Die Marlborough Sounds sind Flusstäler, die das Meer nach der letzten Eiszeit geflutet hat. Die Marlborough Sounds sind Flusstäler, die das Meer nach der letzten Eiszeit geflutet hat. - © Foto: picture alliance/dpa/dpa-tmn | Florian Sanktjohanser -
DAUN, 14.01.2021 - 10:06 Uhr
Touristik

Neuseeland: Auf dem Kammweg durchs Labyrinth der Buchten

(dpa/tmn) - Wer nach Picton kommt, will in der Regel bald weiter. Zwar kann man in den Restaurants und Cafés an der palmengesäumten Uferpromenade wunderbar einen Flat White trinken, Grünschalmuscheln essen und aufs Meer schauen. Aber danach schippern die meisten Reisenden mit der Fähre zur Nordinsel Neuseelands. Oder sie fahren mit dem Mietwagen auf der Küstenstraße nach Süden.

Sie alle verpassen etwas: den Queen Charlotte Track, einen 72 Kilometer langen Pfad, der sich entlang der Buchten und über die höchsten Kämme zwischen zwei südseeschönen Fjorden schlängelt.

Seit fünf Jahren trägt er das Prädikat Great Ride und ist damit einer von Neuseelands 22 Premium-Radwegen. Nach dem Vorbild der berühmten Great Walks sollen diese den Radtourismus ankurbeln und Touristen in abgelegene Gegenden locken. Im Jahr 2009 versprach die Regierung umgerechnet rund 27 Millionen Euro für das Projekt. Mit dem Geld soll auch der Queen Charlotte Track für Radler ausgebaut werden.

Passiert sei bisher allerdings wenig, sagt Steve Gibbons, 51. „Aber dass der Weg zum Great Ride erklärt wurde, hat uns sicher zusätzliche Aufmerksamkeit verschafft“, erklärt der Besitzer von Wilderness Guides in Picton. Die Zahl der Radler, die bei ihm Mountainbikes leiht, nehme nun Jahr um Jahr zu. Ein Grund dafür dürfte allein die Anreise zum Startpunkt sein: eine Überfahrt im Postschiff, die so bezaubernd ist, dass viele Touristen sie als Tageskreuzfahrt buchen.

Ferienhäuser in der Einsamkeit

Von Bucht zu Bucht pflügt der Katamaran durch den Queen Charlotte Sound, ringsum ragen dicht bewaldete Hügel auf. Mit ein wenig Fantasie erkennt man noch, dass der Meeresarm einst ein Flusstal war, so wie all die verzweigten Fjorde der Malborough Sounds. Als das Meer am Ende der letzten Eiszeit stieg, spülte es in die Täler und Nebentäler. Und schuf so ein bildhübsches Labyrinth.

Die europäischen Kolonisten erkannten diese Schönheit früh. Schon Mitte des 19. Jahrhunderts kamen Ausflügler in Booten und Wasserflugzeugen aus Wellington über die raue Cook Strait hierher, manche bauten sich Ferienhäuser.

Ihre Nachfolger schätzen offenbar bis heute die Abgeschiedenheit. Mit großem Abstand sind ihre Häuschen in den Buchten verstreut. Nur sehr wenige Bewohner leben das ganze Jahr über hier.

In der Blackwood Bay ist es genau ein Mann: ein älterer Herr mit breitem Kiefer und weißem Schnauzbart. Der Kapitän reicht ihm durchs Seitenfenster einen groben Stoffsack mit seiner Post, die beiden plaudern kurz, dann legt das Boot wieder ab.

Bei jedem Stopp kommen beneidenswert rüstige Senioren auf ihre Stege. Eine Dame in Caprihose lässt sich zwei Kartons voller Einkäufe auf ihre Sackkarre laden. „Wir liefern nicht nur Post, sondern auch Lebensmittel, Elektrogeräte oder Räder“, erklärt der Kapitän.

Ruhig steuert er den Katamaran von Bucht zu Bucht. Bis er plötzlich bremst, wendet und mitten in einen Schwarm Kurzschwanz-Sturmtaucher hinein fährt. Zwischen den Seevögeln jagen Delfine hindurch, tauchen ab, springen durch die Luft. „Das sind Schwarzdelfine“, erklärt der Kapitän. „Die kleinste der vier Delfinarten hier.“

Die Spuren eines großen Seefahrers

250 Jahre zuvor segelte James Cook durch diese Meeresarme. Auf Motuara Island, heute ein raubtierfreies Vogelschutzgebiet, hisste der Entdecker die britische Flagge - und beanspruchte damit die gesamte Südinsel Neuseelands für die britische Krone.

Dauerhaft vor Anker ging der große Entdecker aber in jener Bucht, in der heute der Queen Charlotte Track startet. Insgesamt 168 Tage verbrachte Cook in der Ship Cove, verteilt über sieben Jahre - mehr als an jedem anderen Ort Neuseelands.

Grund genug für die Neuseeländer, zum Gedenken einen fein geschnitzten Pouwhenua aufzustellen, die Maori-Variante des Totempfahls. Und ein seltsam klobiges Denkmal zu bauen: einen weißen Quader mit einem Anker darauf und drei Kanonen davor.

Man versteht schnell, dass es Cook hier gefiel. Baumfarne und Keulenlilien wachsen um die türkise Bucht, in einem Bach rauscht klares Wasser. Ein wunderbarer Auftakt für die Tour, zumal bis zur nächsten Bucht bereits ein neuer Weg für Radler angelegt wurde, um den allzu steilen Wanderpfad zu umgehen.

Ein Hauch von Luxus in der Natur

Entspannt kommt man am Abend in der ersten Herberge an und ist entzückt. Vor dem mehr als 100 Jahre alten Herrenhaus der „Furneaux Lodge“ plätschert ein Brunnen, Kieswege führen zu den Bungalows und zu einer Fasswanne mit 39 Grad heißem Wasser, aus der man die Bucht überblickt. Für einen neuseeländischen Wanderweg ist solch ein Luxus unerhört. In der Regel hat man die Wahl zwischen Zelt und Matratzenlager. Am Queen Charlotte Track dagegen liegen rund ein Dutzend Lodges, Hotels und Resorts in erreichbarer Nähe.

Frisch geduscht und bestens verköstigt steigt man so am Morgen aufs Rad und fährt entlang des Endeavour Inlet, durch lichten Wald und über mehrere Holzbrücken. Vor einem Häuschen hackt ein Alter Holz, Schafe grasen in seinem Garten.

Der Abschnitt von der Ship Cove bis zur Camp Bay ist eigentlich der beliebteste des gesamten Weges. Aber Menschen trifft man an diesem Morgen kaum. Nur zwei junge Männer fläzen sich am Wegesrand. Sie wollen die gesamte Südinsel hinab wandern, erzählen sie, zwei Monate werden sie unterwegs sein. Man würde sich gerne länger mit ihnen unterhalten, doch die Zeit drängt. Und der Weg ist noch weit. Aber zumindest ein Abstecher muss noch sein: zum Punga Cove Resort.

Im Café am Steg säuselt Reggae, Segelboote liegen im türkisen Meer. „Viele Radler machen hier eine Pause“, sagt Mariana Teran, die 25-jährige Kellnerin aus Mexiko. „Manche wandern auch aus Ship Cove herüber, holen das vom Postboot gelieferte Rad ab und fahren weiter.“

Klingt komisch, hat aber einen triftigen Grund. Von Anfang Dezember bis Ende Februar ist der Weg von der Ship Cove bis zur Punga Cove für Radler gesperrt - fast den gesamten Sommer. „Ich hoffe, dass sie das Verbot bald aufheben“, sagte Steve Gibbons. „Wenn die Radler morgens vor den Wanderern starten, gibt es keinen Konflikt.“

Hinter der Punga Cove steigt der Weg erstmals steil an. Trotz des Koffeinschubs muss man absteigen und schieben. Zum Glück mündet der Pfad nach einer Viertelstunde in eine Straße, die gemächlicher zum Sattel hinauf führt - wo der nächste knackige Anstieg wartet.

Am Ende wartet noch ein Zoobesuch

Immer auf und ab geht es auf dem Kammweg. Auf dem sonnendurchglühten Kamm hoppeln die Stollenreifen über einen steinigen Pfad, in herrlichen Kurven brettert man durch den Kiefern- und Südbuchenwald, im Schatten des dichten Laubdachs spritzt der Schlamm bis zum Hals. Immer wieder öffnen sich grandiose Ausblicke über die Fjorde, die sich zur Rechten und Linken des Kamms in vielen Buchten verästeln.

Hinter dem Torea Saddle, wo eine Teerstraße den Pfad kreuzt, muss man das Rad abermals einen steilen Hang hinauf schieben. Bald soll dieser Anstieg durch eine flachere Umgehung entschärft werden.

Durchgeschüttelt und erschöpft rollt man abends ins „Lochmara Resort“, vorbei an fliehenden Alpakas und Lamas - das Hotel ist zugleich ein Privatzoo. Hunderte von Ausflüglern kommen täglich, um die Ziegen- und Springsittiche in der hallengroßen Voliere oder die Stechrochen unten in der Bucht zu füttern.

In einem Becken liegen Seesterne zum Anfassen, aus einer Beobachtungskammer unter einem Boot sieht man das neu gezüchtete Riff mit seinen Muscheln und Krebsen. Vor den Fenstern ziehen silbrige Schwärme von Meeräschen und Schnappern vorbei. Und nachts leuchten in den Büschen die Larven der Langhornmücken. Schnell weiter will spätestens hier wohl keiner mehr.

Marlborough Sounds

Anreise: Aus Deutschland fliegen mehrere Airlines mit einem Zwischenstopp nach Wellington oder Christchurch. Von Wellington setzen Fähren nach Picton über, von Christchurch fahren Busse. Mit dem Postschiff oder einem Wassertaxi gelangt man von Picton zu mehreren Startpunkten entlang des Queen Charlotte Track. Vom Ziel in Anakiwa fährt man per Schiff zurück nach Picton. Oder man radelt weitere zweieinhalb Stunden auf dem kürzlich geteerten Link Pathway.

Reisezeit: Als beste Monate gelten Februar und März. Dann ist das Wetter in der Regel stabil, das Meer wird bis zu 22 Grad warm.

Radfahren: Der 72 Kilometer lange Weg lässt sich gut auf drei Tage aufteilen. Am ersten Tag radelt man von der Ship Cove bis zur Punga Cove, am zweiten Tag weiter zur Portage Bay und am dritten Tag bis Anakiwa. Mountainbikes leiht man in Picton.

Übernachtung: Am Wegesrand gibt es mehrere Lodges, die allerdings nicht günstig sind. Wer sein Zelt einpackt, kann auf einfachen Campingplätzen übernachten.

Corona-Lage: Neuseeland ist von der Pandemie nicht sehr stark betroffen. Das Auswärtige Amt weist darauf hin, dass internationale Einreisen bis auf weiteres verboten sind.

Informationen: Tourismusbüro Picton (Tel.: +64 3 520 3113, E-Mail: picton@marlboroughnz.com). Department of Conservation Picton (Tel.: +64 3 520 3002, E-Mail: picton@doc.govt.nz).

Von Florian Sanktjohanser, dpa


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