Die Tempelanlage von Beopjusa liegt an den Hängen des Songnisan-Berges. Die Tempelanlage von Beopjusa liegt an den Hängen des Songnisan-Berges. - © Foto: picture alliance/dpa/Korea Tourism Organization | Korea Tourism Organization -
DAUN, 28.06.2022 - 14:09 Uhr
Touristik

Templestay in Südkorea: Innere Einkehr und etwas Fußball

(dpa/tmn) - Das also wird meine Bleibe für die nächsten Tage sein: eine kleine, schmucklose Kammer ohne Schrank und Bett. Die Matte auf dem Boden muss zum Schlafen reichen, die weltlichen Klamotten bleiben im Koffer.

Wie alle anderen trage ich ab sofort ein einfach geschnittenes Gewand aus grobem Leinen, das bei den recht kühlen Temperaturen im Bergland eher notdürftig wärmt.

Dennoch habe ich den ständigen Mitbewohnern einiges voraus: Meine Kammer hat Fußbodenheizung und ein kleines Bad mit Toilette. Schierer Luxus im Beopjusa-Tempel im Herzen Südkoreas, in dem ich zwei Tage lang mit buddhistischen Mönchen leben, meditieren und beten will.

Mal kurz aussteigen

Templestay heißt das Programm, mit dem rund 130 südkoreanische Klöster Einheimische und Touristen aus aller Welt zu einem Aufenthalt der besonderen Art einladen: zu Tagen der inneren Einkehr, der Besinnung und Enthaltsamkeit. Das Angebot nehmen jedes Jahr einige Hunderttausend Besucher an, vorwiegend Koreaner. Doch es kommen auch Deutsche. Vor Ausbruch der Pandemie sollen es laut dem Klostermanager Kim Wan-Sik einige Dutzend monatlich gewesen.

Der Tagesablauf in einem buddhistischen Kloster ist, vorsichtig gesagt, gewöhnungsbedürftig und kostet manche Überwindung. Gegen drei Uhr morgens geht der Wecker. Wer ihn überhört, fährt spätestens beim Schlagen der mächtigen Trommel im Tempel von der Schlafmatte hoch.

Mehr als 100 Mal in die Knie

Es ist der Ruf zur morgendlichen Gebetszeremonie in der großen Halle, zum ersten „Yebul“ mit 108 „Baekpalbae“: 108 Mal gehen die Mönche zu Ehren der Lehren und Leiden Buddhas auf ihre Knie, stehen auf und werfen sich erneut nieder.

Weil jeder weiß, wie quälend die Prozedur sein kann, nimmt es Besuchern niemand übel, wenn sie - wie ich - mit schmerzendem Rücken schon nach weit weniger als der Hälfte aufgeben. Ohnehin ist es den Gästen freigestellt, ob sie jede Zeremonie mitmachen oder manchmal auch etwas Zeit für sich allein haben möchten.

Während die Mönche vor dem Frühstück noch fast drei Stunden beten und im (mir erneut zu anstrengenden) Schneidersitz meditieren, mache ich mich ein wenig mit der Kloster-Anlage vertraut.

Sie liegt, gut zwei Autostunden von der Hauptstadt Seoul entfernt, wunderschön an den Hängen des Songnisan-Berges im gleichnamigen Nationalpark und ist ein ausgesprochener Touristenmagnet.

Berühmt für Buddha-Statue und Pagode

An manchen Tagen fallen Tausende Besucher durch die drei traditionellen Tore, die den Übergang von der irdischen zur geistigen Welt symbolisieren, im Beopjusa-Tempel ein.

Berühmt geworden ist er zum einen durch seine 33 Meter hohe Buddha-Statue. Sie überragt jedes der insgesamt 60 Kloster-Gebäude. Zum anderen kennen viele im Land den Tempel wegen der fünfstöckigen Holz-Pagode. Sie sieht als einzige in Südkorea noch immer so aus, wie sie vor rund 1500 Jahren erbaut wurde.

In Hochzeiten sollen in Beopjusa bis zu 3000 Mönche gelebt haben. Auf dem Gelände sind noch eine Zisterne und ein riesiger Eisentopf zu sehen, aus denen sie mit Wasser und Essen versorgt wurden.

Ein Donnerschlag auf der Trommel

Heute zählt das Kloster maximal 40 Mönche, die noch immer nach alten, strengen Regeln und Riten leben. Dreimal am Tag - vor Sonnenaufgang, am späten Vormittag und am Abend - begehen sie die Yebul-Zeremonie, die nicht nur mich tief berührt hat.

Wie in einer festlichen Prozession schreiten die Mönche von ihren Häusern zu einem Tempelchen am Fuß des goldenen Buddha, sammeln sich und ihre Gedanken - und beginnen das Yebul mit einem Donnerschlag auf die riesige Trommel. Danach bringen die Mönche die dicke Glocke zum Beben, rammen einen großen hölzernen Fisch an sie und lassen schließlich einen Gong in Wolkenform ertönen.

Was steckt hinter diesem faszinierenden Ritus? Gästeführer Byeong-Cheol Gang erteilt jederzeit gern einen Schnellkurs in Sachen Buddhismus: „Wir laden damit alle Lebewesen dieser Welt zur Teilnahme am Yebul ein und beten für ihre Rettung“, erklärt er. Die Trommel sei für die Tiere auf dem Land, der Holzfisch für die Wasserbewohner und der Gong für die Wesen der Luft.

Streng vegane Kost

Das Beten und Meditieren wird nur unterbrochen von Arbeit und drei Mahlzeiten am Tag, die ebenfalls in eine Zeremonie eingebettet sind. Bei der bin ich wieder dabei. Die Mönche essen mit gekreuzten Beinen auf dem Boden, Besucher können an einem Tisch mit normalen Stühlen sitzen. Mit den anderen Gästen decke ich den Tisch, achte auf die richtige Anordnung und Reihenfolge der Speisen.

Was in die Schalen kommt, ist streng vegan: dreimal am Tag Gemüse, Reis und Kimchi. Dazu gibts Wasser, manchmal Tee. Während des Essens herrscht Schweigepflicht und niemand darf auch nur ein Körnchen Reis verschwenden. In strengen Klöstern muss sogar das Wasser getrunken werden, mit dem die Essensschälchen gespült werden. In Beopjusa bleibt uns das erspart.

Die Mönche wirtschaften

Wer nach dem abendlichen Gebet und Essen auf eine Cola oder gar ein Bier hofft, wird enttäuscht. Softdrinks und Alkohol sind hier tabu. Bei Sonnenuntergang lädt Jl-O, der zur Führung im Kloster gehört, die Gäste stattdessen zur Teestunde ein. Gern lässt sich der entspannte, in sich ruhende Mittvierziger ausfragen. Und dabei zeigt sich, dass die Zeit auch in Beopjusa nicht stehen geblieben ist.

Längst leben die Mönche dort nicht mehr von den Speisen- oder Geldspenden der Menschen aus der Umgebung. Ihre Einnahmen kommen aus dem respektablen Grundbesitz des Klosters, den Parkgebühren und Eintrittsgeldern - genug, um gut über die Runden zu kommen.

Während um 21 Uhr draußen in den Schlafsälen die Lichter ausgehen - für einfache, junge Mönche ist jetzt Bettruhe - ist die Teezeit bei Jl-O noch nicht vorbei. „Ich muss wie meine älteren Brüder nicht so früh schlafen gehen“, sagt er lachend. Manchmal schauten sie am Abend auch ein Fußballspiel an. „Wir stellen den Fernseher dann auf ganz leise, damit wir die anderen nicht wecken.“

Die WM als Startschuss

Dem Fußball verdankt das Templestay-Programm seine Existenz. Als bei der Fußball-WM 2002 in Südkorea die Hotelbetten knapp wurden, boten sich die Tempel als Gastgeber an - der Erfolg hat sie wohl selbst verblüfft.

Wissenschaftler des Seoul National University Hospitals schreiben den Tempelaufenthalten eine durchaus heilende Wirkung zu: Nach einer über drei Jahre laufenden Studie kamen sie zum Schluss, dass Menschen, die auch nur einen kurzen Templestay mitgemacht haben, sich glücklicher, weniger ängstlich oder gestresst fühlen.

Jl-O würde diesen Befund unbesehen unterschreiben. In seinem früheren, weltlichen Dasein war er Kameramann. Irgendwann habe er sich gefragt, „was der Sinn dieses hektischen und konsumorientierten Lebens sein soll“? Dann ist er ins Kloster gegangen. Manchmal trifft Jl-O sich noch mit Freunden von einst. „Dann freue ich mich schon, aber ich spüre doch, dass wir in zwei Welten leben.“

Oase der Ruhe

Auch ich habe meine Zeit im Tempel so empfunden. Gemessen am lauten und quirligen Seoul ist Beopjusa eine Oase der Ruhe, der tiefen Entspannung und inneren Einkehr.

Eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte - aber auch nicht unbedingt wiederholen muss. Ehrlich gesagt, hat mir das knusprige Feuerfleisch im Schnellrestaurant vor dem Hotel in Seoul nach zwei Tagen Gemüse mit Reis besonders gut geschmeckt.

Informationen: Templestay in Südkorea

Anreise: Ab Frankfurt/Main und München gibt es pro Woche mehrere Direktflüge nach Seoul.

Einreise: Urlauber müssen bei Abflug einen negativen Corona-Test vorlegen, der nicht länger als 24 Stunden (Antigen) oder 48 Stunden (PCR) vor der Abreise gemacht wurde. Am 3. Tag nach Einreise muss man in Südkorea einen PCR-Test durchführen.

Die Einreise ist ohne Visum möglich, dann benötigen Urlauber aber eine elektronische Reisegenehmigung namens K-ETA. Diese sollten sie mindestens 72 Stunden vor Abflug online beantragen. Notwendig ist ein gültiger Reisepass, die K-ETA-Gebühr liegt bei gut sieben Euro. Mit einer erteilten K-ETA kann man bis zu 90 Tage im Land bleiben. Informationen unter: www.koreaeta.kr

Templestay: Aktuell bieten rund 130 Tempel Aufenthalte an, die umgerechnet zwischen 40 und 60 Euro pro Tag kosten. Nicht alle sind für westliche Touristen geeignet. Wer kein Koreanisch spricht, sollte einen der 27 Tempel auswählen, die Englisch sprechende Gästebetreuer haben. Mehr Informationen unter: https://eng.templestay.com/

Reisezeit: Ganzjährig.

Währung: 1 Euro entspricht rund 1360 Won. (Stand: 21.06.2022)

Informationen: Koreanische Zentrale für Tourismus, Stiftstraße 2, 60313 Frankfurt am Main (Tel.: 069 233 226; E-Mail: kto@euko.de; Internet: https://german.visitkorea.or.kr/ger)

Von Joachim Hauck, dpa

 


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