anwaltskanzleien finden sich Luxusmode und Tabakfachgeschäfte, so dass man auch im gut 300 Kilometer entfernten Salzburg sein könnte. Aber der Eindruck trügt: Auf der Piazza San Giacomo toben Kinder, gut gekleidete Männer telefonieren mit ausschweifenden Gesten, Menschen stehen beisammen und trinken Feierabendwein, „tajut“ genannt und nicht wegzudenken aus dem Alltag der Udineser. Auf die Rollläden eines Kiosks hat einer auf Italienisch gesprüht: „Die Liebe aufzugeben, ist schwieriger, als das Leben aufzugeben.“ Natürlich ist das Italien!

An der Piazza Libertà könnte man gar denken, man sei in Venedig: Die elegante Säulenhalle Loggia del Lionello ist ein Höhepunkt der Stadt. Im Gegensatz zu dem Touristen-Hotspot 130 Kilometer südwestlich schiebt man sich aber nicht in Massen durch die Straßen.

Auch in den zahlreichen Museen steht man manchmal allein in den Räumen. Zu sehen gibt es etwa zeitgenössische Kunst in der Casa Cavazzini oder mehrere Ausstellungen im Schloss, das über der Stadt thront, von Archäologie bis Geschichte.

Im Schloss, gebaut im 16. Jahrhundert, erzählt ein Mitarbeiter, dass er das Friaul liebe, weil man schnell in den Bergen und am Meer sei. Und wegen des Essens. Die Küche ist bekannt für traditionelle Rezepte, Gnocchi kommen mit Entenragout, Risotto wird aus Gerste gekocht. Auf die Frage, was er am liebsten esse, sagt der Mann nun aber: „Kartoffeln!“ Kartoffeln? Er nickt. „Und Pizza und Pasta!“

GRADO: Zwei Frauen in bodenlangen Kleidern mit weißen Sonnenhüten schieben sich den Strand entlang. „Seebad Grado - Österreichisches Küstenland“ steht unter dem Bild der Frauen auf einer Tafel an der Strandpromenade: Werbung aus längst vergangenen Zeiten. Der österreichische Adel verbrachte seine Sommer oft hier an der Adria. Und Österreich ist in Grado, das auf einer Küstendüne liegt, immer noch allgegenwärtig.

Die Kellner begrüßen einen am südlichen Zipfel Friaul-Julisch Venetiens auf Deutsch, die Menütafeln der Restaurants sind es auch, im Café gibt es Kaiserwasser, und in der Eisdiele wartet die Sorte Mozart. Was soll das sein? „Marzipan, Pistazie und Nutella“, erklärt der Verkäufer. Ob der österreichische Komponist daran seine Freude gehabt hätte, bleibt offen. Das Eis schmeckt vor allem nach Zucker.© pixabay

Der größte Trumpf von Grado - auch Sonneninsel genannt, weil alle Strände nach Süden ausgerichtet sind - ist die Lagune. 12 000 Hektar groß ist das flache Gewässer. Hier kann man Vögel beobachten, Pflanzen bestimmen, den Meeresgeruch genießen. Paolo Daveggia fährt Menschen durch die Lagune. Hochgeschlagener Polohemdkragen, Goldkette, Piloten-Sonnenbrille und eine Hautfarbe, als hätte ihn nicht seine Mutter, sondern die Sonne geboren. Auch an diesem Tag ist sein Schiff „Nuova Cristina“ voll - mit Österreichern. Die Gruppe von Hans will mit, die von Kurt auch, und Daveggia begrüßt Hans und Kurt, als kenne er sie, was vielleicht auch so ist.

„Die Österreicher kommen hier schon mit ihren Kindern her, und später kommen dann ihre Kinder mit ihren Kindern. Es ist alles sehr familiär“, sagt Daveggia. Er selbst hat an diesem Tag seine Enkelin mit an Bord, über seinem Steuerrad hängt ein Foto von den Kindern seiner Kinder. Seit 30 Jahren sei er Kapitän, ein Seemensch sei er, „un maritimo“, erzählt der 64-Jährige. Zur Frage, ob er je daran gedacht habe, ins Ausland zu gehen, schaut er belustigt, bevor er antwortet: „Ja. In den Ferien.“

TRIEST: Laut einer Umfrage vor einigen Jahren weiß die Mehrheit der Italiener gar nicht, dass Triest in ihrem Land liegt. Dabei ist es seit 1962 die Hauptstadt von Friaul-Julisch Venetien. Allerdings gilt es eben auch als das „Wien am Meer“. Die Architektur der Hafenstadt erinnert tatsächlich an die österreichische Hauptstadt, nur dass keine Fiaker über die Straßen tuckern, sondern Vespas durch die steilen Gassen brettern.

Weil in den Kriegen kaum etwas zerstört wurde, machen die Fassaden der herrschaftlichen Häuser die Stadt zur Kulisse für einen Jahrhundertwenderoman. Auf einer Brücke am Canal Grande steht dann auch James Joyce. Als Statue. Der irische Schriftsteller lebte einige Jahre in Triest, sprach neben Deutsch und Italienisch gar Triestino, den örtlichen Dialekt. Joyce arbeitete unter anderem an seinem Meisterwerk „Ulysses“ - und hing gerne in Cafés herum, in denen er zu viel Wein trank.

Bis heute sind die altehrwürdigen Kaffeehäuser beliebte Treffpunkte. Im Caffè San Marco oder im Caffè Tommaseo sieht es so opulent aus wie in den Wiener Pendants. Im Gegensatz zu steifer Etikette herrscht aber italienische Gelassenheit. Auch die Triestiner genießen ihren Aperitivo, dazu werden üppige Portionen Snacks gereicht.

„Triest ist eine entspannte Stadt“, sagt auch Tiziana Zamai, die Touristen die Geschichte der Stadt erläutert. Bis zum Ende des Ersten Weltkriegs gehörte Triest zu Österreich. Die Habsburger bauten es zur Hafenstadt aus, erzählt die 35-Jährige auf der weitläufigen Piazza dell'Unità d'Italia. Danach fiel Triest an Italien, bis es nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs an Jugoslawiens Diktator Tito ging. Erst 1954 kam es zu Italien zurück. Das direkte Hinterland fiel an Jugoslawien, heute Slowenien.

© pixabayDie Nähe zum Balkan und die österreichische Vergangenheit verleihen der Stadt internationales Flair - und eine internationale Küche. Auch hier stehen so viele Fischgerichte wie im maritimen Grado auf der Speisekarte. Daneben dann aber Gulasch.

Ein ungarischstämmiger Italiener war es auch, der in Triest eine der bekanntesten Kaffeefirmen gründete: Illy. Nirgends im Land wird mehr Kaffee verbraucht als hier, pro Kopf zehn Kilo im Jahr. Man bestellt aber keinen Espresso, sondern „un nero“, wie sich in Triests kleinster Kaffeerösterei Torrefazione La Triestina beobachten lässt. Und natürlich kennen sich auch alle, die dort ihren Morgenkaffee trinken. Die Stadt wirkt auch hier unaufgeregt und gemütlich.

Neben alten Bauwerken wie dem antiken römischen Teatro Romano und vielen Museen, die wie in Udine angenehm leer sind, ist die Touristenattraktion Schloss Miramare. Es wurde einst im Auftrag von Erzherzog Ferdinand Maximilian von Österreich, dem Bruder von Kaiser Franz Joseph I., gebaut. Fünf Kilometer vor der Stadt ragt es ins Meer und ist noch wie im 19. Jahrhundert eingerichtet. Sisi begegnet man in Triest übrigens auch. Elisabetta begrüßt die Reisenden am Bahnhof, als riesige Statue vor dem Gebäude.

CORMÒNS: In den Bergen an der slowenischen Grenze mitten in der Weinbauregion Collio liegt das kleine Dorf Cormòns. Der Slowene Josko Sirk hat auf seinem Grundstück eine weitläufige Ferienanlage namens „La Subida“ geschaffen. Swimmingpool, Reithalle, Tennisplatz, Essig-Manufaktur, eine Osteria und ein Sternerestaurant gehören dazu. Wie wichtig Essen und Trinken im Friaul sind, merkt man hier wieder: In den Unterkünften liegen Weinführer, Gourmet-Zeitschriften und Bildbände über die friaulische Küche aus. In 18 Appartements, die Bauernhäusern nachempfunden sind, aber nichts an Komfort vermissen lassen, können Gäste wohnen. Umgeben ist man von Geckos und Grün. Die hügelige Landschaft zieht Radfahrer und Wanderer an.

„Wir wollen die Leute nicht in einem Hotel unterbringen, sondern an einem Ort“, sagt Tanja Sirk, Tochter von „Subida“-Gründer Josko. Die Gäste sollten sich zuhause fühlen, die Sirks selbst leben auf dem Hof, viele Besucher kennen sie. Die meisten Geschäfte würden von Familien gemeinsam betrieben und das schon lange, erzählt die 40-Jährige, deren 25 Jahre alter Bruder Mitja ebenfalls mithilft. Das sei Tradition im Friaul.

Unten im Ort steht Francesco Simonit in seiner Bäckerei, in der schon sein Großvater Teig wälzte. Der 73-Jährige backt noch selbst und wiegt die Bonbons, die er neben Likören verkauft, auf einer alten Küchenwaage. Brot mit Pfeffer, Oliven oder Feigen ist seine Spezialität. Er warnt, zum Pfefferbrot - ein runder Keks - müsse man viel trinken. Tatsächlich ist das Gebäck schärfer als erwartet und gar nicht so zuckrig, wie es aussieht.

Simonits Laden wiederum sieht noch so aus wie zur Eröffnung im vorigen Jahrhundert, das modernste im Laden dürfte das Telefon sein. Es hat eine Wählscheibe. Auf die Frage, ob es funktioniert, ruft der gemütliche Italiener: „Sì, sì!“ Ob er mal daran dachte, die Stadt zu verlassen und etwas anderes zu machen? Simonit kann mit der Frage nichts anfangen. „Nein, wir waren doch schon immer hier“, sagt er und fragt, ob die Besucherin nicht einen Schnaps wolle.

Info-Kasten: Friaul-Julisch Venetien

Anreise: Die Region ist über den Flughafen Friuli Venezia Giuilia angebunden, er liegt etwa 40 Kilometer nördlich von Triest. Direktflüge dorthin gibt es allerdings nur ab München, etwa mit Lufthansa. Einfacher ist es, zum Flughafen Venedig-Treviso zu fliegen, etwa ab Berlin, Frankfurt oder Köln. Die Region selbst lässt sich vom Bahnhof Treviso-Centrale günstig per Zug erkunden. Die meisten Landesteile sind an Bahnhöfe angebunden.

Übernachtung: Gehobene Hotels, günstigere Bed & Breakfast-Unterkünfte oder Airbnb-Wohnungen gibt es fast überall. Die Übernachtungen sind oft preiswert, in Triest kann man ab rund 25 Euro pro Nacht eine ganze Unterkunft mieten.

Internet: www.turismofvg.it


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September 2018 / No 52

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