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DAUN, 22.06.2022 - 09:02 Uhr
Touristik

Baiersbronn: Klein Kanada im Schwarzwald

Manchmal muss etwas verschwinden, damit man merkt, dass es gestört hat. Jetzt ist er weg, verstummt – der Lärm von Menschen, Autos und Motorrädern. Andere Geräusche sind indes noch da und lassen sich plötzlich sogar viel intensiver wahrnehmen: zwitschernde Vögel, brummende Hummeln, der in den Ästen rauschende Wind.

Vom Parkplatz Kniebis geht es zunächst zum Ellbachsee. Auch der sagt nichts, liegt einfach nur still da. Er spricht nicht zu den Wanderern mit ihren prallen Rucksäcken, die der blauen Raute und dem Logo des Seensteigs folgen, bis sie auf ein Schild mit dem Versprechen „Abenteuerpfad“ treffen. Orkan Lothar hatte hier den Wald komplett gerodet. Die Natur wurde sich selbst überlassen – und später ein Pfad angelegt. Der ist inzwischen so zugewachsen, dass er einem Dschungel-Trail gleicht. Doch es wird noch abenteuerlicher: Ohne die Leitplanken der Logos und Markierungen muss sich die Gruppe auf einem kaum erkennbaren Weglein zum Trekking-Camp Gutellbach vortasten. Es liegt versteckt mitten im Wald, fernab von Zivilisation und Handynetz. Bei der Pfadfinderei helfen eine ausführliche Wegbeschreibung und GPS-Daten für die „letzte Meile“, die man bei der Anmeldung erhält.

Die Trekker dürfen hier ganz offiziell wild campen, was sonst im deutschen Wald verboten ist. Naja, so ganz wild ist es dann doch nicht. Im Camp Gutellbach gibt es drei markierte Zeltplätze, eine Feuerstelle und ein Klohäuschen mit Zahlenschloss, dessen Code man ebenfalls bei der Reservierung erhält. Ein bisschen Ordnung muss schon sein – ist ja immer noch Deutschland!

Sechs solcher identisch ausgestatteter Lagerplätze gibt es rund um Baiersbronn, drei davon (Bösellach, Seibelseckle und Erdbeerloch) liegen sogar im Nationalpark, was hierzulande einzigartig ist. Ähnlich „wilde“ Zeltplätze existieren nur noch in der Pfalz.

Die Gruppe will erst einmal nachsehen, wie es um die Wasserstelle steht. Die befindet sich nicht direkt im Camp, es gibt jedoch eine Hinweistafel, die den Weg zur nächsten Quelle weist. Allerdings ist das keine Garantie, dass dort einen ganzen heißen Sommer lang auch frisches Nass fließt. Bei der Planung sollte man das im Hinterkopf behalten. Vorsichtige Geister werden das Wasser zusätzlich abkochen oder mit Tabletten behandeln. Jaja, die Wanderer sind in den Camps auf sich gestellt, ein bisschen zumindest. Müssen die Bürokollegen ja nicht wissen, dass es für größere Malheure eine Notfall-Nummer gibt, und Hinweise, wo sich der nächste Standort mit Handyempfang befindet.

Die Wanderer packen nach dem Wasserholen ihre Rucksäcke aus, groß wie die Schultüten eines Riesen. Zelt, Schlafsack und Isomatte, Kocher, Topf und Gaskartusche, Wechselklamotten, Mütze und Regenjacke, Stirnlampe, Erste-Hilfe-Set, Wanderkarte und Taschenmesser, Tüten-Suppen, Brot und Obst, Müsliriegel und Schokolade kommen da zum Vorschein. Hier im Wald, noch dazu selbst hergeschleppt, sind es wahre Schätze. Der Rucksack spuckt aus, was Mensch zu brauchen glaubt, wenn er für ein Wochenende in die echte Natur aufbricht.

Die Camps passen zum Zeitgeist wie ein gut eingelaufener Wanderstiefel zum Fuß. Bereits in den ersten beiden Sommern zählten die Initiatoren 3.700 Übernachtungen. Für zwei Tage mal kein Sklave des Smartphones zu sein und für zehn Euro im Waldhotel schlafen – das scheint viele anzusprechen. Auch die Wanderer, die an diesem Abend am Camp Gutellbach ankommen, entspannen sich jetzt, da das Feuer flackert und die Zelte fest verankert sind. Die dampfenden Alutassen fest umklammernd, sitzen sie um die Flammen. Um ihr Tüten-Menü aufzupeppen, haben sie Beeren und Pilze gesammelt. Den Geruch des Moosbodens gelobt. Das Flatter-Geräusch der Fledermäuse. Den aufgehenden Mond, die Milchstraße. Die Einfachheit des Lebens im Wald. Nach dem Mahl blättern sie im Gästebuch. „Mama schleft mit kleina Schwesta“, hat da eine mittelgroße Schwester hingekritzelt.

Mit Rucksack und Zelt: Weitere Trekkingplätze in Deutschland

Da Wildcampen in Deutschland weitgehend verboten ist, bieten Tourismusverbände und Regionen mehr und mehr sogenannte Trekkingplätze (oder auch: Naturlagerplätze) an, auf denen man nach vorheriger Buchung und für ein bis maximal drei Nächte zelten darf. Im Gegensatz zu klassischen Campingplätzen gibt es dort keine Imbisshäuschen, Restaurants, Sanitäranlagen oder Schwimmbäder – nur Natur pur mit Bio-Toilette und Feuerstelle. Ein ähnliches Konzept wie im Schwarzwald existiert zum Beispiel im Steigerwald: www.trekkingerlebnis.de – In zehn Camps stehen Feuerstelle, Toilette und Lagerplatz zur Verfügung.

Trekking-Camps Schwarzwald

Buchung über die Webseite des Naturparks Schwarzwald Mitte/Nord von Anfang Mai bis Ende Oktober. Hier gibt es auch Ausrüstungstipps und Wandervorschläge. Feuer ist nur an den vorgesehenen Stellen erlaubt. Bei den drei Camps im Nationalpark darf kein Holz gesammelt werden, es liegt jedoch Brennholz bereit. Jedes Camp darf nur 1 Nacht genutzt werden.

Weitere Infos: www.baiersbronn.de/de-de/natur/wandern/trekking-camp / https://naturparkschwarzwald.de/aktiv_unterwegs/trekking/

Von Günter Kast

 


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