Tuckern durch die Provinz: Ein bisschen aus der Zeit gefallen wirkt der Snälltåget auch äußerlich. Tuckern durch die Provinz: Ein bisschen aus der Zeit gefallen wirkt der Snälltåget auch äußerlich. - © Foto: picture alliance/dpa/Snälltåget | Snälltåget -
DAUN, 20.08.2021 - 11:26 Uhr
Touristik

Zeitreise auf Schienen: Mit dem Nachtzug nach Stockholm

(dpa/tmn) - Am Bahnsteig in Berlin-Gesundbrunnen ist der Einstieg in den falschen Zug an diesem Abend folgenschwer.

Zunächst fahren zwei Regionalbahnen ab, erst nach Elsterwerder und dann Falkenberg, beides Brandenburger Provinz. Um 19.12 Uhr folgt dann das große Abenteuer: der Snälltåget-Nachtzug mit Liegewagen von Berlin über Kopenhagen nach Stockholm.

Fünf frisch lackierte Waggons mit bunten Schriftzügen und feuerroten Kurbeltüren stehen bereit. Die Wagennummern sind ordentlich einlaminiert in den Türfenstern angebracht. Im Inneren gelangt man über einen engen Durchgang zu den Schlafabteilen.

Klimafreundlich reisen - aber auch bequem?

Der Zug rollt pünktlich los und damit beginnt die große Reise, die auch ein kleines Experiment ist: Klimafreundlich und komfortabel nachts mit der Bahn längere Strecken bewältigen - hat das Potenzial?

Mit dem Komfort ist es so eine Sache. Nach einem ersten Testaufbau der Liegen noch innerhalb der Stadtgrenze Berlins ist klar: Sitzen oder Liegen, man muss sich entscheiden. Die spartanischen Betten - auf jeder Seite drei, die mittlere Ebene wird aus der Wand geklappt - sind so angebracht, dass man nicht aufrecht auf ihnen sitzen kann. Die mittlere Ebene muss erst einmal wieder in der Wand verschwinden.

Der gut gelaunte Schaffner kommt und sieht sich mein Ticket an, ich habe sofort Gesprächsbedarf: Wie bitte kommt man in die höheren Etagen? „Mit der Leiter“, sagt er.

Ich suche sie über eine halbe Stunde in jedem Winkel des Abteils, bis sich herausstellt: Es gab nie eine. Dafür finde ich eine leere Limonadenflasche, einen Ring und eine halbe Nuss. Es wird schnell eine Leiter organisiert und sich freundlich entschuldigt. Alles gut, denke ich. 19 Stunden Reise begegnet man lieber mit guter Laune.

Ungeplanter Halt im Nirgendwo

Der Zug fährt inzwischen durch das abendliche Brandenburg. In den Abteilen neben mir werden üppige Brotzeiten aufgetischt. Kinder glucksen zufrieden. Die Stimmung ist gut, es riecht nach Wein.

Die Dämmerung setzt langsam ein, als wir plötzlich zum Stehen kommen. Über eine knarzende Durchsage heißt es: „Entschuldigung, wir sind eine halbe Stunde zu früh. Wir müssen jetzt hier in der Prignitz warten. Aber wie wäre es mit ein bisschen Füße vertreten?“

Kinder rennen im Pyjama über den Bahnsteig, Videoanrufe mit Familie und Partner werden getätigt. Manche fotografieren den Sonnenuntergang samt Zug. Ein Mann liest. Und: Es gibt ein erstes Get-together der Fahrgäste. Wo wollt ihr hin? Wo kommt ihr her? Und: Haha, habt ihr gehört, wir sind zu früh! Das ist der Deutschen Bahn noch nie passiert! Der Eisbrecher einer jeden Unterhaltung mit fremden Mitreisenden in der Bahn: Pünktlichkeits- und Zuverlässigkeitswitze.

Dieser Moment am völlig leer gefegten Bahnhof in der Pampa wird zu einem der schönsten des Trips. Ein Junge erklärt mir, dass er jedes Jahr in den Ferien mit seinem Vater eine Reise mit dem Nachtzug nach Stockholm unternimmt. Damals, also bis kurz vor Corona, da sei man noch über Rügen gefahren und dann mit dem Zug auf eine Fähre. Das ist jetzt nicht mehr so, dafür fährt der Zug über Kopenhagen. Dann muss er los: Vater und Sohn wollen sich die E-Lok ansehen, die nach Angaben der Verkehrsgesellschaft mit Ökostrom betrieben wird.

Reisen Sie auch wirklich alleine?

Nach 30 Minuten geht es weiter und gegen 22.00 Uhr wird es still im ganzen Zug. Für die Nachtruhe liegen Laken, Bettzeug und Bettbezüge bereit. Die Pritsche ist erstaunlich bequem, wenn auch gerade so ausreichend lang. Bei mehr als 1,80 Meter Körpergröße dürfte es schwierig werden. Das sanfte Ruckeln des Zuges lässt mich sofort einschlafen. Den Halt gegen 23.30 Uhr in Hamburg bemerke ich nicht.

Lautes Klopfen gegen die Abteiltür reißt mich um zwei Uhr morgens aus dem Schlaf: „Grenzkontrolle! Pass, bitte!“, ruft ein Beamter in Uniform auf Deutsch. Ich händige aus Versehen den Führerschein aus, was ihn nicht interessiert. Er wirft einen flüchtigen Blick darauf und blendet mich mit seiner Taschenlampe, bevor er in die Ecken des Abteils leuchtet. Ob ich auch wirklich alleine sei, fragt er. Ich versichere: „Ja!“ Bevor ich ihm meinen Impfnachweis zeigen kann, wünscht er mir noch eine gute Nacht und verschwindet.

Es dauert, bis ich wieder in den Schlaf falle, die nächtliche Passkontrolle verfolgt mich. Schließlich wird es gegen kurz nach vier schon wieder langsam hell.

Laut Reiseplan geht es bald über die Öresund-Brücke in Richtung Schweden. Dort könnte eine weitere Passkontrolle folgen, warnt der Schaffner über Lautsprecher. Spätestens jetzt fühlt es sich an wie eine Reise durch das Europa der noch nicht geöffneten Grenzen. Zu dieser Zeitreise passt der Zug: Die Schlafwagen stammen aus der 1980er-Jahren und sind von der Deutschen Bahn.

Beine vertreten in Malmö

„Gute Nachrichten“, trällert es aus dem Lautsprecher. „Die schwedische Grenzpolizei konnten wir vermeiden“, sagt der Schaffner. Nach einer fantastischen Fahrt über das tiefblaue Wasser erreichen wir in den frühen Morgenstunden Malmö. Kurz vorher gibt es Instruktionen: Ein Teil der Fahrgäste muss aussteigen und zu einem anderen Gleis laufen und in einen neuen Wagen einsteigen.

Mein Wagen darf so bleiben und wird von einer neuen Lok rücklings aus dem Bahnhof gezogen und an den neuen Zug gekuppelt. Das ganze Spektakel erstreckt sich über eineinhalb Stunden Aufenthalt.

Eines der inzwischen wieder erwachten Kinder in den Nachbarabteilen wird gebeten, doch bitte einmal den Bahnsteig auf und ab zu rennen. Warum, fragt das Kind unwillig. „Weil du Hummeln im Hintern hast, Oskar“, sagt der Vater sachlich. Oskar geht murrend raus.

Während des Aufenthalts in Malmö bis etwa 9.20 Uhr macht sich Erschöpfung breit. Auf dem Bahnsteig beobachten müde Augen, wie kiloweise Bettwäsche ausgeladen werden. Gesprächsstoff gibt es wenig. Vielleicht liegt es auch daran, dass das vorbestellte Frühstück bis 7.40 oder erst nach 9.20 Uhr abgeholt werden kann. Die meisten haben noch keins gehabt und warten sehnsüchtig auf die „Kneipe“, wie Snälltåget seinen Speisewagen nennt. Der fährt ab Malmö mit.

Die Kneipe ist holzgetäfelt und bietet blau bezogene Sitzgarnituren und sehr hübsche, antike goldene Tischlampen. Die Technik aber ist auf dem jüngsten Stand: Ein Selbstbedienungsregal offeriert Snacks, Brötchen und Getränke, bezahlt wird mithilfe einer digitalen Selbstbedienungskasse. Personal gibt es selbstverständlich auch. Und das ist wie immer hilfreich und gut gelaunt.

Entspannt durch Schweden rollen

Mädchen für alles ist jetzt Lars Björksund, in Malmö zugestiegen. Er händigt Kaffee aus, macht die Durchsagen, fertigt den Zug ab. Was genau seine Jobbeschreibung sei, frage ich. Chef, sagt er nüchtern und lacht. Er erzählt, dass er seit 1976 Schaffner sei und schon viel erlebt habe. Damals mit Interrail, da seien so viele junge Leute Langstrecke gefahren. Die sieht man heute seltener. Was sich nie geändert hat: panische Fahrgäste, die ihren Zielbahnhof verschlafen haben. Das komme noch immer regelmäßig vor.

Ich frage nach der Grenzkontrolle und ob das schon immer so gewesen sei oder mit dem Coronavirus zusammenhänge. „Nein, das ist schon lange so“, sagt Björksund. „Sie kontrollieren die Ausweise, um illegale Einreisen zu verhindern.“ Dass ein Grenzbeamter mit seiner Taschenlampe mein Abteil durchleucht hat, überrascht ihn allerdings. „Ungewöhnlich.“ Dann muss er wieder los.

Der Zug fährt in die nächste Haltestelle ein. Auf schwedischem Boden hält er nun ständig: nach Malmö in Lund, Eslöv, Hässleholm, Alvesta, Nässjö, Linköping, Norrköping und Södertälje und schließlich Stockholm - insgesamt neun Mal.

Im Speisewagen treffe ich beim Abholen des heiß ersehnten Frühstücks eine der wenigen Jugendlichen. Sie ist alleine unterwegs und will in Stockholm ihre Eltern treffen, die schon vorgefahren sind. Sie hat die Nacht im Großraumabteil verbracht. Neben dem Liegewagen gibt es auch die Option, Sitze in einem Großraumabteil zu buchen. Das sei auch okay gewesen, sagt sie. Sie habe gut geschlafen.

Die vorbestellte Frühstückstüte umfasst ein Sandwich (auf Wunsch auch vegan und glutenfrei), einen Apfelsaft, einen Apfel und einen Kaffee oder Tee. Wer möchte, kann das Mahl mit an den Platz nehmen. Warme Speisen zum Mittagessen gibt es auch, die dürfen allerdings nur im Speisewagen verzehrt werden. Eine Reservierung wird empfohlen.

Die Familie ist zufrieden

Die überwiegende Zahl der Gäste ist als Selbstversorger in den Zug eingestiegen. So wie Qiu Shi und seine Familie, die ein eigenes Liegeabteil zu fünft gebucht haben. Die Abteile dürfen derzeit wegen der Corona-Bestimmungen nur von einer Gruppe belegt werden. Wer alleine reist und eine Liege haben möchte, muss den Preis für das ganze Abteil bezahlen: umgerechnet mindestens 300 Euro.

Qiu Shi, sein Bruder, seine Schwester und seine zwei Neffen sind nach einem Berlin-Besuch auf dem Weg zurück nach Hause nach Stockholm. Für sie ist die Buchung etwa so teuer wie ein Flug, dafür ist es recht eng im Abteil. Auf dem Tisch: Obst, Fast Food Snacks und Chips. „Die Fahrt ist lang“, sagt Qiu. Hin seien sie geflogen: „Das ist zwar viel kürzer, aber die Kinder dürfen nicht rumrennen.“ Mit dem Nachtzug zurück ist die Familie sehr zufrieden. Der Jüngste, vier Jahre alt, konnte An- und Abkoppeln der Lok aus nächster Nähe beobachten.

Als der Zug in Stockholm einfährt und die lange Reise endet, kommt das sogar ein bisschen überraschend. Vom Bett aus die Landschaft beobachten: Das hätte ich noch länger machen können.

Mit dem Nachtzug durch Europa zu reisen hat viel Charme, ist erschwinglich und macht ein gutes Gewissen. Ankommen ist aber auch schön. Stockholm stellt ein zivilisatorisches Highlight in Aussicht: eine Dusche. Die braucht es jetzt dringend.

Info-Kasten: Mit dem Snälltåget nach Stockholm

Der Nachtzug Berlin-Stockholm fährt bis zum 4. September 2021 täglich, danach sind bis Ende Oktober mehrere Fahrten pro Woche geplant. Die Preise variieren je nach Ticket (Privatabteil, Komfort-Liegesitz, Sitz). Das Abteil kostet umgerechnet ab 2999 Kronen (ca. 300 Euro) pro Strecke. Normale Sitze kosten mindestens 499 Kronen (ca. 50 Euro) und Liegesessel 799 Kronen (ca. 80 Euro).

Nach eigenen Angaben nutzt Snälltåget grüne Energie aus Wasser, Wind und Sonne für den Betrieb der Lok. Buchungen sind ausschließlich über die Website https://snalltaget.se/en möglich.

Von Marie von der Tann, dpa


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Oktober 2021 / No 89

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