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DAUN, 28.11.2019 - 11:11 Uhr
Touristik

Winterurlaub im Großarltal: Aktive Auszeit von der Piste

(dpa/tmn) - Der erste Griff wandert in den Rucksack. „Zunächst mal alle den Pieper rausholen, anstellen und prüfen“, fordert Edi Huttegger. Der Pieper heißt offiziell LVS-Gerät und kann im Falle einer Lawine überlebenswichtig werden. Gäste, die ohne die Kombination aus Sonde, Schaufel und LVS-Gerät mit auf Tour gehen wollen, darf Edi nicht mitnehmen.

Vorschrift ist Vorschrift und für den Fall der Fälle hat der Guide stets ein ganzes Set an Ersatzbatterien im Gepäck. Er macht hier im Großarltal, 80 Kilometer südlich von Salzburg, einen Schnupperausflug für unerfahrene Skitourengeher. Der Verein „Berg-Gesund“ bezahlt Edi für die vierstündige Tour. Das Ziel: Auch Neueinsteiger sollen dank des Bergführers heil ins Gelände kommen - und wieder zurück.

Auf einer Skitour sollte man seine Notfallausrüstung nicht nur bei sich tragen, sondern auch bedienen können. Genau das will Edi später mit einem im Tiefschnee versteckten Sender proben.

Davor gilt es aber, im flacheren Gelände Schlurfschritt und Spitzkehre zu üben: Techniken für den Aufstieg. Aber das gehe mit einer wuchtigen Steighilfe wirklich nicht, schimpft eine Teilnehmerin und müht sich mit der Bindung ab. Edi nimmt den Stock, drückt damit die Steighilfe weg und sagt nur: „Passt.“

Abseits der Pistenvielfalt

Passt. Dieses Wort hört man im Großarltal gefühlt bei jeder Gelegenheit - im Restaurant vom Kellner, im Bus vom Fahrer. Und auch Thomas Wirnsperger sagt erstmal: „Das passt schon.“

Wirnsperger ist Geschäftsführer im Tourismusverband Großarltal. Die Region gehört zum Skiverbund „Ski amadé“, der insgesamt 760 Kilometer Pisten umfasst,verteilt auf 25 Orte in Salzburg und der Steiermark. Von Großarl führt eine Skischaukel ins Nachbartal nach Dorfgastein.

Die Frage steht im Raum, warum man bei solch einer Vielfalt ausgerechnet auf Bewegungsangebote abseits der Piste setzt. „Die Idee ist ursprünglich im Alpenverein entstanden“, sagt Wirnsperger, dessen Tourismusverband nicht nur Großarl vertritt, sondern auch das Dorf Hüttschlag am Eingang zum Nationalpark Hohe Tauern weiter oben im Tal.

Der Alpenverein hat Hüttschlag zum „Bergsteigerdorf“ gekürt. Die Marke steht für Tradition, aktiven Natur- und Landschaftsschutz und nachhaltigen Tourismus - das bedeutet: Technische Erschließungshilfen sind nicht vorgesehen, ein anspruchsvolles Bergsportangebot hingegen schon. Allerdings darf der Alpenverein für Führungen nur Mitglieder und deren Familien mitnehmen.

Verein führt ganzjährig Aktivitäten durch

Aus diesem Grund gibt es für die Gäste im Großarltal seit sechs Jahren den Verein „Berg-Gesund“. Das Konzept: Er führt ganzjährig Aktivitäten durch - allein von Anfang Dezember bis Mitte April sind es rund 160, darunter Eisklettern, Skitouren, Schneeschuhwandern.

Bereits ab einer angemeldeten Person finden sie statt. Nach oben ist die Teilnehmerzahl gedeckelt - eine rechtzeitige Anmeldung ist darum ratsam. Für Gäste von Mitgliedsbetrieben von „Berg-Gesund“ ist eine Teilnahme stets kostenlos, alle anderen zahlen 30 bis 50 Euro pro Aktivität, dazu kommen Kosten für Leihausrüstung und Transport.

70 Prozent aller Herbergsbetriebe im Tal seien Mitglied in dem Verein, betont der Tourismus-Chef. „Jeder Vermieter vom Bauernhof bis zum Hotel zahlt pro Bett einen bestimmten Betrag pro Jahr.“ Und kann im Gegenzug seinen Gästen ein Gratis-Programm präsentieren.

Skitour ohne Tiefschnee-Können

Das Programm will einerseits für Abwechslung sorgen: „Wir holen die Leute aus ihrem Hamsterrad“, erläutert Wirnsperger. Andererseits soll den örtlichen Skischulen auf keinen Fall Konkurrenz gemacht werden - Langlauf wird daher zum Beispiel nicht angeboten.

Eine Hochgebirgstour mitsamt Guide dagegen schon, wobei es trotz ausführlicher Programmhinweise immer wieder Überraschungen gibt: „Wir haben auch schon Leute gehabt, die oben auf dem Gipfel nach der Piste gefragt haben, weil sie gar nicht Tiefschneefahren konnten“, sagt der Tourismus-Chef. Für diese Gruppe empfiehlt er Schneeschuhtouren, die es - ebenso wie die Variante auf Skiern - sowohl im Schnupperformat als auch in schwierigeren Varianten gibt.

Auszeit von der Abfahrt

Das Schneeschuh-Angebot hat das hat das Rostocker Ehepaar Horn intensiv genutzt. Beide fahren nach einem Unfall nicht mehr Ski. Von dem Verein und seinem Angebot wussten sie allerdings bei der Buchung nichts, wie Andreas Horn sagt. Sie hatten in erster Linie nach einem Wanderhotel geschaut.

Am Ende machten sie jeden Tag eine Schneeschuh-Wanderung. Die Horns wanderten einmal mit ihrer Wirtin auf eine bewirtschaftete Almhütte, ein anderes Mal mit dem Wirt quer durch den Wald - und die restlichen Tage mit „Berg-Gesund“. Zuletzt sei es noch „über steile, traumhaft verschneite Tiefschneeabhänge“ gegangen, erzählt Andreas Horn.

Das Ehepaar Horn gehört zu den rund 20 Prozent der Gäste im Wanderhotel „Alte Post“, die nicht mehr Skifahren, erzählt Wirt Toni Knapp. Aber auch andere Winterurlauber suchten immer häufiger die Auszeit von der Abfahrt.

Klettern am vereisten Felsen

Wagemutige können Eisklettern ausprobieren - was sich gefährlicher anhört, als es in den Schnupperkursen letztlich ist. „Bei uns ist es nicht der gefrorene Wasserfall, wo das Eis schon mal brechen kann, sondern ein Kletterfelsen, der im Winter vereist wird“, erklärt Tourismus-Chef Thomas Wirnsperger.

Begrenzt wird der „Bretteipalfen“, wie der Fels heißt, von einem kräftigen Baum, der für die Seilschleife genutzt wird: „Uns ist es wichtig, den Leuten mit Sicherheit die Angst zu nehmen.“ Das ist der Job von Sepp Inhöger, der auch Eispickel, Helme und feste Bergschuhe mit Steigeisen und Frontzacken an die Teilnehmer verleiht.

Der staatlich geprüfte Bergführer hat schon vier Achttausender bezwungen und zählt zur Weltspitze der Eiskletterszene. Doch einmal die Woche macht er Basisarbeit und zeigt den Anfängern geduldig, wie man Brezelknoten bindet, den Pickel einschlägt und sich nach oben arbeitet: „Die Ferse mehr herunterdrücken, dann können sich die Frontzacken tiefer ins Eis bohren.“

Blaue Knie sind am Eisfelsen nicht ausgeschlossen, genau wie bei einer rasanten Tiefschneeabfahrt. Aber gesund ist die Bewegung aus eigener Kraft in schöner Natur allemal.

Info-Kasten: Großarltal

Anreise: Mit dem Zug bis zum Bahnhof St. Johann/Pongau. Weiter mit dem Postbus oder per Taxi ins Großarltal mit den Orten Großarl (4 600 Gästebetten) und Hüttschlag (470 Gästebetten). Mit dem Auto über die Tauernautobahn (A 10) bis zum Knoten Pongau/Bischofshofen und weiter auf der B 311 nach nach St. Johann/Pongau. Der nächste Flughafen Salzburg ist rund 70 Kilometer vom Großarltal entfernt.

Informationen: Tourismusverband Großarltal, Gemeindestraße 6, 5611 Großarl, Tel.: 0043 (0) 6414 281, www.grossarltal.info; Website vom Verein „Berg-Gesund“: www.berg-gesund.at

Von Deike Uhtenwoldt, dpa


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