Der Blick durch das Schlüsselloch von Piranesi bietet eine Art optische Täuschung: Der Petersdom wirkt plötzlich ganz nah, wie herangezoomt. Der Blick durch das Schlüsselloch von Piranesi bietet eine Art optische Täuschung: Der Petersdom wirkt plötzlich ganz nah, wie herangezoomt. - © Foto: picture alliance/dpa/Sovereign Military Hospitaller Order of St. John of Jerusalem of Rhodes and of Malta | Nicusor Floroaica -
DAUN, 29.10.2020 - 09:35 Uhr
Touristik

Rom: Piranesi und der magische Schlüsselloch-Blick

(dpa/tmn) - An jedem beliebigen Tag bildet sich eine Menschenschlange vor einem großen grünen Tor auf dem Aventin, einem der sieben Hügel Roms - obwohl das Tor immer geschlossen bleibt.

Die Attraktion ist das Schlüsselloch des Tores, das einen spektakulären Blick auf die Kuppel des Petersdoms erlaubt, eingerahmt von einem dichten Tunnel aus Lorbeerbäumen. Das weltberühmte Bauwerk erscheint dadurch viel größer, wie durch ein Fernglas betrachtet.

Diese optische Täuschung hat sich zu einem der Höhepunkte auf der Liste der Rom-Touristen gemausert. Sie ist das Werk von Giovanni Battista Piranesi, einem Architekten und Grafiker aus dem 18. Jahrhundert. Der in Venedig geborene Piranesi ist 300 Jahre nach seinem Geburtstag am 4. Oktober 1720 vor allem wegen seiner „Carceri“-Serie - Kerker-Szenen - in Erinnerung geblieben.

Der Aventin beherbergt indes sein einziges erhaltenes architektonisches Werk. Zwischen 1764 und 1766 schuf Piranesi die Lorbeerbaumallee, als er das auf dem Aventin gelegene Hauptquartier der Malteser-Ritter umgestaltete. Als Teil seines Auftrags entwarf er einen neuen öffentlichen Platz, die Piazza dei Cavalieri di Malta, geschmückt mit Obelisken und Trophäen. Genau dort sammeln sich heute Touristen, um Schlange für die Schlüssellochansicht zu stehen.

Eine besondere Kirche

Piranesi renovierte auch die hinter dem Tor im Innern des Komplexes liegende Kirche Santa Maria. Das Gotteshaus, eines der ältesten in Rom, stammt aus dem 10. Jahrhundert. Es wurde vom Benediktinermönch Odo von Cluny gegründet und zählt heute zu den verborgenen Juwelen der Ewigen Stadt.

Piranesi gab der Kirche eine neue Fassade und gestaltete auch das Innere neu, mit Anleihen bei der antiken römischen und ägyptischen Ikonographie, um die Ritter und die Familie des venezianischen Kardinals zu ehren, der die Arbeiten in Auftrag gegeben hatte.

Zu den äußeren Verzierungen gehören Helme, Schwerter, Schilde und Halbmonde, die in Ketten gewickelt sind und die historische Niederlage des Osmanischen Reiches in der Seeschlacht von Lepanto gegen die Heilige Liga im Jahr 1571 symbolisieren.

Das Innere der Kirche ist ein Mausoleum, das die Gräber mehrerer ehemaliger Ordensführer beherbergt. Auch die Asche des großen Mannes selbst - Piranesi - und eine Statue, die ihn in eine Toga gekleidet wie einen Römer aus der Antike darstellt, finden sich dort.

Die Kirche ist für gewöhnlich nicht öffentlich zugänglich, aber geführte Gruppenbesuche sind nach vorheriger Anmeldung zum Preis von etwa 15 Euro pro Person möglich.

Ein merkwürdiger Kleinststaat

Kleine Besonderheit am Rande: Der Besuch von Santa Maria ist mit dem Überqueren einer Grenze verbunden, da die Kirche zu den kleinen territorialen Besitztümern des Souveränen Malteserordens gehört - so der offizielle Name der Ritter.

Der Orden, der vor dem Ersten Kreuzzug in Jerusalem gegründet wurde, ist ein Quasi-Staat mit eigenen Reisepässen und Botschaften, aber keinem Land außer dem Komplex auf dem Aventin und einem weiteren Gebäude im Zentrum Roms. Als sogenanntes nichtstaatliches Völkerrechtssubjekt unterhält er diplomatische Beziehungen zu mehr als 100 Staaten, darunter seit 2017 auch die Bundesrepublik Deutschland.

Der Orden ist unabhängig vom Vatikan, aber der Großmeister schwört einen Treueeid auf den Papst. Seine heutige Aufgabe besteht darin, Nothilfe, medizinische Versorgung und Hilfe für Flüchtlinge auf der ganzen Welt anzubieten.

Verworrene Treppenhäuser

Was Piranesi betrifft, so bleibt seine Grafikkunst sein größtes Vermächtnis: Sein Werk reicht von dramatisch epischen Landschaftsansichten des Roms des 18. Jahrhunderts bis zu den aufwühlenderen „Carceri“-Serien.

Diese Kerker-Zeichnungen und Stiche zeigen ein höllisches Durcheinander von Ketten sowie unmöglich hohen Gewölben und Treppen, die ins Nirgendwo führen und haben Generationen von Architekten, Malern, Schriftstellern und Bühnenbildnern fasziniert.

Nach Ansicht mehrerer Kritiker hat sich selbst die Welt des Kinos nicht Piranesis Einfluss entzogen: Anklänge an seine „Carceri“ sind in Metropolis, Blade Runner und Harry Potters beweglichen Treppenhäusern sichtbar. 

Info-Kasten: Rom

Anreise und Formalitäten: Nonstop-Flüge nach Rom gibt es von vielen deutschen Flughäfen mit verschiedenen Airlines. Deutsche Urlauber brauchen nur einen gültigen Personalausweis.

Corona-Lage (8.10.2020): Reisen nach Italien sind derzeit möglich.

Aktuell gilt eine landesweite Maskenpflicht im Freien.

Informationen: Italienische Zentrale für Tourismus, Barckhausstraße 10, 60325 Frankfurt (Tel.: 069/23 74 34, E-Mail: frankfurt@enit.it, www.italia.it/de).

Von Alvise Armellini, dpa


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