Die Weintradition rund um Schloss Vollrads reicht bis in die Anfänge des 13. Jahrhunderts zurück. Die Weintradition rund um Schloss Vollrads reicht bis in die Anfänge des 13. Jahrhunderts zurück. - © Foto: picture alliance/dpa/dpa-tmn | Bernd F. Meier -
DAUN, 23.09.2022 - 08:40 Uhr
Touristik

Pilgerwandern: Von Kloster zu Kloster durchs Rheingau

(dpa/tmn) - Die erste Etappe auf dem Klostersteig startet auf einem handtuchschmalen Pfad. Über Geröll geht es steil bergauf von Eberbach zur Hallgarter Zange. 350 Höhenmeter auf nur vier Kilometern - der „Jakobsweg“ des Rheingaus beginnt zäh.

Insgesamt stehen 30 Kilometer auf dem Plan. „Das sind etwa 45 000 Schritte“, schätzt Wolfgang Blum. Der Geisenheimer begleitet etliche Male im Jahr Wandergruppen auf der Route durch die Weinregion.

Die Strecke verbindet die ehemaligen Klöster Eberbach bei Eltville und Marienhausen in Assmannshausen-Aulhausen. Auf dem Weg liegen mit dem Franziskanerkloster Marienthal, der Zisterzienser-Gemeinschaft Nothgottes und den Benediktinerinnen von St. Hildegard drei lebendige Klöster. Der Klostersteig macht seinem Namen alle Ehre.

Wer den ersten Anstieg geschafft hat, der hat das Schlimmste hinter sich. „Der Gipfel Hallgarter Zange ist mit 580 Meter der höchste Punkt des Rheingauer Klostersteiges“, so Blum.

Wein so weit das Auge reicht

Ab hier schlängelt sich der Klostersteig in sanftem Auf und Ab durch üppige Weinhänge. Hier reifen die Trauben für den berühmten Riesling.

Mal führt die Strecke über Forstpfade, meistens aber über die breiten Wirtschaftswege der Winzer.

Pilgerwandern erlebt seit dem Bestseller „Ich bin dann mal weg“ einen Boom. In dem Buch beschreibt TV-Star Hape Kerkeling seine Erlebnisse während des Fußmarsches auf dem Jakobsweg durch Nordspanien zum Wallfahrtsort Santiago de Compostela.

„Sich selbst zu erfahren und dabei in hektischen, unsicheren Zeiten die Stille der Natur zu erleben, darum sind Wandernde auf dem Klostersteig unterwegs“, hat Wanderexperte Blum aus den Gesprächen mit Gästen wahrgenommen. In zwei Tagesetappen ist der Weg zu schaffen. Zwischendurch bleibt ausreichend Gelegenheit, in die Geschichte der Klöster und Ordensgemeinschaften einzutauchen. Und in die Geschichte des Weins im Rheingau.

Wein und Pilgern, passt das zusammen? Wanderführer Blum scheint auf diese Frage schon gewartet zu haben und hat die griffige Antwort parat: „Welches Getränk wird in der Bibel häufig erwähnt? Wein!“

Viel Raum für spirituelle Gedanken

Am ersten Tag geht es vorbei an Schloss Vollrads, einem Gut, das nachweislich im Jahr 1211 zum ersten Mal Wein verkaufte. Und weiter bis Johannisberg. Hier ist die Hälfte des Weges geschafft.

Schmucklos ist das Innere der Basilika Schloss Johannisberg, es gibt kaum Skulpturen und Bilder. Doch gerade diese Kargheit lässt Raum für spirituelle Gedanken auf der Suche nach sich selbst.

Die Geschichte der Basilika führt in das Jahr 1100 zurück zu einem Benediktinerkloster, das im 16. Jahrhundert geschlossen und später zur Sommerresidenz der Fürstbischöfe von Fulda umgestaltet wurde.

Im fernen Fulda gaben die hohen Herren stets die Erlaubnis zur Traubenlese. Voraussetzung war, dass Trauben zuvor mit einem Kurierreiter zur Probe nach Fulda gelangten. Im Jahr 1775 kehrte der Reiter zwei Wochen verspätet zurück. Inzwischen schien die Ernte verdorben. Doch es kam anders, der Wein aus den faulen Trauben übertraf vorangegangene Jahrgänge in seiner Qualität.

Es war die Entdeckung der Riesling-Spätlese. Darstellungen des Riesling-Reiters im Hof von Schloss Johannisberg und an der Straße nach Oestrich-Winkel erinnern an die Erfolgsgeschichte der über 500 Weinbaubetrieben im Rheingau.

Beten vor dem Marienbildnis

Tag zwei auf dem Rheingauer Klostersteig: Nur etwas mehr als eine Stunde wandert die Gruppe, von Blum angeführt, auf dem Forstpfad im Elsterbachtal zum Kloster Marienthal. Neun Franziskanerpatres bewahren hier heutzutage die Tradition aus dem 14. Jahrhundert; es gilt als einer der ältesten Wallfahrtsorte in Deutschland.

Gläubige kommen teils von weit her und beten vor dem Marienbildnis. Sie erfahren auf ihre eigene Weise in Besinnung und Gebeten die Linderung der persönlichen Last: „Maria sei Dank“ und „Maria hat geholfen“, so steht es vielfach auf steinernen Tafeln im Vorraum der Kirche.

So ganz nebenbei sorgt Wanderführer Blum in seiner Gruppe für staunende Gesichter: 1468 wurde in Marienthal die erste Klosterdruckerei der Welt eingerichtet. Das war im Todesjahr von Johannes Gutenberg, der im nahen Mainz ein paar Jahre zuvor den Buchdruck erfunden hatte.

Hildegards Erben

Durch die Rebenhänge geht es hoch zur Benediktinerinnenabtei St. Hildegard. Die heutige Kirche und das Kloster wurden erst ab 1900 errichtet. Die rund 50 Benediktinerschwestern stehen aber in der Nachfolge der Heiligen Hildegard von Bingen, die um 1165 ein Kloster im benachbarten Eibingen gründete. Die Reliquien der bedeutenden Natur- und Heilkundlerin des frühen Mittelalters bewahrt ein goldener Schrein in der Eibinger Pfarrkirche auf, ein wenig abseits des Klostersteiges.

„Klostersteig, Rheinsteig und auch der Jakobsweg kommen an der Abtei St. Hildegard zusammen“, erläutert Blum. Manchmal treffen die Wandernden in den Weinbergen Schwester Thekla Baumgart bei der Arbeit. Sie ist Winzerin und leitet seit 1998 das Klosterweingut.

„Wir bewirtschaften sieben Hektar Rebenkulturen und keltern Riesling und Spätburgunder“, erklärt sie. „Als einzige Klostergemeinschaft in Deutschland betreiben wir aktiv Weinbau, von der Pflege der Rebstöcke über das Keltern bis zum Verkauf im Klosterladen und dem Online-Versand.“ Pilgertrunk heißt folgerichtig einer der feinherben Rieslinge des Klosterweingutes.

Fünf letzte Kilometer auf dem Klostersteig markieren den Zieleinlauf. In Aulhausen erreichen Wandernde glücklich und auch zufrieden über den geschafften Fußmarsch das Kirchlein des ehemaligen Zisterzienserinnenklosters Marienhausen. Und sind überrascht und „geflasht“. Der helle Raum wird beherrscht von einer Christusskulptur, drei Meter hoch, aus dem Stamm einer 300 Jahre alten Eiche geschaffen. „Christus breitet die Arme für die Wandernden weit aus“, erklärt Pfarrer Kurt Weigel. Was für ein schöner Empfang.

Informationen: Rheingauer Klostersteig

Reiseziel: Der Klostersteig führt über knapp 30 Kilometer von Kloster Eberbach bei Eltville durch die Weinfelder bis Assmannshausen-Aulhausen. Er ist in zwei oder drei Tagen zu begehen.

In Johannisberg kann die Wanderung unterbrochen werden, von dort per Bus/Taxi zum Bahnhof Geisenheim. Vom Ziel in Aulhausen sind es noch rund drei Kilometer bis zum Bahnhof Assmannshausen.

Anreise: Mit der Bahn ab Wiesbaden mit der Rheingau-Linie in Richtung Koblenz bis Eltville fahren, von dort aus gelangt man mit dem Bus bis Kloster Eberbach.

Reisezeit: März bis Anfang Dezember

Unterkünfte: Hotels, Pensionen und Ferienwohnungen gibt es direkt am Rheingauer Klostersteig in Kloster Eberbach und der Abtei St. Hildegard, in Johannisberg, Geisenheim-Marienthal und Aulhausen.

Praktische Hinweise: Rucksackverpflegung und Getränke sollten auf die Wanderung mitgenommen werden; direkt am Weg gibt es nur wenige Einkehrmöglichkeiten. An jedem Kloster erhalten Wandernde einen Stempel im Pilgerpass (gibt es in den Tourismusbüros) als Erinnerung an den Klostersteig. Handys werden zur Navigation nicht benötigt, die Route ist gut ausgeschildert.

Informationen: Rheingau-Taunus Kultur und Tourismus, Rheinweg 30, 65375 Oestrich-Winkel (Tel.: 0672360/2720, E-Mail: tourist@rheingau.com; Internet: www.rheingau.com)

Von Bernd F. Meier, dpa

 


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