Ein Streckenabschnitt der dreitätigen Wanderung führt am Uferweg des Molchowsees entlang. Ein Streckenabschnitt der dreitätigen Wanderung führt am Uferweg des Molchowsees entlang. - © Foto: picture alliance/dpa/dpa-tmn | Stefan Weißenborn -
DAUN, 06.10.2020 - 11:52 Uhr
Touristik

Wandern, paddeln, kutschieren: Mit Kindern durchs Ruppiner Land

(dpa/tmn) - Die Jungs sind kaum zu halten. Adrian beugt sich aus der Kutsche und streckt den Arm raus. Jakobs Stimme überschlägt sich fast: „P-i-i-i-i-i-lze!“

Kutscher Jürgen Strache, der bislang seine Anekdoten referiert hat, schreckt auf: „Schön, wenn sich Kinder so für die Natur begeistern!“ Er gibt Chico und Hercules, den beiden schwarzglänzenden Wallachen, mit Zügel und Stimme das Signal anzuhalten. Die Kinder springen ab und huschen unter die Bäume.

Essbar oder nicht? Zur Sicherheit ist ein Pilzbestimmungsbuch im Rucksack, und die Eltern der beiden Jungs haben ein bisschen Erfahrung. Auf der Familienwanderung durch die Ruppiner Schweiz im Bundesland Brandenburg soll noch ein großes Pilzwunder kommen.

Los geht es in Fontanes Geburtsort

Unser Vorhaben startet in Neuruppin. Von dort soll es nach Rheinsberg gehen. Den 25-Kilometer-Marsch haben wir dem Nachwuchs zuliebe auf drei Tage verteilt - mit jeweils rund acht Kilometern. Das schaffen auch ein 6- und ein 10-Jähriger.

Die alt-preußische Kleinstadt stand 2019 als Geburtsort Theodor Fontanes zu dessen 200. Geburtstag im Fokus. Noch ein bekannter Sohn der Stadt war Baumeister und Architekt Karl Friedrich Schinkel. Er baute Schlösser und klassizistische Gebäude wie am Fließband, etwa das Schauspielhaus am Berliner Gendarmenmarkt oder die Nicolaikirche in Potsdam.

Bis Alt-Ruppin wandern wir noch an der Straße entlang, dann gehts endlich in den Wald - in die grüne Idylle. Rechts die Buchen, über uns ein Dach aus Zweigen und Blättern, links dichtes Schilf, durch das die Sonne blinzelt. Bald öffnet sich das Schilf zum Sandstrand.

Der Molchowsee - im Herbst menschenleer - liegt im goldenen Licht. Er ist Teil einer Seenkette, die über Rhin und Binenbach verbunden sind. Die Gewässer sind das Herz der Ruppiner Schweiz, eine hügelige, bewaldete Endmoränenlandschaft.

Angeln und Paddeln als willkommene Abwechslung

Auf dem Steg, der in die tiefstehende Sonne zu führen scheint, werfen die Kinder Angeln aus - eine willkommene Abwechslung nach gut fünf Kilometern Marsch.

Es ist nicht mehr weit bis Molchow, einem sogenannten Rundlingsdorf, um dessen Dorfplatz sich die Gehöfte gruppieren. Im Luisenhof am Rhin checken wir ein. Betreiberin Katrin Helldörfer-Schmitt erzählt uns von dem Politikum der letzten Jahre: der Molchower Brücke.

Als Fontane 1873 über den Rhin nach Molchow kam, um sich über den alten „unheimlichen“ Holzglockenturm auf dem Dorfplatz auszulassen, kam er mutmaßlich noch über eine Brücke. Den Einwohnern ist dieser Weg seit 2016 verwehrt. Die baufällige Nachfolgekonstruktion wurde gesperrt und abgerissen. „Gegenüber ist doch gleich der Wald“, sagt Helldörfer-Schmitt. Seit Jahren warten die Leute auf den Neubau.

Für uns hat die Sache am nächsten Morgen einen Nebeneffekt, der den Familienspaß steigert. Um an unser Frühstück zu kommen, müssen wir ins Paddelboot steigen. Schräg gegenüber machen wir fest im kleinen Hafen des „River Café“. Die Kinder streifen die Schwimmwesten ab und mampfen bald belegte Brötchen und Früchte von einer Etagere. Zurück am anderen Ufer, wartet schon Kutscher Strache.

Wandern in der Kutsche - wie einst Fontane

Weiter wandern mit der Kutsche? Oh ja! Schon Fontane machte das so. Er reiste im Pferdewagen durch die Gegend und veröffentlichte später seine Reisetexte als „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ - also wollen wir ein Auge zudrücken.

Wir genießen die Fahrt in der Wagonette - mit etwa fünf km/h geht es im offenen Pferdewagen weiter durch ausgedehnte Buchenwälder. „Wenn man heute von Entschleunigung spricht - na, das isset dann“, sagt der Kutscher. Fast hätten sich die Eltern entspannt, doch dann plötzlich wieder: „Pi-i-i-i-lze!“ Die Jungs springen wieder zielstrebig vom Wagen. Am Ufer entdecken sie Steinpilze in Rekordgröße, etwa 30 Zentimeter groß. Und strahlen über das ganze Gesicht.

Da gehen Straches Erläuterungen natürlich völlig unter, dass hier ein Hochmoor renaturiert werde, um den Wasserhaushalt des Waldes wieder in Ordnung zu bringen. Dass im Ruppiner Seenland Graugans und Kranich brüten und Eisvogel, Otter und Biber leben, und dass der Wolf in Krangen schon Gatterwild gerissen habe.

Müller statt König von Preußen

Die im Herbst pilzreiche Gegend entdeckten in den Goldenen Zwanzigern die Berliner für die Sommerfrische, erzählt der Kutscher auf der Weiterfahrt, eine Parallele zu heute. Wie vermögend manche Großstädter waren, zeigt die herrschaftliche Bebauung von Dörfern wie Stendenitz, das zwischen Tetzen- und Zermützelsee liegt.

Wir rollen entlang des Rottstielfließes, der Verbindung zum Tornowsee. An dessen Nordende liegt die Boltenmühle, unser Nachtlager. Nicht nur Fontane kam hier entlang.

„Es heißt, Friedrich der Große habe gesagt, wenn er nicht König von Preußen gewesen wäre, dann wär' er gern Müller an der Boltenmühle geworden“, erzählt Kutscher Strache zum Abschied. Vor dem heutigen Waldhotel plätschert immer noch Wasser über ein Mühlrad. Kurz darauf planscht die Familie im kleinen Hotelschwimmbad mit Sauna, als draußen der Regen einsetzt. 

Die Sonne vertreibt am letzten Wandertag die nächtlichen Wolken. Zunächst steht es schlecht um den Wanderwillen der Kinder. Doch zwischen Zechow und Rheinsberg, wo zu Fontanes Zeiten noch kaum Bäume standen, motiviert sie der Pilzreichtum: Von Marone zu Marone hüpft die Familie durch den Nadelwald, auch Krause Glucken - diese vorzüglichen Speisepilze - finden wir in Massen. 

Dass Rheinsberg den Endpunkt unserer Wanderung markiert, passt auch geografisch. Die Stadt liegt in der äußersten Ecke des Ruppiner Landes - einst Zollstation, als noch Salz und Tabak geschmuggelt wurden. Aber wir hätten ohnehin nichts Verdächtiges im Gepäck.

Anreise: Mit der Bahn bis Neuruppin; wer sein Auto dort parkt, kann ab Rheinsberg mit dem Bus 764 später zurückfahren. 

Unterkunft: Entlang der Wanderstrecke gibt es wenig Auswahl. In Molchow empfängt der Luisenhof mit familiengeeigneten Ferienwohnungen, im Wald bei Gühlen-Glienicke das Hotel Restaurant Boltenmühle. Am Tornowsee hat der Campingplatz Rottstielfließ bis 18. Oktober geöffnet. In Rheinsberg gibt es verschiedene Hotels, der Gasthof Endler mit Hausfleischerei bietet etwa Familienzimmer an.

Freizeit: Fahrten in der überdachten Wagonette führt die Ruppiner Fahrtouristik durch - ab 60 Euro/Stunde für bis zu sieben Personen. Angelkarten und Fischereiabgabemarken gibt es bei der Fischerei Zeuschner im Geschäft Angel-Point in Neuruppin.

Informationen: www.reiseland-brandenburg.de

Von Stefan Weißenborn, dpa


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