Tripoli ist die zweitgrößte Stadt im Libanon - und relativ arm. Tripoli ist die zweitgrößte Stadt im Libanon - und relativ arm. - © Foto: picture alliance/dpa/dpa-tmn | Philipp Laage -
DAUN, 04.01.2021 - 10:55 Uhr
Touristik

Libanon: Tripoli will noch entdeckt werden

(dpa/tmn) - Es gibt scheinbar wenige Gründe, nach Tripoli zu fahren. Wer über die Autobahn von Süden kommt, sieht zunächst eher kärgliche Wohnblöcke. Während des Syrienkrieges beschossen sich im Osten der Stadt Anhänger und Gegner Assads. Attentäter zündeten Bomben. Das Auswärtige Amt rät noch immer dringend von einem Besuch ab. Und tanzt die libanesische Lebenslust nicht sowieso in Beirut?

Ein Grund, die zweitgrößte Stadt im Libanon trotzdem zu sehen, ist Mira Minkara - neben der Altstadt mit ihren lebhaften Souks, den Jahrhunderten an Geschichte, dem Hafenviertel und nicht zuletzt der versponnenen Utopie eines weltbekannten Architekten.

Mira, 41, ist Tripolis wohl einzige weibliche Fremdenführerin und das schon seit einigen Jahren. Die kosmopolitische, offenherzige und meinungsstarke Libanesin führt nicht nur Freunde und Bekannte durch ihre Heimatstadt, sondern auch Touristen. Mal ganze Busgruppen, mal einen Monat lang praktisch niemanden, je nach politischer Lage.

„Es ist meine Leidenschaft, ich liebe es, aber es ist nicht leicht in einem Land wie unserem“, erzählt Mira bei einem Treffen an der Mansuri-Moschee im historischen Zentrum. Dort fällt sie auf: bunter Schal, strahlend gelbe Jacke, Sonnenbrille, offenes Haar.

Mira spricht fließend Englisch, Französisch und Arabisch, hat Fremdenverkehr studiert und länger im Ausland gelebt. Sie stammt aus einer sunnitischen Familie, so wie die meisten Bewohner Tripolis, bezeichnet sich selbst aber einfach als Muslimin - auf dem Sufi-Weg.

Die Sufis sind eine jahrhundertealte, spirituelle, islamische Strömung. „Ich glaube an Liebe und Frieden“, sagt Mira. Ihr Motto: „Achte auf dein Ego, bevor du über andere urteilst.“

Kühl und klar ist der Morgen, der freundliche Pförtner sperrt uns extra auf, weil Mira hier offenbar jeden kennt. Wir dürfen in den Innenhof der Moschee, die im 13. Jahrhundert von den Mamluken erbaut wurde, einst zentraler Ort für Feste und Begräbnisse.

Die Spuren der Geschichte

„Tripoli ist eine der ältesten mittelalterlichen Städte und reich an Geschichte“, sagt Mira. Die Stadt werde unterschätzt und habe noch so viel Potenzial. „Und das Essen ist günstiger und viel besser als in Beirut.“ Im Vergleich zu Tripoli ist die Hauptstadt jung.

An der Küste, wo heute die Schwesterstadt Al-Mina liegt, errichteten einst die Phönizier einen ersten Handelsstützpunkt. Kaufleute aus Sidon, Tyros und dem heutigen Tartus in Syrien siedelten sich an, daraus leitet sich der Name ab: Tripolis, „Drei Städte“.

Die Perser eroberten die Levante, dann kamen die Griechen und schließlich das Römische Reich. Die meisten Überreste dieser Zeit seien gestohlen worden, sagt Mira. Oder sie liegen verschüttet. Man finde manchmal noch Überreste, aber es werde darüber trotzdem gebaut. „Das Geschäft ist wichtiger als die Geschichte, was sehr schade ist, weil viele Informationen verloren gehen.“

Während der Fatimiden-Dynastie unter Banu Ammar erblühte Tripoli zu einem Zentrum der Wissenschaft. Es gab angesehene Richter und Gelehrte, eine große Bibliothek. Die Herstellung von Seide und feinen Seifen brachte Wohlstand. „Ein goldenes Zeitalter“, sagt Mira. Bis die Kreuzfahrer die Stadt stürmten, plünderten und niederbrannten.

Jede Großmacht hinterließ Spuren. Mira verweist auf das Minarett der Moschee, das aus einem Turm der Kreuzfahrer entstanden sein soll. Auch florale Elemente am Eingang deuteten auf diese hin. Die ersten Männer kommen jetzt in die Moschee, um zu beten. Wir brechen auf zu einem Spaziergang durch die Altstadt.

Tripolis alte Badehäuser

Mira führt in das verfallene Hammam Al-Nuri, ein Badehaus, das die Osmanen errichteten, nachdem sie Tripoli von den Mamluken erobert hatten. Ein Vorraum zum Entkleiden, ein Massagezimmer, unter der großen Kuppel die Überreste des Brunnens, dessen Plätschern einmal für Entspannung sorgte, der Boden aus Marmor, um die Wärme zu speichern. An den Wänden platzen blasse Farbschichten ab.

Fast alle Hammams stellten 1975 den Betrieb ein, als der Bürgerkrieg ausbrach. „Ich bin nicht überzeugt von der Restaurierung“, sagt Mira. Ganz gut erhalten ist der größte Hammam in Tripoli, Hammam Al-Dschadid, ein Baudenkmal mit Fundamenten aus dem 13. Jahrhundert.

Wir besuchen auch das einzige funktionierende Badehaus im Libanon aus osmanischer Zeit, Hammam Al-Abd. Handtücher liegen bereit, die Sitzecke ist mit Decken ausgelegt, man kann Wasserpfeife rauchen. Zeit, ein wenig über Tripoli zu plaudern.

Das Hammam sei ein Ort des sozialen Austauschs gewesen, erklärt Mira. „Männer kamen um zu erfahren, was es Neues gibt, ob der Gold- oder Silberpreis gestiegen oder gefallen war, welche Händler in der Stadt waren. Auch Attentate wurde hier geplant.“

Und auch die Frauen trafen sich an diesem Ort, da sie nirgendwo sonst hingehen konnten. „Sie kamen mit Freundinnen, mit Kindern und mit Jungs bis zu deren Pubertät.“ Im Hammam wurde nach potenziellen Bräuten Ausschau gehalten. „Denn was ist dafür besser geeignet als ein Ort, wo die Frauen halbnackt herumlaufen?“

Altes Handwerk und made in China

Zeit für ein kleines Frühstück. Wir kaufen Kaakeh, warmes Brot auf die Hand, und laufen damit durch die verwinkelten Gassen des Marktviertels, in dem allerlei feilgeboten wird: Gewürze, Obst, diverse Süßigkeiten, für die sogar Beirutis nach Tripoli fahren. An vielen Ecken bekommt man frisch gepresste Säfte.

Mira grüßt einen der ältesten Schneider Tripolis, wie sie sagt, wechselt ein paar freundliche Worte, man kennt sich. Die Leute wissen: Mira zeigt wieder jemandem die Stadt. Viele Textilien im Souk kommen aber mittlerweile aus der Türkei und China. In der dämmrigen Werkstatt eines Kupferschmieds wiederum ist dagegen noch echtes Traditionshandwerk zu besichtigen.

Im ältesten Souk sind die Juweliere untergebracht. „Sehr gute Qualität“, sagt Mira. Der Schmuck komme von den Armeniern in Burdsch Hammud oder direkt aus Italien. Berühmt ist Tripoli außerdem für seine Seife, ebenso wie Aleppo in Syrien. „Wir benutzen nur Olivenöl, keine Chemie und keine tierischen Fette“, erklärt Mira. Manche Geschäfte sind in alten Karawansereien untergebracht, die zu osmanischer Zeit Obdach für Mensch und Tier boten.

Unter den Osmanen blühte auch das Wakf-System, ein Netz frommer Stiftungen, das sich zum Beispiel um Witwen und Waisen kümmerte. „Es gab sogar ein Wakf für die Straßenhunde und streunenden Katzen“, weiß Mira zu berichten. „Das System scheint gut funktioniert zu haben.“ Das Wakf-System wurde mit der Zeit staatlich institutionalisiert.

Dann wurden die Osmanen von den Franzosen abgelöst. „Ich glaube, viele unserer Probleme begannen, als wir uns dazu entschieden, das französische System in unseres zu integrieren“, sagt Mira. So sei das organisch gewachsene, lokale Sozialsystem zerstört worden.

Die Bürde des schlechten Rufes

Wenn man sich von der Altstadt entfernt, verwischen die Eindrücke eines als exotisch wahrgenommenen alten Orients schnell. Frauen betteln, Bedürftige drücken sich an schäbigen Fassaden vorbei. Tripoli ist arm, hat Zigtausende Flüchtlinge aus Syrien aufgenommen. Der Krieg im Nachbarland wurde zeitweilig auch hier in der Stadt ausgetragen. Die Alawiten im Viertel Dschabal Muhsin unterstützten Assad, die Sunniten in Bab al-Tabanah dessen Gegner. Nachbarn beschossen sich gegenseitig von ihren Balkonen.

Das ist nun schon ein paar Jahre her. Deshalb ärgert es Mira, dass noch vor Reisen nach Tripoli gewarnt wird. „Das ist dumm.“ Die Salafisten seien entwaffnet worden. Und habe es in Europa statistisch gesehen nicht sogar mehr Terroranschläge gegeben?

Überhaupt ist es immer so eine Sache mit dem Image eines Ortes. „Viele Leute sagen, Tripoli ist sehr konservativ“, sagt Mira. Das sei doch eigentlich lustig. „Schau dir mal die Größe Beiruts an, da gibt es so viele konservative Gegenden, aber nur zwei hippe Viertel, Hamra und Dschemmaiseh - und da gehen alle Touristen hin.“

Doch auch in Tripoli passiert etwas. „Unternehmerisch tut sich einiges“, erzählt Mira. „Es gibt viele Frauen wie mich, die Bistros und Bäckereien aufmachen oder NGOs und andere Einrichtungen leiten.“

In Al-Mina am Meer hat sich ein Ausgehviertel etabliert mit Restaurants und Lokalen, in denen sich die jungen, liberalen Bewohner der Stadt treffen. Am Wasser kann man abends über eine lange Promenade spazieren, zwischen Familien mit tobenden Kindern, während das letzte Licht des Tages das Libanon-Gebirge anstrahlt. Der Anschein friedlicher Idylle. Aber man muss sich Mühe geben, all den Unrat zu übersehen, der zwischen den Felsen am Ufer liegt.

Verfallene Moderne auf dem alten Messegelände

Und dann gibt es da noch eine Sehenswürdigkeit ganz eigener Art, die sich im Niemandsland zwischen Tripoli und Al-Mina ausbreitet: die Raschid Karami International Fair, das alte Messegelände aus einer Zeit, als der Libanon boomte, in den 1960er Jahren.

Oscar Niemeyer (1907-2012), einer der namhaftesten Architekten der Moderne, entwarf mehr als ein Dutzend futuristischer Gebäude, die heute wie rätselhafte Artefakte einer außerirdischen Zivilisation in der Gegend herumstehen oder zumindest genauso befremdlich wirken. Denn bevor das Areal fertiggestellt werden konnte, brach der Bürgerkrieg aus. Die Arbeiten wurden nie beendet. Die betongewordene Zukunft begann zu verfallen, bevor sie Wirklichkeit werden konnte.

Das Gelände diente zwischenzeitlich als Waffenlager der syrischen Armee und wartet heute verträumt auf eine neue Bestimmung. Kein Zutritt, sagt der Wachmann. Doch als der Name Mira Minkara fällt, lässt er sich erweichen und den ausländischen Besucher hinein.

Ganz allein spaziert man über das Messegelände, wo höchstens mal ein einsames Pärchen auf einer Bank sitzt. Weithin sichtbar spannt sich ein gewaltiger Bogen über eine Fußgängerbrücke, die hinaufführt zu einem Freilufttheater, dessen weiße Plastiksitze auf Gäste warten. An manchen Stellen besteht Einsturzgefahr. Eine Art Betonmarkise von enormen Ausmaßen spendet Schatten. Und ein ausladender Kuppelbau steckt in der Wiese wie eine halb versunkene Kugel.

Der Traum Oscar Niemeyers erinnert an eine Zeit, in der Tripoli in eine glorreiche Zukunft schaute. Sie ist lange vorbei und wird wohl auch noch länger auf sich warten lassen. Aktuell verheert die Wirtschaftskrise das Land - und Reisende mache um den Libanon vorerst besser einen Bogen. „Wir kämpfen ums Überleben“, schreibt Mira, als ihr Gast längst wieder in der Heimat ist.

Info-Kasten: Tripoli

Reiseziel: Tripoli ist die zweitgrößte Stadt des Libanons und liegt an der Mittelmeerküste rund 80 Kilometer nördlich von Beirut.

An- und Einreise: Von verschiedenen deutschen Städten gibt es Direktflüge nach Beirut. Benötigt wird ein Reisepass, der noch mindestens sechs Monate gültig ist. Finden sich im Pass Hinweise auf einen vorherigen Israel-Aufenthalt, wird die Einreise verweigert. Nach Tripoli gelangt mit dem Bus von Beirut in rund zwei Stunden.

Sicherheit: Durch die anhaltende Wirtschaftskrise herrscht im Libanon eine große Not. Dadurch habe sich auch die Sicherheitslage verschlechtert, schreibt das Auswärtige Amt und rät Reisenden zum Beispiel von Tripoli ab. Für das ganze Land gibt es eine corona-bedingte Reisewarnung. Wer den Libanon besuchen möchte, sollte abwarten, bis sich die Lage vor Ort gebessert hat.

Geld: Das libanesische Pfund ist eigentlich zu einem festen Kurs an den US-Dollar gekoppelt, der Kurs hat sich aber in der Krise deutlich verschlechtert. Reisende haben am besten genug Dollar in der Tasche.

Corona-Lage: Der Libanon ist von der Pandemie stark betroffen und gilt als Corona-Risikogebiet. Für die Einreise aus Deutschland braucht man einen negativen PCR-Test, der nicht älter als 96 Stunden sein darf. Danach müssen Reisenden zehn Tage in Quarantäne oder erneut einen Test machen. Bis zum Ergebnis dieses Tests müssen sie in Isolation am geplanten Aufenthaltsort bleiben.

Von Philipp Laage, dpa


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