In den Katakomben des San Gennaro können Besucher prachtvolle Fresken bestaunen. In den Katakomben des San Gennaro können Besucher prachtvolle Fresken bestaunen. - © Foto: picture alliance/dpa/ANSA/epa | Ciro Fusco -
DAUN, 23.11.2021 - 14:22 Uhr
Touristik

Ein Märtyrer und Maradona: Besuch bei Neapels Schutzpatronen

(dpa/tmn) - Wie die meisten Bewohner Neapels hat auch Gianmarco ein Heiligenbild von Stadtpatron San Gennaro an seine Windschutzscheibe geklemmt. „Ohne seinen Schutz wäre unser Leben kaum vorstellbar“, sagt der Taxifahrer und steuert seinen Wagen die Seepromenade entlang. Der Blick auf die hügelige Metropole mit ihren Burganlagen und auf den tiefblauen Golf von Neapel ist herrlich.

Die Neapolitaner verehren den Patron der Stadt, der im Jahr 305 nach Christus als Märtyrer starb und 1631 die Gebete der Einwohner erhört haben soll: Er habe einen Ausbruch des Vesuvs gestoppt und die Stadt in Süditalien damit vor der Zerstörung bewahrt, so geht die Legende.

Glaube und Aberglaube

„Wegen der Nähe zum Vesuv hielten es Neapels Bewohner schon immer für überlebenswichtig, sich einem Heiligen anzuvertrauen, der sie vor der Wut des Vulkans schützt“, erklärt der Geschichtswissenschaftler Gianni Russo. „Dreimal im Jahr erneuern wir unser enges Verhältnis mit San Gennaro in der Kathedrale.“ An diesen Tagen - so will es der Glaube - verflüssigt sich vor den Augen der Anwesenden das in einer transparenten Reliquie aufbewahrte Blut des Heiligen.

„Sollte das Blutwunder ausbleiben, dann wäre das ein schlechtes Omen“, sagt Historiker Russo, allerdings mit einem Augenzwinkern. Glaube und Aberglaube lägen dicht beieinander in Neapel, sagt er und schwenkt demonstrativ sein Cornicello am Autoschlüssel, ein dunkelrotes Hörnchen, das gegen den bösen Blick schützen soll.

Die tief katholischen Neapolitaner haben viele Schutzpatrone. 52 seien es insgesamt, doch San Gennaro sei der mit Abstand wichtigste, sagt Antonio della Corte. Der junge Mann stammt aus dem Viertel Sanità, einem der ärmsten der Stadt, das an die prachtvollen Katakomben des San Gennaro grenzt. Hier wurde im Jahr 2006 die Kooperative Paranza gegründet. Viele junge Menschen aus Sanità fanden Arbeit in der Katakombe, die viele Jahre geschlossen war.

„Unser Viertel wurde aufgewertet, letztendlich dank San Gennaro“, sagt Antonio. Jetzt führt er täglich Touristen durch die in Tuffstein gehauene Friedhofsanlage mit ihren wunderbaren Fresken und Mosaiken.

Eine Liebesgeschichte der besonderen Art

Doch der etablierte Heilige hat ernstzunehmende Konkurrenz bekommen: Diego Maradona. Nach seinem Tod im November 2020 im Alter von nur 60 Jahren ist der legendäre Fußballer eine Art neuer Stadtpatron. Immerhin führte er den SSC Neapel zweimal zur Meisterschaft.

Maradonas Konterfei prangt in fast jeder Straße an Hauswänden, Laternen oder Türen. In der traditionsreichen Via San Gregorio Armeno in Neapels Altstadt ist seine Figur in allen Größen und Varianten ein Bestseller - gerne auch in Engelsversion mit Flügeln.

„Niemand verbindet derart problemlos Heiliges und Profanes wie wir Neapolitaner“, sagt Gianni Russo scherzend. „Neapel und Maradona, das ist eine Liebesgeschichte der besonderen Art.“

Haupthaar hinter Glas

Ein paar Gassen weiter befindet sich die Bar Nilo, wo der Maradona-Kult skurrile Züge annimmt. Hier kann man echtes Haupthaar des argentinischen Fußballers bewundern, aufbewahrt hinter Glas.

Wie kam es bloß dorthin?, fragt man sich als auswärtiger Besucher. Die Geschichte dazu ist großartig. Barbesitzer Bruno Alcidi soll einst nach einem Auswärtsspiel in Mailand hinter Maradona im Flugzeug gesessen haben. An der Kopfstütze vor sich entdeckte er angeblich einen kleinen Haarbüschel des großen Idols und nahm diesen mit, und zwar ganz vorsichtig in einer Zigarettenschachtel.

Daheim in Neapel bastelte sich Alcidi seinen ganz privaten Schrein mit dem „capello miracoloso die Maradona“, dem wundersamen Haar des Fußballers, außerdem mit Fotos und einer Marienfigur. Inspiriert wurde der Barbesitzer von den vielen Altären mit Madonnenfiguren, die in Neapels Altstadt an fast jeder Ecke stehen. Bevor es Elektrizität gab, waren sie die einzigen Lichtquellen in der Nacht.

Allabendlich treffen sich die Fans

Neben Alcidis Bar gibt es noch eine weitere Pilgerstätte für Maradona-Fans. Dafür muss man sich durch das steile und enge Gassennetz in den Quartieri Spagnoli nach oben kämpfen und dabei aufpassen, nicht von einem Moped angefahren zu werden.

Gegenüber der Kneipe Bodega de Dios liegt ein moderner Maradona-Tempel unter freiem Himmel, gekrönt von einem riesigen Wandgemälde des Stars. Hier, wo im 16. Jahrhundert die Familien spanischer Truppen eine bescheidene Behausung fanden, treffen sich nun allabendlich Fans. Auf dem Platz gegenüber der Kneipe gibt es neben Trikots alle nur denkbaren Maradona-Devotionalien.

Susi Bostik, die Tochter des Kneipenwirts, ist stolz auf den Star: „Er hat unserer Stadt und dem armen Süden Italiens die Würde zurückgegeben. Seit Maradona haben wir keine Minderwertigkeitskomplexe gegenüber dem Norden mehr.“ Und es hat sich noch etwas verändert. „Früher traute sich kein Fremder hier hoch, doch inzwischen ist unser Viertel sicher“, sagt Susi Bostik.

Die Stadtverwaltung setzt alles daran, das Image der drei Traditionsviertel in der Altstadt Neapels zu verbessern. Sie hat zum Beispiel damit begonnen, den jungen Camorra-Bossen gewidmete Schreine in Forcella, Sanità oder Quartieri Spagnoli zu entfernen - oftmals gegen den Protest der Anwohner.

Unweit von Bostiks Bar, an der Piazzetta Parrocchiella, wird zum Beispiel Ugo Russo mit einem grelltürkisen Wandgemälde gehuldigt. Der Junge wurde im Alter von 15 Jahren von der Polizei getötet, als er bei einem Raubüberfall eine Plastikpistole zückte. Das Bild soll nun bald verschwinden. Susi Bostik und ihre Freunde sind damit zwar nicht einverstanden. Doch es gibt einen Trost: „Wir haben ja unser Idol, nämlich Diego Maradona“, sagt die Neapolitanerin.

Info-Kasten: Neapel

Anreise: Es gibt mehrere Direktverbindungen von deutschen Städten zu Neapels Flughafen. Die Anreise ist auch über Rom möglich, von dort erreicht man Neapel mit dem Zug in etwa 70 Minuten (45 bis 50 Euro).

Ausflüge: Vom Hafen aus mit Schnellboot oder Fähre nach Capri, Ischia oder Procida. Mit Vorortzügen oder Bus geht es nach Pompeji oder an die Amalfi-Küste. Auch bietet sich ein Abstecher ins Hafenstädtchen Pozzuoli mit seinen archäologischen Höhepunkten wie Augustustempel und Amphitheater an. Viele Restaurants an der Seepromenade.

Einreise: Für die Einreise ist ein digitales EU-Covid-Zertifikat (Grüner Pass) nötig, das den Nachweis einer Impfung, Genesung oder eines negativen Corona-Tests enthält. Für viele Bereiche des öffentlichen Lebens ist der Pass obligatorisch.

Informationen: Italienische Zentrale für Tourismus, Barckhausstraße 10, 60325 Frankfurt (Tel.: 069/23 74 34, www.enit.de).

Von Ute Müller, dpa


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