Der Lake McKenzie ist das Postkartenmotiv von Fraser Island - vollkommen zu Recht. Der Lake McKenzie ist das Postkartenmotiv von Fraser Island - vollkommen zu Recht. - © Foto: picture alliance/dpa/dpa-tmn | Florian Sanktjohanser -
DAUN, 25.11.2020 - 13:48 Uhr
Touristik

Queensland: Allein auf den Pfaden der Bilderbuchinsel

(dpa/tmn) - Barfuß stand Prinz Harry im Oktober 2018 im weißen Sand am Lake McKenzie, die Ältesten der Butchulla ehrten ihn und seine Frau Meghan mit einer Rauchzeremonie. Sicher erhebend. Aber nicht annähernd das gleiche Privileg wie morgens um fünf Uhr allein im warmen Wasser des Sees zu stehen.

Es ist vollkommen still, das Türkis geht in dunkles Blau über, in dem sich Wolken spiegeln. Und dahinter vergoldet die Morgensonne den Sand und die knorrigen Eukalypten.

Der Lake McKenzie ist die Postkarte, mit der Fraser Island und ganz Queensland für sich werben. Und der Lockruf wirkt: Jedes Jahr strömen eine halbe Million Besucher herbei, um in dem sagenhaften Türkis zu baden, jedenfalls wenn keine Pandemie herrscht.

Wer die Schönheit des Sees ungestört erleben will, muss über Nacht bleiben. Und am besten mehrere Tage über die Insel wandern, durch oft menschenleeren Tropenwald und zu Seen, die für all die Touristen in Geländewagen unerreichbar sind.

Die Waldfrüchte der Paradies-Insel

Die Tour startet im Dilli Village an der Ostküste. Auf einem sandigen Pfad wandert die Gruppe dieser dreitägigen Tour durch Eukalypten, Banksien und Grasbäume, in die bleichen Stämme der Mao-Holzrosen haben Motten oszillierende braune Linien gefräst.

Guide Graham Middlemiss hat zu fast jeder Pflanze etwas zu erzählen. Der 51-jährige Neuseeländer kennt die Insel gut, er fuhr Tourbusse und war viele Jahre Chefkoch in einem Resort.

Die Büsche mit weißen Midgen-Beeren seien reich an Vitamin C, erklärt Middlemiss. „Du solltest aber nicht mehr als eine Handvoll essen. Sie wirken abführend.“ Überhaupt enthielten viele Früchte des Waldes Giftstoffe. Erst nachdem sie gekocht wurden oder viele Tage im Wasser gelegen haben, könne man sie essen. So wie die Zapfen der Palmfarne, die schon zur Zeit der Dinosaurier hier wuchsen.

Die einheimischen Butchulla zermahlten sie und buken aus dem Mehl Brot. Als die Männer des Seefahrers James Cooks davon kosteten, wurden sie krank. Ihre Mägen waren nicht an die Toxine gewöhnt.

Der große britische Entdecker meinte irrtümlich, an einer Halbinsel vorbei zu segeln und nannte sie schlicht Great Sandy Peninsula. Die Butchulla, die seit Tausenden Jahren auf der Insel leben, haben einen poetischeren Namen für ihre Insel: K'gari, das Paradies.

Hier fanden sie frisches Wasser, ein mildes Klima und reiche Fischgründe mit Seekühen und Schildkröten. Beim Indian Head und den Champagne Pools sieht man noch die Steinmauern ihrer Reusen im Meer.

Die Einheimischen verabscheuen den Namen Fraser

Bekannt ist die größte Sandinsel der Welt heute aber unter dem Namen von Eliza Fraser. Die Schottin erlitt mit ihrem Mann 1836 vor der Insel Schiffbruch und überlebte sieben Monate bei den Butchulla - angeblich als Sklavin, wie sie später erzählte. Ihre erfundene Schauergeschichte über die Wilden verkaufte sich gut.

Und sie war der Anfang vom Ende der Butchulla. Holzfäller rückten an, um die Baumriesen zu fällen, von denen Fraser berichtete. 1904 wurden die letzten der einst 4000 Butchulla von der Insel vertrieben. Heute sind sie zurück, einige arbeiten als Ranger im Nationalpark.

„Die Butchulla hassen den Namen Fraser Island“, sagt Graham Middlemiss. Vor Gericht kämpfen sie seit Jahren um Kompensationen. Zumindest der Nationalpark trägt wieder den Namen K'gari. Der Park schützt die sieben Ökosysteme der Insel, von Dünen über Mangroven bis Regenwald, Lebensraum für eine enorme Artenvielfalt.

Giftige Tiere im Unterholz

Im Wald sieht man von all den Tieren natürlich wenig. Nur ein Buntwaran klammert an einem Baumstamm. Aber einigen will man ohnehin nicht begegnen. Zum Beispiel den giftigen Todesottern und Taipanen im Unterholz. Oder den Sydney-Trichternetzspinnen, einer der giftigsten Spinnenarten der Welt. Middlemiss zeigt die Löcher in einem verkohlten Baumstumpf, die sie gegraben haben. Wie man vermeidet, von ihnen gebissen zu werden? „Lass deine Schuhe an.“

Eine gute Idee, wie sich kurz vor dem ersten See zeigt. Die Gruppe watet durch ein Delta aus roten Bächen, gefärbt von den Tanninen der Teebäume. Fleischfressender Sonnentau sprießt im weißen Sand wie Blut im Schnee, bunt schillernde Regenbogenspinte flattern auf.

Lake Boomanjin ist der größte Grundwassersee der Welt. „Und einer der wenigen, die von Bächen gespeist werden“, sagt Middlemiss. Im Grunde sind die Seen der Insel allesamt große Regenwannen. Ihr Grund ist aus Kaffee-Gestein, einer Mischung aus verrotteten Blättern und Sand, das wie eine Plastikplane den Regen auffängt.

Verschwitzt von der Tropenschwüle würde man jetzt gern in diese Wanne hechten, Tannine hin oder her. Aber ein Stück Weg ist noch zu gehen - und der nächste See nicht weit. Lake Benaroon ist deutlich kleiner, aber sein Wasser ist noch klarer. Der Zeltplatz liegt gleich oberhalb des Ufers und ist umzäunt. „Wegen der Dingos“, sagt Middlemiss. 200 der verwilderten Hunde streifen in Rudeln über die Insel. „Deshalb sollte man als Wanderer immer einen Stock dabei haben.“

Moskitos beim Buschdinner

Der Campingplatz ist leer. Nur Wanderer dürften hier übernachten, erklärt Middlemiss, Jeeptouren haben einen eigenen Platz. Die Zelte hat der Fahrer netterweise schon aufgebaut, der Tisch ist gedeckt: vier Sorten Käse, dazu geschnittene Mango, Kiwi, Erdbeeren. Und als Hauptgang Pasta, natürlich mit kaltem Bier. Alles ganz wunderbar.

Nur die pausenlos um die Ohren surrenden Moskitos stören das romantische Buschdinner doch arg. Also schnell aufessen und Rückzug ins Zelt. Hinter dem Mückennetz entspannt es sich deutlich besser. Zikaden und Frösche singen einen früh in den Schlaf.

Der große Vorteil des Busch-Biorhythmus: Mit dem ersten Morgenlicht ist man hellwach. Und steht gleich darauf am glatten, dunklen See. Krokodile gebe es hier sicher nicht, sagte Middlemiss am Vorabend. Die Bäche und Seen im Inneren der Insel seien im Winter zu kalt, als dass die Tiere von der Westküste herüber schwimmen. Richtig entspannen lässt es sich beim Morgenbad trotzdem nicht - wegen der giftigen Fischnattern, die in den Seen leben. „Wenn ein Stock auf dich zuschwimmt, geh lieber aus dem Wasser“, sagte Middlemiss.

Das Geschäft mit den Ressourcen der Insel

Eigentlich könnte man gleich in Badehose los wandern. Denn hinter dem Lake Benaroon wartet der nächste See, Lake Birrabeen. Die Gruppe wandert entlang des Ufers und steigt dann zwischen hohen Eukalypten auf. Das Blätterdach schließt sich, Schlingpflanzen hängen von den Ästen. Irgendwo kreischt ein Kakadu.

Der Weg führt nun über einen Kamm, ringsum ragen 50 Meter hohe Kauri-Bäume und Neuguinea-Araukarien in den Himmel. Die Holzfäller schlugen sie für den Schiffsbau, erzählt Middlemiss. Die Tallowwoods und Blackbutts zersägten sie für Häuser und Möbel und die extrem harten Satinays, um damit Häfen und den Suez-Kanal zu bauen.

Als Firmen auch noch begannen, die Dünen wegzubaggern und den Sand zu verkaufen, gründeten Umweltschützer 1971 die Fraser Island Defender Organization. Um die Holzfäller zu blockieren, ketteten sie sich an Bäume. Aber erst als die Unesco die Insel 1992 zum Weltnaturerbe erklärte, stellten die Holzfirmen ihr zerstörerisches Geschäft ein.

Im Hauptquartier des Raubbaus, Central Station, lebten einst 400 Menschen in 30 Häusern. Es gab eine Schule, man hielt Rinder und Schweine. Heute gibt es hier nicht viel zu sehen, vor allem andere Touristen, die in Pavillons ihr Lunchpaket essen.

Darum geht es weiter auf dem Holzsteg, der ins Pile Valley führt. Das Regenwald-Tal ist so außergewöhnlich schön, dass es schon 1935 geschützt wurde. Ein klarer Bach rinnt durch ein weißes Sandbett, darüber wachsen Piccabeen-Palmen und uralte, seltene King Ferns.

Jenseits des Tals wird der Wald schnell wieder lichter. Der Weg führt auf einen Kamm und nach einer Stunde hinab zum fast kreisrunden Basin Lake. „Reines Regenwasser“, sagt Middlemiss, noch klarer als in jedem der bisherigen Seen. Am Sandufer wachsen brusthohe, silberne Gräser, rote Libellen schwirren umher, Enten schnattern. Niemand hier.

Viele Backpacker können sich nicht benehmen

Umso ernüchternder ist freilich der Kontrast später am Nachmittag am Lake McKenzie. Der Ferienzirkus ist noch in vollem Gange. Backpacker trinken trotz des Verbots Bier am Strand, Paare fotografieren sich im flachen Wasser.

„Der Lake McKenzie ist ein traditioneller Versammlungsort der Butchulla“, erklärt Middlemiss am Abend vor dem Zelt. „Schwimmen war hier früher verboten.“ Ein Badeverbot erscheint allerdings utopisch. Zu viel Geld wird hier mit den Gästen verdient.

Overtourism drohe der Insel aber nicht, sagt Middlemiss. „Die Kapazitäten der Hotels und Zeltplätze sind eine natürliche Obergrenze.“ Problematisch sind die jungen Rucksackreisenden, die sich überschätzen. Oft bleiben sie mit den Geländewagen im Sand stecken. „Und am Lake Wabby werden oft Leute mit gebrochenen Armen oder Beinen ausgeflogen“, erzählt Middlemiss. „Sie rennen die Düne runter, erkennen nicht, wie steil es ist, und stolpern.“

Man glaubt es sofort, wenn man am nächsten Tag auf dem Aussichtsbalkon über dem jadegrünen See steht. Wie eine Oase in der Sahara ist er mit seinem Uferwald eingebettet in hohe Sanddünen - dahinter liegt gleich das Meer. Überall stehen Tagesgäste auf der Düne, junge Touristen kommen keuchend auf die Plattform, ohne Shirt in der Mittagssonne und mit rotem Kopf.

Ein letztes Mal baden, mittlerweile sehr entspannt und ohne Krokodilangst. Die Schatten großer Fische ziehen vorbei, ein weißer Kakadu segelt über das Wasser hinweg. Von hier könnte man tagelang weiter wandern auf dem Great Walk, der sich insgesamt 96 Kilometer lang durch den Wald windet. Man würde durchs Valley of the Giants kommen, wo 1000 Jahre alte Satinay-Bäume stehen. Und man wäre noch mehr allein mit der majestätischen Natur. Klingt verlockend.

Info-Kasten: Fraser Island

Anreise: Aus Deutschland fliegt man mit einem Zwischenstopp nach Brisbane. Von dort fahren Greyhound-Busse nach Hervey Bay. Die Fähre nach Fraser Island startet in River Heads, das per Linienbus in rund 20 Minuten zu erreichen ist. Zum Dilli Village allerdings gelangt man nur mit einem gemieteten Geländewagen. Oder indem man eine Wandertour bei einem Veranstalter bucht.

Reisezeit: Die besten Wandermonate sind April bis September, wenn es relativ kühl und trocken ist. Im Sommer steigen die Temperaturen bis auf 38 Grad, von Januar bis März regnet es am meisten.

Wandern: Wer die gesamten 96 Kilometer des K'gari Island Walk wandern will, braucht mindestens eine Woche und muss für den gesamten Weg Vorräte mitschleppen. Touranbieter haben unterschiedliche Pakete im Angebot, etwa die dreitägige Tour von Dilli Village bis Lake Wabby. Zum Zelten im Nationalpark benötigt man ein Camping Permit.

Corona-Lage (4.11.): Das Einreiseverbot für ausländische Reisende gilt in Australien nach wie vor - und dürfte auch noch lange bestehen. Touristische Besuche des Landes sind nicht gestattet.

Informationen: Tourism and Events Queensland, c/o Global Spot GmbH, Oberbrunner Str. 4, 81475 München (Tel.: 089/759 69 88 69, E-Mail: germany@queensland.com, www.queensland.com/de).

Visit Fraser Coast, 227 Maryborough-Hervey Bay Road, Hervey Bay (Tel.: 0061 1800 811 728, www.visitfrasercoast.com).

Von Florian Sanktjohanser, dpa


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