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DAUN, 14.05.2019 - 16:28 Uhr
Touristik

Stadt, Land, Fluss: Unterwegs auf dem Fernradweg Flow Vélo

(dpa/tmn) - «Früher habe ich Filme gemacht, jetzt spüle ich Geschirr.», sagt der Deutschamerikaner Dieter Weihl, 62, und lacht. Er und seine Frau Bérénice, 44, sind aus den USA nach Südwestfrankreich umgesiedelt, in Bérénices Heimat. Dort haben sie das Gasthaus «Saint Alfonso's» eröffnet, in Feuillade, einem Nest zwischen Nontron und Angoulême.

Wenige Hundert Meter entfernt liegt eine Strecke, die künftig Kunden zuleiten könnte: Flow Vélo, ein neuer Fernradweg, der über 290 Kilometer von Thiviers in der Dordogne bis an die Atlantikküste verläuft - samt Fährpassage auf die Insel Aix.

«Alte Dörfer neu beleben, das ist die Zukunft Europas», sagt Weihl und geht mit gutem Beispiel voran. «Ich lebe hier wie Gott in Frankreich», schwärmt er. So darf man sich unterwegs auch als Radler auf der Flow Vélo fühlen, die vor allem über entlegene Nebenstraßen, Feldwege und umgestaltete Bahntrassen führt. Eine Chronologie:

Erster Tag: Von Blumenkästen und Kondomen

Der Zug ist in die grüne Dordogne geruckelt nach Thiviers, Startpunkt der Flow Vélo. Das Städtchen atmet Provinzstimmung. Es weckt beim Spaziergang am Nachmittag ein Faible für die Symmetrie von Holzfensterläden, Blumenrundkästen und Ziegelschornsteinen. Nahe der Kirche Notre Dame de l'Assomption floriert im Touristenbüro der Verkauf von Foie gras, eingedoster Gänse- und Entenstopfleber, Spezialität der Gegend.

Das Leben fließt hier gemächlich dahin. Falls es mal stärker pocht, hängen Kondomautomaten vor Apotheken. Lichteffekte in Grün und Blau setzt abends das Rathaus. Das einzige Stadthotel, «Hôtel de France et de Russie», liegt in englischer Aussteigerhand. «Und das, obwohl wir nie zuvor ein Hotel geführt hatten und kein Französisch sprachen», erzählt Hotelier Adrian Finch, 59, einst Supermarktmanager.

Zweiter Tag: Pannenhilfe vom Profi

Die Flow Vélo beginnt ohne Kilometerstein Null, stattdessen mit landläufigen Radzeichen und einem glanzfreien Nebensträßchen. Etwas enttäuschend. Doch der Eindruck ändert sich rasch.

Bis Saint-Pardoux-la-Rivière ist eine Bahntrasse zum Radweg umfunktioniert worden. Das ist fantastisch. Beidseits leuchtet das Wiesengrün, Baumstämme tragen Überzüge aus Efeu und Moos. Eichen wachsen hier, Buchen, Maronen, Haselnüsse, Ginster. Der Kiesbelag knirscht unter den Reifen. Die Luft ist frisch, frei von Industrie.

Ein Abstecher bringt Radler nach Saint-Jean-de-Côle. 359 Einwohner, der Ort steht auf der Liste der schönsten Dörfer Frankreichs. Den Urgrund im Mittelalter legten ein Kloster und das Schloss Marthonie. Auf der Flussbrücke bohren sich unförmige Steine in die Schuhsohlen, auf der Kirchenmauer sonnen sich Eidechsen.

Schlossherr Pierre de Beaumont-Beynac, 89 Jahre alt, begann vor sechs Jahrzehnten mit der Restaurierung des Anwesens. Heute lebt der Witwer darin allein. Ist das unheimlich? «Die Geister sind da hinten eingeschlossen», sagt er lächelnd und deutet auf einen Seitentrakt.

Panne! Dass dies in Saint-Pardoux-la-Rivière geschieht, zwei Schiebeminuten von der einzigen Radwerkstatt im Umkreis von 30 Kilometern, kann eigentlich kein Zufall sein.

Reparaturprofi Gabriel Dumont, 43, hat leichtes Spiel und erzählt beim Schlauchwechsel von seiner Zeit als Radamateur der obersten Kategorie. Bis zu 25 000 Trainingskilometer legte er pro Jahr zurück. ass Dumont in seiner Karriere 53 Siege einfuhr und sogar im selben Team wie der deutsche Olympiasieger Olaf Ludwig radelte, muss man ihm aus der Nase ziehen. Angeben ist seine Sache nicht.

Die Strecke wellt sich durchs Land, samt giftiger kleiner Anstiege. In Nontron lädt die Coutellerie Nontronnaise, eine Messerschmiede, zu einem Besuch ein. Aufstiege und Abfahrten, Sonne und Schatten, Kurven und Geraden machen die Flow Vélo quasi zum Sinnbild des Lebens. Bis zum Tagesziel Feuillade sind die Kräfte erschöpft.

Dritter Tag: Entlang des Ufers der Charente

Am Morgen zwitschern die Vögel. Der Wind weht, Zweige und Hagebuttensträucher rascheln. Es geht weiter über flaches Felderland mit sattem, leuchtendem Grün.

Angoulême wirkt dann mit seinen 42 000 Einwohnern fast großstädtisch. Die Nachteile: eine zehrend lange Zufahrt, Abgase, Lärm. Die Vorzüge: die Gastrokultur, die Markthalle, die Blumenpracht um das Rathaus, illusionistische Wandmalereien und die Kathedrale mit ihrer skulpturenreichen Fassade.

Nach der Dosis Urbanität tut die Rückkehr aufs Land gut, zunächst parallel der Charente. Enten und Baumspiegelbilder im Fluss. Die Flow Vélo teilt sich den Weg vorübergehend mit Walkern und Joggern.

Am Sträßchen nach Châteauneuf-sur-Charente beginnen Weingärten. Dorf folgt auf Dorf. Das Quartier, ein Gästezimmer, liegt direkt an der Strecke. Im Sommer kann man hinterm Haus vor einem Wehr in der Charente baden. Der Fluss rauscht angenehm in den Schlaf.

Vierter Tag: Da brennt der Gaumen

Cognac ruft! Rebgärten stimmen auf den Weinbrand und die Kellereien im gleichnamigen Städtchen ein. Im Schloss, 1494 Geburtsort von Frankreichs König Franz I., lagert der Produzent Baron Otard sein flüssiges Gold.

Guide Elisabeth Gillett begleitet ins Allerheiligste. «Beim lange gereiften Cognac trinkt man immer ein Stück Geschichte», sagt sie. Biken und Alkohol sind eigentlich keine Freunde, noch weniger am Vormittag, doch Gillett ermuntert zur Kostprobe. «Elf Uhr, das ist für Kellermeister die beste Zeit für den Gaumen.»

Wieder auf dem Rad folgen Wiesen, Felder und Rinderweideland. Aus einem Froschteich dringt ein Megakonzert, in einem Morast findet ein Weißstorch einen gedeckten Tisch. Schotterige Passagen führen immer wieder an die Charente, die einen bis zum Tagesziel Saintes begleitet.

Fünfter Tag: Von Saintes nach Rochefort

Saintes sammelt Sympathiepunkte. Da sind die einladenden Uferzonen, der Kleinstadtcharme, das Kulturerbe aus Kathedrale, Pilgerkirche Saint-Eutrope und römischem Amphitheater.

Die Flow Vélo entschleunigt. Und regt auf der 58-Kilometer-Etappe bis Rochefort dazu an, über die Schönheit von Butterblumen, Dornenranken und Marienkäfern zu sinnieren. Die Charente mäandert in Schleifen durch die Landschaft, man passiert Kanäle.

Komplett ausblenden lässt sich die Zivilisation nicht, weder akustisch noch visuell. Mal rauscht Schnellstraßenlärm heran, mal türmen sich Agrarsilos auf. Rochefort verstimmt mit der verkehrsreichen Einfahrt. Und versöhnt mit seinem Hafenbecken, den Charente-Ufern, dem alten Marinearsenal samt Königlicher Seilerei, dem Markt, dem Hauptplatz und der Replik des historischen Dreimasters L'Hermione - falls dieser nicht gerade auf großer Fahrt ist.

Sechster Tag: Der Ruf des Meeres

Gefällige Passagen am Fluss entlang tragen hinaus aus Rochefort - und hinein ins Terrain von Vogelbeobachter Christophe Boucher, 51. Mit dem Fernglas beobachtet er begeistert Stelzenläufer, Säbelschnäbler, Rohrweihen, Seidenreiher und Brandgänse.

Die Feuchtgebiete dehnen sich bis zum Atlantik aus. Das Emissionshoch einer Autobahn löst kurz ein Stimmungstief aus. Dann ist im Festungs- und Ferienort Fouras die Küste erradelt. Zwanzig Minuten dauert die Fährüberfahrt nach Aix, das Rad kostet extra.

Im Sommer fluten Ausflüglermassen den Inselzwerg, in der Nebensaison herrscht idyllische Ebbe. Auf die Quartiernahme im Dorf folgt Bonusmaterial zur Flow Vélo, federleicht ohne Satteltaschen: eine Inselrundtour zu Wehrmauern, Felsküste und Hauptstrand. Möwen kreischen, es riecht nach Kiefern. Die Luft schmeckt nach Salz.

Siebter Tag: Perlmutt und Napoleon

Das Perlmuttmuseum der Insel bewahrt das Vermächtnis von Hervé Gallet und seinen Eltern, die vor Jahrzehnten den Erwerbszweig der Perlmuttarbeiten schufen. Gallet hat Pascal Douin, 59, für das aussterbende Kunsthandwerk angelernt. Früher war Douin Baumfäller, heute geht er feinmotorisch zu Werke. Die Textur, die Formen der Perlmuttstücke hätten für ihn «etwas Magisches», sagt er.

Auf Aix verbrachte Napoleon im Juli 1815 die letzten Tage auf französischem Boden, nachdem er sein Waterloo erlebt hatte. Wie der Feldheer, den ein Denkmal ehrt und der im Ortsmuseum Heldenstatus genießt, heißt es auch für den Radurlauber: Irgendwann muss man weg von der Insel. Napoleon schipperte in die Verbannung. Radler auf dem Flow Vélo fahren am Festland zum nächsten größeren Bahnhof nach Rochefort. Oder, weil's so schön war, zurück nach Thiviers.

Info-Kasten: Flow Vélo

Reiseziel: Die mehr als 290 Kilometer lange Flow Vélo ist in beide Richtungen ausgeschildert, also auch vom Atlantik in die Dordogne.

Anreise: Eine Alternative zum eigenen Fahrzeug ist die Bahn. Stationen für Beginn und Ende sind Thiviers und Rochefort.

Reisezeit: Ideal sind Frühjahr und Herbst, aber natürlich ist auch den gesamten Sommer über Saison. Dann füllt sich der Küstenbereich.

Übernachtung: Hotels gibt es vor allem in Angoulême, Cognac, Saintes und Rochefort. Auf dem Land finden sich nur vereinzelt Gasthäuser oder Gästezimmer (Chambres d'hôtes).

Organisation: Radverleih zum Beispiel über den Anbieter Voyages France Vélos (www.francevelo.bike).

Informationen: www.laflowvelo.com


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