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DAUN, 13.11.2018 - 12:24 Uhr
Touristik

Zu Besuch bei Jesus - Kulturhauptstadt Matera

(dpa/tmn) - Wäre Jesus am Leben, würde er dann eine Wohnung in Matera vermieten? Die kleine Bergstadt hat in Italien die höchste Zahl an Airbnb-Wohnungen, gemessen an der Zahl der Einwohner. Und sie sieht mit ihren antiken Gemäuern und der urzeitlichen Landschaft so altertümlich aus, dass dort gerne Bibelfilme gedreht werden, etwa Mel Gibsons „Die Passion Christi“. Jetzt soll der Rest der Welt Matera entdecken, das neben Aleppo in Syrien zu den ältesten Städten überhaupt zählt: 2019 ist es neben dem bulgarischen Plowdiw Europäische Kulturhauptstadt.

„Dimenticato da dio“ (von Gott vergessen) sagen die Italiener über zwei Regionen in ihrem Land: Molise und Basilicata. Molise liegt östlich von Rom, Basilicata in den Bergen zwischen Neapel und Bari, Matera ist Hauptstadt. Von Gott vergessen, denkt man während der Anreise vom Hauptbahnhof in Bari. Der Zug ist laut und langsam und hält öfter an, als er müsste. Kommt man je an? Durchaus.

Zunächst in einem unscheinbaren Bergdorf. Alte Männer tragen Einkäufe nach Hause, aber kommen nicht weit. Es taucht immer jemand für einen Plausch auf. In Matera wohnen 60 000 Menschen, auf dem Weg vom Bahnhof zur Innenstadt hätte man eher auf 6000 getippt. Und dann steht man plötzlich in den Sassi, den zwei ältesten Stadtteilen, dem Herz der Stadt und jeder Geschichte über Matera.

Eigentlich verwundert es, dass Matera in Italien heute so wenig Menschen kennen: In den 1950er Jahren ging es als „la vergogna d'Italia“, die Schande Italiens, in die Geschichte ein, denn in den Sassi lebten damals noch rund 15 000 Menschen in unzumutbaren hygienischen Bedingungen.

„Sasso“ heißt Stein auf Italienisch. Die Wohnungen in den Vierteln Sasso Caveoso und Sasso Barisano waren keine, wie man sie heute kennt, sondern Höhlensiedlungen, bewohnt seit der Spätantike. Menschen lebten dort zu Dutzenden, noch nach dem Zweiten Weltkrieg, zusammen mit Tieren. Licht war rar, die Luft schlecht, Krankheiten verbreiteten sich schnell.

Der italienische Schriftsteller und Arzt Carlo Levi machte das Land in seinem Roman „Christus kam nur bis Eboli“ (1945) darauf aufmerksam: „Ich habe noch nie ein solches Bild des Elends erblickt.“ Die Sassi wurden evakuiert, die Menschen umgesiedelt, das Viertel verfiel. In den 1980er Jahren fingen die Bewohner an, es zu restaurieren, 1993 ernannte die Unesco die Siedlungen zum Weltkulturerbe. Aus der „vergogna“, Schande, wurde „orgogna“: Stolz.

Zu Recht. In den verwinkelten und treppenreichen Gassen, die durch die hügeligen Viertel führen, werden sogar Fotomuffel die Aussicht festhalten wollen. Auf die weißen Felsen und die darin liegenden Höhlen, in denen nun wieder Menschen leben und arbeiten. Und auf die Murgia. Der rund 8000 Hektar große archäologische Park liegt gegenüber der Stadt, die am Rand einer Schlucht steht, durch die sich der Fluss Gravina schlängelt.

Schaut man hinüber auf die andere Seite, zur Murgia, sieht man Menschen auf den Felsen wandern. Wie sie da am höchsten Punkt entlanglaufen, wirkt es, als gingen sie auf dem Ende der Welt spazieren. Oder in den schottischen Highlands. Oder in einer Herr-der-Ringe-Kulisse. Auch in der Murgia finden sich Höhlen, von frühesten Kirchen bis zu Fledermausgrotten.

In den Sassi wiederum rechnet man damit, hinter jeder Ecke auf Jesus zu stoßen. Hier wurden neben Gibsons „Die Passion Christi“ zum Beispiel auch „Das Erste Evangelium - Matthäus“ von Pier Paolo Pasolini oder „König David“ mit Richard Gere gedreht. Statt Jesus trifft man aber auf Cafés, Eisdielen, Restaurants. Der Titel Europäische Kulturhauptstadt bringt der Stadt Aufschwung, viele junge Italiener kommen zurück - oder waren nie weg.

Francesco Ambrosecchia, 34, und Raffaele Giannella, 25, zum Beispiel. Die Cousins betreiben die Weinbar „Nocelleria“ in den Sassi, und zwar in jenem Gemäuer, in dem noch Ambrosecchias Großvater wohnte, dessen Foto über dem Tresen hängt. Als sein Vater zwei Jahre alt war, wurde die Familie umgesiedelt. „Das Leben in den Höhlen war schlecht für die Knochen, dieses gebückte Laufen“, sagt Ambrosecchia.

Die Cousins erzählen von der Geschichte der Stadt, wissen selbst Details aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Aus Matera wegzuziehen, wie viele Gleichaltrige im Rest des Landes es tun, können sie sich nicht vorstellen. Dass die Stadt nun Kulturhauptstadt wird, sehen sie auch als Chance, dass sie bald bekannter wird.

Angelo Lamacchias Großmutter hat ebenfalls in den Sassi gewohnt. Der 33 Jahre alte Maler betreibt in der Nähe der alten Wohnung ein Atelier und sagt: „Vor fünf Jahren war es hier wie in Neapel.“ Er meint damit: lebendig. Aus vielen restaurierten Höhlen wurden AirbnB-Unterkünfte oder gleich Luxushotels. Er hat sich bewusst für die Kunst entschieden. „Auch wenn ich damit weniger verdiene.“ Er hofft, dass weiter junge Leute in die Stadt kommen und Matera wächst. „Aber nicht zu sehr.“

Tatsächlich ist das Bemerkenswerte an Matera nicht nur, wie schön es ist, sondern wie gut man diese Schönheit genießen kann. Touristennepp wie Selfie-Sticks oder Minions-Figuren gibt es zu kaufen, aber in überschaubarem Maß. Und auch wenn die Zahl der Besucher von jährlich 200 000 im Jahr 2010 auf 450 000 im Jahr 2017 gestiegen ist, schiebt man sich nicht in Massen durch die kleinen Straßen, in denen Kakteen stehen und Heiligenbilder hängen. Meistens hat man sie für sich, nur ab und an mustert einen eine skeptische Katze. Aber bleibt das so?

Paolo Verri, Chef der Stiftung, die das Programm für das Kulturhauptstadtjahr verantwortet, hat sich in Städten wie Amsterdam oder Barcelona umgehört, um zu vermeiden, was dort zum Problem wurde: Overtourism. Zu viele Besucher und die Verdrängung der Einheimischen. „Das wichtigste ist der Austausch“, sagt Verri.

Bewohner dürften nicht separiert werden, Besucher sehe man als „temporäre Einwohner“. Beide sollten voneinander lernen - die Einheimischen, was in der Welt los ist, die Touristen die Traditionen der Region. Die Stadt legt Wert darauf, dass die Unterkünfte nicht aussehen wie überall. Möbel stammen von einheimischen Designern, die Region war in der Sofa-Industrie einmal bedeutend.

Das Programm für das Kulturhauptstadtjahr ist vielseitig - und nimmt das Wort „europäisch“ ernst. Für die Projekte gilt, dass 30 Prozent der Teilnehmer aus Europa stammen müssen, 30 aus der Region Basilicata und 30 aus Matera. Im Juli etwa sollen sich die Sassi für einen Monat in eine Freilichtoper verwandeln, bei der jeder mitspielen kann. Eine Bedingung für eine Bewerbung zur Kulturhauptstadt ist auch, die Bewohner einzubeziehen.

Die scheinen sich auf 2019 zu freuen. Die Stadt brauche „un piccolo trampolino“, ein kleines Trampolin, sagt Linda Perrone, die Touristen durch die steilen Sassi führt, für die man festes Schuhwerk braucht, was manche Italienerinnen aber nicht davon abhält, es in Stöckelschuhen zu versuchen. Perrone zeigt viele Kirchen, die Stelle, an der Mel Gibson die Kreuzigung Jesu gedreht hat und schließlich eine Höhle, die eingerichtet ist wie früher.

In der Casa Grotta, die bis 1958 bewohnt war, stehen Möbel aus dunklem Holz, wie sie Großstädter gern auf Flohmärkten kaufen. Eine Spiegelkommode zieren Leinendecken, Wecker und Heiligenfiguren, neben dem Bett hängt eine Babykrippe. Auf den ersten Blick hübsch - bis man weiter hinabsteigt und sich vorstellt, dass auf der zweiten Ebene die Tiere lebten, kaum Luft oder Licht. Ein altes Foto zeigt neun Menschen in dem Raum und einen Hund.

Museen wie der Palazzo Lanfranchi geben ebenfalls Einblick in das Leben damals. Überhaupt ist die Stadt nicht arm an Museen. Archäologie spielt eine große Rolle, eines widmet sich Olivenöl. Natürlich dreht sich das Leben in Matera wie überall in Italien auch ums Essen. Man sieht sogar noch, woher es kommt. An einem Nachmittag trägt ein Mann Schweinehälften auf seinem Rücken über die Piazza. Dienstag ist wohl Schlachttag. Und am Ende begegnet man doch noch Jesus: Sein Bild hängt gerahmt beim Metzger. Über der Fleischtheke.

Info-Kasten: Matera

Anreise: Matera ist am schnellsten von der apulischen Stadt Bari aus zu erreichen. Flüge dorthin gibt es von mehreren deutschen Flughäfen. Von Bari sind es mit dem Auto rund 65 Kilometer. Wer keinen Leihwagen nehmen möchte, kann mit dem Zug ab dem Hauptbahnhof Bari fahren. Die Fahrt dauert knapp zwei Stunden, ein Ticket kostet fünf Euro, die Züge verkehren stündlich, jedoch nicht an Feiertagen.

Übernachtung: Sehr viele Unterkünfte finden sich auf der Plattform Airbnb, viele sind in ehemaligen und restaurierten Höhlensiedlungen in den Sassi untergebracht. Die Preise liegen zwischen 30 und 130 Euro pro Nacht, je nach Ausstattung. Daneben gibt es viele Hotels, darunter einige Drei- oder Vier-Sterne-Häuser mit Preisen ab rund 70 Euro pro Nacht.

Stadttouren: Touren durch die Sassi oder den Park Murgia gibt es von vielen Anbietern, nicht alle haben jedoch einen englischen Internetauftritt. Wer sich vor Ort informieren will, kann das bei einer der vielen Touristeninformationen in der Innenstadt tun, etwa an der Piazza Vittorio Veneto 39 („Info Matera Tourist Information“) oder in der Via Scotellaro 4 („Matera City Tour“).

Informationen: www.materaturismo.it/en


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