Die angehende Winzerin Julia Kiebler bei der Traubenernte auf dem Weingut Bernhart. Die angehende Winzerin Julia Kiebler bei der Traubenernte auf dem Weingut Bernhart. - © Foto: picture alliance/dpa/dpa-tmn | Uli Deck -
DAUN, 23.10.2020 - 12:47 Uhr
Touristik

Bitte recht wetterfest: Winzer kennen ihren Weinberg

(dpa/tmn) - Die Ruhe vor dem Sturm: So beschreibt Julia Kiebler die Zeit, kurz bevor es losgeht: Die Lese im Herbst ist für Winzer mit die anstrengendste Zeit des Jahres.

In den Wochen, bis es so weit ist, hilft die angehende Winzerin etwa dabei, Laub zu entfernen, damit die roten Trauben durchreifen und kräftig nachfärben können. Auf dem Weingut Bernhart, Kieblers aktueller Ausbildungsstation, muss außerdem der letzte Wein der Vorsaison aus den Fässern abgefüllt und weggefahren werden, damit der Keller leer ist für die neue Lese.

Ganz genau weiß die 19-Jährige nie, was sie erwartet, wenn sie morgens in den Betrieb kommt. „Es kann sein, dass ich Flaschen etikettiere, Hefe aufrühre oder Reben entblättern muss.“ Die Bandbreite der Tätigkeiten in einem Weingut ist groß. Manche Azubis steuern zum Beispiel auch Traktoren.

„Und im Sommer spielen üblicherweise auch die Messen eine große Rolle“, sagt Kiebler. Viele der Auszubildenden dürfen ihre Betriebe dorthin begleiten und kommen mit künftigen Kunden in Kontakt. Besonders gut gefällt Kiebler, dass sie den kompletten Prozess der Weinherstellung begleiten kann: Vom ersten Schnitt am Rebholz bis zur fertigen Traube.

Familientradition oder Neueinsteiger

Wie relativ viele angehende Winzerinnen und Winzer ist Julia Kiebler selbst auf einem Weingut aufgewachsen. Schon als Kind hat sie mitbekommen, wie die Arbeit läuft: „Ich durfte dann zum Beispiel im Weinberg dabei helfen, einen Rebstock auszubuddeln“, erzählt sie.

„Früher war es die Regel, dass die Auszubildenden fast ausschließlich aus der Branche kamen“, erklärt Christian Hill, Abteilungsleiter Schule beim Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum (DLR) Rheinpfalz in Neustadt an der Weinstraße. Mehr als die Hälfte der Auszubildenden heute haben laut Hill aber keinen weinbaulichen Hintergrund.

Winzer müssen sich ganzjährig um den Weinberg und die Reben kümmern, bei Sonnenschein oder Sturm. „Grundlegende Voraussetzung für angehende Winzer ist es, Freude an der Natur zu haben und wetterfest zu sein“, sagt Hill.

Die Natur macht, was sie will

Außenstehende würden oft gar nicht sehen, wie viel Arbeit tatsächlich hinter dem fertigen Produkt steckt, sagt Kiebler. „Die Rebe wächst ja nicht von alleine so, wie wir es wollen. Am Ende soll ja eine gute Traube dabei herauskommen.“

Worauf sich angehende Winzer einstellen sollten: „Man putzt verdammt viel“, sagt Kiebler lachend. „Most klebt und pappt nun mal, und man möchte ja einen sauberen und hygienischen Keller haben, wenn man mit einem Genussmittel wie Wein arbeitet.“

Auch wenn es im Winter Minusgrade gibt und sie hinausmüsse, um die Reben zu schneiden, könne das schon mal „ätzend“ sein. „Wir müssen immer mitspringen, wenn die Natur gerade macht, was sie will.“ Die Arbeit im Einklang mit der Natur sei aber gleichzeitig eine der schönsten Seiten an ihrem Beruf.

Wein will vermarktet werden

Wer sich für den Beruf interessiert, darf sich aber nicht nur aufs Werkeln in der Natur einstellen. „Man sollte sich auch ausdrücken können, denn der Wein soll ja am Ende vermarktet werden“, sagt Hill.

Julia Kiebler findet, dass mancher Winzer das Marketing noch immer nicht ernst genug nimmt. „Es ist noch nicht überall angekommen, wie wichtig es ist, mit dem Kunden auf Augenhöhe zu kommunizieren und höflich zu sein.“ Besonders gut gefällt ihr das Gemeinschaftsgefühl im Weinbau. „Der Austausch unter den Winzern ist sehr wichtig, die Leidenschaft zum Weinbau verbindet einfach“, sagt sie.

Entscheidend sei auch, Interesse am Endprodukt mitzubringen. Winzer arbeiten nämlich nicht nur an der Rebe, sondern beaufsichtigen auch den Gärungsprozess. „Man muss schon schmecken können, was an einem Wein nun richtig oder falsch ist“, sagt die Auszubildende.

Schließlich könne man aus einem Most ganz unterschiedliche Weine machen. „Unser Ausbilder hat uns während einer Probe auch gezeigt, wie verschiedene Fassproben des gleichen Weins schmecken: Das war ein Riesenunterschied, das finde ich verrückt.“

Bedarf an Winzern wächst

Wer Wein machen will, braucht neben einem guten Schwung Kreativität auch viel Fachwissen. Das wird zu großen Teilen in der Berufsschule vermittelt. Im Fach Bodenkunde etwa lernen die Azubis, wie der Boden aufgebaut ist, was die Rebe daraus ziehen kann und welche Rebe welchen Boden braucht.

Angehende Winzer finden vor allem in den Regionen Ausbildungsplätze, wo es auch Weinbau gibt. Die Ausbildungsvergütung kann von Bundesland zu Bundesland variieren. Im Schnitt bekommen die Nachwuchskräfte in Rheinland-Pfalz laut Hill vom ersten bis zum dritten Lehrjahr gestaffelt erst 580 Euro brutto im Monat, dann 640 und schließlich 680 Euro.

Die Aussichten für ausgelernte Winzer sind Hill zufolge gut. „Die Betriebe wachsen und damit geht ein erhöhter Bedarf an gut ausgebildeten Mitarbeitern einher.“ Der könne nur bedingt von Saisonarbeitskräften abgedeckt werden. Gute Leute, die in der Branche bleiben wollten, würden „mit Kusshand“ genommen.

In Zukunft: Wassermanagement wird wichtiger

Die berufliche Laufbahn muss dabei als Winzer-Geselle nicht zu Ende sein. „Wer Abitur hat, geht in der Regel studieren“, sagt Hill. Als Fachrichtungen bieten sich etwa Weinbau und Oenologie an der Hochschule in Geisenheim oder am Weincampus in Neustadt an. In einem beziehungsweise zwei Jahren Fachschule können Gesellen auch einen Abschluss als Wirtschafter oder Techniker für Weinbau und Oenologie machen. Und natürlich ist die Fortbildung zum Winzermeister ein klassischer Weg.

Künftig wird Winzer und Winzerinnen das Klima noch stärker beschäftigen, auch die Digitalisierung spielt eine Rolle. Den Klimawandel bekommen Weinbauern vor allem durch die Wasserknappheit und frühere Reife zu spüren. „Wassermanagement wird da in Zukunft ein großes Thema sein“, sagt Hill. „Grundlegend bin ich aber guter Dinge, dass wir auch künftig Wein aus Trauben machen werden.“

Von Amelie Breitenhuber, dpa


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