- © Foto: pixabay -
DAUN, 04.12.2018 - 16:28 Uhr
Touristik

Geschaffen mit Charme, Mut und Millionen: Skiarena Andermatt-Sedrun

(dpa/tmn) - Ein reicher Geschäftsmann aus dem Orient verliebt sich in ein verfallendes Bergdorf, erobert mit einer märchenhaften Idee die Herzen der misstrauischen Bewohner und verwandelt den Ort in eine der modernsten Ski-Arenen Europas. Was nach einer Alpen-Kitsch-Saga mit Hansi Hinterseer klingt, hat sich im schweizerischen Andermatt tatsächlich ereignet. So ähnlich zumindest.

Die Hauptrolle in der Andermatt-Story spielt ein grau melierter Ägypter: der Investor Samih Sawiris. Ein Sonnyboy, stets lächelnd, bodenständig und gewinnend. Wäre Sawiris der arrogante Scheich aus der Wüste gewesen, den so mancher am Gotthard erwartete, hätten die eigensinnigen Andermatter den hochtrabenden Plänen wohl auch nie zugestimmt. Dann wäre Andermatt nicht wie Phoenix aus der Asche gestiegen und gemeinsam mit Sedrun in diesem Winter zum größten zusammenhängenden Skigebiet der Zentralschweiz aufgestiegen.

Am Fuße des 2961 Meter hohen Gemsstocks gäbe es jetzt verwaiste Kasernen und kein international bekanntes Nobelhotel wie „The Chedi“. Es gäbe keine Luxus-Chalets, keinen Golfplatz und keine moderne Skiarena. 25 Liftanlagen erschließen 120 Kilometer Pisten - und das erstmals in der Schweiz über Kantonsgrenzen hinweg. Andermatt liegt im deutschsprachigen Kanton Uri, Sedrun im rätoromanischen Graubünden.

Die gerade in Betrieb genommene Gondelbahn Schneehüenerstock-Express schließt die letzte Lücke in der Skiarena Andermatt-Sedrun. Jetzt können Skifahrer und Snowboarder von Andermatt über das Nätschen-Gütsch-Areal hinüber auf die Sedrun-Oberalbpass-Seite wechseln und von dort wieder zurückfahren, ohne die Ski oder das Board abschnallen zu müssen. Im kommenden Sommer wird das Gebiet durch eine Bahn von Sedrun ins Skigebiet Disentis nochmals erweitert.

„Bislang waren wir für den Rückweg nach Andermatt auf die Matterhorn-Gotthard-Bahn angewiesen“, sagt Skilehrer Fränggi Gehrig. Die roten Züge, die die Zentralschweiz mit dem Wallis verbinden, fahren weiterhin. Auch der beliebte Après-Ski-Waggon mit DJ rollt nach wie vor zwischen Sedrun und Andermatt.

In Andermatt hoffen sie nun auf den Durchbruch, denn erst der Skiverbund mit Sedrun macht den Ort für die Masse der Winterurlauber attraktiv. Andermatts Hausberg ist nämlich zu anspruchsvoll für den Otto-Normal-Skifahrer. Das Panorama vom Gemsstock mit Mönch und Monte Rosa genießen alle, die Abfahrten über den Gurschen- oder den St. Anna-Gletscher aber nur Könner. Der „Russi-Run“, benannt nach dem legendären Schweizer Skirennläufer und Pistenbauer Bernhard Russi, ist tiefschwarz. Auch der „Lara-Gut-Run“, der der Schweizer Weltcupfahrerin gewidmet wurde, hat es in sich. „Lara hat hier früher oft trainiert, ihr Onkel ist fast immer da“, erzählt Gehrig.

Dafür ziehen die oft mit knietiefem Pulverschnee überzogenen Nordhänge am Gemsstock Freerider magisch an. Von November bis Mai sind sie in Betrieb. An der Wasser- und Wetterscheide des Kontinents schneit es überdurchschnittlich viel und häufig. In Zeiten des Klimawandels ist das ein großer Standortvorteil.

Aber Skiurlauber suchen mehr als Schneesicherheit und Herausforderungen. Sie wollen Genussabfahrten auf Südhängen, moderne Lifte, sanft abfallende Spielwiesen für Kinder und urige Hütten. Und die liegen rund um den Oberalppass auf der Sedruner Seite, wo sich auf einem Sonnenplateau über dem Ort die Ferienhäuser rund um die Milez-Hütte gruppieren und in der Sudada-Hütte gigantische Schnitzel auf ausgehungerte Skifahrer warten.

Erst durch den Zusammenschluss mit Sedrun hat Andermatt das Skigebiet bekommen, das es für seine neuen Gäste braucht. „Wir wollen qualitativ auf eine Stufe kommen mit Zermatt oder St. Moritz. Und um das zu erreichen, braucht es unter anderem ein erstklassiges Skigebiet“, sagte Investor Samih Sawiris jüngst der Zeitung „Blick“. Ihm ist wohl bewusst, dass der Erfolg seines Megaprojekts mit dem Skigebiet steht und fällt. Zumal Andermatt weder den Glamour von St. Moritz noch ein Matterhorn wie Zermatt zu bieten hat. Die Gipfel rund um den 1444 Meter hoch gelegenen Ort wirken eher unspektakulär und trutzig - daran kann nicht einmal Sawiris etwas ändern.

An allem anderen schon. Als der Ägypter 2005 nach Andermatt kam, befand sich das Bergdorf in einem rasanten Niedergang, ausgelöst durch den Abzug der Armee. Lange Jahre sind die Kasernen im Ort ein Teil der Gotthard-Festung Réduit gewesen, in der sich die Schweizer bei einem Angriff auf das neutrale Land verschanzen wollten. Das gigantische Bergmassiv gleicht einem Schweizer Käse. Tunnel, Bunkeranlagen und Geschützstellungen durchziehen den Fels.

Jahrzehntelang keuchten Rekruten tagsüber die Andermatter Hänge hinauf, abends saßen sie in der „Beiz“ bei Bier und Schnitzel. „Die Kneipen und wir alle haben von der Armee gelebt“, erzählt Bänz Simmen. Der Snowboardpionier erzählt heute als Ortsführer Touristen und Journalisten aus der ganzen Welt die Andermatt-Story auf seinen Spaziergängen durch den Ort rund um die St. Peter- und Paul-Kirche.

„Die Soldaten waren anspruchslos“, sagt Simmen. „Da musste man nicht freundlich sein und auch nicht gut kochen können.“ So sei man in Andermatt bequem geworden. Das böse Erwachen kam, als die Schweizer Armee nach dem Ende des Kalten Krieges ihre Alpenfestung aus Kostengründen aufgab. Die Soldaten blieben weg, und Touristen kamen nur noch wenige. Andermatt verfiel - bis Sawiris kam.

Der Ägypter erkannte das Potenzial des Bergdorfs, das anders als St. Moritz, Zermatt oder Gstaad recht nah an Großstädten und Flughäfen liegt. Nach Luzern sind es mit dem Auto nur eine Stunde, nach Zürich und Lugano gut eineinhalb Stunden.

Der Geschäftsmann witterte ein großes Geschäft, und er brachte das nötige Kleingeld und Know-how mit. Sawiris stammt aus einer reichen Unternehmerfamilie koptischer Christen, die ganze Städte aus dem Boden stampft. Mit der Retortenstadt El-Guna am Roten Meer hat er bewiesen, dass er aus dem Nichts ein Ferienparadies schaffen kann.

Das allein aber hätte die Andermatter wohl nicht überzeugt, wichtig war auch sein Auftreten. Der Ägypter hat in Berlin studiert, spricht perfekt Deutsch. Sawiris präsentierte seine Pläne persönlich. Am Ende stimmten neben Gemeinden und Kantonen auch die Andermatter in Referenden dem Mega-Projekt zu.

Sawiris hat angekündigt, 1,8 Milliarden Schweizer Franken in das Andermatt Swiss Alps-Projekt zu investieren. „Und bislang hält er Wort“, sagt Ortsführer Simmen. „Rund eine Milliarde sind bereits verbaut“, bestätigt Projekt-Sprecher Stefan Kern. 125 Millionen flossen allein in neue Lifte, Beschneiungsanlagen und Restaurants im Skigebiet. Weitere dreistellige Millionenbeträge verschlangen Chalets und Appartementhäuser sowie die ersten der sechs geplanten Hotels. Kürzlich eröffnete das Viersternehotel „Radisson Blu Hotel Andermatt“, das Fünfsternehotel „The Chedi“ gibt es seit 2013.

Touristiker bejubeln das Luxushotel als das beste der Alpen, in der Zentralschweiz ist es zweifellos konkurrenzlos. Das nächste Top-Hotel in einem Skiort ist das altehrwürdige „Waldhaus“ in Flims rund zwei Autostunden entfernt. Auch kulinarisch setzt das „Chedi“ Maßstäbe mit dem wohl besten japanischen Restaurant der Schweiz, das der Guide Michelin mit einem Stern ausgezeichnet hat. Seine Suiten sind genauso luxuriös ausgestattet wie die imposante Lobby und das Spa. Alles ist vom Feinsten und dennoch nicht protzig, so dass sich das wie ein gigantisches Chalet gestaltete Hotel nahtlos ins Ortsbild einfügt.

Skeptische Stimmen behaupten, dass sich das Leuchtturmprojekt „Chedi“ und das gesamte Andermatt-Resort nie rentieren würden. Sawiris räumt ein, dass er bislang Verlust macht. Das aber bringt den in Luzern lebenden Milliardär nicht aus der Ruhe. „Das Projekt Andermatt kann nicht mehr scheitern“, sagte Sawiris der Zeitung „Blick“. Die großen Risiken seien überwunden.

Von der Realisierung der ursprünglich geplanten sechs Hotels, den rund zwei Dutzend Chalets und den weit über 400 Apartments in 42 Gebäuden ist man aber noch weit entfernt. Es sind gerade einmal acht Apartmenthäuser fertig und längst noch nicht alle Wohnungen verkauft. Seine Investitionen kann Sawiris aber nur durch den Verkauf der viele Millionen Franken teuren Immobilien reinholen. Deshalb tut er alles, um Andermatt attraktiver zu machen.

Als die Schweizer Bahn Verbindungen dorthin strich, setzte Sawiris kurzerhand eigene Busse ein, die Wintersportler aus den Schweizer Städten in den Skiort fahren. Auch das flexible Liftpreissystem mit Frühbucherrabatten und Tagestickets ab zehn Franken an schwach ausgelasteten Tagen ist innovativ.

„Sawiris zieht sein Projekt allen Widrigkeiten zum Trotz durch“, sagt Curdin Brugger anerkennend. Der Besitzer des Hotels „Krüzl“ in Sedrun verfolgt als Präsident von Sedrun Disentis Tourismus das Projekt sehr aufmerksam. „Wir hoffen natürlich, dass sich Andermatt und Sedrun gemeinsam als Ferienregion präsentieren.“ Allein durch den Skigebietsausbau profitieren auch die Sedruner vom Andermatter Projekt. Dort haben viele ihre Geschäfte herausgeputzt und selbst Geld in Ferienwohnungen, Pensionen und Hotels investiert.

Weil der erhoffte Goldrausch noch auf sich warten lässt, murren aber einige im Ort. Die gestiegenen Mieten sind ein Ärgernis, die ewigen Baustellen sowieso. Skilehrer Gehrig nimmt die Nachteile in Kauf, schließlich profitiert er wie so viele vom Aufschwung. „Und was wäre auch die Alternative gewesen?“, fragt Gehrig. Um dann selbst die Antwort zu geben: „Ohne Sawiris wäre es in Andermatt zappenduster.“

Info-Kasten: Skiarena Andermatt-Sedrun

Skigebiet: Die ab der Saison 2018/19 komplett miteinander verbundenen Skigebiete von Andermatt und Sedrun bilden die größte Skiarena der Zentralschweiz mit mehr als 120 Pistenkilometern. Im Sommer 2019 wird Sedrun zudem an das Skigebiet Disentis angeschlossen.

Anreise: Bequem und umweltschonend ist die Anreise mit der Bahn. Nächster internationaler Flughafen ist Zürich. Mit dem Auto reist man aus Norden über Luzern an. EU-Bürgern reicht ein Personalausweis.

Reisezeit: Die Skisaison dauert von November bis Mai. Beste Reisezeit ist von Mitte Dezember bis Ende März. Die Durchschnittstemperatur im Winter beträgt minus neun Grad.

Währung: Ein Euro entspricht 1,14 Schweizer Franken (11/18).

Informationen: Andermatt (Tel.: 0041/41888 71 00, www.andermatt.ch) und Schweiz Tourismus (Tel.: 00800/100 200 29 (gratis), www.myswitzerland.com).


Diesen Artikel:
  • print Drucken
  • Bookmark Bookmarken

QR-Code mit dem Handy Scannen und diese(n) Seite / Artikel online Lesen:

 

Google QR Code Generator

QR Code for https://vivanty.de/touristik/geschaffen-mit-charme-mut-und-millionen-skiarena-andermatt-sedrun

Aktuelle Ausgabe
Januar 2019 / No 56

Oops... Sie benutzen eine zu alte Browserversion. Um die Seite Korrekt darzustellen benutzen sie bitte mindestens den Internet Explorer 8.
navigateup

Für die Ansicht der mobilen INFOSAT Webseite drehen Sie bitte ihr Handy.