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DAUN, 13.08.2019 - 15:47 Uhr
Touristik

Georgien: Mamas Brot und Stalins Erbe

(dpa/tmn) - Neulich wurde auf der Straße mal wieder geschlachtet - Richtung Weingut Chateau Mukhrani. Einige Männer häuteten und säuberten vor ihren Häusern geviertelte Tierkörper in großen Plastikwannen. Vorbeifahrende Touristen zückten Kameras, um diesen Moment archaischer Einfachheit festzuhalten. Die Fleischer schauten misstrauisch, sie wollten keine Aufmerksamkeit. Eigentlich ist das Schlachten auf diese Art in Georgien längst verboten.

„Aber das ist Tradition. Schaschlik aus solchem Fleisch ist das Beste, was du kriegen kannst“, erklärt ein Georgier und lacht. „Manchmal haben wir unsere eigenen Regeln, weil wir geborene Gauner sind.“ Wahrscheinlich hat diese Einstellung die Bevölkerung davor bewahrt, ihre Eigenwilligkeit zu verlieren - das Land ist klein, etwa so groß wie die Schweiz, und hat etwa 3,7 Millionen Einwohner.

Kulturell richtet die Bevölkerung den Blick Richtung Westen. Seit knapp 1800 Jahren ist das Land mehrheitlich christlich - dominant ist die georgisch-orthodoxe Kirche -, dabei multiethnisch, geographisch Vorderasien, mit sieben verschiedenen Klimazonen.

Russland als Regionalmacht

Das äußerst fruchtbare Land, durch das der Karawanenweg der alten Seidenstraße führte, musste sich immer wieder gegen Angriffe verteidigen. Ende des 18. Jahrhunderts rief Georgien Russland zu Hilfe, als Tiflis von Aga Khan Mohammed, damals Schah von Persien, überfallen wurde.

Wenig später, Anfang des 19. Jahrhunderts, wurden die Provinzen in das Russische Reich eingegliedert. „Wir haben die Russen geholt. Sonst wären wir heute wahrscheinlich ein muslimisches Land“, erzählt ein Einheimischer. „Aber jetzt werden wir sie nicht mehr los.“

Einer, der daran im 20. Jahrhundert einen großen Anteil hatte, war Stalin. Er wurde als Josef Dschugaschwili in Gori geboren. In der knapp 80 Kilometer von Tiflis entfernten Stadt wird der „Woschd“ noch heute verehrt, zum Ärger vieler Georgier. Sein angebliches Geburtshaus steht unter einem Überbau in stalinistischer Gotik.

Im Jahr 1957, vier Jahre nach seinem Tod, eröffnete im Zentrum das Stalin-Museum. Am Eingang werden Devotionalien verkauft. Im Garten steht der gepanzerte Eisenbahnwaggon, mit dem Stalin 1945 zur Konferenz von Jalta gefahren sein soll - zu einem Treffen mit Franklin D. Roosevelt und Winston Churchill.

Insgesamt wirkt die Stadt trist und ungepflegt, ein sozialistisches Hochhaus reiht sich an das andere. Die Farbe der Häuser blättert ab, in manch altem Fenster ist das Glas gesprungen. Hier und da hängt frisch gewaschene Wäsche - die einzigen bunten Farbkleckse.

Ein Passant fragt auf Russisch nach Zigarette und Feuer. Ein junger Georgier antwortet: „I only speak English, sorry.“ Und erklärt: „Ich kann es nicht leiden, wenn jeder russische Touri automatisch denkt, wir sprechen seine Sprache.“

Die Antipathie vieler Georgier gegenüber den Russen verstärkte sich spätestens seit dem Südkaukasuskrieg 2008, bei dem es um die Regionen Südossetien und Abchasien ging. Andere Touristen sind meist beliebter als Russen - beispielsweise die, die sich nur am Rande für Gori interessieren und vor allem wegen der 8000 Jahre alten Weingeschichte, der quirligen Hauptstadt Tiflis oder wegen der Höhlenstädte Uplisziche und Wardsia ins Land kommen.

Historische Baudenkmäler im Felsen

Uplisziche liegt in Innerkartlien in der Nähe von Gori, Wardsia in der Region Samzche-Dschawachetien im Süden Georgiens. Die Anfahrt nach Wardsia ist sensationell. Plötzlich, nach schier endlos erscheinenden Serpentinen, erscheint nach einer Kurve die Steilwand des Eruscheti-Berges, mit zahlreichen großen hineingefressenen Löchern.

Die Stadt liegt 500 Meter über dem größten Fluss im Kaukasus, der Kura. König Giorgi III. ließ sie im 12. Jahrhundert bauen, um Türken und Perser abzuwehren. Seine Tochter Königin Tamar gründete dort ein Kloster.

Ursprünglich war Wardsia für 50 000 Menschen angelegt. Es gab Wohnräume, Bibliotheken, Bäder, Wasserleitungen aus Keramik, eine Schatzkammer, eine Kirche und mehrere Weinkeller. Durch ein Erdbeben im 13. Jahrhundert brach ein Großteil der Stadt ab. Heute sind mehr als 700 Räume erhalten.

Verlässt man den Ort, der seit 1993 für die Liste des Unesco-Welterbes angemeldet ist, lohnt sich der Weg Richtung Hochebene des Kleinen Kaukasus. Wasserfälle perlen aus saftig grünen Wiesen am Berg herab. Fischreiher sitzen auf Steinen am Ufer des Flusses Parvani, bereit für den nächsten Fang.

Ein alter Eisenbahnwaggon dient als Fußgängerbrücke. Er wurde dort offensichtlich vor langer Zeit über die beiden Ufer des Parvani gestemmt. Sein Boden ist mehr als brüchig. So das Wasser zu überqueren, muss eine halsbrecherische Angelegenheit sein.

Schlichtes Leben im Kleinen Kaukasus

Rund 40 Kilometer von der türkischen Grenze entfernt und weiter oben in den Bergen nahe Aserbaidschan und Armenien, ticken die Uhren noch ganz langsam. Kaum Touristen. Überaus freundliche Einheimische. Auf einer Strecke von gefühlten 100 Kilometern gibt es ein Café. Dort werden starker türkischer Kaffee, Sahne- und Streuselkuchen serviert für zwei Lari, umgerechnet nicht mal ein Euro.

Auf rund 1700 Metern Höhe liegen kleine Dörfer. Auf den Bergspitzen in der Ferne liegt auch im Sommer noch Schnee. Die Straßen sind in einem denkbar schlechten Zustand. Schlaglöcher erfordern hohe Konzentration und Slalomfahren. In Ninotsminda haben sich Störche niedergelassen. Auf etwa jeder zweiten Straßenlaterne thront ein Nest.

Auf Mäuerchen, an Straßenecken oder auf Dorfplätzen sitzen zwei, drei Menschen und unterhalten sich. „Das ist die Nachrichtenbörse“, sagt der Fahrer. „Wer die neuesten Informationen aus der Gegend wissen will, bekommt sie hier.“ Die Häuser hier sind winzig, gemauert, nicht verputzt. In den Vorgärten stapelt sich Kuhmist. Der wird getrocknet und in kleine Pakete geschnitten, um im Winter damit zu heizen. Am Straßenrand stehen ältere Frauen und verkaufen Mtsnili, eingemachte grüne Bohnen, Peperoni und Soja. Jugendliche hüten die Tiere und treiben auch mal hoch zu Ross die Kuhherde zusammen.

Historische Stadt an alten Handelswegen

Ganz anders sieht es in den schon sehr auf Tourismus eingestellten alten Städten Sighnaghi in Kachetien und Mzcheta aus - etwa 30 Kilometer nördlich von Tiflis. Dort liegt auf einem Hügel die Dschwari-Kirche aus dem 6. Jahrhundert. Am Sonntag kommen nicht nur Mönche des nahegelegenen Klosters zum Gottesdienst. Auch Familien nehmen teil und lassen ihre Kinder segnen. Touristen gehen währenddessen ein und aus. Offensichtlich ist man daran gewöhnt.

Unten im Tal fließen die beiden wichtigsten Flüsse Ostgeorgiens zusammen, Aragwi und Kura. Dort liegen die alte Hauptstadt Mzcheta - früher eine der wichtigsten Handelsstädte zwischen Kaspischem und Schwarzem Meer - und die zum Unesco-Welterbe gehörende Swetizchoweli-Kathedrale. Laut archäologischen Funden ist die Stadt etwa 3000 Jahre alt. Der Bau der riesig wirkenden Kirche im 11. Jahrhundert geht auf die Heilige Nino zurück.

Heute sind die Straßen im Inneren des Ortes verkehrsberuhigt und gesäumt von Souvenirständen. Sie bieten unter anderem die landestypischen Schafsfell- und Filzmützen an. Musiker spielen vor Cafés georgische Volkslieder. Am Ausgang der Stadt steht ein Priester und bittet um eine Spende.

Nicht ganz so überlaufen ist Sighnaghi. Auf dem Weg dorthin liegt im Gombori-Gebirge Verona. „Aber dass das klar ist, unseres gab es vor dem italienischen“, scherzt der Fahrer. Im georgischen Verona gibt es kaum zehn Häuser, einige Gemüsegärten, Kühe, Schweine, Ziegen, Hunde, Matsch und einen alten Kleinlastwagen aus Sowjetzeiten.

Wer kann, sollte einen kurzen Stopp an einer der kleinen Holzhütten irgendwo im Nirgendwo machen, in denen frisches Brot verkauft wird. Hergestellt nach alter Tradition: Der Teig wird an die Innenseite des brunnenartigen Ofens geklebt und mit einer Stange herausgefischt, sobald das Brot eine gewisse Bräune hat. Verkauft wird es in altem Zeitungspapier. Am besten schmeckt dedas puri - Mamas Brot - ganz frisch, wenn es noch warm ist.

Kulturelle Spuren aus persischer Zeit

In der mittelalterlichen Stadt Sighnaghi laden auf dem Weg Richtung Stadtkern restaurierte Häuser zum Fotografieren ein. Wirklich schön sind einige der Holzbalkone mit stilistischen Einflüssen persischer Architektur.

Die Festung Batonistsikhe innerhalb der Stadtmauer war einst eine Fürstenresidenz. Davon merkt man heute wenig. Auf einem Markt werden Melonen, Maulbeeren, Aprikosen, georgische Snickers - das sind Walnüsse in geliertem Traubensaft - sowie selbstgemachter Wein und Schnaps in Kunstoffflaschen verkauft. „Wein in Plastik wollen die Russen kaufen“, behauptet ein Händler.

Noch ein Abstecher zum Grab der Heiligen Nino ins Bodbe Nonnenkloster. Die Nationalheilige hatte im 4. Jahrhundert das Christentum ins Land gebracht. Deshalb pilgern nicht nur ausländische Touristen, sondern auch Georgier gerne zur Grabstätte. Gleich neben der Grabkirche wurde innerhalb der vergangenen 25 Jahre eine neue große Kirche gebaut. Hinter dem terrassenförmigen Klostergarten reicht der Blick bei gutem Wetter über die Alazani-Ebene bis zum Großen Kaukasus.

Und dann wäre da noch die Gastfreundschaft der Menschen. Ganz schnell wird man mal zwischendurch auf eine Tasse Kaffee nach Hause eingeladen. Eine Umarmung zur Begrüßung, Küsschen auf die Wange. „Normalerweise kochen wir gerne Italienisch. Aber heute essen wir Georgisch“, sagt die Gastgeberin. Die Tasse Kaffee gibt es - und dazu noch ein Vier-Gänge-Menü mit würzigem Rindfleisch in Walnusssoße plus hausgemachtem Rotwein.

Infokasten: Georgien

Klima: Je nach Höhe der Gebirgszüge, Ebenen und Niederschlag von subtropisch-feucht im Westen bis trocken und gemäßigt im Osten.

Reisezeit: Ganzjährig. Die schönsten Monate sind Mai und September.

Anreise: Nonstopflüge nach Tiflis gibt es von mehreren deutschen Flughäfen - zum Beispiel mit Georgia Airways und Wizz Air. Die Flugzeit beträgt etwa drei bis vier Stunden.

Einreise: Deutsche Urlauber brauchen kein Visum.

Währung: Ein georgischer Lari entspricht etwa 0,33 Euro.

Zeitverschiebung: Plus zwei Stunden.

Informationen: Georgian National Tourism, +995 32 243 69 99, E-Mail: info@gnta.ge, www.gnta.ge


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September 2019 / No 64

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