Erkundungen in Nordwales: Blick über die Strandpromenade auf viktorianische Häuser im Seebad Llandudno. Erkundungen in Nordwales: Blick über die Strandpromenade auf viktorianische Häuser im Seebad Llandudno. - © Foto: picture alliance/dpa/dpa-tmn | Alexandra Frank -
DAUN, 10.08.2020 - 12:18 Uhr
Touristik

Nordwales: Keltische Traditionen und malerische Schönheit

(dpa/tmn) - Manchmal kann es ein unscheinbares Geschirrstück sein, ein Becher oder ein Teller, das Erinnerungen hervorlockt. Bei Cefyn Burgess war es eine Porzellantasse.

Bei einer Ausstellung hatte der 58-jährige Künstler und Textildesigner Gemälde aufgehangen, gewebte Wandbehänge drapiert, farbige Dekorkissen und die in Wales so beliebten Tagesdecken präsentiert. Aber es war ein kleines Stickbild, das eine schlichte Tasse zeigte, vor dem sich die Besucher versammelten.

Vor allem die Älteren unter ihnen betrachteten es und fingen an zu erzählen. Von früher. Von den Gottesdiensten in den Kapellen und den Kaffeerunden nach der Sonntagsschule, bei denen Woche für Woche ebendieses Geschirr aufgetischt worden war.

„Sie sehen in meinen Werken einen Bezug zu ihrer Vergangenheit, ein Stück Identität“, sagt Burgess, dem man im Kunsthandwerkszentrum Ruthin Craft Centre bei der Arbeit über die Schulter schauen kann.

Kapellen prägten das Land

Ihm geht es genauso. Die Geschichten, die ihm am Herzen liegen, sind die der Kapellen. Die vielen kleinen Gotteshäuser, die einst jedes Dorf in Wales schmückten - und von denen es die meisten längst nicht mehr gibt. Abgerissen in den 1970er- oder 80er-Jahren, als die Industrie den Bach runterging, Fabriken schlossen und die Leute fortzogen. Als die methodistische Religion von vielen als nicht mehr zeitgemäß, als zu streng und reglementierend empfunden wurde.

Burgess, ein hochgewachsener Mann mit grau meliertem Haar und schwarz umrandeter Brille, ist im Laufe der Jahre immer wieder durch Wales gefahren, um die Kapellen auf Stoff, Papier oder Leinwand zu verewigen. Er fand sie an der fast 1200 Kilometer langen Küste, in unzähligen Ortschaften und entlang der von steinernen Mauern umrahmten Feldwegen, die sich durch die hügelige Landschaft schlängeln.

Manche duckten sich im Schatten stattlicher Burgen wie in den Küstenstädten Caernarfon oder Harlech, andere versteckten sich in malerischen Dörfern mit walisischen Namen, die ausländische Besucher kaum aussprechen können. Orte wie Llangollen oder Beddgelert, wo sich schmucke Steingebäude an plätschernde Flüsse reihen.

In einigen Kapellen konnte Burges vor dem Abriss noch alte Gesangsbücher bergen, die er als Skizzenbücher nutzt. Andere verewigte er noch rasch als schmucklose Gotteshäuser, bevor ihre neuen Besitzer sie mit Leuchtschildern und Reklametafeln ausstatteten, um in ihnen Supermärkte oder Kneipen zu eröffnen - wie die Bethel Chapel in Dolgellau, einer hübschen Kleinstadt am Fuße eines Bergrückens mit verwinkelten Gassen und Wohnhäusern aus dunklem Granit und Schiefer. Jede einzelne Kapelle ein Stück Geschichte, ein Stück Wales.

Ansichten wie für Gemälde erdacht

„Kunst war für die walisische Identität immer wichtig“, sagt Lin Cummins von der Kunstgalerie Mostyn im nordwalisischen Seebad Llandudno, wo sich an der mondänen Strandpromenade viktorianische Häuser im Zuckerbäckerstil aneinanderreihen. 1901 wurde das Gebäude mit einer Stein-Ziegel-Fassade errichtet. Es war eine der ersten Galerien, in der auch Frauen ihre Werke präsentieren durften. Heute werden zeitgenössische Werke gezeigt.

In früheren Zeiten waren es vor allem Landschaftsmaler, die sich von der Schönheit Nordwales' inspirieren ließen: Künstler aus Großbritannien wie William Turner oder David Cox, die die Landschaft in dramatischen Bildern einfingen. Sie zeigen Motive, die heute noch Besucher faszinieren: die mächtige Stadtmauer und die Burg von Conwy südlich von Llandudno, Sonnenuntergänge über der Irischen See und immer wieder die Bergrücken des Snowdonia-Nationalparks.

Im beschaulichen Dörfchen Betws-y-Coed am Rande des Parks entstand Mitte des 19. Jahrhunderts eine Künstlerkolonie. Damals kamen die jungen Herren nicht mit Wanderstöcken und Kameras, sondern rückten mit Pinseln und Staffeleien an, um den 1085 Meter hohen Gipfel des Snowdon zu erklimmen - und die Sicht auf Täler und Bergrücken, Wälder und Wasserfälle zu genießen.

Die Kunst wurzelt in der Identität der Menschen

„Aber Kunst ist gerade hier in Wales mehr als liebliche Malerei“, sagt Lin Cummins. Die walisische Sprache, lange verboten oder unerwünscht, die Musik, die keltischen Legenden, aber auch die farbenfrohen Tapisserie-Werke, die althergebrachte Muster aufgreifen - all dies sei Ausdruck der kulturellen Identität.

Nicht nur in Museen, sondern vor allem im Alltag sei es den Walisern immer wichtig gewesen, ihre Traditionen am Leben zu halten, um als eigene Kultur unter der Vormacht der Engländer nicht unterzugehen.

Vielleicht sieht man das nirgendwo deutlicher als in Machynlleth an der Südspitze des Snowdonia-Nationalparks. Es ist ein kleiner, aber sehr geschichtsträchtiger Ort. 1404 setzte hier der walisische Nationalheld Owain Glyndwr das erste Parlament des Landes ein, zuvor hatte er einen Aufstand gegen die englische Herrschaft angezettelt.

Modern und zeitgenössisch

Nur einige Straßenzüge von jenem Haus entfernt befindet sich heute das MOMA Machynlleth. Das Museum für moderne walisische Kunst präsentiert traditionelle Handwerksstücke wie Quilts und Decken, aber auch Schieferskulpturen des zeitgenössischen Bildhauers Ben Jones oder großflächige Bilder von Roger Cecil, der die Industrialisierung des Landes in den 60er- und 70er-Jahren dokumentierte.

Das Herz des Museums ist The Tabernacle, eine klassizistische Kapelle von 1880. Statt sie abzureißen, wurde sie Mitte der 1980er-Jahre in einen Teil des Museums umgewandelt. Jedes Jahr im August findet ein Festival statt, das klassische Kunst, Performances, Chorgesang und Gedichtlesungen Raum bietet.

Eine neue Nutzung, die auch Cefyn Burgess zufrieden stimmt. Verewigt hat er das Gotteshaus natürlich schon längst. Sein Bild ist heute das Logo des Museums.

Info-Kasten: Wales

Klima und Reisezeit: Dank des Golfstroms hat Wales ein ziemlich gemäßigtes, maritimes Klima mit milden Sommern und nicht allzu kühlen Wintern. Von Oktober bis Januar regnet es häufig.

Anreise: Cardiff in Südwales hat einen internationalen Flughafen, mehr Direktflüge gibt es jedoch nach Heathrow/London oder Manchester.

Fährverbindungen nach England gibt es von Dänemark, den Niederlanden, Belgien und Frankreich.

Informationen: www.visitwales.com/de

Von Alexandra Frank, dpa


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