DAUN, 11.10.2018 - 15:50 Uhr
Wirtschaft

100 Jahre Bauhaus: Esther Wilson interpretiert Breuer Stuhlikone D4 neu

Der D4 ist Zeitzeugnis, Zauber und ein Möbel, mit dem die britische Gestalterin und Künstlerin Esther Wilson aufgewachsen ist. Ein Stuhl, der Erinnerungen an ihre Großeltern, die Architekten Alison und Peter Smithson weckt, die das Möbel besaßen und eng mit Tecta zusammengearbeitet haben.

Die als Stickerin ausgebildete Gestalterin Esther Wilson hat deshalb ein poetisches Denk-Werk geschaffen, das sich vor Breuers Stuhl und dem Bauhaus verneigt. Die Basis für ihre Arbeit lieferte das Bauhaus Manifest in seinem Original-Layout. Wilson markierte auf einer Kopie in Farbe einzelne Worte und Bleistift-Handnotizen, die ihr wichtig erschienen. Die entstandenen Farbblocks transferierte sie gemäß ihrer Position im Manifest als Stickerei auf die textilen Flächen des D4. So entstanden intensive, minimale Stickereien. Kunstwerke in einzigartiger Rhythmik aus Anordnung und Farbwiederholung. Größen und Proportionen der Farbblocks variieren nach Stuhl-Version –das Muster hat Wilson jeweils passgenau skaliert.

Interview mit Esther Wilson

Sie haben eine Ausbildung zur Stickerin an der Royal School of Needlework in London gemacht. Ein Handwerk, das am Bauhaus gelehrt wurde, aber heute eher ungewöhnlich ist. Wie kam es dazu, dass Sie diesen seltenen Beruf erlernen wollten?

Nähen und Sticken war immer ein großes Thema bei uns zu Hause. Das Handwerk hat Tradition in meiner Familie. Meine Großmutter, die Architektin Alison Smithson, die mit meinem Großvater Peter Smithson das Tecta Hexenhaus und Museum sowie zahlreiche Möbel entwickelte, hat sehr viel genäht. Sie hat ihr Wissen und Können an ihre Tochter, meine Mutter, weitergegeben und die wiederum an mich. Ich habe mich dann entschieden, meine Fähigkeiten auf das Sticken zu fokussieren. Ich bin sehr stolz, dass ich diese Kunst meiner Familie fortführe und nun auf das Projekt BauhausNowhaus anwenden konnte.

Aus der Perspektive einer jungen britischen Designerin: Was bedeutet BauhausNowhaus für Sie?

Obwohl ich eine dreijährige Ausbildung als Stickerin mit BA Abschluss gemacht habe, wird meine Arbeit oft als Handwerk oder Frauenarbeit abgestuft. Die heutige Unterteilung in Handwerk und Kunst hat eine Hierarchie kreiert, in der Techniken wie Sticken oder Weben eine untergeordnete Rolle spielen. Das Bauhaus hingegen glaubte fest an die Einheit von Kunst und Handwerk und verstand es, Konzept mit Ausführung und traditionellen Techniken zu verbinden. Genau das ist für mich heute in meiner Arbeit relevant.

Was war Ihre Idee, als Tecta mit der Aufgabe einer BauhausNowhaus Re-Edition an Sie herantrat?

Ich wollte den D4 von Marcel Breuer neu interpretieren und das Bauhaus Manifest nutzen, um neue Stickmuster zu kreieren. Ich habe schon lange die Idee, Texte auf abstrakte Weise zu editieren. Es ging mir nicht darum, Wörter eins zu eins in Stickerei zu übertragen. Mein Plan war es, lediglich bestimmte Passagen oder Worte mit unterschiedlichen Farben hervorzuheben und das so entstandene Muster zu nutzen. Christian Drescher schickte mir daraufhin ein Foto des Original-Manifestes. Es war wichtig für mich zu sehen, wie das Layout mit den unterschiedlichen Schriftgrößen und auch den Bleistiftkorrekturen aussieht. All das bildete die Inspiration meiner neuen Muster für den D4.

Sie haben also einzelne Wörter im Manifest markiert. Deren Position im Manifest lieferte dann die Basis für Ihr Designlayout, das wiederum „nur“ aus gestickten Farbblocks besteht...?

Genau. Es gibt keine Worte zu lesen. Stattdessen werden einzelne Worte von Farben repräsentiert. Die erste Stuhlversion zeigt dementsprechend etwa die Wörter „Bauhaus“, „Kunst“ und „Handwerk“ als drei unterschiedliche Farbblocks. Ich habe dann weiter an der Idee gearbeitet und auch Interpunktionen integriert.

Wie sieht Ihr Farbkonzept aus?

Es gibt zwei Stühle aus weißem und zwei aus schwarzem Stoff, die mit kräftigen Farben bestickt sind. Ich liebe es, mit Farben zu arbeiten. Das Bauhaus hat großartige Farbkonzepte entwickelt. Meine Kompositionen für die Breuer Re-Edition sollten davon inspiriert sein und gleichzeitig frisch und neu aussehen. Ich habe sehr viele unterschiedliche Paletten kreiert, bevor ich eine endgültige Auswahl getroffen habe. Jeder der vier Stühle präsentiert ein individuelles Stick- und Farbkonzept. 

Wie lange haben Sie gebraucht, um eine Breuer Re-Edition fertig zu stellen?

Das Sticken inklusive der Kreation des Musters hat etwa 30 Stunden pro Stuhl gedauert.

Warum interpretieren Sie gerade den Breuer Stuhl?

Ich bin mit diesem Stuhl aufgewachsen. Er stand im Haus meiner Großeltern. Der Inbegriff eines Bauhaus Möbels. Ich mag die übereinandergelagerten Textilgurte und die Art, wie sie über das Stahlrohr gezogen sind.

Wo knüpfen Sie in Ihrer Arbeit an das Bauhaus an?

Meine Designs verbinden Kunst und Handwerk. Funktion, Form, Langlebigkeit spielen in der Kreation schöner, praktischer Produkte eine große Rolle. Ich schätze sehr den Bauhaus-Ansatz, mit leuchtenden Farben zu arbeiten – das versuche ich zu integrieren.

Ist es für Sie ein vertrautes Gefühl, wenn Sie Tecta in Lauenförde besuchen? – Ihre Großeltern haben ja das Hexenhaus und das Museum dort erschaffen.

Ich bin dort zum ersten Mal gewesen als ich 12 Jahre alt war. Wir reisten mit dem Zug aus London an. Ich war so verzaubert von dem Hexenhaus mit den Baumhäusern und den Wegen. Es war magisch! Ich beneidete Axel darum, dass er dort leben konnte. Tecta zollt dem Handwerk und den Materialien größten Respekt – genau das versuche ich auch in meiner Arbeit auszudrücken. Die Synergie zwischen Tecta und meinen Großeltern hat wirklich etwas Himmlisches, gleichzeitig Zweckmäßiges und Effizientes kreiert.

Ihre Großeltern Alison und Peter Smithson haben zahlreiche Möbel für Tecta entwickelt. Welches davon ist Ihr Lieblingsmöbel?

Ich mochte schon immer den „Collectors Table“. Als Kind habe ich kleine Dinge gesammelt und Dioramas arrangiert. Mit dem „Collectors Table“ ergaben sich unendlich viele Möglichkeiten, die Dinge immer wieder neu zu arrangieren.

Erinnern Sie sich aus Ihrer Kindheit an Tecta, da Ihre Großeltern und Axel Bruchhäuser sich sehr nahestanden?

Ihre Freundschaft mit Axel war ganz besonders. Sie war in meiner gesamten Kindheit sehr präsent, allein schon durch Postkarten, lustige Zeichnungen und die Arbeitsideen, die kommuniziert wurden. Axel Bruchhäuser kann sich sehr für neue Ideen und Projekte begeistern. So auch für einen „chair essay“, den ich als Kind schrieb. – Ich arbeite übrigens gerade an einem Smithson Projekt – ich dokumentiere ihre Weihnachtskarten. Axel Bruchhäuser konnte mich auch dabei enorm unterstützen. Wir schreiben Emails, vergleichen Bilder und Fotos. Es ist wunderbar, dass ich somit an die Freundschaft meiner Großeltern zu Axel anknüpfen kann.

Vita Esther Wilson

Esther Wilson, Enkeltochter des legendären Architektenpaares Peter und Alison Smithson, arbeitet als Künstlerin und als Stickerin in London.

Vor ihrer Ausbildung zur Stickerin an der Royal School of Needlework, London, studierte Wilson am European Institute of Design in Madrid und absolvierte dort ihren Abschluss in „Fashion Communication“.

Das Thema Mode spielt in Wilsons aktuellen Arbeiten eine wichtige Rolle. Für internationale Kunden entwirft und fertigt sie Kleidung und appliziert Stickereien. 2016 etwa wurde sie von Modeschöpfer Hussein Chalayan beauftragt, an seiner Kollektion mitzuwirken und Stickereien mit Swarovski-Kristallen zu entwickeln. Im Rahmen der 2017er Kollektion „The Makers House“ des Modehauses Burberry, bestickte Wilson Kopfkissen mit Insektenmotiven in sogenannter „Blackwork“ Technik. Einer Stickerei aus dem arabisch-persischen Raum, mit der einst geometrische Muster erstellt wurden.

Fernab der Fashionwelt gibt es aber auch immer wieder neue und ungewöhnliche Kooperationen, in denen Wilson Anwendungsmöglichkeiten mit Stickerei aufzeigt: Zum Beispiel in Zusammenarbeit mit der Landschaftsarchitektin Gali Izard. Esther Wilson kombiniert dreidimensionale, traditionelle Sticktechniken mit dem Thema Modellbau, um organische und konstruierte Baumwurzelformationen zu präsentieren.

Ungewöhnliches schuf sie auch für die Printausgabe des Bike Magazine: hier entwickelte sie eine Stickerei im Seventies-Style für eine Headline.

Ihre modernen Stickereien und Konzepte bringt sie gleichzeitig als Dozentin in Workshops ein, etwa beim Launch von Threadworks in London. Esther Wilsons Arbeiten sind in zahlreichen Ausstellungen in ganz Großbritannien vertreten.

 


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