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DAUN, 24.02.2020 - 11:16 Uhr
Touristik

Unterwegs mit LNG: Wie klimaverträglich ist meine Kreuzfahrt?

(dpa/tmn) - Wie passen Urlaubsreisen und Klimaschutz zusammen? Seit Fridays for Future rückt diese Frage ins Bewusstsein vieler Menschen. Das Fliegen steht besonders unter Verdacht. Denn das Flugzeug gilt als ein besonders klimaschädliches Transportmittel. Doch wie sieht es eigentlich mit der Kreuzfahrt aus?

Diese Reiseform wird von denen einen geliebt und von den anderen als Umweltsünde geschmäht. Eine erste Antwort vorweg: Es kommt darauf an.

Reedereien setzen auf LNG-Schiffe

Die Reedereien werben gerade stark mit ihren neuen LNG-Schiffen. Der Antrieb mit Flüssiggas ist weniger umweltschädlich, Emissionen werden reduziert. Aida Cruises stellte mit der „Aida Nova“ im Jahr 2018 das erste LNG-Kreuzfahrtschiff in Dienst, zuletzt lief die „Costa Smeralda“ vom Stapel. Weitere LNG-Schiffe sind in Planung, auch von Tui Cruises. Die Branche sieht sich als Vorreiter beim Umweltschutz.

Also endlich Kreuzfahrt ohne schlechtes Gewissen? Keineswegs. Der Ausstoß von Feinstaub und Schwefeloxiden wird beim Treibstoff LNG zwar nahezu vollständig vermieden, und die Stickoxid-Emissionen sind geringer. Das hilft der Luft in den Häfen und der Gesundheit der Passagiere an Bord.

Aber: “Bei der Klimaverträglichkeit geht es im Wesentlichen um CO2, ganz unabhängig vom eingesetzten Treibstoff“, sagt Dietrich Brockhagen von Atmosfair. Über die Organisation lässt sich der Schaden durch den CO2-Ausstoß einer Reise mit einer Zahlung in ein Klimaschutzprojekt finanziell kompensieren.

Der Haken: Die CO2-Emissionen eines LNG-Schiffes sind lediglich ein wenig reduziert. Aida Cruises spricht von minus 20 Prozent im Vergleich zu einem Schiff, das mit Marinediesel angetrieben wird. Tui Cruises geht nur von 10 Prozent weniger Emissionen aus, wenn man die gesamte Lieferkette von der Produktion bis zur Nutzung an Bord berücksichtigt.

„Fossiles LNG hat beim Klimaschutz keinen großen Vorteil“, räumt die Nachhaltigkeits-Managerin von Tui Cruises, Lucienne Damm, ein. „Es ist bezogen auf den CO2-Ausstoß lediglich eine Brückentechnologie.“ Brockhagen formuliert es schärfer: “LNG mit konventionellem Erdgas führt nur die Probleme weiter, die wir seit vielen Jahrzehnten haben.“ LNG bedeutet nicht, dass eine Kreuzfahrt klimaneutral ist.

CO2-Kompensation für Kreuzfahrten

Wer heute reist, ist fast immer für einen gewissen CO2-Ausstoß verantwortlich - mal geringfügig, mal exzessiv. Das hängt vor allem vom Verkehrsmittel ab. Das ausgestoßene CO2 lässt sich aber zumindest kompensieren. Das heißt, man zahlt im Gegenzug einen freiwilligen finanziellen Ausgleich. Klimaschützer raten zwar eher zum Verzicht, also zur Vermeidung von CO2-Emissionen. Doch wer hat das nicht will, weil er gerne reist, kann zumindest kompensieren.

Dafür muss man allerdings wissen, wie hoch der persönliche CO2-Ausstoß überhaupt ist. Dafür gibt es Rechner im Internet, zum Beispiel von Atmosfair und Myclimate.

Bei Kreuzfahrten ist die Berechnung des individuellen CO2-Fußabdrucks aber nicht so einfach. Atmosfair bietet seinen Rechner nicht mehr für Kreuzfahrten an, weil die Organisation der Branche vorwirft, nicht schnell genug auf CO2-freie Kraftstoffe umzurüsten. Der Anbieter Myclimate hingegen leistet CO2-Kompensation auch für Kreuzfahrten.

53 Euro für 2,4 Tonnen CO2

Und so funktioniert es: Der Nutzer macht Angaben zu Kabinentyp, Kabinenbelegung, Größe des Kreuzfahrtschiffs und Dauer der Reise - und der Rechner spuckt die CO2-Menge für den Urlauber aus.

Ein Beispiel: Auf einer Kreuzfahrt von sieben Tagen auf einem Schiff mit 2000 bis 3000 Passagieren in einer Standardkabine mit Zweierbelegung ist der einzelne Gast für 1,5 Tonnen CO2 verantwortlich. Kostenpunkt für die CO2-Kompensation: 33 Euro.

Fasst das Schiff nur 500 bis 1000 Gäste, sind es laut Rechner schon 2,4 Tonnen. Kompensation: 53 Euro. Und reist man dann noch in einer Suite, steigt der Wert auf 3 Tonnen - macht 66 Euro. Je kleiner das Schiff und je größer die Kabine, desto größer der Anteil des einzelnen Passagiers am gesamten CO2-Ausstoß.

Zum Vergleich: Mit einem Flug von Frankfurt/Main nach Gran Canaria und zurück in der Economy-Klasse stoßen die Passagiere pro Person 1,1 Tonnen CO2 aus - jedenfalls laut Myclimate-Rechner. Atmosfair berücksichtigt noch den Flugzeugtyp, dann kann der Wert variieren.

Wann Kreuzfahrten besonders schädlich sind

Der große Haken ist: Der Emissionsrechner für Kreuzfahrten berücksichtigt allein die Seereise. Fliegt ein Urlauber nach Palma de Mallorca oder in die Karibik, um dort ein Schiff zu besteigen, kommen diese Emissionen bei der Rechnung noch oben drauf. Laut Myclimate sind das beim Flug Frankfurt-Barbados hin und zurück 2,4 Tonnen CO2.

„Bei einer Karibik-Kreuzfahrt zum Beispiel ist das Klimaproblem der Flug“, erklärt Brockhagen. Vergleichsweise am wenigsten CO2-Ausstoß verursachten Nord- und Ostsee-Kreuzfahrten ohne Fluganreise.

Vergleiche sind schwierig

Vergleicht man die Kreuzfahrt mit einem Badeurlaub auf Mallorca oder Kreta, kommt aber eine weitere Schwierigkeit hinzu: “Eine Kreuzfahrt stellt nicht nur eine Transportart dar wie ein Flugzeug. Bei einer Kreuzfahrt ist das Schiff auch schwimmendes Hotel mit Gastronomie“, sagt Thomas Tibroni, Geschäftsführer von Meravando. Das Portal übernimmt die CO2-Kompensation für die Urlauber und zahlt dies aus den Provisionen, die das Unternehmen für die Buchungen von den Reedereien bekommt. Dafür bekommen Nutzer kein Extra-Bordguthaben, wie das bei vielen anderen Vermittlungsportalen der Fall ist.

Beim Landurlaub muss man deshalb Tibroni zufolge neben der Anreise zum Beispiel per Flugzeug noch den Hotelbetrieb, die Aktivitäten vor Ort und zum Beispiel einen Mietwagen mit einbeziehen. Sein Fazit: „Da werden Äpfeln mit Birnen verglichen.“ Tibroni sagt aber auch: “Wenn ich mit dem Flugzeug zum Schiff fliege, ist die Umweltbilanz schlechter als ein normaler Badeurlaub mit Fluganreise.“

Meravando arbeitet mit Myclimate zusammen. Tibroni räumt ein, dass der Rechner noch nicht ausgefeilt ist. Wichtige Faktoren - etwa das Alter des Schiffes - werden nicht berücksichtigt. Der Rechner biete einen guten Annäherungswert, sei aber noch ungenau bei alternativen Antriebsformen.

Kaum einer zahlt fürs Klima drauf

Aber wer will, kann die CO2-Emissionen seiner Kreuzfahrt also durchaus auf Basis eines halbwegs brauchbaren Mengenwerts kompensieren. Das Problem ist nur: Kaum ein Urlauber macht das. „Der Kunde ist nicht bereit, für die Kompensation etwas draufzuzahlen“, sagt Tibroni. Und im Zweifel will der Gast lieber Geld an Bord sparen, als etwas zum Klimaschutz beizutragen: „Wir stellen fest, dass wir in Konkurrenz stehen zu denen, die kostenloses Bordguthaben anbieten“, sagt Tibroni zum Erfolg seines Geschäftsmodells.

Lucienne Damm von Tui Cruises bestätigt: „Die Zahlungen sprechen dagegen, dass freiwillige Kompensation funktioniert.“ Das machten seit Jahren weniger als ein Prozent der Gäste. Allerdings bietet weder Tui Cruises noch Aida freiwillige CO2-Kompensationen aktiv an.

Die Reederei MSC Cruises hat im November 2019 angekündigt, alle CO2-Emissionen ihrer Kreuzfahrtschiffe eigenhändig zu kompensieren. Wie viel Geld genau die Reederei pro Tonne CO2 in Klimaschutzprojekte investieren will, lässt sie auf Anfrage aber offen. Den Namen des Kompensationspartners und andere Elemente der Kooperation könne man leider noch nicht bekannt geben.

Solange die Kreuzfahrt nicht klimaneutral ist, sehen Klimaschützer in der Kompensation ohnehin nur eine Notlösung. Doch wie realistisch ist es, dass Urlauber bald auf „sauberen“ Schiffen unterwegs sind?

Synthetisches LNG ist noch Zukunftsmusik

Das wäre erst dann möglich, wenn die Schiffe nicht fossiles, sondern nachhaltig hergestelltes Flüssigerdgas tanken würden. Wann das so weit sein wird, ist noch nicht absehbar. Vonseiten der Umweltschützer und der Reedereien gibt es dazu unterschiedliche Antworten.

Atmosfair sagt: Die Reedereien könnten schon jetzt auf synthetisch hergestelltes LNG aus Wasserstoff und Kohlenstoff umstellen. „Dieses Potenzial gibt es ganz real und schon jetzt“, sagt Dietrich Brockhagen. Man brauche dafür zwar noch eine Verflüssigungsanlage in Deutschland, diese Technologie könne man aber schon fertig kaufen.

„Wenn der Strom wirklich grün ist und das CO2 aus der Luft gezogen wird, ist der Treibstoff klimaneutral“, argumentiert Brockhagen. „Sie brauchen nur Wasser, CO2 und sauberen Strom.“

Aida Cruises sieht das anders: “Die Herstellung von synthetischem LNG muss in Deutschland ein Brennstoffversorger übernehmen“, sagt Aidas Innovationsleiter Jens Kohlmann. „Wir können an Bord bereits jetzt nachhaltig produziertes LNG nutzen, aber der Treibstoff muss erst einmal auf das Schiff kommen.“ Das Gas zur Verfügung zu stellen, liege nicht im Verantwortungsbereich der Reederei. Man sei mit Partnern in der Diskussion.

Wann könnte es soweit sein? „Das hängt ganz viel von den äußeren Bedingungen ab, etwa der Bepreisung von CO2-Emissionen“, sagt Kohlmann. „Wenn nachhaltige Energie profitabler würde, entstünden an Land schneller die entsprechenden Produktionskapazitäten.“

Fest steht: Synthetisches LNG wäre teuer, die Herstellung kostet sehr viel Strom, der ja überhaupt erst einmal nachhaltig zum Beispiel über Windkraft produziert werden müsste. Es gibt also viele Hürden. „Dass emissionsneutrale Schiffe in Zukunft allein mit synthetischen Kraftstoffen fahren, ist unwahrscheinlich“, sagt Kohlmann. „Das liegt am Preis und an den Energiekosten.“ Das Ziel von Aida ist eher, synthetisches LNG bis zu einem gewissen Anteil beizumischen.

Fazit: Die Kreuzfahrt ist längst nicht „sauber“

Kreuzfahrten verursachen hohe CO2-Emissionen, die schädlich für das Klima sind. Besonders klimaschädlich sind Schiffsreisen in fernen Ländern, die nur mit einem Langstreckenflug erreichbar sind. Der CO2-Fußabdruck lässt sich deutlich reduzieren, wenn die Kreuzfahrt in einem deutschen Hafen beginnt und man mit der Bahn anreist. Die derzeit verfügbaren Antriebstechnologien lösen das Klimaproblem aber nicht. Bis es soweit ist, lässt sich die Seereise allenfalls kompensieren - oder aber man verzichtet auf Schiff und Flugzeug.

Von Philipp Laage, dpa


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