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DAUN, 10.04.2019 - 15:54 Uhr
Touristik

Mystische Bretagne - Der Zauberwald von Brocéliande

(dpa/tmn) - Zauberwälder. Es gibt sie zum Beispiel bei Harry Potter. Der Verbotene Wald, in dem sich Einhörner und Riesenspinnen tummeln. Letztere lauern auch im Düsterwald von Mittelerde. Diese beiden vielleicht berühmtesten Zauberwälder entsprangen allerdings nur der Fantasie ihrer Erfinder Rowling und Tolkien.

Einen Zauberwald aber gibt es wirklich. Seit Menschengedenken gilt er als magischer Ort. Hier erstreckt sich das sogenannte Tal ohne Wiederkehr, in dem die Fee Morgana ihre untreuen Liebhaber für alle Zeiten gefangen hält. Hier liegt der See von Comper, in dem der legendäre Ritter Lanzelot in einem Unterwasserschloss aufwuchs und aus dem König Artus das Schwert Excalibur empfing. Ja, hier liegt sogar das Grab des Zauberers Merlin, dessen Mutter eine Heilige und dessen Vater der Teufel gewesen sein soll. 

Die meisten dürften diesen Wald irgendwo in Britannien vermuten. Doch die Artus-Sage ist keltischen Ursprungs und damit auch in der Bretagne zuhause. Und eben hier, in der Hochbretagne westlich von Rennes, befindet er sich: La Forêt de Brocéliande.

Ein Wald, der früher weite Teile der bretonischen Halbinsel bedeckte und jetzt noch etwa 7000 Hektar umfasst. Ein Wald von dem man sagt, dass man aus ihm herauskomme wie aus einem Traum.

Wenn man sich die Karte ansieht, fallen dort Namen auf, die man eher in einem Fantasy-Buch vermuten würde: Val sans Retour (Tal ohne Wiederkehr), Tombeau de Merlin (Grab des Merlin) oder Fontaine de Jouvence (Jungbrunnen). Als würde man ins Märchenland reisen. Doch der Zauberwald von Brocéliande ist so real, dass man ihn sogar ins Navi eingeben kann. “Paimpont, Frankreich“ ist die Adresse. 

Die meisten Besucher dürften den verwunschenen Wald von einem der Ferienorte an der bretonischen Küste aus ansteuern. Es ist eine leicht hügelige Landschaft mit Feldern, kleinen Wäldchen und eingestreuten Ortschaften. Lange ist nichts ausgeschildert, so dass man meinen könnte, einem Mythos aufgesessen zu sein.

Doch dann plötzlich erreicht man eine Anhöhe und blickt auf einen ausgedehnten Wald herab. Und mit einem Mal steht da auch ein Schild, kleiner und in ganz anderer Schrift als gewohnt: Brocéliande.

Ein Startpunkt ist das effektvoll gestaltete Themenzentrum La Porte des Secrets in den Nebengebäuden einer alten Abtei im verträumten Dorf Paimpont. Dort werden vor allem junge Besucher in den Sagenkreis von Brocéliande eingeführt.

Nach einer Stärkung in der Boulangerie fährt man am besten in den noch viel kleineren Ort Tréhorenteuc am Waldrand. Mit etwas Glück ist hier gerade Markt. Aber natürlich keiner mit Obst und Gemüse. Hier werden Gemälde von Elfen und Einhörnern angeboten, Hexenfiguren, Hippie-Kleidung und Tassen mit König-Artus- oder Feenmotiv.

„Elfigraphe“ steht über einem Stand, der Kristalle und Medaillen im Sortiment hat. Die Besucher des Marktes sind Kenner: Neo-Druiden, Gralssucher, Esoteriker, zum Teil von weither angereist. Einige tragen wallende Gewänder und Blumenkränze. Bei anderen baumeln keltische Sonnenzeichen um den Hals. Sie sind Mitglieder der Église Celtique Restaurée, der Wiedererrichteten Keltischen Kirche. 

Die kleine Dorfkirche heißt überall nur L'église du Graal - die Gralskirche. Sie ist eine kleine Sensation, denn in all ihren bunten Glasfenstern und Gemälden wird der christliche Glaube mit der Artus-Sage vermischt. So erstrahlt in einem der prachtvollen Fenster der Heilige Gral, jenes wundertätige, lebensspendende Gefäß, das in einer Burg von einem Gralskönig und seinen Rittern gehütet werden soll. Ein Gemälde zeigt die Tafelrunde von König Artus - höchst ungewöhnlich für eine katholische Kirche. Aber am bemerkenswertesten ist vielleicht eine Kreuzwegstation, die Jesus zusammen mit der nur leicht bekleideten und sehr aufreizenden Fee Morgana zeigt.

Die eigenwilligen Darstellungen gehen zurück auf den Priester Henri Gillard (1901-1979), der die Kirche in den 1940er Jahren restaurieren und neu ausgestalten ließ. Ausgeführt wurden mehrere Gemälde von den beiden deutschen Kriegsgefangenen Peter Wissdorf und Karl Rezabeck, die Gillard wegen ihres künstlerischen Talents aus einem Lager zu sich geholt hatte.

Sein Bischof fand das alles höchst suspekt und enthob ihn schließlich seines Postens. Heute steht Gillard in Bronze gegossen vor der Tür und wird von den neuheidnischen Pilgern als Visionär verehrt.     

Bis nach Tréhorenteuc kommt man mit dem Auto, aber das Tal ohne Wiederkehr mit seinem Feenspiegel, einem grünäugigen Gewässer, ist nur zu Fuß zu erreichen. “Zwei Stunden dauert das schon“, verrät ein junger Franzose, der mit seiner Freundin dort gewesen ist. Was der Legende zufolge nur eines bedeuten kann: Er ist seiner Partnerin treu. Andernfalls nämlich hätte die Fee Morgana ihn nie wieder gehen lassen.

Mit einem Blick auf die sehr leichte Beschuhung der Kinder fügt der Franzose hinzu: „Ich glaube, dafür braucht ihr Wanderschuhe.“ Damit ist das Tal ohne Wiederkehr für den pubertierenden Nachwuchs gestorben. 

Nächste Station: das Schloss von Comper. Aus rotbraunem Stein erbaut, wacht es über jenem See, der Zugang in die Anderswelt sein soll. Den Legenden zufolge ist es gar kein richtiger See, sondern nur eine Illusion. Heraufbeschworen vom Zauberer Merlin, um das auf dem Grunde stehende Kristallschloss für seine Geliebte Morgana neugierigen Blicken zu entziehen. Keine Wetterfahne schaut aus dem Wasser hervor, kein Blick durchdringt die leicht gekräuselte Oberfläche.

Das Schloss selbst beherbergt das Zentrum der Aturischen Fantasie, eine Ausstellung rund um König Artus mit einer Nachbildung des mythischen Schwertes Excalibur.

Ein junger Mann mit Vollbart, Zopf und weißem Leinenhemd klärt die Besucher über die Hintergründe der Artus-Legende auf. “Im 5. Jahrhundert wurden die Römer in Britannien immer härter von den Angelsachsen bedrängt. Doch einem keltischen Heerführer gelang es noch einmal, die anstürmenden Massen zurückzuschlagen.“ Er soll das Vorbild für Artus gewesen sein. Später wanderten viele Kelten von der Insel in die Bretagne aus, die Artus-Sage im Gepäck. 

Die Schriftstellerin Claudine Glot sagt, im Wald von Brocéliande überkomme einen ein Gefühl der Vertrautheit, „als sei man verliebt“. Man betrete ein Anderswo, sei aber gleichzeitig ganz bei sich. „Irgendwie ist er der Wald aller Wälder. Er lässt einen nicht unberührt.“ Efeu-Bewuchs, Ginster-Gespinst und knorrige Eichen - hier hat man das Gefühl, dass die Bäume lebendig werden könnten, ganz wie die Ents aus Tolkiens “Herr der Ringe“.

Ganz besonders gilt das für die gewaltige „Guillotine-Eiche“, die 800 bis 1000 Jahre alt sein soll. Ihren Namen hat sie daher, dass sich während der Französischen Revolution ein verfolgter Priester in ihrem hohlen Inneren versteckt haben soll. Der Baum rettete ihm das Leben.

Immer wieder stößt man im Wald auf große Besuchergruppen, die dort andächtig stehen und einem Guide zuhören, der ihnen von den alten Legenden erzählt. Viel zu sehen gibt es nicht, man muss den Wald mit seiner Fantasie selbst beleben. Wer das nicht kann, ist hier falsch.

Aber gerade daraus, dass hier nichts vorgegeben wird, bezieht der Wald von Brocéliande seinen Reiz. Die Franzosen reisen jedenfalls busweise an. Der Parkplatz, von dem aus ein schmaler Pfad zur geheimnisumwitterten Quelle von Barenton führt, ist an diesem sonnigen Samstag im Sommer völlig überfüllt.

Nach einem strammen halbstündigen Fußmarsch stellt sich die Quelle als winziger Bach heraus. Dennoch sitzen hier jede Menge Besucher und halten ihre Hände in das klare, kalte Wasser.

Die ältesten Berichte über die Quelle stammen aus dem 12. Jahrhundert. Zahlreiche Legenden umspinnen sie. So sollen sich hier die Fee Morgana - die Hüterin der Quelle - und der Zauberer Merlin verliebt haben. Später ließ ihn die Fee in ewigen Schlaf fallen. 

Merlins Grab besteht aus den eher armseligen Resten einiger zerschlagener Megalithen, jener Dolmen oder auch Hinkelsteine, die überall in der Bretagne zu finden sind.

Ein Paar mittleren Alters läuft zunächst neun Mal um das Grab herum und legt dann ein paar Blumen nieder. Die heranwachsenden Kinder ernten wegen ihres Gekichers böse Blicke wie in einer Kirche, in der man zu laut gesprochen hat. Dies ist eine Kultstätte, und der keltische Glaube wird hier offenbar sehr ernst genommen. 

Ganz in der Nähe befindet sich die Fontaine de Jouvence, der Jungbrunnen. Das Wasser sieht allerdings einigermaßen abgestanden aus, sodass mehrere Besucher trotz schweißtreibender Temperaturen unschlüssig um das Steinbecken herumstehen. Da schießt plötzlich ein weißer Hund durchs Gestrüpp und springt hinein.

Gebannt starren die Umstehenden auf das planschende Tier. Als er schließlich wieder herauskommt, ist keine unmittelbare Veränderung feststellbar, außer dass sein Fell vielleicht einen etwas gräulichen Schimmer angenommen hat. “Ein Welpe ist er nicht geworden“, scherzt jemand. Worauf die Besitzerin entgegnet: “Er ist aber auch noch sehr jung!“ Man darf also weiter glauben.

Info-Kasten: Der Zauberwald von Brocéliande

Anreise: Der Wald von Brocéliande heißt offiziell Forêt de Paimpont und breitet sich 40 Kilometer von Rennes entfernt um das Dorf Paimpont aus. Man kann von der bretonischen Nord- oder Südküste ohne Probleme einen Tagesausflug dorthin unternehmen.

Informationen: Atout France - Französische Zentrale für Tourismus, Postfach 10 01 28, 60001 Frankfurt (E-Mail: info.de@france.fr, http://de.france.fr/).


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