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DAUN, 15.10.2018 - 10:24 Uhr
Touristik

Der Himmel lebt! - Sterne beobachten auf Teneriffa

(dpa/tmn) - Die Sterne lassen sich natürlich mit dem bloßen Auge beobachten. Oder durch ein handelsübliches Fernglas. Man kann bei Dunkelheit einfach hoch ins Gebirge fahren, einen Aussichtspunkt ansteuern und den Kopf in den Nacken legen. Doch die Himmelsbeobachtung auf Teneriffa ist auf diese Weise nur bedingt spannend. Besser sind Spezialtouren, die Blicke durch ein leistungsstarkes Nacht- und Sonnenteleskop bieten. Letzteres hat Guide Jesús Mesa Rodríguez, 39, auf der Sternwarte aufgebaut.

Es ist früher Abend, Wind fegt über die Höhen. In Sicht liegt der Vulkan Teide, 3718 Meter hoch, Spaniens höchster Berg. Rundum im Observatorium wirken die leuchthellen Kuppelbauten und Türme wie ein Open-Air-Skulpturenpark, in dem sich Stararchitekten ausgetobt haben. Die Sonne sei eigentlich weiß, sagt Rodríguez. Durch die Filter des Teleskops in Nahaufnahme erscheint sie als feuerroter Ball.

Ein paar Meter weiter bereiten Freizeitastronomen gerade ihre Ausrüstung vor. Teleskope, Laptops, Kabel, Kameras, Stative samt Gegengewichten. Ein Grüppchen Engländer der Basingstoke Astronomical Society Expedition Group wird die Nacht zum Tag machen und bis in den Morgen wach bleiben. Eine Woche Teneriffa ausschließlich, um Sterne zu sehen. Ohne Party, ohne Drinks.

„Alkohol und Nachtbeobachtung sind kein guter Mix“, sagt Bob Trevan, 61, Computeringenieur. Er atmet schwer, die Höhe von 2400 Metern macht ihm zu schaffen. „An den Strand oder Pool schaffe ich es überhaupt nicht“, sagt Trevan, der mehr als 100 Pfund angeschleppt hat - Material für sein kostspieliges Hobby.

Ähnlich gut ausstaffiert ist Ian Piper, 46, der daheim in Crowthorne Fish'n'chips verkauft. Er schwärmt von den Blicken auf das Sternbild Skorpion und die Milchstraße. „So was bekommst du bei uns in Südengland nicht zu sehen“, sagt er.

Teneriffa gilt als ein weltweiter Topspot für Astro-Tourismus. „Das hier ist zusammen mit La Palma einer der drei weltbesten Plätze für die Sternbeobachtung, neben Hawaii und der Atacamawüste in Chile“, erklärt Natascia Baldassarri, 44. Die italienische Astronomin steht als Kollegin von Rodriguez im Einsatz und schlüsselt die Gründe für die Besonderheit Teneriffas auf. Die isolierte Insellage im Atlantik. Die großen Höhen. Die geringe Lichtverschmutzung, auch durch das häufige Wolkenmeer nach Norden hin, das Strahlung und Feuchtigkeit abhält. Ganz oben 300 Tage freie Sicht im Jahr. Das Luftschutzgesetz.

Rodríguez ist ein sogenannter Starlight Guide. Er führt in den Bau eines Nachtteleskops, ein weißes Kuppelkonstrukt. Drinnen herrscht ein Dauersurrton. Der Experte erklärt die Mechanismen, doch die Sicht ab hier ins Universum bleibt Profiforschern vorbehalten. Schade.

Die Zeit für Amateure kommt später wieder, außerhalb des Observatoriums im Nationalpark El Teide, wenn die Sonne versunken ist. „Im Himmel schauen wir immer in die Vergangenheit“, sagt Astronomin Baldassarri beim Teleskopblick auf den Kugelsternhaufen Messier 13. Was wie ein Baumwollball aussieht, ist bis zur Erde 25 000 Lichtjahre unterwegs.

Im Vergleich dazu scheinen die Planeten zum Greifen nah. Der rötliche Mars. Jupiter, von dem sich manchmal vier Monde symmetrisch abspreizen. Saturn, dessen Ringe wegen atmosphärischer Turbulenzen vor dem Auge leicht zittern und einen Wow-Effekt auslösen. Weit weg bleibt das alles trotzdem, ebenso wie der Polarstern und die Sternbilder, die Baldassarri mit einem Laserpointer am Firmament nachzeichnet: Großer Wagen, Schütze, Schwan, Herkules. Niemand sollte die falsche Erwartung hegen, man könnte bei den Touren Himmelsdetails einfangen, als würde man in einer Raumsonde sitzen oder Bildergalerien anklicken, wie sie die Nasa auf ihre Webseite stellt.

Einer, der sich auskennt wie kaum ein Zweiter zwischen Erde und Himmel über Teneriffa, ist Miquel Serra-Riquart, 52, promovierter Astrophysiker und Leiter des Observatoriums. Für die Astronomie sei dies ein perfekter Ort, für die Gesundheit ein gewöhnungsbedürftiger. „Wegen der Höhe bekommst du Kopfschmerzen und Atemprobleme. Nach zwei Stunden verbrennt dir die Haut. Manchmal blutet die Nase.“ Und an manchen Wintertagen zeigt das Thermometer 20 Grad minus.

Die meiste Zeit arbeitet Serra-Riquart in den geografischen Niederungen der Insel in La Laguna, vom Sitz des Astrophysischen Instituts der Kanaren aus, zu dem auch das Observatorium auf La Palma gehört. Obwohl die Forschungsvorhaben zunehmen, habe die Präsenz der Wissenschaftler auf Teneriffas Sternwarte deutlich abgenommen, erklärt er. Das Bild vom Sternengucker, der nachts leibhaftig vor Instrumenten oder im Kontrollraum vor Bildschirmen sitzt, sich gelegentlich einen Kaffee aus der Küche holt und mit Kollegen im Aufenthaltsraum plaudert - das ist seit einigen Jahren Geschichte.

Der Grund sei die zunehmende Automatisierung, klärt Serra-Riquart auf. Mittlerweile lasse sich über das Internet alles bequem vom Büro oder daheim aus verfolgen. Roboterteleskope seien die Zukunft. „Die funktionieren von selbst.“ Einige verteilen sich bereits über das Gelände, weitere sind in Planung. Was bei diesen Projekten im Fokus steht? „Asteroiden erforschen“, sagt Serra-Riquart. Das seien „Minen im Weltraum“, gespickt mit Edelmetallen, Wasser, Mineralien. Da liege die energetische Zukunft, wenn die Vorkommen auf der Erde erschöpft sind, glaubt der Wissenschaftler.

Die Geschichte der Astronomie auf den Kanaren ist noch nicht ganz geklärt. Die These, dass bereits die Ureinwohner - die Guanchen - den Himmel beobachteten, gewann erst mit jüngsten Studien an Gewicht, weiß Astrophysikerin Antonia María Varela Pérez. Die 53-Jährige arbeitet ebenfalls am Institut in La Laguna. Sie verweist auf den Schotten Charles Piazzi Smyth, der 1856 das erste Hochgebirgs-Observatorium auf Teneriffa errichtet habe - in einem Tierunterschlupf, auf einem Steinpfeiler. Das Zubehör gelangte auf dem Rücken von Maultieren ins Gebiet um den Teide hinauf. Die spanische Zeitung „Eco del Comercio“ berichtete seinerzeit, dass Smyth an zwei Stellen in den Bergen insgesamt 63 Nächte verbrachte.

Erst mehr als ein Jahrhundert später, ab den 1960er Jahren, profilierte sich Teneriffa allmählich als Hotspot der professionellen Astronomie. Pionier war der Festlandsspanier Francisco Sánchez, der eine erste internationale Kooperation in die Wege leitete. Stolz holt Pérez in ihrem Büro einen Stapel Dokumente hervor, die ihr Sánchez zur Auswertung hinterlassen hat. Reflektiert sie ihre eigene Geschichte, erinnert sie sich, dass sie als Mädchen vom Balkon ihres küstennahen Elternhauses in der Inselhauptstadt Santa Cruz einen Sternenhimmel wie aus dem Bilderbuch sah. Das sei heute unmöglich, wegen der Lichtverschmutzung - der sie den Kampf angesagt hat. Man müsse das Bewusstsein schärfen für den „reinen Himmel“, eine natürliche Ressource. Der Astro-Tourismus auf der Insel sei das beste Beispiel dafür. Wollen Besucher die Sterne beobachten, müssen sie die Lichtquellen verlassen und mindestens auf 2000 Meter kommen.

Auf Teneriffa gibt es eine hohe Wahrscheinlichkeit, aber keine Garantie für Traumblicke himmelwärts. Tage später ist beim englischen Beobachtergrüppchen um Bob und Ian Ernüchterung eingekehrt. Sie werten zwar zufrieden die Fotoausbeute der letzten Nacht aus, samt Trifid- und Lagunennebel, doch nun hängt Staub aus der Sahara in der Luft. Die Sicht ist erheblich getrübt, die Natur unberechenbar.

Dagegen hat ein paar Kilometer weiter auch der Guide Miguel Ángel Pérez Hernández kein Rezept. Seine kleine Agentur lebt vom Sternentourismus. Die widrigen Verhältnisse hat er seinen Kunden heute rechtzeitig mitgeteilt. Abgesprungen ist keiner. Der zunehmende Mond verhindert deutliche Blicke auf die Milchstraße.

Und doch fühlt man sich in der Finsternis abseits der Straße in der schroffen Trockenlandschaft an den Ausläufern des Teide von einer besonderen Stimmung erfasst. Der Blick durchs Teleskop zeigt den Mond, wie ihn die meisten nie gesehen haben dürften: graubleich, wie Zement, kraterdurchsetzt. Stille Faszination.

Ansonsten gilt: Der Himmel lebt. Und wie! Die schwachen Lichter von Satelliten sind ohne Hilfsmittel erkennbar. Plötzlich taucht, markant leuchtend, die ISS auf, die bemannte Raumstation, die ebenso schnell verschwindet. Ihr Höllentempo lässt sich vage erahnen, knapp 30 000 km/h. Langsam verabschiedet sich Venus hinter dem Rücken des Teide, der einem übermächtigen Scherenschnitt gleicht. Dann huscht eine Sternschnuppe über den Himmel. Zu schnell, um sich etwas zu wünschen.

Info-Kasten: Teneriffa

Reisezeit: Die Konstellationen am Himmel wechseln je nach Jahreszeit. Die Sichtwahrscheinlichkeit im Sommer liegt bei rund 95 Prozent, im Frühling und Herbst bei 80 Prozent und im Winter bei 75 Prozent.

Anbieter: Ganzjährig Touren, zum Beispiel über Discover Experience (www.discoverexperience.com; 25 Euro, Englisch und Spanisch) und Volcano Teide (www.volcanoteide.com; Führung Sternwarte, Deutsch, 21 Euro; Astronomical Tour, Englisch und Spanisch, 56 Euro inklusive Transfer). Warme Kleidung und Windjacke in die Höhenlagen mitbringen, selbst im Sommer.

Mietwagen: Unbedingt vorbuchen und dann an einem der beiden Inselflughäfen entgegennehmen, Teneriffa-Süd oder Teneriffa-Nord.

Informationen: Fremdenverkehrsbüro Santa Cruz de Tenerife, Plaza de España, 38003 Santa Cruz de Tenerife (Tel.: 0034/922 89 29 03, E-Mail: castillo.tenerife@cityexpert.es, www.webtenerife.com).


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Dezember 2018 / No 55

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