Kalzium färbt das Wasser der Flüsse in der Huasteca Potosina türkis. Kalzium färbt das Wasser der Flüsse in der Huasteca Potosina türkis. - © Foto: picture alliance/dpa/dpa-tmn | Florian Sanktjohanser -
DAUN, 11.01.2021 - 11:38 Uhr
Touristik

Mexiko: Im Dschungel des verrückten Gringos

(dpa/tmn) - Der reiche Exzentriker wählte den Ort für sein Turmhaus weise - mit Blick auf Wasserfall und Urwaldberge. Acht Stockwerke hoch sollte sein Refugium im Dschungel Mexikos am Ende sein und die oberste Etage von einer Glaskuppel gekrönt, damit Edward James nachts aus dem Bett die Sterne sehen könnte. Dazu kam es nie.

Das Turmhaus blieb unvollendet, so wie die meisten der drei Dutzend Bauwerke im Skulpturengarten Las Pozas. Doch allein die Bauruine ist zauberhaft. Bromelien wuchern auf Tulpensäulen, die sich James von einem Isistempel in Ägypten abgeschaut hatte, ein Blauer Morphofalter flattert zwischen gotischen Spitzbögen hindurch. Man spaziert vorbei an Füllhörnern und bemalten Blütenkelchen, aus Beton gegossen wie die Schirmdächer, die an balinesische Tempel erinnern.

In Mexiko ist der Zaubergarten des seltsamen Briten berühmt. Genauso wie die türkisen Wasserfälle und Flüsse der Region, die extrem fotogen und ein perfekter Spielplatz für Rafting, Canyoning und Stehpaddeln sind.

Ein Märchenreich auf Erden

Erzählt man hierzulande von der Schönheit der Huasteca Potosina, gucken dagegen selbst Mexiko-Kenner meist ratlos. Die Gegend liegt Hunderte Kilometer nördlich von Mexiko-Stadt, fernab der üblichen Touristenrouten.

Relikt einer Utopie: In dieses Bambusschloss wollte Edward James irgendwann einziehen. © picture alliance/dpa/dpa-tmn | Florian SanktjohanserAuch Edward James hatte wahrscheinlich noch nie von der Huasteca gehört, bevor ihn sein Freund Plutarco Gastélum hierher lotste. James wurde 1907 in Schottland geboren und war der einzige Sohn eines Eisenbahn- und Kupferminen-Magnaten, sein Taufpate hieß König Edward VII. Er studierte Literatur in Oxford, schrieb Gedichte und begeisterte sich für Kunst. Als er 21 Jahre alt war, starb seine Mutter. James erbte hunderte Millionen Pfund. Mit seinem Vermögen förderte er Surrealisten wie Salvador Dalí und René Magritte.

Ihm selbst aber blieb die Anerkennung als Dichter verwehrt. Verbittert floh er nach einer schmutzigen Scheidung aus England und machte sich auf die Suche nach seinem „Seclusia“, dem Märchenreich, von dem er als Kind geträumt hatte. Er fand es auf einem Roadtrip durch Mexiko, beim Baden unter dem Wasserfall El General nahe Xilitla. Sein Freund Gastélum stieg gerade aus dem Felspool, als ihn eine Wolke Schmetterlinge umschwirrte. Ein Omen für James. Hier, sagte er, wolle er seinen Garten Eden erschaffen.

1947 kaufte er die frühere Kaffeeplantage an den Gumpen - auf Spanisch las pozas - und begann, Orchideen und Schmetterlinge zu züchten. Abertausende Blumen erblühten im Regenwald - bis sie ein ungewöhnlicher Wintereinbruch im Schnee erfrieren ließ. Der Tod seiner Orchideen, sagte James, schmerze ihn mehr als der Tod seiner Mutter. Damit sich eine solche Katastrophe nicht wiederholen konnte, ließ er nun Blumen aus Beton gießen.

Traumwandeln durch den wundersamen Garten

Die Formenfülle und das schiere Ausmaß des exaltierten Projekts überwältigen bis heute. Stundenlang kann man über die verzweigten Treppenwege flanieren, durch offene Arkaden und Spaliere filigraner Säulen, über Brücken und Wendeltreppen, die mal auf Dachterrassen führen und mal in die Wolken. Und man kann sich dabei gut James vorstellen, in seinen wallenden Ponchos, ein paar Papageien auf den Schultern. Auf Fotos sieht er mit seinem schlohweißen Bart und dem Holzstock aus wie Moses. Oder eher wie Noah, inmitten all seiner Flamingos, Hirsche, Würgeschlangen und Ozelote.

Die Pläne entwarf James nach den Eingebungen in seinen Träumen, Inspiration fand er in den Bauwerken Antoni Gaudís und in den Bildern Max Ernsts. Oder, wie bei seinem Ringtor mit Pfeilen - bei Alice im Wunderland. Auf Architekten verzichtete er. „Die Ideen kommen schneller, als sie umgesetzt werden können“, sagte er. „„Aber ich will jede Idee beginnen, dann kann ich sie nicht vergessen.“

Mehr als 30 Jahre werkelten Maurer, Zimmermänner und Steinmetze daran, dass seine Visionen Gestalt annahmen. Viele waren indigene Otomí, für sie war James einfach ein verrückter Gringo. Aber weil er ein Mehrfaches des üblichen Lohns zahlte, liebten sie ihn.

Auf zur wilden Vogelschau

Es ist verführerisch, sich von diesem Zaubergarten einfach treiben zu lassen. Wer aber rechtzeitig vor Sonnenuntergang zur Sótano de las Golondrinas fährt, wird mit einem Spektakel belohnt.

Schwärme von Halsbandseglern kreisen quietschend über dem finsteren Schlund des 376 Meter tiefen Abgrunds. Am Morgen sind sie zum Fressen bis zum Pazifik geflogen, nun kehren sie nach Hause zurück. Auf ein geheimes Kommando wechselt Gruppe um Gruppe in den Kamikaze-Modus. Es klingt wie eine Windbö, wenn sie mit 150 Stundenkilometern die Wände hinab schießen. Schaut man genau hin, kann man den Zickzackflug einzelner Vögel in die Tiefe verfolgen.

Weitaus besser sind die Grünsittiche in der Finsternis zu erkennen. Wer sie aus der Nähe betrachten will, kann sich in die Karsthöhle abseilen. Oder mit Basejumpern in den Abgrund springen. Sogar ein Heißluftballon ist angeblich schon auf dem Grund gelandet.

Wildes Wasser und Südsee-Farben

Der Abenteuer-Tourismus treibt immer neue Blüten in der Huasteca Potosina. Er begann Ende der 1990er, als die erste Raftingfirma aus Vera Cruz hierher kam. Heute hoppeln an Spitzentagen bis zu 100 Boote durch die Schlucht des Tampaon.

Der Wasserfall El Meco stürzt über mehrere Kaskaden 35 Meter in die Tiefe. © picture alliance/dpa/dpa-tmn | Florian Sanktjohanser Mineralien färben den Fluss türkis wie eine Südseelagune, aber an der geriffelten Felswand sieht man, mit welcher Urgewalt das Wasser toben kann. Erst weit über den Köpfen beginnt der Urwald, darunter ist der Kalkstein von den regelmäßigen Hochwassern blank gewaschen.

„Wir haben 13 Stromschnellen vor uns“, sagt Steve Melendez. Der Mittdreißiger steuert seit 17 Jahren Gummiboote den Tampaon hinab, nur wenige kennen die Felsen, Untiefen und Strudel besser. Er rattert die Liste der Stromschnellen herunter, sie heißen Eisberg, Klaue oder verrückte Maus. Die gefährlichste aber, sagt Melendez, sei Roulette, ein eineinhalb Meter hoher Wasserfall mit einer Wasserwalze dahinter. „Da überschlagen sich manche Boote rückwärts.“

Unfreiwillig auf Tauchstation

Zu Beginn gleitet das Boot sanft dahin, ungestört kann man sich die bis zu 40 Meter tiefe Schlucht anschauen. Flechten hängen von den Bäumen, bunte Schmetterlinge schwirren herum. Kormorane lauern auf einem Fels - „unsere Super-Enten“, witzelt Melendez. Dass stromaufwärts angeblich Alligatoren leben, erzählt er erst jetzt. „Aber wir sehen sie sehr selten.“ Na dann.

Der Müßiggang ist bald vorbei. Die ersten Stromschnellen folgen so rasch aufeinander, dass kaum Zeit zum Ausruhen bleibt. „Adelante“, ruft Melendez. Vorwärts! Alle paddeln mit vollem Einsatz. Das Boot hüpft durch stehende Wellen, touchiert ein paar Felsen, die Gischt spritzt ins Gesicht, alle jauchzen - bis das Kommando zu spät kommt.

Ein Schlag auf der rechten Seite, und wer links saß, wird über Bord katapultiert. Man sollte jetzt die Luft anhalten und ruhig warten, sagte Melendez im Briefing, bis einen der Strudel wieder ausspuckt. Leicht gesagt. Die Panik siegt, man versucht zu schwimmen, wird wieder hinab gezogen, bis der Kopf etwas Hartes trifft: das Rettungskajak. „Alles ok?“, fragt der bärtige Engel. Kopfschütteln, Würgen. Der Kajaker guckt besorgt und paddelt einen an den Bug geklammert durch die nächste Stromschnelle.

Zum Glück beruhigt sich der Fluss nun, es ist noch einmal Zeit, die Schönheit des Tampaon zu betrachten. Und um den Schock zu verdauen. Denn der nächste Adrenalinstoß wartet schon - am Rio Micos, der tatsächlich noch intensiver türkis leuchtet. Die Treppe von Kaskaden liegt einsam da: Sprung ins Wasser - sogar von den Wasserfällen!

Hüpfend von Becken zu Becken

Der erste der sieben Sprünge ist mehr ein Hopser, einen guten Meter hoch. Das Tückische aber ist, dass man Anlauf nehmen muss - und nur profillose Neoprensocken trägt. Zum Glück ist der überspülte Kalkstein weniger glitschig, als er aussieht.

Nach der ersten Mutprobe wird jeder Sprung leichter. Unterschätzen sollte man die Kaskaden aber nicht. Jedes Jahr sterben hier eine Handvoll Leute, sagt Melendez. Sie springen ohne Ausrüstung und Guides - und sind meist betrunken.

Als Teilnehmer einer Tour dagegen ist man in Helm und Schwimmweste verpackt, und Melendez zeigt exakt, wo man am besten abspringt. Langsam steigern sich die Höhen, dazwischen sind ein paar Felsrutschen eingeschoben. Und am Ende hüpfen alle selbst den fünf Meter hohen Wasserfall jauchzend hinab, La Prueba.

Die wahre Probe kommt aber noch: das Abseilen am Wasserfall Minas Viejas. 50 Meter geht es in die Tiefe, und zum Start muss man sich trauen, rückwärts über die Felskante zu hopsen. Dann aber gleitet man schrittweise entlang des Seils abwärts, direkt neben der Gischt, und unten sieht man das unwirkliche Türkis. Ein Nervenkitzel, der wohl auch dem ewigen Ästheten Edward James gefallen hätte.

Huasteca Potosina

Anreise: Von Frankfurt am Main und München fliegt man über Mexiko-Stadt nach Tampico. Von dort fahren Busse in rund zweieinhalb Stunden nach Ciudad Valles in der Huasteca Potosina.

Reisezeit: Die besten Monate für Abenteuersport sind November bis März. Dann ist die Regenzeit vorbei und die Flüsse leuchten besonders türkis. Im Juli und Dezember blühen die Orchideen in Edward James' Garten. An Ostern ist der Garten oft überlaufen.

Abenteuersport: Veranstalter wie Huaxteca (www.huaxteca.com) bieten Stehpaddeln, Rafting, Canyoning und Abseilen an. Auch Pauschalreisen mit mehreren Aktivitäten und Hotel sind buchbar.

Corona-Lage: Mexiko ist von der Pandemie besonders stark betroffen und ein Corona-Risikogebiet. Folglich gibt es eine Reisewarnung. Die mexikanischen Gesundheitsbehörden fordern derzeit laut Auswärtigem Amt keine Bescheinigung über den Gesundheitszustand oder Testergebnisse. Quarantänemaßnahmen seien nicht vorgesehen.

Informationen: www.visitasanluispotosi.com

Von Florian Sanktjohanser, dpa


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März 2021 / No 82

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