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DAUN, 14.08.2017 - 16:11 Uhr
Touristik

Das fragile Naturwunder: Die Plitvicer Seen in Kroatien

(dpa/tmn) - Titos Villa steht weder im Reiseführer noch auf der Landkarte. Man fährt auf einer Straße durch den Wald, plötzlich öffnet sich der Blättertunnel, und mitten im Nirgendwo steht eine Burg. Die Fenster in den hohen Steinmauern sind längst zersplittert, der Marmor von der Treppe gehackt. Im einstigen Speisesaal hängen weiße Vorhänge wie der Schleier einer verlassenen Braut.

Früher sei jedes Zimmer mit anderem Holz möbliert gewesen, erzählt Helena Petrovic. Alles war vom Feinsten. Parteibonzen urlaubten hier, zu den Gästen des jugoslawischen Staatschefs gehörten Liz Taylor und Richard Burton. Doch als der Bürgerkrieg der 1990er Jahre endete, rissen Plünderer die edlen Stoffe und Hölzer von den Wänden. Heute sei die Villa vergessen, sagt Petrovic. So wie viele Orte rings um die weltberühmten Plitvicer Seen in Kroatien.

Der Nationalpark ist eine Weltikone wie das Kolosseum oder der Grand Canyon. Fotos der türkisen Wasserfälle stehen zuverlässig in Listen der spektakulärsten Naturwunder. Die Unesco ernannte die Perlenkette aus Seen und Kaskaden 1979 zu einer der ersten Weltnaturerbe-Stätten. Seitdem strömen Touristen herbei: Busreisende, Kreuzfahrtpassagiere, Badeurlauber von der Küste. Mehr als 1,3 Millionen zählte die Parkverwaltung im Jahr 2016. Und es sieht nicht so aus, als ließe der Ansturm nach. Doch das Erstaunliche ist: Im Großteil des Nationalparks merkt man davon nichts.

„Mehr als 90 Prozent unserer Besucher haben keine Ahnung, was Natur und Wandern bedeuten“, sagt Petrovic. Die 58-Jährige führt seit Jahrzehnten Touristen durch den Nationalpark. Fast alle Gäste sind Tagesausflügler, die in ein paar Stunden die Höhepunkte sehen wollen. Und so ist der Job nicht gerade abwechslungsreich.

An manchen Augusttagen schieben sich mehr als 13.000 Menschen über die Plankenwege zwischen Seen und Wasserfällen. Für ein Foto stehen bleiben - das ist dann eine schlechte Idee. Zumal die Wege so stark schwingen, dass das Bild ohnehin verwackelt. „Wenn man die Natur sehen will, ist der Sommer Quatsch“, sagt Petrovic. „Man sieht, riecht und hört überall nur Menschen.“

Dabei ist es so leicht, den Massen zu entkommen. Doch nur wenige Wanderer gehen auf den Wegen hoch über den Seen durch den Wald. Die weiteste Tour führt zum Corkova uvala, einem Urwald, der seit 300 Jahren nicht von Menschen angerührt wurde. Nur Wissenschaftler dürfen ihn betreten. Wanderer führt der Weg an seinem Saum entlang. Zwischen Buchen und Tannen wachsen dort seltene Pflanzen wie der Gelbe Frauenschuh und mehr als 50 andere Orchideenarten. Und theoretisch gibt es auch wilde Tiere zu sehen: Geschätzt 20 Braunbären und drei Wolfsrudel streifen durch den Wald. Aber keine Sorge, sagt Petrovic: „Wenn Sie an einem Rudel Wölfe vorbeigehen, laufen die weg.“

Für die meisten Gäste ist das zu viel Abenteuer. Ihnen ist es aufregend genug, auf Holzstegen über gurgelnde Kaskaden zu spazieren. Sie stehen morgens an der Fähre an, die sie über den Kozjak-See bringt, im Sommer manchmal anderthalb Stunden. Dann folgen sie dem Rundweg um die Seen. Bildschön ist diese Wanderung immer noch - besonders wenn man früh aufsteht oder in der Nebensaison kommt.

Überall plätschert und sprudelt das Wasser, niedrige Staumauern grenzen Pools ab, die aussehen wie Pyramiden von Sektgläsern. Die Natur hat sie aus dem gleichen Stoff gebaut wie die majestätischen Wasserfälle dahinter: Travertin.

Der Prozess, in dem sich der Kalkstein bildet, ist fragil. Und deshalb, sagt Petrovic, dürfe man seit 1991 nicht mehr in den Seen baden, auch wenn sie noch so türkis locken. Denn Schweiß und Sonnencreme würden das Wasser verschmutzen und so die Moose, Gräser und Bakterien schädigen, die für die Bildung des Travertins entscheidend sind. „Wenn das Wasser über Moos und Gras fließt, lagert sich das Kalziumkarbonat an ihnen ab“, erklärt Petrovic. „Die Bakterien wirken wie Kleber. Wenn ein Element wegfällt, funktioniert der Prozess nicht mehr.“ Das Wasser würde mit der Zeit die Barrieren wegreißen. Übrig bliebe ein normaler Fluss.

Am Okrugljak-See sieht man allerdings, dass die Besuchermassen dem Naturwunder auch schaden, wenn sie sich nicht ins Wasser stürzen. Ein drei Meter hoher Fels ragt aus dem See, er ist vor einigen Jahren vom Ufer abgebrochen. Vielleicht auch wegen der Erschütterungen von Millionen Füßen. Travertin ist sehr porös.

„Ich denke, dass man die Zahl der Besucher begrenzen muss“, sagt Petrovic. „Ein Maximum pro Stunde wäre sinnvoll.“ Man denke schon lange über eine Obergrenze nach. „Aber das ist schwierig.“ Denn es sind eben die großen Reisegruppen im Sommer, die auch das große Geld bringen. Und die Lika, eine fast menschenleere und arme Region Kroatiens, braucht dieses Geld: „Der Nationalpark ernährt 1200 Menschen. Ohne ihn müssten wir wegziehen.“

Die Lika war immer schon arm, aber der Krieg hat auf der kargen Karstebene alles schlimmer gemacht. Zuerst vertrieben die Serben die Kroaten und dann umgekehrt. Wer die Hauptstraße von Zagreb zum Meer verlässt, fährt noch heute über Schlaglochpisten zwischen ausgebrannten Häusern. „Das einzig Gute am Krieg ist, dass wir jetzt viel Natur haben“, sagt Mario Mihajlik. Da es weder Industrie noch Landwirtschaft im großen Stil gibt, fließen auch keine Abwässer in die Flüsse. Mihajlik, 49, fing vor 24 Jahren an, Rafting für UN-Soldaten auf der Dobra anzubieten. Mittlerweile hat er auch Kanutouren auf der Mreznica im Programm. Der Karstfluss sieht mit seinen Travertinbarrieren aus wie eine Mini-Ausgabe der Plitvicer Seen. Sein Wasser ist so rein, dass man es trinken kann.

Trotzdem kommen nicht viele Urlauber hierher. „Die Leute in den Dörfern haben nichts vom Tourismus, sie bleiben arm“, sagt Mihajlik. Kroatien ist weiter ein Badeland am Meer, Aktivurlaub wie Rafting oder Montainbiken hat sich noch nicht etabliert.

Anita Marinkovic ist trotzdem aus Zagreb nach Primislje gezogen. „Wegen der Liebe“, sagt die 43-Jährige. Das letzte Baby im Dorf sei wahrscheinlich vor dem Krieg geboren worden, 50 Alte leben noch hier - und Marinkovic, die mit ihrem Mann Ziegen und Schafe hütet und im Sommer den Kanutouristen in ihrem Bauernhof Käse und Brot auf den Tisch stellt. „Oft weiß ich nicht, welcher Tag und welche Zeit es ist“, sagt sie und lächelt dabei.

So weltvergessen wie die Dörfer ist Rastoke längst nicht mehr. Der historische Kern des Städtchens Slunj hat in den vergangenen Jahren einen kleinen Boom erlebt. Der Grund für den Andrang ist eine Reihe von Wasserfällen mit so poetischen Namen wie Feenhaar, über die sich die Slunjcica in die Korana ergießt. Auch sie sind aus Travertin und wären an sich schon bildschön. Aber im 17. Jahrhundert hat man auch noch Mühlen über die Fälle gebaut und zwischen ihnen hölzerne Brückchen. Jetzt sieht das Ganze aus wie ein Filmset - zumindest wenn man die Betonbrücke im Hintergrund wegretuschiert.

Vor 60 Jahren habe es mehr als 40 Mühlen gegeben, sagt Claudio Otocan. „Jede Familie hatte eine Mühle.“ Otocan, 51, zeigt Touristen die Mühle seiner Schwiegermutter. Sie sei als eine der ersten gebaut worden. Und sie funktioniert noch immer, wie er gleich beweist.

Otocan öffnet draußen die Schleuse, Wasser schießt die Holzrinne hinab auf die geschnitzten Schaufeln, die Mahlsteine drehen sich rasant, Mehl rieselt in einen Holztrog. „Früher haben die Bauern die ganze Nacht mit ihren Maultieren darauf gewartet, dass ihr Korn gemahlen wird“, sagt Otocan. Die Müller seien wohlhabend gewesen.

Heute verdienen einige Familien wieder gut mit den neuen Kunden, die vor allem aus Fernost kommen. Seit vor ein paar Jahren ein berühmter Moderator hier eine Dokumentation drehte, ist Rastoke in Südkorea berühmt. Reisegruppen müssen nun sogar Eintritt bezahlen.

Die Regierung hat das Potenzial erkannt und Rastoke als Kulturgut geschützt. Seitdem darf man in dem Wasserdorf nur noch mit traditionellen Materialien bauen. Die Reste der Betonbrücke, die Rastoke überragt, sind aber nun einmal da. Über die Brücke rollte früher der ganze Verkehr von Zagreb zur Küste. Grund genug für die serbischen Freischärler, sie bei ihrem Abzug 1995 zu sprengen. Dabei brannten die meisten historischen Häuser ab. Doch sie sind längst restauriert.

Heute zu finden sind in ihnen Pension, Ethnomuseum und Restaurant. Man sitzt auf Plattformen zwischen Fischernetzen, Wagenrädern und Blumentöpfen, ringsum rauschen Mini-Wasserfälle, und auf dem Teller liegen gegrillte Forellen, die eben noch im Becken nebenan schwammen. Hier, denkt man sich, könnte es Tito auch gefallen haben.

Info-Kasten: Plitvicer Seen

Anreise: Mehrere Fluggesellschaften bieten täglich Flüge von mehreren deutschen Städten nach Zagreb. Fast alle Busse, die von der kroatischen Hauptstadt an die Küste fahren, stoppen an den Plitvicer Seen. Etwa jeder zweite Bus hält auch in Slunj.

Reisezeit: Für einen Besuch der Plitvicer Seen sind besonders April und Mai sowie die zweite Septemberhälfte und Oktober zu empfehlen. Im Frühling sind die Wasserfälle am kräftigsten. Wer im Sommer anreist, sollte früh aufstehen und möglichst schon um 7.00 Uhr morgens am Parkeingang stehen. Auch im Winter sind die eingeschneiten und manchmal vereisten Wasserfälle und Pools sehr hübsch.

Unterkunft: In Slunj gibt es ein Mittelklasse-Hotel und mehrere Pensionen. Die Grand Hotels im Nationalpark sind schon in die Jahre gekommen, aber ihre Lage ist unschlagbar. Rund um den Park gibt es Campingplätze und viele Pensionen.

Informationen: Kroatische Zentrale für Tourismus, Stephanstraße 13, 60313 Frankfurt/Main (Tel.: 069/238 53 50, E-Mail: info@visitkroatien.de, http://croatia.hr/de-DE).


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